Hinduismus unterwegs
Reportage von Elena Zhivolup
Wie verbreitet man seine Religion auf der Strasse? Wie schwierig ist es, Besucher für einen Tempel in einem anderen Kanton zu gewinnen? Lohnt sich das überhaupt? Über seine Missions-Erfahrung erzählt uns Śikṣāṣṭakam Dās, ein Mönch des ISKCON-Tempels in Zürich.
Vielleicht ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie auf den Strassen Ihrer Stadt jemandem in orangefarbener Kleidung begegnet sind, der Bücher verteilte und Menschen in einen Tempel einlud. Wenn ja, sind Sie vielleicht – wie ich – neugierig geworden, haben angehalten und sich kurz mit dieser Person unterhalten. In meinem Fall war sie sehr positiv gestimmt und lächelte. Das hat mich sehr beeindruckt.
Denn ich selbst habe im Fundraising gearbeitet und weiss, wie körperlich und moralisch anstrengend es sein kann. Den ganzen Tag auf der Strasse zu stehen und zu versuchen, die Aufmerksamkeit der Menschen auf ein Thema zu lenken, das einem selbst sehr wichtig ist, verlangt einiges. Nach einem kurzen Gespräch nahm ich eines der Bücher, die diese Person anbot, sowie einen Flyer, der mich in den Tempel in Zürich einlud. Dann ging ich meiner Wege.
Ein paar Monate später, als ich auf der Suche für ein Thema für diese Reportage war, in der es um dynamische und vernetze Formen von Religion im Alltag gehen sollte, habe ich mich an diese Begegnung erinnert.
Ich fragte im Zürcher Tempel, ob ich einen ihrer Mönche begleiten könnte, wenn er wieder mal in meiner Stadt, Luzern, unterwegs ist. Die Antwort war positiv. Und so verbrachte ich einen Nachmittag mit Śikṣāṣṭakam Dās, während er in den Einkaufsstrassen Luzerns hinduistische Schriften verteilte.
«Lesen Sie gern?»
Während man in Luzern im November bereits die Kälte zu spüren begann, sprach Śikṣā, der Mönch – so stellte er sich vor –, unermüdlich Menschen auf der Strasse an. Um ein Gespräch anzuregen oder zumindest Interesse zu wecken, fragte er Passantinnen und Passanten, ob sie in Luzern oder anderswo wohnten, ob sie gerne lasen, oder begann das Gespräch mit einer freundlichen Bemerkung.
Während ich ihn beobachtete, fiel mir auf, dass die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfielen. Einige blieben stehen, um sich zu unterhalten, und nahmen sich ein Exemplar der Bhagavat Gita Wie Sie Ist mit, einer kommentierten Übersetzung der Bhagavad Gita. Dieser Text gilt in den vedantischen und vaishnavischen Traditionen der hinduistischen Religionen als besonders heilig. Der Autor der Übersetzung, A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, ist zugleich der Gründer der Internationalen Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (ISKCON), die allgemein als Hare-Krishna-Bewegung bekannt ist.
Andere Passanten ignorierten den orange gekleideten Mönch oder machten sogar feindselige Bemerkungen. Śikṣā reagierte darauf ruhig und freundlich, wünschte ihnen einen schönen Tag und setzte seine Aufgabe fort.
An Schwierigkeiten mangelt es nicht
Mit dem mangelnden Interesse – oder der Zeitknappheit – vieler Menschen umzugehen, ist für den Mönch eine grosse Herausforderung. Er beschreibt dies als eine mentale Barriere, die es zu durchbrechen gilt, etwa mit einem unerwarteten Witz. Denn oft zeigt sich erst, wenn jemand kurz stehen bleibt, dass tatsächlich Zeit vorhanden ist oder dass das Angebot vielleicht doch interessiert. Dennoch kann es sehr anstrengend sein, Menschen überhaupt dazu zu bringen, stehen zu bleiben.
Ausserdem macht eine Tätigkeit im Freien anfällig für die Wetterbedingungen. Wenn mir schon im November sehr kalt war, als ich mit ihm auf der Strasse stand, fragte ich mich, wie er dann in den kälteren Monaten zurechtkommt. Auf diese Frage antwortete er mit einem Witz: «Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung».
Tatsächlich war seine Mönchskutte teilweise von einer dicken Jacke verdeckt, er trug eine Mütze, Handschuhe und dicke Hosen – ich selbst war schlecht vorbereitet. Dennoch sagte er, dass die Kälte auf Dauer belastend sein könne. Dem begegne er, indem er sich nicht auf seinen Körper konzentriere, sondern auf seine Seele, die mit Krishna verbunden sei.
«Eine Art hingebungsvolle Dienste»
Während des Interviews erklärte Śikṣā seine Motivation, diese Arbeit fortzusetzen. Einerseits sei sie für ihn eine hervorragende Möglichkeit, seine Verbindung zu Gott zu stärken, indem er in seinem Namen diene und sich in Demut und Ausdauer übe. Andererseits gebe es die missionarische Komponente: Menschen zu einem bewussteren und glücklicheren Leben zu verhelfen. Es gehe dabei nicht darum, jemanden zu bekehren, sagte er, sondern darum, Menschen mit diesen Lehren in Kontakt zu bringen. Seiner Erfahrung nach finde dabei jede und jeder etwas Positives für sich.
Im Kanton Luzern gibt es derzeit keinen ISKCON-Tempel. Interessierte müssen nach Langenthal oder Zürich fahren. Umso wichtiger sei es für die ISKCON, Menschen hier entweder über Werbung oder persönlich auf der Strasse zu erreichen.
Śikṣāṣṭakam berichtete von einigen Begegnungen, die für ihn besonders bedeutsam gewesen seien und sowohl ihn als auch die andere Person verändert hätten. Diese Erfahrungen trügen wesentlich zu seiner Motivation bei. Es sei schön zu beobachten, sagte er, wie Menschen auf unterschiedliche Weisen etwas aus den Lehren mitnehmen: Einige werden Vegetarier, andere beginnen mit Yoga, wieder andere besuchen regelmässig das Zentrum.
Letztlich lohnt sich dieses Engagement für ihn. An diesem Nachmittag hatte ich den Eindruck, dass er glücklich ist mit dem, was er tut. Durch die kleinen Begegnungen auf den Strassen von Luzern entsteht nach und nach eine religiöse Gemeinschaft, über die in der Stadt nur wenig bekannt ist, obwohl es mehrere Anhängerinnen und Anhänger im Kanton gibt.
Zugleich handelt es sich um eine mobile Gemeinschaft: An einem Tag sieht man sie in einem Park, wo sie gemeinsam tanzen und das Hare-Krishna-Mantra singen – am nächsten Tag ist von ihnen keine Spur mehr zu sehen.
Zur Autorin
Elena Zhivolup studiert seit 2024 Psychologie und Religionswissenschaft im Bachelor an der Universität Luzern. Sie interessiert sich sehr für die verschiedenen asiatische Religionen. In ihrer Freizeit betätigt sie sich gerne künstlerisch.
Zur Entstehung der Reportage
Diese Reportage entstand im Rahmen des Lehrforschungsprojekts «Dynamisch, verbunden und vernetzt: Neue Bilder gelebter Religion in der Gegenwart», das im Herbstsemester 2025 am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern durchgeführt wurde. Das Seminar war als Reportageformat konzipiert und richtete sich an Studierende der Religionswissenschaft sowie weiterer Fächer. Ziel des Seminars war es, gängige, oft stereotype Darstellungen von «Religion» zu hinterfragen und alternative, lebensnahe Bilder religiöser Praxis zu entwickeln. Die Studierenden setzten sich dabei sowohl theoretisch als auch praktisch mit ihren eigenen Seh- und Erzählgewohnheiten auseinander und erprobten neue Formen der Science-to-public-Kommunikation. Im Zentrum standen religiöse Lebenswelten, die durch Verbindung, Vernetzung und Mobilität geprägt sind – etwa durch Migration, globale religiöse Bewegungen oder situative religiöse Praxis im öffentlichen Raum.
Die Reportagen entstanden in einem mehrstufigen Arbeitsprozess aus Lektüre, Feldforschung, praktischer Medienarbeit und begleitender Reflexion. Die Studierenden wurden dabei fachlich, redaktionell und technisch unterstützt. Die fertigen Beiträge wurden redaktionell geprüft und für ein nicht-akademisches Publikum aufbereitet. Das Seminar wurde als Zusammenarbeit mit religion.ch durchgeführt. Die entstandenen Reportagen werden sowohl auf der universitären Plattform «Religionsvielfalt im Kanton Luzern» als auch auf religion.ch veröffentlicht.



