Vorträge der Philosophischen Gemeinschaft Zentralschweiz (PGZ)

Programm Frühjahr 2026

Körper und Macht

Körper sind von Machtpolitik durchwebt. Gesetze, Verbote und Normen diktieren, wie wir uns bewegen, wie wir aussehen und wen wir begehren sollen. Die Foucault'sche Biopolitik bezeichnet einen ab dem 19. Jahrhundert aufkommenden Machttypus, der die Bevölkerung auf ihr reproduktives Potenzial reduziert. In der Philosophie wird der Körper meist als Objekt und nicht als Subjekt verstanden. 

Seit den 1980er-Jahren dekonstruieren poststrukturalistische, posthumane und (queer-)feministische Ansätze eine universalistische Konzeption von Wissen und widmen sich dem Körper als Quelle und Archiv. In diesen Ansätzen wird der Körper als fluid, wandelbar und immer in Bewegung verstanden. Das Denken kann nicht von seinem Behälter abstrahiert werden - Wissen ist immer an einen Körper mit einer spezifischen Perspektive, einer Erfahrung voller Begehren, Affekten und Einschränkungen gebunden. Doch Körper können sich auch auflehnen, insbesondere wenn sie zusammenkommen oder wenn feste Zuschreibungen fluid und unscharf werden. 

Die Vortragsreihe wirft Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte von körperlicher Wahrnehmung. Ein Vortrag dreht sich um Asexualität - Welche Bedeutungsverschiebungen ergeben sich durch diese Perspektive für scheinbar festgesetzte Konzepte wie Sexualität und Geschlecht? Darauf widmen wir uns der écriture féminine von Hélène Cixous - einer fragmentierten und nicht-linearen Art des Schreibens, die vom Körper ausgeht und so zu einer Existenzweise wird. Im Mai analysieren wir gemeinsam den 2024 erschienenen Body-Horror Film The Substance von Coralie Fargeat. Darin verkehrt sich das Begehren einem körperlichen Ideal zu entsprechen in sein monströses Gegenteil. 

Asexual, Queer and Posthuman

Mittwoch, der 15. April 2026, 18:15 20:00, Raum 3.B57, Universität Luzern

Aysegül Sah Bozdogan Iles

Aysegül Sah Bozdogan Iles' research focuses on the concept of asexuality, by reflecting on the intersections of (a)sexuality, identity politics and the construction of the human through the lenses of asexuality, queer theory, and posthumanism. Over past decades, there has been an increased focus in academic discourse on sexuality, queer theory and posthumanism. However, sex-positive arguments have overlooked the existence of Asexuals and the fact that bodies and desires are also socially constructed. Therefore, the existence of asexual individuals who seek «freedom of not doing» provides an important starting point for rethinking the presumed meanings of concepts such as sexuality, gender and the human as a sexually not-desiring subject. Queer theory critiques norms around gender and sexuality, whilst posthuman theory problematises the human's centrality and redefines boundaries between the human and non-human. Thus, the presentation will investigate possible connections between asexuality, queerness, and posthumanism, focusing on their common role in deconstructing the concepts of sexuality, identity and the idealised concept of the human being in different contexts.

«Man kann immer noch mehr verlieren» — Zur Beziehung zwischen Leben und Schreiben bei Hélène Cixous

Mittwoch, der 29. April 2026, 18:15 – 20:00, Raum 3.B57, Universität Luzern

Annika Haas, Universität Hildesheim

Das Denken und Schreiben durch den Körper kennzeichnet das Werk der Schriftstellerin und Philosophin Hélène Cixous. Dieser Vortrag beginnt mit der Verortung dieser écriture du corps in den Diskursen rund um Körper und Macht in den 1970er Jahren und liest die Affirmation einer lustvollen Einschreibung des weiblichen Körpers in patriarchale Machtdiskurse in historisch-kritischer Perspektive. Im zweiten Teil des Vortrags richtet sich die Aufmerksamkeit auf jüngere Texte (z. B. Hyperrêve, 2006; Incendire, 2023), die aus Verlusterfahrungen heraus geschrieben sind. Diese Texte sind mehr als Trauerschriften. Sie verhandeln die Spannungen zwischen der Absolutheit des unwiederbringlichen Verlusts und des Weiter- und Überlebens im Zuge dieser existenziellen Erfahrung. Cixous’ Schreiben durch den Körper wird hier als lifewriting im doppelten Sinne erkennbar: Dieses Schreiben geht nicht nur vom Leben aus, sondern ist gleichermaßen Existenzweise. Was lässt sich von Cixous’ lifewriting des Verlusts in einer Zeit lernen, in der sich auch der Globale Norden Fragen des unwiederbringlichen Verlusts wieder stärker zuwendet und Trauerarbeit zu einer Praxis wird, die in immer kürzeren Intervallen wiederkehrt?

The Substance von Coralie Fargeat

Mittwoch, der 6. Mai 2026, 18:15 – 21:30, Raum 3.B57, Universität Luzern

The Substance (2024) ist ein Film der körperlichen Erfahrung sondergleichen. Gespickt mit altbekannten tropes aus dem Horrorgenre, überdehnt Regisseurin Coralie Fargeat Grenzen der für Fiktion notwendigen suspension of disbelief. So entstehen Szenen, welche den eigentlichen Horror satirisch überzeichnen und damit die surreale Realität wie auch das emotionale Innenleben des subjektivierten Körpers portraitieren. Wir werden an den Klassiker Carrie erinnert, obschon sich The Substance zunächst von der entgegengesetzten Seite an das Thema des (weiblich-subjektivierten) Körpers annähert: nämlich die des alternden und zerfallenden Körpers einer Frau im gegenwärtigen Hollywood. Damit könnte die im Film vom klandestinen Pharmakonzern hinter dem The Substance-Wirkstoff gestellte Frage, «Have you ever dreamt of a better Version of yourself?» eine neoliberale Umformulierung des alten Jungbrunnen-Motivs darstellen. Fargeat scheint es ebenfalls wichtig zu verdeutlichen, wie der cartesianische Dualismus eine grundsätzlich eher männliche – oder zumindest männlich-geprägte – Gefühlswelt einfängt; denn unter den Bedingungen patriarchaler Herrschaftsverhältnisse haben Männer ganz einfach einen Körper, während Frauen vor allem einer sind.