Programm PGZ
Körper und Macht
Körper sind von Machtpolitik durchwebt. Gesetze, Verbote und Normen diktieren, wie wir uns bewegen, wie wir aussehen und wen wir begehren sollen. Die Foucault'sche Biopolitik bezeichnet einen ab dem 19. Jahrhundert aufkommenden Machttypus, der die Bevölkerung auf ihr reproduktives Potenzial reduziert. In der Philosophie wird der Körper meist als Objekt und nicht als Subjekt verstanden.
Seit den 1980er-Jahren dekonstruieren poststrukturalistische, posthumane und (queer-)feministische Ansätze eine universalistische Konzeption von Wissen und widmen sich dem Körper als Quelle und Archiv. In diesen Ansätzen wird der Körper als fluid, wandelbar und immer in Bewegung verstanden. Das Denken kann nicht von seinem Behälter abstrahiert werden - Wissen ist immer an einen Körper mit einer spezifischen Perspektive, einer Erfahrung voller Begehren, Affekten und Einschränkungen gebunden. Doch Körper können sich auch auflehnen, insbesondere wenn sie zusammenkommen oder wenn feste Zuschreibungen fluid und unscharf werden.
Die Vortragsreihe wirft Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte von körperlicher Wahrnehmung. Ein Vortrag dreht sich um Asexualität - Welche Bedeutungsverschiebungen ergeben sich durch diese Perspektive für scheinbar festgesetzte Konzepte wie Sexualität und Geschlecht? Darauf widmen wir uns der écriture féminine von Hélène Cixous - einer fragmentierten und nicht-linearen Art des Schreibens, die vom Körper ausgeht und so zu einer Existenzweise wird. Im Mai analysieren wir gemeinsam den 2024 erschienenen Body-Horror Film The Substance von Coralie Fargeat. Darin verkehrt sich das Begehren einem körperlichen Ideal zu entsprechen in sein monströses Gegenteil.
Asexual, Queer and Posthuman
Mittwoch, der 15. April 2026, 18:15 – 20:00, Raum 3.B57, Universität Luzern
Aysegül Sah Bozdogan Iles
Aysegül Sah Bozdogan Iles' research focuses on the concept of asexuality, by reflecting on the intersections of (a)sexuality, identity politics and the construction of the human through the lenses of asexuality, queer theory, and posthumanism. Over past decades, there has been an increased focus in academic discourse on sexuality, queer theory and posthumanism. However, sex-positive arguments have overlooked the existence of Asexuals and the fact that bodies and desires are also socially constructed. Therefore, the existence of asexual individuals who seek «freedom of not doing» provides an important starting point for rethinking the presumed meanings of concepts such as sexuality, gender and the human as a sexually not-desiring subject. Queer theory critiques norms around gender and sexuality, whilst posthuman theory problematises the human's centrality and redefines boundaries between the human and non-human. Thus, the presentation will investigate possible connections between asexuality, queerness, and posthumanism, focusing on their common role in deconstructing the concepts of sexuality, identity and the idealised concept of the human being in different contexts.
«Man kann immer noch mehr verlieren» — Zur Beziehung zwischen Leben und Schreiben bei Hélène Cixous
Mittwoch, der 29. April 2026, 18:15 – 20:00, Raum 3.B57, Universität Luzern
Annika Haas, Universität Hildesheim
Das Denken und Schreiben durch den Körper kennzeichnet das Werk der Schriftstellerin und Philosophin Hélène Cixous. Dieser Vortrag beginnt mit der Verortung dieser écriture du corps in den Diskursen rund um Körper und Macht in den 1970er Jahren und liest die Affirmation einer lustvollen Einschreibung des weiblichen Körpers in patriarchale Machtdiskurse in historisch-kritischer Perspektive. Im zweiten Teil des Vortrags richtet sich die Aufmerksamkeit auf jüngere Texte (z. B. Hyperrêve, 2006; Incendire, 2023), die aus Verlusterfahrungen heraus geschrieben sind. Diese Texte sind mehr als Trauerschriften. Sie verhandeln die Spannungen zwischen der Absolutheit des unwiederbringlichen Verlusts und des Weiter- und Überlebens im Zuge dieser existenziellen Erfahrung. Cixous’ Schreiben durch den Körper wird hier als lifewriting im doppelten Sinne erkennbar: Dieses Schreiben geht nicht nur vom Leben aus, sondern ist gleichermaßen Existenzweise. Was lässt sich von Cixous’ lifewriting des Verlusts in einer Zeit lernen, in der sich auch der Globale Norden Fragen des unwiederbringlichen Verlusts wieder stärker zuwendet und Trauerarbeit zu einer Praxis wird, die in immer kürzeren Intervallen wiederkehrt?
The Substance von Coralie Fargeat
Mittwoch, der 6. Mai 2026, 18:15 – 21:30, Raum 3.B57, Universität Luzern
The Substance (2024) ist ein Film der körperlichen Erfahrung sondergleichen. Gespickt mit altbekannten tropes aus dem Horrorgenre, überdehnt Regisseurin Coralie Fargeat Grenzen der für Fiktion notwendigen suspension of disbelief. So entstehen Szenen, welche den eigentlichen Horror satirisch überzeichnen und damit die surreale Realität wie auch das emotionale Innenleben des subjektivierten Körpers portraitieren. Wir werden an den Klassiker Carrie erinnert, obschon sich The Substance zunächst von der entgegengesetzten Seite an das Thema des (weiblich-subjektivierten) Körpers annähert: nämlich die des alternden und zerfallenden Körpers einer Frau im gegenwärtigen Hollywood. Damit könnte die im Film vom klandestinen Pharmakonzern hinter dem The Substance-Wirkstoff gestellte Frage, «Have you ever dreamt of a better Version of yourself?» eine neoliberale Umformulierung des alten Jungbrunnen-Motivs darstellen. Fargeat scheint es ebenfalls wichtig zu verdeutlichen, wie der cartesianische Dualismus eine grundsätzlich eher männliche – oder zumindest männlich-geprägte – Gefühlswelt einfängt; denn unter den Bedingungen patriarchaler Herrschaftsverhältnisse haben Männer ganz einfach einen Körper, während Frauen vor allem einer sind.
Das Anthropozän und wir: Ansätze zu Protestkultur, Klimagerechtigkeit und zur Erzählbarkeit der Krise (Oktober 2024)
Wir wissen es alle: Der Mensch ist die Hauptursache der fortwährenden Zerstörung der verletzlichen Balance unseres Ökosystems und der Katastrophe unseres Klimas. Dies beschreibt das Konzept des Anthropozäns. Doch wie hilfreich ist diese Perspektive darin, neue Erzählungen zu schaffen, die uns aus einer kollektiven Trägheit befreien? Welche moralischen Fragen entstehen durch die ungerechte Verteilung zwischen denen, die im sogenannten globalen Norden durch ihre ausbeuterischen Tätigkeiten für den Klimawandel die Hauptverantwortung tragen und jenen Leidtragenden, die ausserhalb der Zentren des Kapitalismus leben? Für jede*n Einzelne*n folgt die alte Frage der Ethik und der politischen Philosophie von «Was tun?» Können wir es uns leisten, jetzt träge, fatalistisch oder pazifistisch zu sein, wo es darum geht, lebensnotwendige Ressourcen sowie lebenserhaltende Reproduktionszyklen auch für zukünftige Generationen aufrechtzuerhalten? Wie können alternative Visionen und Narrative einer menschengemachten Zukunft entwickelt werden und uns zum Tun anregen?
Referent:innen: Helene Romakin, Simon Kräuchi.
Eigentum aus postkolonialer, rechtshistorischer und östlich-philosophischer Perspektive (Januar 2024)
Werden Eigentumsansprüche erst dann hinfällig, wenn regenerative Lebensgrundlagen und Ressourcen sowie lebenserhaltende Reproduktionszyklen vollständig unterbunden sind? Wohin führt uns die Dekadenz des kapitalistischen Eigentumsanspruchs eines Marktliberalismus? Individuelle Eigentumsrechte konzipieren Verfügungsgewalt; betonen die Herrschaft über Sachen, Dinge, Menschenleben und deren Körper; bestimmen die Regulierung des Familienlebens, die Ehe, das Erbe, die Sexualität und die Reproduktionsphänomene; exkludieren längerfristige, in die Zukunft reichende Verantwortlichkeiten und irreparable Schäden am Ökosystem. Liesse sich Eigentum nicht auch als keinen Aneignungsmythos oder Ausbeutungsmythos erzählen? Eigentum als philosophisches Konzept erlaubt uns, denkend diverse Perspektiven einzunehmen.
Referentinnen: Mrunmayee Sathye, Rebecca Sauer, Hannah Vögele.
Feministische Philosophie (2022)
Feministische Philosophie untersucht Geschlecht in seinen zahlreichen Wirkungsformen. Sie fragt danach, was Geschlecht ist und wie geschlechterspezifische Verhältnisse unsere Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen beeinflussen. Philosophie ist auch dann feministisch, wenn sie bestehende philosophische Positionen aus einer eministischen Perspektive untersucht. Wie prägt unser Denken über Geschlecht unsere Vorstellungen von Wissen, Wahrheit, Logik oder moralischem Handeln? So fragt sie zum Beispiel danach, inwiefern geschlechterstereotypische Ideen den philosophischen Kanon geprägt haben. Indem sie diese Fragen formuliert, stellt sie nicht zuletzt das Selbstverständnis der Philosophie, eine universale und objektive Wissenschaft zu sein, auf den Prüfstand. Und Feministische Philosophie verfolgt feministische Ziele, indem sie philosophische Theorien und Werkzeuge benutzt, um gesellschaftliche Macht- und Unterdrückungsverhältnisse zu analysieren und zu beeinflussen. Die aktuelle Reihe der Philosophischen Gesellschaft bietet Einblicke in die feministische Philosophie und lädt zum Nach- und Weiterdenken ein.
Referentinnen: Katrin Wille, Deborah Mühlebach, Stephanie Deig, Fiona Wachberger.
Wahrheit und Politik (2020)
Der Wahrheit auf den Grund gehen: Wenn die Philosophie sich im Rahmen von Wahrheitstheorien auf ein solches Unterfangen begibt, gelangt sie meist ins Abstrakte. Wir gehen in unserer diesjährigen Vortragsreihe einen anderen Weg und beschäftigen uns mit Wahrheit in verschiedenen Kontexten.
Referentinnen und Referenten: Romy Jaster, Katia Saporiti, Thomas Strässle.
Künstliche Intelligenz (2018)
Künstliche Intelligenz. Zwei Begriffe, die nicht ohne Reibung zusammengehen: «Intelligenz» und «künstlich». Intelligenz beansprucht der Mensch zuerst einmal für sich selbst und glaubt, dass dieses Vermögen ihm einen ausgezeichneten Platz unter den Lebewesen verschafft. Im 21. Jahrhundert soll sie künstlich reproduzierbar sein. Was ist denn aber Intelligenz überhaupt, wenn sie nicht in den Bereich des Lebendigen gehört? Oder schliessen sich «künstlich» und «lebendig» gar nicht aus? Und was bedeutet es für unser Verständnis von Bewusstsein und Moral, wenn wir mit Maschinen konfrontiert sind, die sich intelligent verhalten?
Referentinnen und Referenten: Francesco Basile, Catrin Misselhorn, Peter Rudin, Emmanuel Baierlé, Heinrich Weingartner.
Demokratie (2017/18)
Demokratie ist gut. Demokratie ist eine Tyrannei. Demokratie ist in Gefahr. Demokratie ist eine Überforderung. Keine Zukunft ohne Demokratie. Demokratie ist tot. In der aktuellen Vortragsreihe wird an fünf Abenden die Frage nach der Demokratie gestellt und unsere demokratische Praxis in Frage gestellt. Die aktuelle Reihe entstand in Zusammenarbeit mit dem politikwissenschaftlichen und dem philosophischen Seminar der Universität Luzern.
Referentinnen und Referenten: Prof. Francis Cheneval, Adrienne Fichter, Andreas Cassee, Prof. Dr. Christine Abbt, Dr. Nenad Stojanovic, Alice El Wakil.
Film und Philosophie (2017)
Film und Philosophie ist eine Reihe der Philosophischen Gesellschaft Zentralschweiz (PGZ) in Zusammenarbeit mit dem Stattkino Luzern. Mit grosszügiger finanzieller Unterstützung durch den FUKA Fonds und die Josef Müller Stiftung.
Referentinnen und Referenten: Josel Früchtel, Johannes Binotto, Richard Heinrich, Pierfrancesco Basile, Maria-Sibylla Lotter.