Meerhund und Passionsblume: Wie eine Ausstellung entstand
Ein Meerhund, der Fische jagt wie ein Hund an Land, und eine Blume, deren Name mit der Kolonialisierung Südamerikas verknüpft ist: Solche Wunder stehen im Zentrum der Ausstellung «Oh Wunder: Meerhunde, Dämonen und eine fliegende Kapelle».
Quellen von Werthenstein bis Peru
Im Seminar verliessen die Studierenden das Unigebäude und gingen in das historische Gebäude der ZHB am Vögeligärtli. Dort lagern Quellen, die geografisch von Werthenstein bis nach Peru reichen. Diese wurdenvon den Studierenden mit historischen Methoden erschlossen und für eine Ausstellung aufbereitet.
In den Quellen findet sich beispielsweise die erste naturhistorische Enzyklopädie in deutscher Sprache des fränkischen Autors Konrad von Megenberg (1309–1374), in welcher ein Meerhund beschrieben wird. Dieses «Meerwunder» soll Fische im Meer jagen wie Hunde an Land andere Tiere jagen. Daneben zeigt ein Flugblatt aus dem 17. Jahrhundert aus Peru den Ursprung des Namens der Passionsblume und dessen Zusammenhang mit der Kolonialisierung Südamerikas.
Handschuhe, Licht und alte Handschriften
Da die Studierenden mit Originalquellen bis zurück ins 14. Jahrhundert arbeiteten, mussten sie zunächst den sorgfältigen Umgang mit solchen Quellen lernen. Anders als bei gedruckten Seminartexten handelt es sich um Unikate, die nach der Ausstellung wieder im gleichen Zustand aufbewahrt werden müssen. Dazu gehörte die Arbeit in einem gekühlten Raum, ebenso wie das Tragen von Handschuhen, sorgfältiges Blättern nur an den Rändern, damit die Tinte nicht verfleckt, und ein kontrollierter Umgang mit Licht, da UV-Strahlen die Quellen beschädigen können.
Von der Quelle zur Ausstellung
In kleinen Gruppen oder einzeln wählten die Studierenden eine Quelle mit Wundererzählungen aus und erarbeiteten daraus ihre Beiträge für die Ausstellung. Von der rohen Quelle bis zu den fertigen Texttafeln, die später die Wunder erklären und die Besuchenden durch die Ausstellung führen, erarbeiteten die Studierenden ihre Beiträge weitgehend selbstständig, begleitet von den Dozentinnen.
Eine besondere Herausforderung habe darin bestanden, einen roten Faden für die Ausstellung zu entwickeln, wie der Student David Stalder erklärt. Die Texttafeln sollten so gestaltet sein, dass die Besuchenden «nicht merken, dass sie lesen», sondern sanft durch die Ausstellung geführt werden. Auch bei der Planung spielte der sorgsame Umgang mit den empfindlichen Originalquellen eine Rolle, da diese aufgrund der Lichtverhältnisse nur an bestimmten Stellen der Räumlichkeit ausgestellt werden konnten.
Vom Hörsaal in die Vitrine
Für die Studentin Sabrina von Wyl war es ein Highlight, die Geschichte – in ihrem Falle die Wundererzählungen zum heiligen Gallus in St. Gallen – als Originalquelle in den Händen zu halten und das erarbeitete Wissen in eine öffentliche Ausstellung umzusetzen. Gerade weil universitäre Arbeiten meist in Prüfungen, Essays oder Präsentationen münden, sei es besonders bereichernd gewesen, am Ende ein sichtbares Ergebnis für die Öffentlichkeit zu schaffen.
Der Student David Stalder fasste es prägnant zusammen: «Es war ein Seminar, in dem man etwas machen konnte.» Statt Geschichte nur im Seminar zu diskutieren, sei so ein Werk für die Öffentlichkeit entstanden: «History not for History’s sake», sondern zur Vermittlung und zur unterhaltenden Bildung.
Die Ausstellung ist bis zum 12. April 2026 in der Vitrine der Sondersammlung im Untergeschoss der ZHB zu sehen.
Weitere Informationen zur Ausstellung.
Dieser Beitrag wurde von Michael Bieri, Masterstudent in Ethnologie und Religionswissenschaft, verfasst.
