Lage

Am Weg zum Tibet-Institut liegt der Betrieb von Jacques Kuhn, durch den die Errichtung des Zentrums möglich wurde.
Waldweg zum Tibet-Institut, das in modernem Stil erbaut ist.
Die Zeichnung auf dem Pflaster vor dem Eingang des Instituts zeigt das buddhistische Rad der Lehre. Die acht Speichen stellen den achtfachen Pfad edlen Verhaltens dar.
 

Rikon im Tösstal. Ein kleiner Weiler, 1400 Einwohner. Nichts zu sehen von einem Sakralgebäude... Unweit des Bahnhofs fällt einzig die Fabrikanlage «Kuhn Rikon» auf − ansonsten gibt es hier doch nichts zu sehen!

Doch nicht alles ist auf Anhieb erkennbar − wer auf der Suche nach einem tibetischen Kloster auf diese Metallwarenfabrik stösst, ist dem Ziel in doppelter Hinsicht näher gekommen: Erstens ist die Geschichte des Klosters mit der Firmengeschichte von «Kuhn Rikon» verwoben, zweitens führt der Weg zu ihm hier vorbei... 

Nach etwa 20 Minuten Fussmarsch auf einer schmalen Waldstrasse in Richtung Wildberg zeigt sich überraschend, und umrankt von Tannen, ein vierstöckiges Gebäude mit moderner Architektur. Ein buddhistisches «Rad der Lehre», flankiert von zwei goldenen Gazellen, ziert den Eingang. Auf dem Vorplatz empfangen uns schwungvolle, auf Steinplatten skizzierte, an Mandalas erinnernde Zeichnungen. Alles Hinweise, dass wir es hier nicht mit einem Kurhotel zu tun haben. Nein, wir stehen vor einem tibetischen Kloster. 

«Bei aller konsequenten Sachlichkeit im Stil lässt sich doch ein Hauch tibetischer Architektur kaum verkennen: tief liegen die Fenster in der Fassade, und in kräftigem Braunrot schliesst das Attikageschoss [...] mit dem umlaufenden Söller und seinem Flachdach den Kubus des Gebäudes ab, und schliesslich verleiht der vergoldete Dach-Stupa oder Gèndschira dem rein weissen Bau einen fremdartigen Akzent», schreibt Peter Lindegger in seiner Studie «20 Jahre Klösterliches Tibet-Institut Rikon/Zürich» (1988, S. 15.)

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Vor dem Haus wehen Fahnen in den für den Buddhismus typischen Farben.
Über der Eingangstür: das Rad der Lehre, flankiert von zwei Gazellen, ein zentrales buddhistisches Symbol.
An der Hauswand drehen Gebetsmühlen.
 

Mehr als 100'000 Tibeter und Tibeterinnen waren nach dem Aufstand von 1959 nach Nepal und Indien geflohen. Die Schweiz nahm als erstes westliches Land in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz 1'000 Tibeter auf. Im Oktober 1964 stellten die Gebrüder Jacques und Henri Kuhn tibetischen Flüchtlingen bereitwillig Unterkunft sowie Arbeitsplätze in ihrer Metallfabrik zur Verfügung. Die für die Tibeter ungewohnte kulturelle Umgebung in der Schweiz führte mit der Zeit zu einem Generationenkonflikt: Die jungen Tibeter waren fasziniert von der westlichen Kultur und von modernen Konsumgütern, während ihre Eltern und Grosseltern sich eher den traditionellen Werten verpflichtet fühlten. Henri und Mathilde Kuhn-Ziegler entschlossen sich nach Indien zu reisen, um dem Dalai Lama die Situation zu schildern. Dieser bestärkte sie in der Idee, eine Gruppe von Mönchen in die Schweiz zu holen, um den Tibetern die gewohnten klösterlichen Strukturen mit ihren geistigen Betreuern zu geben.

Anfänglich wurden der Abt Gesche Ugyen Tseten, sowie vier Mönche in einem Bauernhaus einquartiert. Jacques Kuhn berichtet: «Es ist unglaublich, was das für eine positive Wendung gegeben hat. Als wir dies sahen, haben wir den Entschluss gefasst, nicht nur A zu sagen, sondern auch B...» Darauf gründeten die Gebrüder Kuhn 1967 die «Stiftung Tibet-Institut Rikon» und dotierten diese mit den ersten 100'000 Franken als Stiftungskapital sowie dem zum Bau nötigen Land. 

Obwohl sich dieses ausserhalb der Bauzone befand, konnte nach einiger Verzögerung und dank Sonderbewilligungen im Juli 1967 mit dem Bau begonnen werden. Kuhn erzählt: «Die Gemeinde war dem Ganzen gegenüber positiv eingestellt und die Tibeter wurden praktisch mit Blumen von der Bevölkerung aufgenommen.» So konnte in einer Waldlichtung des Tösstales im September 1968, der erste tibetische Klosterbau in Europa eingeweiht werden. 

Gesicht zum Gebäude

Jacques Kuhn

Jacques Kuhn ist heute Ehrenpräsident des Stiftungsrates. Mit seinem 1969 verstorbenen Bruder, Henri Kuhn-Ziegler, war er nicht nur massgeblich an der Stiftungsgründung beteiligt, sondern auch an der Realisation des Klosterbaus: Als nach dessen Fertigstellung noch 210'000 Franken fehlten, entschlossen sich die Brüder, diesen Fehlbetrag zu decken. Jacques Kuhn engagiert sich bis zum heutigen Tag für die Stiftung: «Ich habe von A bis Z eine Beziehung zum Tibet-Institut.» Neben dem Klosterbau war er auch beim Anbau einer Bibliothek, einer Landerweiterung und der Errichtung eines Stupas beteiligt. 

Nachbarschaft und Konflikte

Umgeben von Natur liegt das Tibet-Institut an einem Berghang. Auch im Westen bevorzugen buddhistische Klöster die Abgeschiedenheit.

Die Beziehung zu Nachbarn und Gemeinde beschreibt Kuhn als gut und positiv: «Ich habe in all den 40 Jahren noch nie eine Reklamation erhalten, dass das Gebäude störe oder so.» Nach Kuhn war das Informieren der Umgebung sehr hilfreich: «Man muss sagen, für was und zu welchem Zweck wir da sind.» Schon 1963, einige Monate noch bevor die ersten Tibeter nach Rikon kamen, wurden deshalb Veranstaltungen organisiert, in welchen über die tibetische Kultur und deren politische Situation informiert wurde. Deshalb, so meint Kuhn, kam von der Bevölkerung auch gar nie ein Widerstand gegen den Klosterbau auf. 

Religiöse Tradition

Tibet im Tösstal: Die für den tibetischen Buddhismus typischen Gebetsfahnen mit Texten in tibetischer Schrift flattern im Wald.
Ein Stūpa, der unterschiedlich gross sein kann, beinhaltete ursprünglich Reliquien des Buddha. Heute wird ein Stūpa als Denkmal verwendet, das verschiedene Aspekte der buddhistischen Lehre repräsentiert.
Ein Altarraum im Gebäude. Im Hintergrund brennen Butterlampen vor dem Bildnissen von Bodhisattvas, vorn sind Opferschalen zu sehen.
 

Buddhistische Lehr- und Praxisinhalte nahmen in Tibet auf der Grundlage des indisch-tantrischen Mahayana-Buddhismus ein ganz eigenes Gepräge an. Durch Aufnahme und Umdeutung zuvor vorhandener, sowie volksreligiöser Bräuche der Bön-Religion, entstand zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert das so genannte «Diamantene Fahrzeug», der Vajrayana-Buddhismus. Dem Lama, dem «höher stehenden Lehrer», kommt bei der Weitergabe der Lehre eine wichtige Rolle zu; zu ihm nehmen Praktizierende «Zuflucht» und er weiht in höhere Lehren ein. Das tibetische Pantheon weist eine grosse Anzahl von Gottheiten auf. Diese symbolisieren die Yidams, verschiedene Aspekte des Buddha, mit denen sich der Adept identifizieren soll. Im Zentrum des Bestrebens steht im Vajrayana die Selbstverpflichtung, als Bodhisattva mit Hilfe «geschickter Mittel» zum Wohle der «leidenden Wesen» zu wirken. Zu diesen gehören das Ideal des «liebenden Mitgefühls», sowie die Erkenntnis aller Phänomene als «Leerheit» (Shunyata). 

Der tibetische Buddhismus kann grob in vier Haupttraditionen kategorisiert werden. Sie sind in Europa vertreten, in der Schweiz am stärksten die Karma-Kagyü- und die Gelugpa-Tradition. Das Klösterliche Institut Rikon betont, wie es für die Gelugpa typisch ist, das Studium der buddhistischen Lehrtexte und die Orientierung an der Ordensdisziplin. Es versteht sich jedoch als «schulübergreifend», da Lehrer und Lamas der verschiedenen tibetischen Traditionen im Haus lehren und zeitweise leben. Die Gelugpa ist die jüngste, aber heute grösste Schule des tibetischen Buddhismus. Ab dem 17. Jahrhundert wurde sie zur religiös und politisch bedeutendsten tibetischen Gruppe in Tibet. Ihr Oberhaupt führt den Titel «Dalai Lama» − auf Deutsch «Ozean des Wissens». Nach tibetischem Verständnis bilden die aufeinander folgenden Dalai Lamas eine Kette von Wiedergeburten und gelten als Verkörperung von Avalokiteshvara, der Gottheit des «grenzenlosen Mitleids».

Im Herbst 1950 drangen Einheiten der chinesischen Armee in Tibet ein, worauf in den folgenden Jahren das klösterliche Leben fast vollständig zerstört und das religiöse Leben der Tibeter weitgehend behindert wurde. 1959 kam es zu einem Aufstand der Tibeter, worauf der jetzige, 14. Dalai Lama, und mit ihm 100'000 Tibeter, über den Himalaja flohen. Dort, im nordindischen Dharamsala, befinden sich heute die tibetische Exilregierung und der Sitz des Dalai Lamas. In der Schweiz leben heute rund 2'500 Tibeterinnen und Tibeter, etwa 80 % von diesen sind mittlerweile eingebürgert. 

 

Besonderheiten

Über 12'000 Titel umfasst die Bibliothek des Tibet-Institutes. Sie ist damit die zweitgrößte tibetische Fachbibliothek der Welt. Eine weitere Besonderheit ist das Engagement des Institutes im Projekt «Science meets Dharma», welches auf die Initiative des Dalai Lama zurückgeht. Sein Anliegen war es, die tibetische Kultur in lebendigen Kontakt mit der westlichen Wissenschaft zu bringen. Dazu soll Mönchen und Nonnen von tibetischen Exilklöstern der Zugang zu naturwissenschaftlichem Unterricht gegeben werden. Auch soll der Dialog zwischen buddhistischer Philosophie und Wissenschaft durch öffentliche Veranstaltungen gefördert werden.