Lage

Die Einschiffige Basilika mit flankierenden Wohnhäusern aus dem Jahre 1912 fügt sich lückenlos in die Häuserzeile ein.

Wer sich in Zürich von der Tramhaltestelle «Kalkbreite» aus ins südlich angrenzende Quartier begibt, stösst rasch auf das Tramdepot an der Elisabethenstrasse. Wer ihr stadteinwärts folgt, sieht vom südlichen Strassenrand aus am Ende einer Reihe von Dachgauben bald einen kleinen grüngrauen Glockenturm. Das von ihm gekrönte Gebäude passt sich lückenlos und stilbewahrend in die Häuserzeile ein, erweist sich aber beim Näherkommen als christliche Kirche. Unterhalb des Tympanons, der dreieckigen Giebelfläche, und der hohen Bogenfenster deckt ein kleines zweites Tympanon den Eingang. in seinem Zentrum sehen wir eine reliefartige Christusfigur auf goldenem Hintergrund. Darunter steht in goldenen kyrillischen Lettern: «Chram svete troitze», zu Deutsch: «Kirche der heiligen Dreifaltigkeit». 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Die Front der serbischen Dreifaltigkeitskirche. Unterhalb der hohen Bogenfenster deckt ein kleines Tympanon den Eingang. Darunter steht in goldenen kyrillischen Lettern: «Chram svete troitze» (Kirche der heiligen Dreifaltigkeit). Über den Rundbogenfenstern steht auf Deutsch: «Einer ist euer Meister, Christus»
Sechs Jahre nach der «kleinen Weihe» der Kirche feierte die Gemeinde am 29. Mai 2007 den Aufzug der Glocke.

Die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde Heilige Dreifaltigkeit wurde 1969 gegründet. Sie genoss anfänglich Gastrecht in christkatholischen Kirchgebäuden, so etwa in der Christuskirche in Oerlikon. Mit der Zeit kam jedoch der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus auf.

Geschäftsführerin Gabriele Schiess erklärt: «Nichts kann die Atmosphäre eines orthodoxen Kirchenraumes ersetzen, der alle Sinne der Gläubigen ansprechen soll.»

1994 beschloss die christkatholische Kirchgemeinde, die 1912 erbaute Elisabethenkirche der serbisch-orthodoxen Gemeinde gegen Miete zu überlassen. Zwei Jahre später begann man mit den für eine orthodoxe Kirche nötigen Umgestaltungsarbeiten: Man entfernte nicht benötigte liturgische Einrichtungen, wie die Bestuhlung und die Orgel. 

Weil die Kirche zusammen mit den anliegenden Wohnhäusern auf der Liste schützenswerter Gebäude stand, verhängte das städtische Hochbauamt im März 1997 einen Baustopp. Zwei Jahre später stellten die Behörden das Gebäudeensemble definitiv unter Denkmalschutz. Nach zähen Verhandlungen zwischen der Denkmalpflege und der Kirchgemeinde wurde im Mai 2000 erneut eine Baugenehmigung erteilt. Allerdings mussten die Orgel, der Kanzelaufgang und das Taufbecken im Keller der Kirche eingelagert werden.

Den Innenraum versah man mit byzantinischen Wandmalereien. Einige der Ikonen wurden im offenen Eingangsbereich angebracht und sind von der Strasse aus sichtbar. Im September 2001 fand die «kleine Weihe» der Ikonostase statt (siehe Bild unten). Sechs Jahre später goss die Gemeinde schliesslich die noch fehlende Glocke und zog diese am 29. Mai 2007 im Turm auf. Der endgültige Ausbau des Untergeschosses begann erst im Januar 2008, da hier bis 2007 die Orgel lagerte. Erst wenn auch dieser Teil für die neuen Nutzer bereit ist, soll die Kirche definitiv geweiht werden. 

Gesicht zum Gebäude

Der damalige Kirchenratspräsident der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde Heilige Dreifaltigkeit in Zürich, M. S., erzählte 2008: «Ich wurde persönlich von Pfarrer Todorovic angefragt, ob ich beim Kirchenrat mitmachen möchte. Für mich war das eine grosse Ehre.» M. S. ist in Belgrad geboren und lebt seit seinem ersten Lebensjahr, in der Schweiz. Neben seinem kirchlichen Engagement arbeitete er damals als Ingenieur in Zürich.
(Anm. der Projektleitung: M. S. hatte dem Projektmitarbeiter am 16. 1. 2008 in einem Interview Auskunft zum Gebäude, zur Baugeschichte und zu seiner Person gegeben und der Publikation von Bild, Namen und Zitat zugestimmt. Seit Ende November 2014 möchte er aus nicht erklärten Gründen in diesem Zusammenhang nicht mehr persönlich oder mit Bild auf dieser Internetseite erscheinen. Wir haben deshalb sein Bild entfernt und nennen ihn nicht mit vollem Namen.)

Nachbarschaft und Konflikte

Von der Seebahnstrase in Zürich Wiedikon aus gesehen, überragt die Dreifaltigkeitskirche das Tramdepot.

Der frühere Kirchenratspräsident M. S. erzählt, dass der Einzug der serbisch-orthodoxen Gemeinde in die damalige Elisabethenkirche ein langer Prozess war und dass klar kommuniziert wurde, was passiere und wer künftig die Kirche benutzen werde. Deshalb seien auch nie ernsthafte Probleme mit den Nachbarn aufgetaucht: «Wir haben wirklich erstaunlich wenig Probleme.» Nur nachdem die Gemeinde eine neue Glocke anbrachte, seien einige Nachbarn beunruhigt gewesen, weil sie häufiges Kirchengeläut befürchteten. Als sich jedoch herausstellte, dass es regelmässig und eher selten läutet, habe sich diese Besorgnis gelegt. 

Religiöse Tradition

Die Ikonostase. Während der Messe tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch das mittlere Tor zum Altar, welcher das Himmelreich Gottes symbolisiert.
Das Wandbild zeigt die Gläubigen, getragen in Gottes Hand.
Hier ist die sog. Königstür der Ikonostase geöffnet und man sieht in den Altarraum.
 

 

Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.

Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur in einem aufwändigen Prozess ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den anderen Kirchen betreffen die Rolle der Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes). 

«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig», die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität. 

Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.

Die Beziehung der serbischen Kirchgemeinden untereinander ist derzeit nicht unproblematisch. In Zürich bestehen aufgrund von Uneinigkeiten über den Bischof für Mitteleuropa, Konstantin Dokic, derzeit zwei Pfarreien. Die zweite Pfarrei (Pfarramt Maria Himmelfahrt) befindet sich am Glattstegweg 91, 8051 Zürich.