Lage

Vom Dorfkern her kommend erblickt man die unscheinbare Kirche mit ihrem aufgesetzten Turm.

Hauptbahnhof Genf. Wir besteigen die Regionalbahn und steigen nach kurzer Fahrt an der Haltestelle «Vernier-Meyrin» aus. Zu Fuss geht es weiter Richtung Meyrin entlang dem Chemin du Grand Puits, zuerst vorbei an einigen Fabrikhallen, später durch ein Wohnquartier, bis wir schliesslich links in die Rue Virginio-Malnati abbiegen. Von einer Koptisch-orthodoxen Kirche ist hier noch nichts zu sehen, doch nach weiteren 150 Meter bemerken wir auf der linken Seite zuerst ein mit Schindeln bedecktes Türmchen auf einem Dach. Schliesslich stehen wir vor einem Gebäudekomplex, der aus zwei Elementen besteht. Sogleich wird dem Betrachter deutlich, dass an die Kirche ein zweistöckiges Wohnhaus angebaut ist, im gleichen Stil wie die umliegenden Häuser. Ganz anders die Kirche: Prunkvoll präsentiert sich die Fassade mit der grossen Einganstüre aus Holz und dem Säulenvordach. Wir treten etwas näher an den Eingang und stehen schliesslich vor einem Schild, das den Besucher in arabischen Lettern zum Eintreten einlädt. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Das grosse Wandmosaik an der Aussenfassade oberhalb des Haupteingangs. Zu sehen ist die heilige Familie auf ihrer Flucht.
Das grosse Mosaikfenster oberhalb des Kirchenbalkons zeigt die Patronin der Kirche von Meyrin in vollem Glanz.
Die arabische Schrift auf der marmornen Hinweistafel verweist auf die geografische Herkunft der koptsichen Christen: Ägypten, Sudan und Äthiopien.
 

«Bevor wir diese Kirche hier bauen durften, feierte die koptische Gemeinschaft von Genf und Umgebung ihren Gottesdienst in verschiedenen Kirchen und manchmal sogar in einfachen Lagerhallen», erzählt Initiant Raouf Morcos. Das mühsame Umherziehen liess den Wunsch nach einer eigenen Kirche wachsen. Den entscheidenden Tipp erhielt Morcos von seinen Freunden in der Glaubensgemeinschaft: «Ich hörte von meinen Kollegen, dass in Meyrin ein Grundstück mit einer alten Kirche aus dem 18. Jahrhundert zu kaufen sei. Sie durfte jedoch nicht abgerissen werden, und so machte ich den Vorschlag, die Kirche zu renovieren.» Allerdings zeigte sich im Verlauf der Detailplanung, dass die Bausubstanz stärker verändert werden musste als zunächst gedacht − mit entsprechenden Kostenfolgen. 

Auf Initiative von Morcos und dem Architekten Michel Louis begann man Geld zu sammeln. Ein Faltprospekt mit dem Titel «Das Bauprojekt der ersten koptischen Kirche der Schweiz» wurde in verschiedenen Sprachen gedruckt und über die Gemeinschaft in der Schweiz und vielen Ländern verteilt. Morcos erinnert sich: «Wir erhielten alles Geld von privaten Personen und sammelten während sieben Jahren zwei Millionen Franken. Die restlichen 1,5 Millionen Franken erhielten wir über einen Bankkredit.» Im November 2000 konnte schliesslich mit der Renovierung der Kirche und dem Anbau des Nebengebäudes begonnen werden. Da vieles in Eigenregie erledigt wurde und manche Materialien aus Ägypten beschafft werden sollten, zog sich der Umbau über einige Jahre hin, bis schliesslich kurz vor der Einweihung das koptische Kreuz auf den Dachreiter gesetzt werden konnte. Am 12. Juli 2004 weihte Papst Schenuda III., die höchste geistliche Autorität der koptischen Kirche, das Gebäude der Jungfrau Maria. Zum Resultat des Umbaus meint Morcos abschliessend: «Ich bin sehr glücklich und stolz!» 

Die Integration und Renovation der alten katholischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert verleiht dem Gebäudekomplex eine besondere Atmosphäre. Mit viel Liebe zum Detail wurde die Kirche renoviert und koptisch-orthodoxe Symbolik und Bauelemente in den bestehenden Bau integriert. «Dass die Renovation und Adaption des alten Gotteshauses derart gut gelungen sei, erfüllt die Kopten von Meyrin mit besonderem Stolz», betont Raouf Morcos während des Rundgangs durch die Anlage und zeigt auf eine Stelle in der Kirchenwand, in der die alte Grundmauer zu sehen ist. 

Gesichter zum Gebäude

Die beiden Initianten Raouf Morcos (links) und Michel Louis (rechts), zusammen mit Père Mikhail vor dem Haupteingang.

Raouf Morcos stammt aus Ägypten. Der ausgebildeter Ingenieur lebt seit 1977 in der Schweiz, wurde 1995 eingebürgert und leitet heute eine ägyptische Handelsfirma in Genf. Morcos kann zusammen mit dem Architekten Michel Louis als Vater der Idee eines eigenen religiösen Zentrums der koptisch-orthodoxen Kirche der Westschweiz bezeichnet werden. Er begleitete das Projekt von der ersten Idee bis zur Einweihung der Bauten, engagiert sich bis heute für die verschiedensten Belange innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft und steht den heutigen Hauptverantwortlichen, Pater Mikhail Megally und Michel Louis, als Berater zur Seite. 

Nachbarschaft und Konflikte

Trotz der Nähe zur angrenzenen Wohnzone gibt es keine Konflikte mit der Nachbarschaft.

Das Verhältnis zu den Nachbarn sei gut, betont Morcos und versichert, dass auch Pater Mikhail Megally, der Priester, der mit seiner Familie im angebauten Nebengebäude wohnt, mit den Dorfbewohnern einen offenen und guten Umgang pflege. Doch etwas sei bis heute nicht gelöst, schiebt Morcos nach: «Das einzige Problem, das wir haben, ist ein Parkplatzproblem. Da die Parkplätze vor der Kirche nicht ausreichen, müssen unsere Leute am Sonntag, wenn über hundert Gläubige in die Messe kommen, am Strassenrand oder auf den Parkplätzen unserer Nachbarn parkieren. Dies hat schon zu Unstimmigkeiten geführt.» Man sein nun aber daran, mit der Gemeinde und den Nachbarn eine Lösung zu finden. 

Religiöse Tradition

Das orthodoxe Kreuz, das in der Kirche überall präsent ist.
Die Heiligenbilder in der Kirche sind direkt aus Ägypten importiert; diese Stickerei ertrahlt in hellem Gold und Silber.
Detail der Ikonostase, die den Altarbereich, der den Geistlichen vorbehalten ist, vom Bereich der Gemeinde trennt.
Blick in den Innenraum − eine harmonische Verbindung von einheimischer Architektur des 18. Jahrhunderts mit der neuen Nutzung.

Die Koptische Kirche kann als die christliche Nationalkirche Ägyptens bezeichnet werden. Das Wort koptisch stammt vom arabischen «qibt», welches sich wiederum vom griechischen Aigyptios, «Ägypter», ableitet.

Die Ursprünge des Christentums in Ägypten liegen bis heute im Dunkeln. Folgt man der Legende, so kann der heilige Markus, den die koptische Tradition als ersten Bischof von Alexandrien bezeichnet, als Gründervater der koptischen Kirche angesehen werden. Durch die Gründung der Katechetenschule schuf Markus in Ägypten ein geistliches Zentrum der christlichen Kirche. In diesem frühen ägyptischen Christentum wurzelnd und in dieser Tradition bis heute stark durch das Mönchtum geprägt, entwickelte sich die koptische Kirche seit dem 1. Jahrhundert als unabhängige und eigenständige Glaubensrichtung. Obwohl die koptische Kirche unter anderem auch in der Eigenbezeichnung häufig als koptisch-orthodox bezeichnet wird, ist sie keine orthodoxe Kirche im engeren Sinne. Bereits im Jahr 451 kam es nach dem Konzil von Chalcedon zu einem tiefgreifenden Bruch mit der byzantinischen Kirche, der weniger durch theologische Differenzen als vielmehr durch die koptische Ablehnung hellenistischer kultureller Einfüsse zu erklären ist. Auf theologischer Ebene wurde der koptischen Kirche von Seiten der byzantinischen Reichskirche vorgeworfen, sie vertrete den Monophysitismus, die Lehre, wonach in der Person Jesu Christi einzig eine göttliche Natur sei, nicht zugleich eine menschliche. Dieser Vorwurf wurde erst im Jahre 1984 durch eine gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Mar Ignatius Zakka II. endgültig aus der Welt geschafft. 

Die islamisch-arabische Herrschaft ab dem 7. Jahrhundert brachte die koptische Kirche in eine neue, oft nicht einfache Lage. Das Verhältnis zwischen Islam und Christentum schwankte in Ägypten bis ins 19. Jahrhundert stets zwischen Toleranz und Verfolgung. Durch die Marienerscheinungen an der Kirche in Zeitoun (Ägypten), die Rückführung der Reliquien des Heiligen Markus nach Kairo sowie die Weihung der St.-Markus-Kathedrale im Jahre 1968 erlebte die koptische Kirche eine neue Welle der Begeisterung und der Revitalisierung.

Die koptischen Liturgien und ihr Zeremoniell haben bis heute einige äusserst archaische Merkmale bewahrt. Am häufigsten wird die Basiliusliturgie verwendet. Die Gottesdienste werden in einer Mischung aus Arabisch und Koptisch gehalten und durch die jeweilige Landessprache ergänzt. Die koptische Kirche kennt wie die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche sieben Sakramente. Die Eucharistie wird unter der Teilnahme von Frauen, Männern und Kindern gefeiert; durch Riten, viele Wiederholungen und Akklamationen, Gesänge sowie laute und stille Gebete werden die Gläubigen aktiv einbezogen. 

Das Oberhaupt der koptischen Kirche, gemäss offiziellem Titel «Papst von Alexandria und Patriarch des Stuhles des heiligen Markus» genannt, hat seinen offiziellen Sitz seit 1971 in Kairo. Nach dem Ableben von Papst Schenuda III. im März 2012, hat dieses Amt seit dem 18. November 2012 neu Papst Tawadros II. inne, der damit als der 118. direkte Nachfolger des heiligen Markus gilt. Die weltweite Glaubensgemeinschaft der Kopten ist in über 40 Eparchien (Bistümer) unterteilt und zählt 10 bis 12 Millionen Mitglieder. In der Schweiz fanden ab 1962 regelmässig Bibelstunden der koptischen Gemeinschaft statt, bevor am 6. Mai 1984 Pater Serapion als erster offizieller koptischer Pfarrer in der Schweiz seine Arbeit aufnahm. In den Folgejahren fand unter seiner Leitung der Aufbau und Ausbau der kirchlichen Dienste in der Schweiz statt. Heute befinden sich die Zentren der koptischen Kirche der Schweiz in Genf (Kirche der Jungfrau Maria), Zürich (Kirchgemeinde des Heiligen Markus in Räumen der Paulus-Akademie Zürich) und Dietlikon/ZH (Kirche der Heiligen Markus und Mauritius). Der schweizerischen Glaubensgemeinschaft der Kopten gehören rund 800 Personen an.