Lage

Die Kirche mit ihrer markanten Silhouette.

Wer vom Bahnhof Basel SBB mit der Tramlinie 10 Richtung Arlesheim-Dornach fährt und bei der Haltestelle Zollweiden in Münchenstein aussteigt, braucht nicht lange zu suchen: Gleich hinter der Tramlinie und dem Verkehrskreisel der Baselstrasse zeigt sich ein Gebäude, das leicht als Kirche zu erkennen ist: ein Turm, durch dessen Rundbogenöffnungen Glocken zu sehen sind und der ein Kreuz trägt; ein Hauptbau mit Kuppel, fast so hoch wie der Turm und ebenfalls von einem Kreuz gekrönt; ein Arkadenvorbau am Eingang − das alles in Weiss und verschiedenen Graustufen gehalten. Der schmiedeeiserne Zaun mit wiederkehrendem Christusmonogramm grenzt das Grundstück dem Trottoir entlang vom Verkehr des Kreisels und der Quartierstrasse ab. Beim Umrunden des Gebäudes zeigt sich nicht nur, dass die Kirche am Rand eines Wohnquartiers liegt und ein kleiner Wohntrakt für den Pfarrer angebaut ist. Zu erkennen ist auch, dass der Grundriss ein Kreuz bildet − zusammen mit der Kuppel ein starker Hinweis auf die orthodoxe Tradition. Der Anschlag am Hauptportal mit den Gottesdienstzeiten in griechischer Sprache schafft Klarheit: Dies ist Hagia Sophia, die griechisch-orthodoxe Kirche der Göttlichen Weisheit. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Der Kirchturm lässt als echter Campanile die Glocken sehen.
Durch das kleine Tor mit dem Christusmonogramm geht es einige Treppenstufen hinunter zum Haupteingang der Kirche unter dem Arkadenvorbau.
Mosaik des Luzerner Künstlers Fred de Roy (1911-1995) im Gemeindesaal im Untergeschoss der Kirche.
 

Anfänglich bildete die nördliche Westschweiz eine einzige Pfarrgemeinde. An den Wochenenden kam ein Priester vom orthodoxen Zentrum des Ökumenischen Patriarchats in Chambésy nach Olten und Basel, um dort die Liturgie für die griechisch-orthodoxen Personen der Region zu feiern. Über drei Jahrzehnte lang war die Gemeinde in der Basler St.-Alban-Kirche zu Gast, gleich wie die serbisch-orthodoxe Gemeinschaft. Die ersten Ideen für den Bau einer eigenen Kirche kamen Ende der 80er Jahre auf. Zwei Frauen trugen entscheidend dazu bei, dass die Idee umgesetzt wurde: die Psychiaterin Dr. Soumela Terzani und die in Athen lebende Asimina Kominou. Diese und ihre begüterte Familie trugen den Grossteil der Finanzen bei. Dr. Terzani − sie war bis Ende September 2008 Vizepräsidentin der Kirchgemeinde − engagierte sich ebenfalls finanziell und organisatorisch.

Alles andere als einfach war die Suche nach einem Grundstück. Von Seiten der Stadt Basel war keine Unterstützung zu erhalten. Deshalb hielt die Gemeinde auch in der Umgebung von Basel Ausschau. Nach mehrjähriger Suche fand sich die Gemeinde Münchenstein 1999 bereit, das Grundstück an der Gladiolenstrasse zu verkaufen. 

Als nächstes hatte die Kirchgemeinde den Widerstand in der Nachbarschaft zu überwinden. Während die Gemeindebehörden rasch eine konstruktive Haltung einnahmen, dauerte es in der Bevölkerung des Quartiers mit seinen Ein- und Mehrfamilienhäusern länger. Offenbar lösten das Wort «orthodox» und die ausländische Herkunft Ängste aus, es könnten sich fanatische Ausländer einnisten, die sich abkapseln oder womöglich gewalttätig wären. Zwei Jahre Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und zahlreiche Besuche des Metropoliten (Bischof) aus Chambésy waren nötig, um die Bedenken zu zerstreuen. Gegen das Bauprojekt wurden letztlich nur Einsprachen von sechs Personen zugelassen, die sich zuletzt mit einer Abfindungssumme zufriedenstellen liessen. Am 19. Januar 2002 konnte der Ökumenische Patriarch Bartholomäus I. den Grundstein legen, zehn Monate später war der Bau fertig, wurde aber erst im folgenden Herbst eingeweiht. 

Baulich gesehen passt sich die Kirche der Göttlichen Weisheit in zwei Richtungen an: Mit ihrem kreuzförmigen Grundriss und der Kuppel, die den Kosmos, das Himmelsgewölbe symbolisiert, entspricht sie einerseits der orthodoxen Tradition − der Stiftungsrat hatte gegenüber der Gemeinde Münchenstein von Anfang an klar gemacht, dass nur ein Bau in dieser Art in Frage komme. So bietet sie den Gemeindegliedern ein Stück Heimat. Anderseits unterscheidet sich das Gebäude auf den ersten Blick nicht besonders von vielen katholischen oder reformierten Kirchen in der Schweiz. Der helle Innenraum steht mit der Ikonostase (Bilderwand), dem übrigen Bildschmuck und dem liturgischem Mobiliar klar in der orthodoxen Tradition. Die Wandbilder im Altarraum wurden sogar in einem griechischen Kloster auf Stoff gemalt und so dann an der runden Apsiswand angebracht. 

Gesicht zum Gebäude

Die Kirchgemeinde in Münchenstein ist seit einiger Zeit im Umbruch. Der frühere Priester, P. Dimitrios Korakas, leitet die Gemeinde nicht mehr, der Nachfolger ist noch nicht bestimmt. Langjährige Aktive aus dem Pfarreirat haben sich zurückgezogen. 

Nachbarschaft und Konflikte

Der Wohntrakt (im Bild rechts) stösst unmittelbar an die Wohnhäuser der Nachbarschaft an.

Inzwischen ist die Kirche kein Streitobjekt mehr. Die Gemeinde lädt die Nachbarn ein und informiert sie, insbesondere vor dem orthodoxen Osterfest, das selten auf dasselbe Datum fällt wie das Osterfest der westlichen Kirchen. Eine wichtige Liturgie spielt sich in der Nacht zum Ostersonntag ab. Deshalb sind um Mitternacht Glocken zu hören, der Gottesdienst kann bis 3 Uhr morgens dauern, entsprechend sind Stimmen oder Motoren und Türen von Autos zu hören. Ein generelles Parkplatzproblem gibt es das Jahr hindurch nicht, da viele Gottesdienstbesucher mit dem Tram kommen. Besucht wird die Kirche der Göttlichen Weisheit auch von vielen nicht-griechischen Orthodoxen, etwa von Russen, Bulgaren, Äthiopiern oder Kopten. 

Religiöse Tradition

Blick von der Empore in den Innenraum der Kirche.
Die Zentralkuppel, die den Kosmos symbolisiert. In der Mitte Christus als Pantokrator (Weltenherrscher).
In der Apsis hinter dem Altar befindet sich ein Wandbild, das im Kloster von Megara in Griechenland auf Stoff gemalt und so in Münchenstein an den Mauern befestigt wurde (Ausschnitt).
Auf dem Fussboden der Doppeladler, Symbol der Griechisch-orthodoxen Kirche, hinten die Ikonostase (Bilderwand).

Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf der theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.

Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur auf einem gesamtkirchlichen Konzil ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den reformierten Kirchen betreffen die Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).

«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig». Die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität. 

Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung. 

Die Metropolie (Bistum) der griechisch-orthodoxen Kirche in der Schweiz untersteht, neben anderen Bistümern inner- und ausserhalb Griechenlands, dem «Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel» mit Sitz in Istanbul. Innerhalb der Gesamtorthodoxie hat dieses eine führende Stellung inne, einen nicht näher bestimmten «Ehrenprimat». Seit 1991 ist Bartholomaios I. Ökumenischer Patriarch, er besuchte die Schweiz im November 1995 und legte in Müchenstein den Grundstein zur neuen orthodoxen Kirche und zum Geistlichen Zentrum Basel.