Lage

Die Moschee befindet sich inmitten der Wohnblocks des Quartiers.
Das Minarett der Moschee.

Place de Petit-Saconnex, nicht weit von hier liegt der Genfer Sitz der Vereinten Nationen. Unser Ziel ist jedoch die «Fondation islamique» der grossen Moschee. Der Bus dorthin führt an einer Unzahl stattlicher Wohnkomplexe vorbei und biegt dann in den Chemin de Colladon ein: «Prochain arrêt Colladon!» Wir steigen aus. Beidseits unseres Weges ragen immer noch Wohnblocks empor. Doch bald bemerken wir ein eher niedriges Gebäude, das von Grünanlagen und Bäumen umgürtet ist, und durch seine achteckige Kuppel auffällt. Je näher wir kommen, desto deutlicher tritt auch die Spitze eines schmalen Türmchens zum Vorschein. Kein Zweifel: das Minarett einer Moschee. Auf der Höhe des Haupteinganges wird eine Halle mit modernem, facettenreichem Glasdach sichtbar − das Foyer zwischen der Islamischen Kulturstiftung und dem Gebetsraum. 

Hier herrscht reger Betrieb, ein stetiges Kommen und Gehen von Alt und Jung. Die zahlreichen Kinder sorgen in dem ohnehin schon vitalen Ort für einen noch höheren Puls. Sie besuchen die stiftungseigene Schule, in der Arabisch und Korankenntnisse gelehrt werden. Moschee und Kulturzentrum sind von drei Seiten mit Blockrandbebauungen umgeben, die Minaretthöhe auf deren Höhe abgestimmt, wie wir später erfahren. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Das Bild zeigt, wie sich die sich das Gebäude des Architekten Gürdoğan in den Bestand des Quartiers einfügt.
Die Glaskuppel des Foyers des Kulturzentrums.

Der erste Platz für Muslime in Genf, das islamische Zentrum Eaux-Vives, entstand in den frühen sechziger Jahren. Mit der Zeit wurde es jedoch viel zu klein. Die Initiative für eine neue Moschee in Genf kam 1975 von Dr. Medhat Sheikh El Ard, ein ehemaliger UNO-Delegierter und Hausarzt des ersten Königs von Saudi-Arabien, Abdulaziz Âl Saud. Dessen Söhne, die Könige Faisal Bin Abdulaziz Âl Saud (reg. 1964-1975) und Fahd Bin Abdulaziz Âl Saud (reg. 1982-2005) sicherten die dazu notwendige finanzielle Basis. 

Bei der Suche nach einem Architekten wurde hoher Wert auf die Fähigkeit zur Synthese aus orientalischer und westlicher Kultur gelegt. Die Wahl fiel deshalb auf Osman Gürdoğan, einen Genfer Architekten türkischer Herkunft. Hafid Ouardiri, bis 2007 Sprecher der Genfer Moschee, begründet dies so: «Die türkische Kultur ist bekannt dafür, dass sie schon lange im Kontakt mit dem Westen war. Dieser Architekt war fähig ein Projekt zu realisieren, welches ein guter Kompromiss zwischen europäischer und orientalischer Architektur war.» Zudem galt es, entsprechend den behördlichen Vorgaben die mit dem Grundstück übernommenen historischen Gebäude im baulichen Konzept zu integrieren: «Nachdem wir die hiesige Geschichte miteinbezogen hatten, konnten wir auch unseren Teil an Geschichte hinzufügen. Damit konnten wir zeigen, dass wir nicht hier sind, um die Geschichte der Leute hier zu zerstören, sondern um sie wieder zu beleben und sie mit unserer Geschichte zusammenzuführen», erklärt Ouardiri.

Das Minarett warf damals keine politischen Wellen. Ouardiri erzählt: «Als der damalige FDP-Stadtpräsident, Jacques Vernet die Höhe des Minaretts auf den Plänen sah, sagte er: 'Was ist das für ein Minarett! Es ist zu riquiqui (zu klein), machen sie es mindesten so hoch, wie die umliegenden Gebäude.' Wir folgten seinem Ratschlag und machten es höher.» Im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens musste die höhe des Minaretts später allerdings wieder etwas reduziert werden. So konnte am 1. Juni 1978 die Moschee unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Pierre Aubert und des saudischen Königs Khaled Bin Abdulaziz Âl Saud eingeweiht werden. 

Gesichter zum Gebäude

Hafid Ouardiri, Sprecher der Moschee von 1986 bis 2007.
Youssef Ibram war 1983 bis 1993 und 2005 bis 2011 einer der Imame der Genfer Moschee.

Hafid Ouardiri ist in Algerien geboren und hat in Frankreich Soziologie und Anthropologie studiert. 1972 kam er nach Genf und engagierte sich bald in der Moschee, von 1986 bis 2007 als deren Sprecher. Er erzählt: «Ich bemerkte, dass es wichtig für die Bevölkerung in Genf war, mehr über den Islam zu erfahren, weil viele diese Religion falsch verstanden haben − andererseits war es auch wichtig, den Genfer Muslimen die Gelegenheit zu geben, die schweizerische Gesellschaft besser zu verstehen. Meine Grundhaltung war die Zusammenführung beider Wertsysteme.»

Der Marokkaner Youssef Ibram hat in Saudi-Arabien studiert und kam 1983 als Imam für zehn Jahre nach Genf. Danach arbeitete er in Zürich in der Moschee an der Rötelstrasse. Von 2005 bis 2011 amtete er wieder in Genf als Imam. 

Nachbarschaft und Konflikte

«Il est strictement interdit d'ouvrir les fenêtres pendant les prières du soir pour ne pas déranger les voisins.»
Sogar die Verkehrsregeln laden zum Miteinander ein: Parken für religiöse Zwecke erlaubt...
Der Eingang des Kulturzentrums und der Moschee.
 

Ouardiri erinnert sich noch an seine ersten Erfahrungen mit der Nachbarschaft: «Die Leute waren vorsichtig interessiert. Sie waren neugierig, ob dieser Platz wirklich offen ist für sie. Dies bewog mich damals, beim Eingang eine Grosse Tafel anzubringen, auf der stand, dass alle willkommen seien und eintreten sollen.» Ouardiri bemerkt jedoch auch, dass das Verhältnis zur Umgebung vor dem 11. September 2001 besser war: «Heutzutage haben leider einige Nachbarn Angst vor dem Islam. Früher fragte nie jemand, woher das Geld für den Moscheebau gekommen sei. Nun wird oft behauptet, dass dieses Zentrum 'zu Saudi Arabien gehöre'. Wir Muslime müssen nun beweisen, dass wir uns nicht manipulieren lassen.» 

Youssef Ibram, der Imam, gibt zu Protokoll: «Wir haben sehr gute Nachbarsbeziehungen. Wir haben schon sehr gute Projekte mit unseren Nachbarn durchgeführt, zum Beispiel machen wir regelmässig einen 'Sauberkeitstag', an dem wir ins Quartier gehen und beim Saubermachen helfen. Wir organisieren auch 'Tage der offenen Tür'.» Dass sich die Gemeinschaft um eine gutes Verhältnis zur Nachbarschaft bemüht, zeigt sich auch an den Hinweistafeln, die an allen Fenstern der Moschee zu sehen sind: «Achtung! Damit unsere Nachbarn nicht gestört werden, ist es strikt verboten, die Fenster während des Abendgebetes zu öffnen.» 

Religiöse Tradition

In kaum einer anderen Religion hat die aufgeschriebene Offenbarung Gottes einen so hohen Stellenwert. In jeder Moschee finden sich deshalb Koranausgaben und andere religiöse Literatur.
Der Gebetsraum, das Zentrum der Moschee. Wie in vielen Moscheen ziert ein prächtiger Leuchter den Raum.
Der orientalische Stil prägt die Innenausstattung der Moschee: Ampeln, Stuck und arabische Kalligraphien mit Koranworten.
 

«Islam» bedeutet «Hingabe (an Gott)». Muslim ist derjenige, der sich Gott hingibt. Der Islam betont denn auch stark die Einheit, Einzigkeit und Allmacht Gottes. Er stellt sich in die jüdisch-christliche Offenbarungstradition mit Abraham als Urbild des Gläubigen und zählt so zu den «monotheistisch-abrahamitischen Religionen». Entstanden ist der Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. auf der Arabischen Halbinsel. Der Mekkaner Mohammed (ca. 570 - 632 n. Chr.) erlebte seit etwa dem Jahr 610 bis zu seinem Tod Offenbarungen, die von seiner Anhängerschaft memoriert und in den Jahrzehnten nach seinem Tod als fester Textbestand im Koran (wörtlich: Lesung) gesammelt wurden. In der Sicht des Korans ist Mohammed nur einer, der letzte, in der Reihe der Gottesgesandten seit Adam, als Überbringer der letztgültigen Offenbarung ist er «das Siegel der Propheten». In seiner Heimatstadt Mekka erlebte Mohammed anfangs so starke Anfeindung, dass er mit seinen Anhängern nach Medina auswanderte, wo er als Vermittler zwischen verfeindeten Stämmen willkommen war und in der Folge ein religiös geprägtes Gemeinwesen aufbauen konnte. 

Nach Mohammeds Tod wurden die sorgsam gesammelten Berichte (Hadithe) über seine Handlungen und Aussprüche neben dem Koran zum zweiten Orientierungspunkt für die junge Gemeinschaft. Sie umschreiben das vorbildhafte Verhalten des Propheten, die Sunna. Nach ihr benennen sich die Sunniten, die rund 90 Prozent der Muslime ausmachen. Die übrigen sind grösstenteils Schiiten, die sich in den Jahrzehnten nach Mohammeds Tod wegen Fragen der Nachfolge in der Leitung der Gemeinde hinter Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali sammelten und auch später untereinander weiter spalteten. Die fünf Grundpflichten des erwachsenen Muslims und der Muslimin sind die Schahada, das Glaubensbekenntnis («Es gibt keine Gottheit ausser Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes»), weiter fünfmal täglich zu bestimmten Zeiten das Gebet (Salat) Richtung Mekka, die Almosensteuer (Zakat), das Fasten im Monat Ramadan zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang sowie die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch). 

In der Schweiz leben rund 500'000 Muslime, unter ihnen rund 30'000 Schiiten. Etwas über die Hälfte der Muslime in der Schweiz stammen aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien, knapp ein Fünftel aus der Türkei; mehr als ein Drittel der muslimischen Bevölkerung besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zu erwähnen sind auch die schätzungsweise rund 50'000 Aleviten, meist türkischstämmige Anhänger einer religiösen Tradition mit schiitischen aber auch nicht-islamischen Elementen; sie sind eigenständig organisiert und betrachten sich selber oft nicht als Muslime.