Um 1900 wird Rhythmus zu einer zentralen Kategorie in Literatur und Kunst, aber auch in den Human- und Geisteswissenschaften. Der Begriff erfährt eine grundlegende Wandlung, indem er in Opposition zu Metrum, Takt und Regel gesetzt und mit Leben, Dynamik und Individualität assoziiert wird. Die freien Verse in der modernen Lyrik, die Neuerungen im Tanz (Modern Dance, Ausdruckstanz) geben davon genauso Zeugnis wie die Lebensphilosophie und die Lebensreformbewegungen, die im Rhythmus ein Konzept finden, um den metaphysischen Begriff des Lebens profilieren. Dabei wird ein vorplatonischer Rhythmus-Begriff aktualisiert: als Form des Veränderlichen oder Bewegungs-Form. Das kultur- und literaturwissenschaftliche Postdoc-Projekt leistet einen Beitrag an Theorie und Kulturgeschichte der Rhythmus, untersucht die Korrespondenz von Lebensphilosophie und Rhythmus-Diskussion und entwickelt daraus Beschreibungskategorien für unregelmässige Rhythmen, wie sie besonders in der Lyrik auftreten.