Und was glaubst du?

Reportage von Olivia Rubio

Der Film «Und was glaubst Du?» ist das Ergebnis eines Projekts im Inselipark in Luzern, dessen Ziel es war, eine Stichprobe der gelebten Religionsvielfalt in Luzern aufzufangen. Wie divers Glauben gelebt und gedacht wird, zeigt sich in den Antworten…

Auf einer geraden Strecke im Inselipark in Luzern baute ich einen Parcours mit religionsphilosophischen und -praktischen Fragen auf. Damit wollte ich die Passantinnen und Passanten vor dem Interview dazu anregen, über ihren Glauben und ihr Weltbild nachzudenken. Die Reaktionen auf die Plakate reichten vom Abbau des Parcours, bei dem die Stühle mit den Plakaten als Sitzgelegenheit missbraucht und die Plakate daher zerrissen wurden, bis hin zu interessierten Spaziergänger:innen, die Fotos machten. Einige der Letzteren konnte ich am Ende des Parcours erfolgreich zu einem kurzen Gespräch mit mir einladen, andere kamen aktiv mit dem Wunsch der Teilnahme auf mich zu.

Die Gesprächsinteressierten beschränkten sich auf einige wenige Glaubensrichtungen: kürzlich zugewanderte Muslime aus dem arabischsprachigen Raum sowie Menschen, die christlich erzogen wurden, sich aber heute nicht mehr als aktiv praktizierende Christen verstehen oder sich bewusst von der Kirche trennen wollen. Das Gesprächsbedürfnis dieser beiden Gruppen könnte darauf zurückzuführen sein, dass ihre soziale Plattform, um über ihren Glauben zu sprechen, eher begrenzt ist. Bei letzterer Gruppe der Spirituellen möchte ich die These aufstellen, dass der Gesprächsbedarf entsteht, weil es bei solchen individualisierten Glaubensrichtungen schwierig ist, eine Gemeinschaft zu finden, mit der man sich als Gruppe identifizieren und so austauschen kann.

Bei den Neuzugewanderten aus dem arabischen Sprachraum habe ich ein grosses Erstaunen, aber auch Freude darüber festgestellt, dass jemand mit ihnen über ihren Glauben sprechen will und sich die Mühe macht, die Sprachbarriere zu überwinden. Ich kann mir vorstellen, dass die Schwierigkeiten mit der Landessprache für diese Menschen eine schwer zu überwindende Hürde darstellen. Ich habe im Laufe dieses Projekts auch erfahren, dass es schwierig ist, Menschen zu Wort kommen zu lassen, deren Sprache man nicht versteht. Obschon ich versuchte, mit allen Leuten zu sprechen und meine Französischkenntnisse sowie Google Translate nutzte, machte es mir die Sprachbarriere schwer, alle Leute in das Gespräch zu integrieren.

Individualisierung

«Wir glauben. Aber immer weniger von uns glauben das Gleiche.» («Glaubenssache»,  Stapferhaus Lenzburg 2006, S. 11)

Dieses Zitat beschreibt treffend das Ergebnis meiner Videoreportage. Ich war interessiert festzuhalten, was die Menschen auf individueller Ebene glauben. Es war mir nicht wichtig, welcher Religion oder Nichtreligion die Menschen angehören, sondern wie sie individuell über religionsphilosophische Fragen nachdenken und wie sie ihren Glauben oder Nichtglauben im Alltag leben. Die Theorie der Individualisierung beschreibt die neue Form der Religiosität in der Gesellschaft. Die Menschen trennen sich von den Institutionen und beginnen, ihren Glauben individuell und privat zu leben. So wird der Glaube in der Gesellschaft immer unsichtbarer und ist von Tür zu Tür unterschiedlich.

Wie meine Interviews zeigen, gibt es diese Vielfalt auch innerhalb der institutionalisierten Religionen. Jeder Mensch verarbeitet und lebt Religion, Glaube oder Spiritualität anders. Diese Vielfalt steht im Mittelpunkt der Videoreportage «Und was glaubst du?». Diese Menschen sollen nicht repräsentativ für eine Glaubensgruppe oder für die Glaubensvielfalt in Luzern sein. Vielmehr ist es als ein Beispiel zu verstehen, das zeigt, wie unterschiedlich der Glaube individuell verstanden werden kann. Ob religiös oder bewusst ablehnend, alle Befragten haben eine Form des Glaubens, den sie lediglich unterschiedlich ausleben, empfinden oder benennen.

Zur Autorin

Olivia Rubio ist Studentin an der Universität Luzern. Sie schloss im Sommer 2022 ihr viertes Semester Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Ethnologie ab. Früh begann sie sich für sozialpolitische Themen zu interessieren. Sie möchte sich während und nach ihrem Studium weiterhin damit auseinandersetzen und legt grossen Wert auf eine inkludierende Wissenschaft, die für alle zugänglich ist.

Letzte Anpassung 4.07.2022
Diese Reportage ist Teil des Dokumentationsprojektes Religionsvielfalt im Kanton Luzern des Religionswissenschaftlichen Seminars Luzern.
Parallel wurde sie am 30.06.2022 auf der Plattform www.religion.ch veröffentlicht.