UNIVERSITÄTSMANAGEMENT HORIZONTE: HOCHSCHULSEELOSRGE CAMPUS LUZERN FABIAN ARUN PFAFF, MTH Datum: 22. September 2025 Seite: 1/3 FROHBURGSTRASSE 3 POSTFACH 6002 LUZERN T +41 41 320 40 04 fabian.pfaff@unilu.ch www.unilu.ch Abschlussbericht Projekt: «Bosnien und Herzegowina: 30 Jahre nach Srebrenica» Im Frühjahrssemester wurde das Blockseminar mit einer begleitenden Studienreise (18.–27.04.2025) nach Bosnien und Herzegowina durchgeführt. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung mit dem Genozid von Srebrenica. Die insgesamt 26 Teilnehmenden setzten sich intensiv mit dessen Bedeutung auseinander – insbesondere mit seiner Funktion als Symbol kollektiven Gedächtnisses, seiner Einbettung in politische Narrative sowie seiner Rolle als Ausdruck individueller Trauerverarbeitung und als Bestandteil von Versöhnungsprozessen. Die Vorbereitung erfolgte im Rahmen von drei Seminarblöcken unter der Leitung von Prof. Dr. Boris Previšić (Titularprofessor für Literatur- und Kulturwissenschaften). Im Mittelpunkt standen die Analyse historischer Quellen sowie literarische, filmische und künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Genozid von Srebrenica. Organisiert wurde die Studienreise von Dr. Martin Steiner (Oberassistent und Lehrbeauftragter an der Professur für Judaistik und Theologie) sowie Fabian A. Pfaff (kath. Hochschulseelsorger bei «Horizonte», Hochschulseelsorge Campus Luzern). Erste Station war die Stadt Mostar – bekannt für ihre osmanisch geprägte Brückenarchitektur und ihre vielschichtige ethnisch- religiöse Geschichte. Mostar gilt als paradigmatisches Beispiel für die Herausforderungen des interethnischen Zusammenlebens in post-konfliktiven Gesellschaften. Vor Ort erhielten die Studierenden vertiefte Einblicke in die bis heute anhaltenden politischen und sozialen Spannungen, die das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen nachhaltig prägen. Die Reise führte anschliessend in die ostbosnische Region, die besonders stark von den Folgen des Krieges und des Genozids betroffen ist. Der Besuch von Srebrenica und der Gedenkstätte in Potočari bildete den zentralen Höhepunkt der Exkursion. In Srebrenica, wo im Juli 1995 mehr als 8.000 bosnische Männer und Jungen ermordet wurden, setzten sich die Studierenden intensiv mit den materiellen und symbolischen Spuren der Gewalt auseinander. Der Aufenthalt im Memorial Center in Potočari – dem ehemaligen UN-Schutzzentrums, das heute durch ein weitläufiges Grabfeld und ein Dokumentationszentrum an die Verbrechen erinnert – ermöglichte eine vertiefte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen des Erinnerns, der historischen Aufarbeitung und der öffentlichen Gedenkkultur. Im Anschluss besuchten die Studierenden unter der Leitung eines Überlebenden die Stadt Bratunac, die gegenüber von Srebrenica am Fluss Drina liegt. Während des Krieges fungierte Bratunac als militärischer Stützpunkt und Durchgangsort, von dem aus Männern und Jungen zu den Hinrichtungsstätten transportiert wurden. Bis heute steht die Stadt sinnbildlich für die anhaltenden Spannungen in der Region und die Weigerung weiter Teile der Bevölkerung, den Genozid anzuerkennen. Im Gegensatz zum nahegelegenen Abbildung 1: Friedhof Srebrenica Gedenkstätte, Potočari Seite: 2/3 www.unilu.ch Gedenkzentrum in Potočari fehlt es in Bratunac weitgehend an öffentlicher Aufarbeitung und Anerkennung der begangenen Verbrechen. Den Abschluss der Reise bildete der Besuch in Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas. Dort reflektierten die Studierenden nicht nur die Kriegsjahre und die langanhaltende Belagerung der Stadt, sondern auch den komplexen Wiederaufbauprozess sowie verschiedene gesellschaftliche und politische Versöhnungsstrategien. Im Fokus standen zudem die Rolle der internationalen Gemeinschaft und das Friedensabkommen von Dayton. Rückblickend beschreibt Selma, Studentin der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Luzern, die Reise als eine prägende Erfahrung – insbesondere durch die Begegnung mit politischen, religiösen und zivilgesellschaftlichen Akteur:innen. Besonders habe sie gelernt, «dass jedes Wort Gewicht trägt – es kann Brücken bauen oder Gräben vertiefen», was ihr Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sprache nachhaltig geschärft habe. In ihren Reflexionen zeigten sich die Studierenden besonders sensibel gegenüber vereinfachenden oder relativierenden Deutungen. Verallgemeinerungen – etwa die Vorstellung, alle Seiten trügen gleichermassen Schuld an dem Genozid oder sämtliche während des Krieges begangenen Verbrechen seien gleich schwerwiegend – wurden kritisch hinterfragt. Stattdessen rückte eine differenzierte Auseinandersetzung mit historischen Verantwortlichkeiten und Täter-Opfer-Dynamiken in den Fokus. Diese Haltung spiegelt sich auch in den individuellen Lernerfahrungen der Teilnehmenden wider. So betont Isabel, Studentin am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik: «Ich habe gelernt, wie die aktuellen (politischen) Spannungen in BIH historisch hergeleitet werden können. Es war spannend, mehr über den Genozid in Srebrenica zu lernen, wer mit welchen Ideologien sich für was eingesetzt hat und wie die Geschichte auch heute noch verfälscht wird.» Abbildung 2: Besuch in der Synagoge der Aschkenasim, Sarajevo Abbildung 3: Besuch im Office of the High Representative (UN) Seite: 3/3 www.unilu.ch Das Blockseminar inklusive Studienreise ermöglichte den Studierenden eine vertiefte Auseinandersetzung mit der vielschichtigen Aufarbeitung des Genozids von Srebrenica. Die Verbindung von theoretischer Vorbereitung und praxisbezogenen Erfahrungen vor Ort förderte eine kritische Reflexion erinnerungskultureller Prozesse sowie ihrer historischen, politische und gesellschaftlichen Kontexte – und legte damit eine Grundlage für ein verantwortungsbewusstes Geschichtsbewusstsein. Text: Dr. phil. Almedina Fakovic, Bilder: Fabian Pfaff, MTh Abbildung 4: Gruppenfoto in der islamisch-theologischen Fakultät, Sarajevo