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    Masterprogramm

    and Business (Advanced) PD Dr. Gordon Millar X 3 Français Juridique Prof. Antoinette Maget Dominicé (

    Grösse: 520 KB

    Erstellungsdatum: 02.07.2026

    pdf

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    Courses in English

    non-native speakers only) PD Dr. Gordon Millar 3 X European Economic Law Prof. Sebastian Heselhaus 5 X [...] Course) Professor: PD Dr. Gordon Millar Dates: Fall Course Type: Lecture Course Description: The [...] (with grade) / 3 Cr Contact: gordon.millar@doz.unilu.ch European Economic Law Professor: Prof.

    Grösse: 2 MB

    Erstellungsdatum: 02.06.2026

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    KVV Ethnologie FS13

    untitled Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Ethnologisches Seminar INFORMATION ETHNOLOGIE KOMMENTIERTES VORLESUNGSVERZEICHNIS FRÜHJAHRSSEMESTER 2013 Lehrveranstaltungen Deckblatt: Susan A. Point 2009: The Edge 3 Inhaltsverzeichnis Adressen und Öffnungszeiten 3 Informationen 4 Lehrveranstaltungen des Ethnologischen Seminars 9 Anrechenbare Lehrveranstaltungen aus anderen Fachbereichen 26 Stundenplan FS 2013 32 Adressen und Öffnungszeiten Universität Luzern Ethnologisches Seminar Frohburgstr. 3 Postfach 4466 6002 Luzern ethnosem@unilu.ch Professuren: Bettina Beer, Prof. Dr., bettina.beer@unilu.ch (FS 13: Forschungsfreisemester) Büro 3.A28 Jürg Helbling, Prof. Dr., juerg.helbling@unilu.ch Seminarleitung (Sprechstunde nach Vereinbarung) Büro 3.A26 Fachstudienberater und Mobilitätsverantwortlicher: Werner Egli, Prof. Dr., werner.egli@unilu.ch Tel. ++41 (0)41 229 55 73 (Sprechstunde siehe Website) Büro 3.A20 Sekretariat: Luzia Weber, luzia.weber@unilu.ch Tel. ++41 (0)41 229 55 71 Öffnungszeiten Sekretariat: Montag: 8.00 - 12.00 / 13.30 - 16.30 Uhr Dienstag: 8.00 - 12.00 / 13.30 - 16.30 Uhr Mittwoch: 8.00 - 12.00 / 13.30 - 16.30 Uhr Büro 3.A27 4 Informationen 1. Abschlüsse Masterarbeiten HS 2012 Susanne Braatz, Negotiating Identity: Wie sich tamilische Jugendliche der zweiten Generation im Raum Luzern zwischen heterogenen und sich verändernden Kulturen bewegen und positionieren (Bettina Beer) Romy Nüesch, Zwischen Selbstbestimmung und Familienorientierung. Die zweite Generation tamilischer Einwanderer in Bern (Bettina Beer) Bachelorarbeiten HS 2012 Lisa Züger, „No it's Not Love.“ Sexarbeiterinnen in Sosúa, der Dominikanischen Republik. Vor- und Nachteile der touristen-orientierten Sexarbeit und der Strategie des "Verliebt-Seins" (Bettina Beer) Geraldine Korner, "Ethnologische Analyse der Darstellung des Eltern-Kind-Verhältnisses in zeitgenössischen Romanen und Kurzgeschichten samoanischer Autorinnen und Autoren" (Julius Riese) Laufende Habilitationen betreut durch Prof. Bettina Beer Frank Muttenzer: Ritual politics, precedence and skill among the Vezo of Madagascar Laufende Dissertationsprojekte betreut durch Prof. Bettina Beer Ibrahim Ankaoglu: Raumnutzungsstrategien und Ressourcenmanagement im Hochland von Palawan (Philippinen) Doris Bacalzo: Negotiating identity and relatedness: Transcultural socialization and childhood among the Wampar Yolanda Bayugo: The cultural risk of infectious diseases in the Philippines Yi Chen: Geschmack und Nahrungsklassifikation in Auseinandersetzung mit westlichen Ernährungsweisen bei in Deutschland lebenden Chinesen. Beatrice Ciatta: Migration-specific risk factors in the onset of Post Partum Depression Janika Gaßner: Sinneserfahrungen sudanesischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland Ines Klughardt: Feminisierung der Migration und deren Auswirkungen auf soziale Beziehungen auf den Philippinen Anke Mösinger: "Local ecological knowledge and understandings of rapid environmental change on Takuu Atoll: Perceptions from a Polynesian Outlier" interdisziplinäres Projekt mit dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT, Bremen) Petra Panenka: Zum Zusammenhang zwischen Sinneswahrnehmungen und Verkörperung bei nördlichen Lakandón-Mayafrauen am Beispiel von drei Generationen Julius Riese: "Impacts of Climate Variability on Human History: Empirical Evidence from the South Pacific, Theoretical Conclusions and Implications for Adaptation". Promotionsprojekt an der Graduate School of Humanities and Social Sciences at the University of Lucerne (GSL) Laufende Dissertationsprojekte betreut durch Prof. Jürg Helbling Schmid, Susann: Youth Groups and the Way to Social Movements: A Study of the Most Prominent Youth Groups in Cairo and their Influence on Personality-Building in Respect of Broader Collective Action Schwörer, Tobias: Processes of Pacification and the elimination of traditional warfare in the Eastern Highlands of Papua New Guinea Lichtensteiger, Sabina: Strategies for coexistence in Cyprus among professionals engaged in revitalizing and developing urban and rural space. Nusupow, Timur: Peace processes in ethnic conflicts in South Kyrgystan: from understanding the roots of conflicts to conflict resolution 2. Veranstaltungen und Projekte Das Kolloquium findet auch dieses Semester Mittwochs von 17-19 Uhr statt und ist für alle Interessierten offen. Das Programm hängt bei Semesterbeginn aus und ist auf der Homepage zu finden. Unterlagen zum Kolloquium befinden sich auf OLAT. Ab HS 13 können die Studierenden einen Gast für das Kolloquium einladen. Sara Duerr koordiniert die Vorschläge. Das Ethnologische Seminar hat eine neue Zusammenarbeit mit der UNESCO Biosphäre Entlebuch angefangen. Als erste Aktivität haben Studenten von Peter Larsen ein Forschungsprojekt in der Biosphäre durchgeführt innerhalb ihres Seminars „Anthropology of sustainable development“. Weitere Aktivitäten sind in Planung. Am Ethnologischen Seminar wurde das Philippine Studies Network gegründet, Mitglieder sind AkademikerInnen mehrerer Schweizer Universitäten, Organisationen von philippinischen Migrantinnen und Migranten sowie Secondos und Secondas und anderen an den Philippinen Interessierten. Ziel ist die regelmäßige Durchführung von Lehrveranstaltungen, Exkursionen und weiteren Veranstaltungen (siehe z.B. die Lehrveranstaltung von Doris Bacalzo, S. 13). 5 3. Mitarbeitende Prof. Bettina Beer hat im FS 2013 ein Forschungsfreisemester und wird während dieser Zeit auf den Philippinen und in Papua-Neuguinea (Bergbau in der Morobe Province) forschen. Berit Fuhrmann wird sie während des Freisemesters mit zwei Lehrveranstaltungen vertreten. Sie beschäftigt sich mit der indigenen Bevölkerung Indiens und hat selbst bei den Karow, einer ethnischen Gruppe im indischen Nordosten, geforscht. Im Rahmen ihres Promotionsprojekts behandelte sie die Veränderungen der lokalen Kosmologie sowie die sozialen und rituellen Transformationsprozesse, die sich im Kontext der Missionierung und Christianisierung ergeben. Sie hat an den Universitäten Heidelberg, Berlin, Münster und Luzern unterrichtet. Ihre thematischen Interessen betreffen u.a. die Verwandtschafts- und Sozialethnologie, die Religionsethnologie und hier insbesondere die Erforschung lokaler Kosmologien, Religionen und Ritualsysteme, sowie die Politikethnologie. Momentan arbeitet sie in freier Mitarbeit für die NGO Survival International an einem Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt über die rechtliche und politische Situation der indigenen Bevölkerung Indiens. Peter Bille Larsen wird im Frühlingssemester seinen Gastaufenthalt Fellowship an der University of Oxford machen und an seinem Buchprojekt weiterarbeiten und im Herbst 2013 an die Unilu zurückkehren. Frau Anika König wird ihn während des Freisemesters vertreten. Sie hat an der Australian National University zu ethnischer Gewalt zwischen indigenen Dayaks und zugewanderten Maduresen auf Borneo promoviert. In diesem Rahmen hat sie sich vor allem mit extremen Gewaltpraktiken und deren Einbettung in lokale kulturelle Kontexte beschäftigt. Aktuell interessiert sie sich verstärkt für medizinethnologische Themen, und hier vor allem die Reproduktionsmedizin. In ihrem Habilitationsprojekt wird sie transnationale Leihmutterschaften mit einem speziellen Fokus auf Eltern aus dem deutschsprachigen Raum untersuchen. Angelica Wehrli, Dr. phil. ist als Oberassistentin am Ethnologischen Seminar (Lehrstuhl Prof. Jürg Helbling) angestellt. Sie hat in Kuba, der Schweiz und in Vietnam geforscht; ihre Interessensgebiete sind Afrokubanische Religionen, Gender, Arbeit (formeller und informeller Sektor, legale und illegale Aktivitäten), (Post)Sozialistische Gesellschaften (insbesondere Kuba und Vietnam), Prozesse der Urbanisierung, Religion und Formen religiöser Revitalisierung sowie sozioökonomischer Wandel (u.a. von Normen und Werten). Im Jahr 2009 hat Angelica Wehrli am Institut für Sozialanthropologie an der Universität Bern promoviert. Danach forschte sie erneut in Vietnam und war Visiting Scholar am UCLA Center for Southeast Asian Studies an der University of California. Seit 2010 ist Angelica Wehrli als Forscherin an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne assoziiert. 4. Studentische Mobilität Wer ein oder mehrere Semester an einer anderen Universität im In- oder Ausland studieren möchte, sollte sich angesichts der Fristen und relativ kurzen Regelstudienzeit von 6 Semestern im BA und 4 Semestern im MA möglichst frühzeitig über die Modalitäten der Studierendenmobilität informieren und mit den für die Mobilität zuständigen Personen im Dekanat und im Seminar sowie mit der Fachstudienberatung Kontakt aufnehmen. Besonders vorteilhaft sind Austauschsemester an ausländischen Partneruniversitäten im Rahmen des ERASMUS-Programms. Weitere Informationen befinden sich auf der Website der Universität Luzern: http://www.unilu.ch/deu/outgoing_students_4182.aspx 5. eHRAF Die Human Relations Area Files (eHRAF) ist eine umfangreiche Datenbank mit kodiertem ethnographischen Quellenmaterial, die online auf dem Netz der Universität Luzern und der Luzerner Hochschulbibliotheken abrufbar ist: http://ehrafWorldCultures.yale.edu 6. AnthropologyPlus Neu ist auch die wichtigste Fachdatenbank für herkömmliche ethnologische Themen AnthropologyPlus auf dem Netz der Universität Luzern und der Luzerner Hochschulbibliotheken abrufbar (Nachweise bis ins 19. Jh.): http://www.oclc.org/de/de/firstsearch/default.htm 6 7. Publikationen Alex, Gabriele; Bettina Beer und Bernhard Hadolt 2012 Authentizität und Kommodifizierung von Gesundheit und Heilung. Einleitung. In: G. Alex, B. Beer und B. Hadolt (Hg.), Wa(h)re Medizin. Zur Authentizität und Kommodifizierung von Gesundheit und Heilung. Special Issue, Curare 35, 3: 162-165. 2012 Wa(h)re Medizin. Zur Authentizität und Kommodifizierung von Gesundheit und Heilung, Special Issue: Curare 35, 3. Bacalzo Schwörer, Doris 2012 Transformations in kinship, land rights and social boundaries among the Wampar in Papua New Guinea and the generative agency of children of interethnic marriages. Childhood 19 (3): 332 –345. Beer, Bettina 2012 Kommodifizierung „traditioneller“ Medizin auf den Philippinen: Authentizität und ihre Vermarktung. In: G. Alex, B. Beer und B. Hadolt (Hg.), Wa(h)re Medizin. Zur Authentizität und Kommodifizierung von Gesundheit und Heilung. Special Issue, Curare 35, 3: 208-218. 2012 Doktorandenprogramme 1. In: M. Klatt und S. Koller (Hg.), Lehre als Abenteuer. Anregungen für eine bessere Hochschulausbildung, 56-58. Frankfurt a.M.: Campus. 2012 Exkursion. In: M. Klatt und S. Koller (Hg.), Lehre als Abenteuer. Anregungen für eine bessere Hochschulausbildung, 78-81. Frankfurt a.M.: Campus. 2012 „Afaro – ich verbinde“. Zur Herstellung transethnischer verwandtschaftlicher Netzwerke am Beispiel der Wampar (Papua New Guinea). M. Gamper, L. Reschke, Michael Schönhuth (Hg.), Knoten und Kanten 2.0. Soziale Netzwerkanalyse in Medienforschung und Anthropologie, 285-310. Bielefeld: Transcript. 2012 Kultur und Ethnos. In: Beer, Bettina und Hans Fischer (Hg.), Ethnologie eine Einführung, 53- 73. (Siebte, überarbeitete und erweiterte Auflage). Berlin: Reimer. Beer, Bettina und Hans Fischer (Hg.) 2012 Ethnologie. Einführung und Überblick. (Siebte, überarbeitete und erweiterte Auflage). Berlin: Dietrich Reimer Verlag. Gardner, Don 2011 ‘Comparison, Individualism and ‘Interactionalism’ in the Work of Donald F. Tuzin’. In David Lipset and Paul Roscoe (eds.) Echoes of the Tambaran Canberra. ANU E Press. 2012 ‘Melanesia’ In Richard Fardon et al., (eds), The SAGE Handbook of Social Anthropology London. SAGE Publications in Association with Association of Social Anthropologists of the United Kingdom. 2012 ‘Clifford Geertz’ The Encyclopedia of Political Thought, edited by Michael Gibbons. New York: Wiley-Blackwell, forthcoming. 2012 ‘Life and well-being under historical ecological variation: the epidemiology of disease and of representations’ with Robert Attenborough in Cathy Banwell, Stanley Ulijaszek, Jane Dixon (eds.) When Culture Impacts Health. Elsevier. In press. 2012 ‘The anthropology of friendship’ in preparation for Elsevier 2012 ‘Cognitive science and the anthropology of religion’ in preparation for ZiF Helbling, Jürg 2012a Tribale Kriege und expandierende Staaten. In: Walter, Dierk/ Kundrus, Birthe (eds.) Waffen Wissen Wandel: Anpassung und Lernen in transkulturellen Erstkonflikten (pp. 50–75). Hamburg: Institut für Sozialwissenschaft. 2012b Comment on ”Anarchisms and the Archaeology of Anarchic Societies” (Angelbeck/Grier), Current Anthropology, 53: 572–573. 2012c Group Size and Alliance Relations in Warlike Tribal Societies: What Political Anthropology can learn from Transaction Cost Economics? Finke, Peter/ Schlee, Günther (eds.) Rational Choice and the limits of individual agency. Oxford: Berghahn Books. (Forthcoming). 7 Leemann, Esther 2013 Giving up Fallows and Indigenous Swiddens in Times of Global Land Grabbing. In: Cairns, Malcolm (ed.) A Growing Forest of Voices, Earthscan, UK (forthcoming). (co-authored with Nikles, Brigitte). 2012 Post-Disaster Reconstruction and Change: Communities’ Perspectives. Boca Raton: CRC Press, Taylor & Francis Group. (co-edited with Duyne Barenstein, Jennifer). 2012 Introduction. In: Duyne Barenstein, Jennifer and Esther Leemann (eds.), Post-Disaster Reconstruction and Change: Communities’ Perspectives. Boca Raton: CRC Press, Taylor & Francis Group. (co-authored with Duyne Barenstein, Jennifer). 2012 Communal leadership in post-Mitch housing reconstruction in Nicaragua. In: Duyne Barenstein, Jennifer and Esther Leemann (eds.), Post-Disaster Reconstruction and Change: Communities’ Perspectives. Boca Raton: CRC Press, Taylor & Francis Group. Riese, Julius 2012 The “Samoanische Zeitung“ (1901-1914). Images of the Samoan people and culture in a German colonial newspaper. In: Stefan Engelberg & Doris Stolberg (eds.), Sprachwissenschaft und kolonialzeitlicher Sprachkontakt. Sprachliche Begegnungen und Auseinandersetzungen. (Koloniale und Postkoloniale Linguistik/Colonial and Postcolonial Linguistics 3). Berlin: Akademie Verlag, pp. 165-189. Wehrli, Angelica 2012a The First Financial Avalanche of the 21st Century: Impact on Different Social Classes in Vietnam. In: Schuerkens, Ulrike (ed.): Socioeconomic Outcomes of the Global Financial Crisis: Theoretical Discussion and Empirical Case Studies. New York, London: Routledge. 234-61. 2012b Alltag und Ritual. Statusübergänge und Ritualisierungen in sozialen und politischen Feldern. Zürich: Seismo [co-edited with Hangartner, Judith; Hostettler, Ueli and Anja Sieber Egger]. 2012c Einleitung. In: Hangartner, Judith; Ueli Hostettler; Anja Sieber Egger and Angelica Wehrli (eds.): Alltag und Ritual. Statusübergänge und Ritualisierungen in sozialen und politischen Feldern. Zürich: Seismo [co-authored with Hangartner, Judith; Hostettler, Ueli and Anja Sieber Egger]. 11-4. 2012d Die “Entzauberung” der Bürokratie Vietnams. In: Hangartner, Judith; Hostettler, Ueli; Sieber Egger, Anja and Angelica Wehrli (eds.): Alltag und Ritual. Statusübergänge und Ritualisierungen in sozialen und politischen Feldern. Zürich: Seismo. 294-309. 8. Laufende Forschungsprojekte Ankaoglu, Ibrahim: Raumnutzungsstrategien und Ressourcenmanagement im Hochland von Palawan (Philippinen), gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds ab Februar. Antragstellerin: Bettina Beer. Beer, Bettina: Soziokulturelle Folgen des Bergbaus in Papua-Neuguinea (PNG). Helbling, Jürg zusammen mit Esther Leemann (Projektleitung) “Social, cultural and political implications of rapid swidden demise: The case of the Bunong, Mondulkiri province, Cambodia”; Finanzierung SNF (2011-2014). Helbling, Jürg, zusammen mit Walter Kälin (Universität Bern) ”The Problem of Impunity: Local Communities’ Access to Justice and the State and in Kenya”. Finanziert SNIS (2010-2012). Mösinger, Anke: "Lokales ökologisches Wissen und das Verständnis raschen Umweltwandels auf dem Takuu- Atoll: Ein polynesischer Sonderfall" interdisziplinäres Projekt mit dem Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie (ZMT, Bremen), 2012-2015. Projektleitung: Bettina Beer. 8 9. Informationskompetenz Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern (ZHB) Seit dem HS 2011 wird einmal im Jahr jeweils im Herbstsemester von der ZHB ein Modul zur Informationskompetenz angeboten, das Teil der Vorlesung "Einführung in die Ethnologie" ist. Eine Doppelstunde findet im Rahmen der Vorlesung statt, zwei Doppelstunden werden als Block angeboten. Der Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben. Seit dem HS 2011 ist der Besuch der Veranstaltung zur Informationskompetenz für Studierende verpflichtend. Ohne den Nachweis des Besuchs der Veranstaltung ist eine Zulassung zur BA- Prüfung nicht möglich. Studierende aus integrierten Studiengängen können wählen, in welchem der an ihrem Studiengang beteiligten Fächer sie daran teilnehmen. Studierenden der Ethnologie wird dringend empfohlen, diese im Rahmen der Einführungsvorlesung zu absolvieren. 10. Facebook-Gruppe „Ethnologie Luzern“ Am Ethnologischen Seminar ist eine offene Facebook-Gruppe („Ethnologie Luzern“) entstanden, zu der alle Studierenden und Interessierten herzlich eingeladen sind! Im Veranstaltungskalender werden alle wichtigen Ereignisse und Vorträge angekündigt. 9 Lehrveranstaltungen des Ethnologischen Seminars Ansätze zu Institutionen und Evolution in der Ethnologie Dozent/in: Prof. Dr. Jürg Helbling Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mi, 10.15 - 12.00, ab 20.02.2013 FRO, 3.A05 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Vorlesung Inhalt: Im Zentrum der Vorlesung steht die Frage, in wie fern die Ethnologie von Konzepten, Modellen und Theorien profitieren kann, die in Nachbardisziplinen (wie Soziologie, Politologie und Ökonomik) zu den Themen ”Institution” und ”Evolution” entwickelt wurden. Behandelt werden die Beiträge der Neuen Institutionentheorie (North, Williamson, Ostrom) und ihre Konzepte und Analysen zu Institution, Transaktionskosten und Organisation. Behandelt werden auch Arbeiten der Neuen Wirtschaftssoziologie (Swedberg, Beckert, Granovetter), die Netzwerkbeziehungen thematisieren und eine Neukonzeption von Märkten vorschlagen. In der Ethnologie haben diese Ansätze einen Niederschlag gefunden in Untersuchungen zu Themen wie: ”Tragödie der Allmende”, Nutzung von weitverstreuten, schwer zu kontrollierenden Ressourcen, Eigentumsbeziehungen und Märkte (Ensminger, Acheson, Berkes) sowie die Beziehung zwischen Dorfgemeinschaften, Krieg und Allianz (Peoples, Soltis). Im zweiten Teil der Vorlesung werden Theorien der sozialen Evolution bzw. der Evolutionsökonomie (Nelson/Winter, North, Hodgson) thematisiert, die – jenseits der evolutionistischen Entwicklungstheorie des 19. und 20. Jh. und soziobiologisch-evolutionspsychologischer Evolutionskonzeptionen – soziale Konstellationen und Prozesse als das Produkt von Variation und Selektion untersuchen. Es geht dabei um die Selektion von Lokalgruppen für bestimmte Eigenschaften (Strategien, Technologien, Organisationsformen und Institutionen) durch jeweils spezifische Umwelten. Während Wildbeutergruppen hauptsächlich einer Selektion durch ihre natürliche Umwelt ausgesetzt sind, stehen Dorfgemeinschaften in tribalen Gesellschaften unter einem Selektionsdruck durch eine kriegerische Umwelt. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Vorlesung Einführung in Bereiche der Ethnologie Vorlesung im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Vorlesung im Modul Weltgesellschaft (MA WG+WP) Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Modul Weltgesellschaft Prüfungsmodus / Credits: Benotete Prüfung (3) Kontakt: juerg.helbling@unilu.ch Literatur Als Einführung in das Thema eignen sich: Elster, Jon (1989) Nuts and bolts for the social sciences. Cambridge: Cambridge University Press. Ensminger, Jean (1998) Anthropology and the New Institutionalism. Journal of Institutional and Theoretical Economics 154: 774-789. Simon, Herbert (1993) Homo rationalis. Frankfurt: Campus 10 Einführung in die Ethnologie Dozent/in: Prof. Dr. Jürg Helbling Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mo, 13.15 - 15.00, ab 18.02.2013 FRO, 3.A05 Studienstufe: Bachelor Veranstaltungsart: Vorlesung Inhalt: Die Lehrveranstaltung ist als Überblick und Einführung in das Studium der Ethnologie angelegt. Gegenstand, Methodik, Grundbegriffe der Teilgebiete ”Verwandtschaft”, ”Wirtschaft” und ”Politik” sowie die Geschichte des Faches kommen zur Sprache. Die Vorlesung soll Aufschluss darüber geben, was Ethnologie ist und welche Fragestellungen sie mit welchen Methoden untersucht. In der Einführung sollen Erstsemester außerdem eine eigene Vorstellung davon entwickeln können, welchen Sinn das Studium der Ethnologie haben kann und welches ihre eigenen Zielsetzungen sind. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Informationskompetenz in Ethnologie Vorlesung Einführung in die Ethnologie Vorlesung im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Prüfungsmodus / Credits: Benotete Prüfung (3) Kontakt: juerg.helbling@unilu.ch Hörer/innen: Offen für Gasthörer/innen 11 "Zomia" - Ethnographische Einblicke in eine Hochland- und Minderheitenregion in Südostasien Dozent/in: Berit Fuhrmann Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: 14-täglich Mi, 08.15 - 12.00, ab 20.02.2013 FRO, 4.B47 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: In diesem Seminar wollen wir uns mit der Hochlandregion befassen, die sich von den Bergen im Nordosten Indiens über die Hochlandgebiete zwischen Südostasien und China bis zum zentralen Hochland von Vietnam erstreckt. Diese ausgedehnte Region wird von hunderten ethnischen Gruppen bewohnt, die in der klassischen Literatur als "Stämme" beschrieben wurden. Aus der Perspektive der Nationalstaaten, auf deren Territorium sie siedeln, werden die Hochlandbewohner als "Minderheiten" bezeichnet. In der ethnologischen Forschung wird seit einigen Jahren der Ansatz verfolgt, das Denken in Nationalstaatsgrenzen aufzugeben und einen transnationalen Blick auf die Hochlandbevölkerung zu werfen. Zur Beschreibung dieses transnationalen Raums prägte Willem van Schendel 2002 den Begriff "Zomia", der zwar nicht unumstritten ist, aber dennoch eine fruchtbare Debatte auslöste. 2009 erschien ein vielbeachtetes Buch von James Scott, das die Idee von Zomia aufgriff. Scott beschreibt Zomia als eine schwer zugängliche Hochlandregion, in der sich im Verlauf von Jahrhunderten Menschen und Gruppen angesiedelt haben, die sich staatlichen Zugriffen entziehen wollten. Im Seminar wollen wir uns mit Scotts These und damit mit einem klassischen ethnologischen Thema - dem Gegensatz zwischen staatenlosen und staatlichen Gesellschaften - auseinandersetzen. Die Hochlandregion, die seit einigen Jahren Zomia genannt wird, ist durch eine grosse ethnische, kulturelle und linguistische Vielfalt gekennzeichnet. Anhand von ausgewählten Fallbeispielen werden wir einen Eindruck von dieser Vielfalt gewinnen. Leiten soll uns die Frage, ob sich in der Vielfalt auch Einheit erkennen lässt. Inwiefern ist es sinnvoll und welchen Mehrwert bietet es, ein regionales Konzept wie "Zomia" zu entwerfen? Überzeugt uns Scotts These der "anarchistischen" Hochlandbewohner, die vor dem Staat flüchteten? Wie wurde die Region noch charakterisiert und was lässt sich daraus für die konkrete Forschung ableiten? Das Seminar bewegt sich an einer Schnittstelle der ethnologischen, geographischen und historischen Forschung. Es hat zudem eine politische Dimension, denn im Mittelpunkt steht eine Region, die lange Zeit als peripher wahrgenommen wurde und in vielerlei Hinsicht marginalisiert war und ist. Das Seminar spricht alle an, die sich für die Minderheitengebiete des südostasiatischen Festlands interessieren oder diese kennenlernen möchten. Der regionale Schwerpunkt wird auf dem Nordosten Indiens, den Berggebieten von Myanmar und Thailand sowie auf der chinesischen Provinz Yunnan liegen. Voraussetzungen: Interesse an Minderheitenthemen; Grundkenntnisse der Sozial- und Politikethnologie sind von Vorteil, aber keine Bedingung Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: 14-täglich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Proseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: berit.fuhrmann@googlemail.com Hinweise: Das Seminar findet 14-täglich statt. Wir werden uns zu sieben Sitzungen treffen. Basis des Seminars ist die intensive Lektüre von zumeist englischen Texten, die in den Sitzungen kontextualisiert, präsentiert und diskutiert werden. Die Seminartexte werden ab der ersten Vorlesungswoche auf OLAT bereitgestellt. Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung 12 Literatur Michaud, J. 2009. The A to Z of the Peoples of the Southeast Asian Massif. Lanham: Scarecrow Press. Michaud, J. (ed.) 2000. Turbulent Times and Enduring Peoples. Mountain Minorities in the South-East Asian Massif. Richmond: Curzon Press. Scott, J. C. 2009. The Art of Not Being Governed. An Anarchist History of Upland Southeast Asia. New Haven & London: Yale University Press. 13 An Introduction to Contemporary Philippine Culture and Society Dozent/in: Doris Bacalzo Schwörer Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Do, 13.15 - 15.00, ab 21.02.2013 FRO, 4.B02 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: The Philippines is popularly known as the largest Catholic country in Asia, but what lies beneath this representation is a far more complex picture of cultural diversity with a multiethnic population across an archipelago of over 7000 islands. In this Proseminar, we will therefore ask: Who are the Filipinos? What sociocultural values and practices are said to be "Filipino" or of the Philippines? How and through what medium is the Philippines represented in various social contexts? How is the project of nation-making and "development" in the Philippines constituted and contested? What have been the responses to these challenges by various Filipino communities, including the transnational migrants or those in the diaspora, and not the least, the academia? With these questions, this course will introduce a way of understanding the constitution of the Philippine culture and society, the socioeconomic, political and cultural transformations, and contemporary social and development issues. Through the holistic and comprehensive approach of anthropological inquiry, we will explore the nature, origins, and ways of representations, or the epistemological and methodological issues dealing with the formation and politics of identities, citizenship and nationhood. For instance, to unpack the artificiality and consequences of early nationalizing processes since the colonial period, we will look at some classic ethnographies of different ethnic groups in the Philippines and take a critical perspective in situating the Philippine people and communities today. We will consider the diverse discourses, languages and beliefs that pertain to values and notions of belonging, social ties, intimate relationships, spirituality, personhood and identities, including gender and sexuality. We will look at different cultural practices such as those involving food, dance performances, martial arts, folk literature, bodily practices, traditional medicine and healing. We will also look at different economic activities and the material culture to gain further insights into the linked local and global processes in the historical and cultural construction of the Philippines or what "Filipino" means, and the directions and challenges into the 21st century. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Englisch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: dbacalzo@gmail.com Offen für Fachfremde: Offen als nichtjuristisches Wahlfach Hörer/innen: Offen für Gasthörer/innen 14 Einführung in die Ethnologie Dozent/in: Tobias Schwörer Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Do, 10.15 - 12.00, ab 21.02.2013 FRO, 4.B47 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: In diesem für Studierende der Ethnologie obligatorischen und insbesondere an Studierende im Grundstudium gerichteten Proseminar wird anhand eines Lehrbuchs ein Einblick in die zentralen Themenbereiche des Fachs Ethnologie gegeben. Anhand einer Fülle von ethnographischen Beispielen aus aller Welt wird die Vielfalt und Breite des Fachs veranschaulicht und kulturelle Phänomene jeweils auch im Vergleich zur eigenen Gesellschaft erläutert. Wichtige Themengebiete welche zusammen diskutiert werden sind die Strukturen des sozialen Zusammenlebens, Verwandtschaft und Gender, politische und wirtschaftliche Organisation, Religion und Rituale, sowie klassische Begriffe wie Taboo, Gabentausch, Symbolismus, aber auch moderne Phänomene wie Tourismus und interkulturelle Zusammenarbeit sowie Globalisierung und Transnationalismus. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Proseminar Einführung in die Ethnologie Proseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: tobias.schwoerer@unilu.ch Hörer/innen: Offen für Gasthörer/innen Literatur Hendry, Joy. 2008. An Introduction to Social Anthropology: Sharing our Worlds. Second Edition. Houndmills: Palgrave MacMillan 15 Einführung in die Wirtschaftsethnologie Dozent/in: Dr. Angelica Wehrli Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mi, 13.15 - 15.00, ab 20.02.2013 FRO, 4.B02 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: In dieser Veranstaltung werden zentrale Themen und verschiedene theoretische Ansätze der Wirtschftsethnologie behandelt. Neben den klassischen Problemenstellungen rund um Strategien der Einkommens- und Überlebenssicherungs, Gabentausch, sowie Motiven der wirtschaftlichen Handlungsweisen werden neuere Themen wie Globalisierung, Massenmedien, Fragen der Nachhaltigkeit, Fairer Handel und Konsum zur Sprache kommen. Als Diskussionsgrundlage verwenden wir ein einführendes Lehrbuch sowie ergänzende Literatur zu ausgewählten Aspekten. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Profilierungsbereich Proseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: angelica.wehrli@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Eine Literaturliste zu den einzelnen Themen sowie zu den Sitzungen wird am Anfang des Seminars elektronisch bereitgestellt. Zur Einstimmung und Vorbereitung auf das Thema eignet sich folgende Quelle: - West, Paige 2012: From modern production to imagined primitive. The social world of coffee from Papua New Guinea. Durham NC: Duke University Press. 16 Ethnologie der Gewalt Dozent/in: Tobias Schwörer Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Do, 15.15 - 17.00, ab 21.02.2013 FRO, 4.B54 Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: Gewalt als ein ausseralltägliches und emotionsgeladenes Phänomen menschlichen Zusammenlebens weckte seit den Anfängen der Kultur- und Sozialanthropologie das Interesse von Ethnologen. Klassische Studien widmeten sich der Gewalt als Konstante in sozialen Beziehungen zwischen genealogischen Einheiten oder als Ausdruck politischer und ritueller Macht elitärer Schichten. Auch Untersuchungen zur Geburt des Krieges, zur politischen Ökonomie von kleinräumigen Konflikten und zum gewaltsamen Aufeinandertreffen von Kolonialmächten und autochthonen Gesellschaften waren lange Zeit wichtige Spezialgebiete der politischen Anthropologie. Mit der Zunahme von ethnisch motivierten Konflikten, mit den Terroranschlägen von 9/11 und den Kriegen in Irak und Afghanistan in den letzten zehn Jahren erreichten akademische Untersuchungen zum Thema Gewalt erneute Aufmerksamkeit und Relevanz, und es wurden Studien insbesondere zum Terrorismus und staatlich sanktionierter Gewalt gefordert und gefördert. Dieses Proseminar liefert einen breiten Überblick über die unterschiedlichen Themen und Herangehensweisen an das Phänomen Gewalt aus ethnologischer Sicht, von interpersoneller und häuslicher Gewalt, Gewalt und Gewaltlosigkeit in einfachen Gesellschaften, neueren Formen "traditioneller" Gewalt wie Schadenszauber, bis hin zu Terrorismus und staatlich sanktionierter Gewalt. Wir werden uns insbesondere auch mit neueren Studien zur Ethnologie der Gewalt beschäftigen, und die unterschiedlichen theoretischen Erklärungsweisen und methodologischen Probleme kritisch diskutieren. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: tobias.schwoerer@unilu.ch Hörer/innen: Offen für Gasthörer/innen Literatur Strathern, Andrew; Pamela J. Stewart und Neil L. Whitehead (eds.). 2006. Terror and Violence: Imagination and the Unimaginable. Ann Arbor, MI: Pluto Press. Whitehead, Neil L. (ed.) 2004. Violence. Santa Fe: School of American Research Press and Oxford: James Currey. 17 Ethnologie des Staates Dozent/in: Ibrahim Ankaoglu Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Di, 13.15 - 15.00, ab 19.02.2013 FRO, 4.B51 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: Seit dem Ende der 90er Jahre ist in der Ethnologie ein zunehmendes Interesse am Staat und seiner Beziehung zur Gesellschaft festzustellen. Die insbesondere in der nordamerikanischen Literatur als "Anthropology of the State" bekannte Forschungsrichtung behandelt den Staat im Gegensatz zu älteren politikwissenschaftlichen Werken nicht mehr als eine nach aussen geschlossene, homogene, systemisch kohärente Entität, sondern vielmehr als dynamisch fragmentierte und sich ständig verändernde Wirkungsfelder, in denen Handlungen von Akteuren im Kontext von Auseinandersetzungen um Macht und Raum in lokal-globalen Arenen über die national definierten Grenzen der jeweiligen Staaten hinausgreifen. Symbolische Repräsentationen der Macht im Staat, Geschichtslegitimationen, hierarchische Administrationen von marginalisierten Regionen sowie regionale bis internationale Grenzkonflikte bilden hierbei oft die wesentliche Forschungsgrundlage für eine diskurstheoretische Untersuchung des Staates, um Motivation und Interessengegensätze der beteiligten ethnischen sowie staatlichen Akteure zu bestimmen. In diesem einführenden Proseminar werden zunächst anhand von ausgewählten Texten Einblicke in die zentralen Bereiche und Grundbegriffe des Themas gegeben. Anschliessend wird in den einzelnen Sitzungen auf der Basis von regionalen Beispielen aus dem Nahen Osten, Zentral-, Ost- und Südostasien die Bandbreite und Vielfalt der Thematik dargestellt. Es wird aufgezeigt, wie das Zusammenwirken der Akteure und die vorherrschenden Regeln bzw. Strukturen der soziopolitischen Institutionen nationale, politische und geodeterministische Leitbilder produzieren und den Staat im Wirkungsgefüge regionaler und internationaler Staatlichkeit bestimmen. Wie können geopolitische Konflikte im Staat im Kontext ökologischer Ressourcen (Indonesien), der nationalen Grenzen (Türkei, Russland, Chinesisches Meer), der Souveränität (Israel, Schweiz) sowie der Autonomie (Palästina, Tibet, Xinjiang) untersucht werden. Ethnische Diversität und Homogenität und ihre Wechselwirkung auf staatliche Konstitutionen werden ebenso thematisiert wie die Militarisierung der Gesellschaft, staatliche Rituale, nationale Sicherheitskonzepte sowie Globalisierung regional marginalisierter, ethnischer Konflikte. All diesen Themen wird eine ethnologische Perspektive zugrunde gelegt, in denen insbesondere die daran beteiligten Akteure in ihren sozialen, räumlichen sowie kulturellen Kontexten analysiert und diskutiert werden sollen. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Profilierungsbereich Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: ibrahim.ankaoglu@yahoo.de Eine Literaturliste wird zu den einzelnen Themen sowie zu den verschiedenen Sitzungen am Anfang des Seminars bereitgestellt. Zur Einstimmung und Vorbereitung auf das Thema eignen sich folgende Quellen: - Bevir, M. & R.A.W. Rhodes (2010): The State as Cultural Practice. Oxford: Oxford University Press. - Chun, A. (2009): On the geopolitics of Identity. In: Anthropological Theory. September 2009, 9: 331-349. - Gusterson, H. (2007): Anthropology and Militarism. In: Annual Review of Anthropology. Vol. 36: 155-175. - Hansen, T & F. Stepputat (2001): Introduction: States of Imagination. In: Hansen, T. & F. Stepputat (eds.): States of Imagination – Ethnographic Explorations oft the Post-Colonial State. Durham, NC: Duke University Press. S. 1-38. - Sharma, A. & A. Gupta (eds.; 2006): The Anthropology of the State: A Reader. Oxford: Blackwell. 18 Kuba im Spannungsfeld von ökonomischen Herausforderungen Dozent/in: Dr. Angelica Wehrli Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mi, 15.15 - 17.00, ab 20.02.2013 FRO, 4.B02 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: In diesem Seminar werden wir der Frage nachgehen, vor welchen ökonomischen Herausforderungen Kuba steht. Um ein möglichst ganzheitliches Bild zu erlangen, ist es sinnvoll Geschichte, Politik, Wirtschaft sowie den sich verändernden Alltag der KubanerInnen mit einzubeziehen. Da das Verstehen der Vergangenheit gleichsam die Basis bildet, um die Aktualität in ihrer Komplexität nachzuvollziehen, werfen wir in einem ersten Teil des Seminars einen Blick auf die Geschichte Kubas von der Kolonial- bis zur Revolutionszeit. Darauf aufbauend werden sowohl politische als auch ideologische Überzeugungen genauer betrachtet, die für den „Sozialismus auf der Tropeninsel“ charakteristisch sind. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die durch den Zusammenbruch des Ostblockes hervorgerufene Wirtschaftskrise: Wurde die anfangs der 1990er Jahren proklamierte „Spezialperiode in Zeiten des Friedens“ zu einem Normalzustand? Was hat sich seit der Machtübergabe von Fidel Castro an seinen jüngeren Bruder Raúl Castro verändert? Zudem werden wir analysieren inwieweit eine Diskrepanz besteht zwischen Sozialismus und Marktwirtschaft bzw. wie sich dieses Spannungsfeld im konkreten Alltagsleben der KubanerInenn manifestiert. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Profilierungsbereich Proseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Proseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: angelica.wehrli@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Eine Literaturliste zu den einzelnen Themen sowie zu den Sitzungen wird am Anfang des Seminars elektronisch bereitgestellt. 19 Methodenseminar Dozent/in: Prof. Dr. Werner Egli Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mo, 15.15 - 17.00, ab 18.02.2013 FRO, 4.B51 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Methodisches Seminar Inhalt: In dieser Veranstaltung wird in die grundlegenden Methoden ethnographischer Feldforschung von der Zensuserhebung, über die teilnehmende und systematische Beobachtung, verschiedene Formen des Interviews, die klassische genealogische Methode bis hin zur Verwendung von Fotografie und Video als methodische Instrumente eingeführt. Kenntnis der methodischen Vorgehensweisen ist sowohl für die Planung und Durchführung eigener Forschungen wie auch zur kritischen Einschätzung ethnographischer Quellen bedeutsam. Zusätzlich zur Bearbeitung einzelner Fallbeispiele zur Einübung der Methoden besteht die Möglichkeit, selbständig eine kleine Forschung als Grundlage einer Proseminararbeit durchzuführen. Vorgesehen sind kurze Feldaufenthalte in Dörfern des Oberwallis. Bei der Organisation der Feldaufenthalte kann die Veranstaltungsleitung behilflich sein. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Methodenseminar in Ethnologie (BA) Methodenübung in Wissenschaftsforschung (MA) Profilierungsbereich Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: werner.egli@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Beer, Bettina (ed.), Methoden ethnologischer Feldforschung. (2. Aufl.) Berlin: Reimer Verlag 2008. 20 Anthropologie des Körpers Dozent/in: Anika König Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Di, 15.15 - 17.00, ab 19.02.2013 FRO, 4.B54 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: Die Anthropologie des Körpers hat sich vor allem in den letzen zwei Jahrzehnten zu einem wichtigen Bereich der Ethnologie entwickelt. Während philosophische, feministische und poststrukturalistische Ansätze der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sich zwar verstärkt mit der Thematik 'Körper' beschäftigten, sie aber auf einer sehr abstrakten Ebene behandelten, hat sich in den letzen Jahren eine Reihe von AnthropologInnen dem Thema auf andere, direktere Weisen, genähert. Diese reichen von der direkten und explizit körperlichen Teilnahme von EthnographInnen an sozialen Praktiken (wie es z.B. Loic Wacquant durch das Training in einem Chicagoer Boxstudio gezeigt hat oder Paul Stoller durch seine Ausbildung zum Zauberer bei den Songhay in Mali und Niger) bis hin zu einem Fokus auf körperlichen Praktiken und Empfindungen der Subjekte ethnographischer Forschungen (z.B. Bourgeois' und Schonbergs Studien mit Drogenabhängigen in den USA oder Temans Forschungen mit Leihmüttern und deren Auftraggeberinnen in Israel). Die Anthropologie des Körpers weist hier viele Überschneidungen mit anderen, verwandten, Themenbereichen der Ethnologie auf - insbesondere der Ethnologie der Sinne, der Medizinethnologie, sowie phänomenologischen Ansätzen. In diesem Seminar werden einige Studien aus dem Bereich der Anthropologie des Körpers exemplarisch vorgestellt und anhand dieser Studien sollen sowohl theoretische als auch praktische Fragen näher behandelt werden. Während es auf der theoretischen Ebene um die Rolle des Körpers in der Anthropologie/Ethnologie und aktuelle Diskussionen innerhalb der Disziplin gehen soll, werden die praktischen Fragen sich in erster Linie um die Möglichkeiten drehen, die wir als EthnologInnen haben, unseren eigenen Körper bzw. körperliche Wahrnehmungen und Erfahrungen derjenigen, mit denen wir arbeiten, in unsere Forschungen und deren schriftliche Ausarbeitungen einzubringen. Voraussetzungen: Dieses Seminar ist für Studierende ohne Vorkenntnisse nicht geeignet. Vertrautheit mit den wichtigen Konzepten der Ethnologie ist eine Voraussetzung für die Teilnahme. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Hauptseminar in Ethnologie Masterseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: Anika.Koenig@anu.edu.au Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Die Literatur für dieses Seminar ist ausschliesslich in englischer Sprache verfasst. Bourgeois, P., and J. Schonberg. 2009. Righteous Dopefiend. Berkeley: University of California Press. Stoller, P. 1997. Sensuous Scholarship. Philadelphia: University of Pennsylvania Press. Teman, E. 2010. Birthing a Mother: The Surrogate Body and the Pregnant Self. Berkeley: University of California Press. Wacquant, L. 2004. Body & Soul: Notebooks of an Apprentice Boxer. Oxford et al.: Oxford University Press. 21 Ethnologie der Kindheit Dozent/in: Prof. Dr. Werner Egli Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mo, 13.15 - 15.00, ab 18.02.2013 FRO, 4.B51 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: Das Interesse an Kindheit in anderen Kulturen geht auf die Anfänge der Ethnologie zurück. Wie werden Kinder sozialisiert und enkulturiert, wie hängen diese Prozesse mit dem gesellschaftlichen Reproduktions- zusammenhang und mit spezifischen kulturellen Settings zusammen, und was besagen sie für die Anlage-Umwelt-Debatte? Diese Fragen wurden typisch für die Culture-&-Personality-Research in den USA, die die ethnologische Kindheitsforschung lange dominierte. In den 1980er-Jahren kam ein neuer Ansatz auf, der sich vermehrt der Lebenswelt von Kindern zuwandte. Nicht mehr das Kind als passives Objekt der Anpassung war der Fokus, sondern das Kind als handelndes Subjekt; nicht mehr nur über Kinder sollte geforscht werden, sondern mit Kindern. Im Mittelpunkt des Seminars steht die Auseinandersetzung mit ausgewählten klassischen und zeitgenössischen Themen ethnologischer Kindheitsforschung (formelle versus informelle Erziehung, Initiation, Kindergruppen, Erziehung und Gesellschaftstyp, Formen der Kindpflegschaft, Kinderarbeit und Arbeit von Kindern, Kindersoldaten u.a.m.). Die einzelnen Themen sollen vorwiegend anhand ethnographischer Fallstudien behandelt werden. Neben der wöchentlichen Lektüre von Basistexten setzt die Teilnahme am Seminar die Übernahme eines Referats voraus. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Hauptseminar in Ethnologie Masterseminar in Ethnologie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: werner.egli@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur James, Allison & Adrian James, Key Concepts in Childhood Studies. London: SAGE 2008. AnthropoChildren, Nr.1, Jan. 2012 (http://popups.ulg.ac.be/AnthropoChildren/sommaire.php?id=121) 22 Indigenität in lokaler und globaler Perspektive Dozent/in: Berit Fuhrmann Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: 14-täglich Di, 08.15 - 12.00, ab 19.02.2013 FRO, 3.B58 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: Zu Beginn des 20. Jhds. sagten einige westliche Wissenschaftler das Ende indigener Kulturen und Identitäten voraus. Sie nahmen an, dass indigene Gesellschaften untergehen oder assimiliert werden, da sie den radikalen Transformationen ihrer Lebenswelten nichts entgegenzusetzen hätten. Der kulturelle Wandel indigener Gesellschaften wurde v.a. als Kulturverlust wahrgenommen und die Zukunft schien dem Westen und seinen global exportierten Ideologien der Moderne und des Fortschritts zu gehören. Anfang des 21. Jhds. zeigt sich, dass die Situation indigener Gesellschaften nicht den einstigen Vorhersagen entspricht. Die Herausforderungen, die sich durch Konfrontationen mit dem postkolonialen Staat oder mit multinationalen Unternehmen ergeben, haben sich nicht minimiert. Dennoch ist offensichtlich, dass indigene Gesellschaften widerständig sind und ihren Platz in der globalen Kultur, Politik und Ökonomie der Gegenwart behaupten. Diskurse über "Indigenität" und "indigene Gruppen" zirkulieren inzwischen auf transnationaler Ebene und es lässt sich eine politische Position des "Indigenismus" identifizieren, die heterogen ist und durch die historischen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen bestimmt wird. Im Seminar wollen wir uns anhand ausgewählter Fallbeispiele mit der Politik und der gelebten Erfahrung von Indigenität auseinandersetzen. Es kann und soll dabei nicht um einen allgemeinen Überblick über "indigene Gesellschaften weltweit" gehen, sondern wir wollen uns mit den zentralen Konzepten befassen, die die gegenwärtigen Debatten um den Begriff der "Indigenität" bestimmen. Den komplexen Begriff "Indigenität" wollen wir als ethnologisches Konzept, aber auch als politische und rechtliche Kategorie kennenlernen und behandeln. Fragen werden sein: - Wie haben sich Ethnologen mit dem Gegenstand der Indigenität auseinandergesetzt? - Wie wird Indigenen- und Minderheitenstatus in verschiedenen Regionen definiert und produziert? - Welche Strategien wenden indigene Akteure an, um sich auf lokaler, regionaler und transnationaler Ebene zu organisieren und politisch aktiv zu werden? - Was sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für den globalen indigenen Aktivismus? - Wie wirkt die Internationalisierung und Institutionalisierung lokaler Indigenitätskonstruktionen darauf zurück, wie Menschen und Gruppen über sich selbst denken und politisch handeln? Im Seminar werden uns ethnologische Kernkonzepte wie Kultur, Identität, Repräsentation, Inklusion und Exklusion, Fortschritt und Entwicklung begleiten, die wir theoretisch fundiert diskutieren wollen. Andere Themen, die in Bezug auf indigene Gruppen ebenfalls relevant sind und bereits eine grössere Öffentlichkeit erreichen, wie Landraub, Menschenrechte oder die Implementierung von Entwicklungsprojekten, werden wir aus einem spezifisch ethnologischen Blickwinkel beleuchten. Voraussetzungen: Interesse an Minderheitenthemen Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: 14-täglich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Hauptseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Hauptseminar in Ethnologie Masterseminar in Ethnologie Profilierungsbereich Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA 23 Weitere Studienleistungen im Modul Weltgesellschaft Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: berit.fuhrmann@googlemail.com Hinweise: Das Seminar findet 14-täglich statt. Wir werden uns zu sieben Sitzungen treffen. Basis des Seminars ist die intensive Lektüre von zumeist englischen Texten, die in den Sitzungen kontextualisiert, präsentiert und diskutiert werden. Die Seminartexte werden ab der ersten Vorlesungswoche auf OLAT bereitgestellt. Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Cadena, M. de la, Starn, O. (eds.) 2007. Indigenous Experience Today. Oxford & New York: Berg. Dean, B., Levi, J. M. (eds.) 2003. At the Risk of Being Heard. Identity, Indigenous Rights, and Postcolonical States. Ann Arbor: The University of Michigan Press. Hall, T. D., Fenelon, J. V. 2009. Indigenous People and Globalization. Resistance and Revitalization. Boulder: Paradigm Publishers. Minde, H. (ed.) 2008. Indigenous People. Self-determination, Knowledge, Identity. Delft: Eburon. Venkateswar, S., Hughes, E. (eds.) 2011. The Politics of Indigeneity. Dialogues and Reflections on Indigenous Activism. London: Zed Books. 24 Wiederaufbau nach Katastrophen: Ethnologische Perspektiven Dozent/in: Dr. Esther Leemann Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mo, 10.15 - 12.00, ab 25.02.2013 FRO, HS 11 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: Die Häufigkeit und der Grad der Zerstörung von Naturkatastrophen sind in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen, mit gravierenden Auswirkungen vor allem in den Entwicklungsländern. Neben den menschlichen Verlusten ist eine der sichtbarsten und gravierendsten Auswirkungen jeder grösseren Katastrophe die Zerstörung von Häusern und Siedlungen. Der Verlust von „housing“ ist verbunden mit der Zerstörung von Schutz, Privatsphäre und Lebensunterhalt. Beim Wiederaufbau nach einer Katastrophe sollte der soziale, ökonomische, politische und kulturelle Kontext gebührend berücksichtigt werden, was in der Praxis jedoch aus verschiedenen Gründen nicht immer der Fall ist. Das Proseminar setzt sich mit mittleren und langfristigen Auswirkungen von Wiederaufbaumassnahmen auseinander. Ethnografische Fallstudien zum Wiederaufbau u.a. nach dem Erdbeben in Gujarat, Indien (2001), dem Tsunami (2004), sowie dem Hurrikan Mitch (1998) befassen sich unter anderem mit den sozialen, kulturellen, ökonomischen, ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen von Umsiedlungen und allgemeiner von verschiedenen Ansätzen des housing-Wiederaufbaus, der Rolle von sozialem Kapital und politischer leadership beim Zugang zu Unterstützung sowie dem Einfluss von externer Katastrophenhilfe auf die lokale politische und soziale Organisation und die Netzwerke. Weiter wird das Zusammenspiel von nationalen Politiken, internationalen Akteuren und Lokalregierungen beim Wiederaufbau betrachtet und Verbesserungs- möglichkeiten diskutiert. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Hauptseminar im Modul Wahlschwerpunkt Ethnologie & Wirtschaft Hauptseminar in Ethnologie Masterseminar in Ethnologie Profilierungsbereich Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Modul Weltgesellschaft Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Essay oder Referat) (4) Kontakt: esther.leemann@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Das Detailprogramm und eine ausführliche Literaturliste werden in der Veranstaltung bekannt gegeben. Literatur: Duyne Barenstein, Jennifer and Esther Leemann (eds.) 2012. Post-Disaster Reconstruction and Change: Communities’ Perspectives. Boca Raton: CRC Press, Taylor & Francis Group. 25 Forschungskolloquium Dozent/in: Prof. Dr. Jürg Helbling Durchführender Fachbereich: KSF \ Ethnologie Termine: Wöchentlich Mi, 17.15 - 19.00, ab 20.02.2013 FRO, 3.B52 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Kolloquium Inhalt: Im Kolloquium werden aktuelle Forschungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Seminars vorgestellt, aber auch Gäste eingeladen, die von Themen und Problemen aus ihren laufenden Forschungen berichten. Studierende können am Kolloquium teilnehmen und bei regelmäßiger Teilnahme sowie aktiver Vorbereitung 2 CP erhalten. Gründen Studierende eine Lektüregruppe, in der sie jeweils einen ausgewählten Text der Vortragenden lesen und diskutieren, können außerdem 2 Sozialkompetenz- punkte vergeben werden. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Ethnologie BA Freie Studienleistungen Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Prüfungsmodus / Credits: Bestätigte Teilnahme (2) Kontakt: juerg.helbling@unilu.ch Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung 26 Anrechenbare Lehrveranstaltungen aus anderen Fachbereichen Einführung in die Wissenschaftstheorie Dozent/in: Dr. Jonas Pfister Durchführender Fachbereich: KSF \ Philosophie Termine: Wöchentlich Mo, 15.15 - 17.00, ab 18.02.2013 FRO, 4.B02 Studienstufe: Bachelor Veranstaltungsart: Proseminar Inhalt: In diesem Kurs wird in Grundfragen und Positionen der Wissenschaftstheorie eingeführt. Folgende Fragen werden behandelt: Was unterscheidet Wissenschaft von Pseudo-Wissenschaft? Was sind wissenschaftliche Methoden? Ist es besser, induktiv oder hypothetisch- deduktiv vorzugehen? Wann gilt eine Hypothese als bestätigt? Was ist eine wissenschaftliche Erklärung? Wann ist eine wissenschaftliche Theorie besser als eine andere? Wer hat Recht, der wissenschaftliche Realismus oder der wissenschaftliche Anti-Realismus? Diese Fragen sollen anhand von klassischen Texten der Wissenschaftstheorie untersucht werden. Wir lesen in Auszügen Texte von Galilei, Bacon, Descartes, Mill, Carnap, Hempel, Popper, Kuhn und Feyerabend. Lernziele: 1. Grundfragen der Wissenschaftstheorie kennen und diskutieren können. 2. Grundpositionen der Wissenschaftstheorie kennen und beurteilen können. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: Wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Philosophie BA Philosophie Philosophie Proseminar im Bereich Praktische Philosophie Proseminar im Bereich Theoretische Philosophie Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Philosophie BA Prüfungsmodus / Credits: TF \ Theologie: Äquivalent zu benoteter Prüfung: schriftliche Ausarbeitung (4) TF \ Theologie: Äquivalent zu unbenoteter Prüfung: Prüfung, Essay (3) Aktive Teilnahme (Prüfung, Essay) (4) Kontakt: jonas.pfister@unilu.ch Hinweise: - Logikkenntnisse sind von Vorteil, aber nicht unbedingt nötig. - TF \ Theologie: Die Lehrveranstaltung gilt als Lektürekurs. Hörer/innen: Teilnahme nach Vereinbarung Literatur Einführungen (Auswahl): Martin Carrier, Wissenschaftstheorie zur Einführung, 3. erg. Auflage, Hamburg: Junius, 2011. Karel Lambert und Gordon Brittan, Eine Einführung in die Wissenschaftsphilosophie, Berlin: De Gruyter, 1991. Hans Poser, Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung, 5. durchges. und erw. Auflage, Stuttgart: Reclam, 2012. A.F. Chalmers, What is this thing called Science?, 3rd ed., Open University Press, 1999. 27 Grand Hotel Paradis: Tourismus und kultureller Wandel 1750-1900 Dozent/in: Prof. Dr. Jon Mathieu Durchführender Fachbereich: KSF \ Geschichte Termine: Wöchentlich Mi, 10.15 - 12.00, ab 20.02.2013 FRO, 4.A05 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: Seit dem 18. Jahrhundert hat sich der Tourismus zu einem der grössten Wirtschaftszweige entwickelt, mit weltweit bald über einer Milliarde Reisender pro Jahr. Die genauen Hintergründe, Modalitäten und Effekte dieses Aufschwungs sind bisher nur ungenügend erforscht. In jüngster Zeit mehren sich aber auch tourismushistorische Untersuchungen, und es zeichnet sich ab, dass hier ein wichtiges internationales Forschungsfeld entsteht. Daran hat die Schweiz mit ihrer interessanten touristischen Vergangenheit einen nicht geringen Anteil. In diesem Seminar verfolgen wir zwei Ziele: Wir stellen erstens die neue Literatur zur Tourismusgeschichte von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis in die Belle Époque zur Diskussion. Zweitens nehmen wir Sondierungen vor zu verschiedensten Bereichen und Aspekten der touristischen Entwicklung (von der „Meereslust“ bis zu den „pittoresken und erhabenen Alpengebirgen“, von religiösen und medizinischen bis zu modisch-mondänen Reisemotiven, von der Faszination des „Echten“ und „Traditionellen“ bis zum technischen Innovationszwang in der grossen Hotellerie). Der Anlass des Seminars ist das laufende Nationalfonds-Projekt „Luzern, Löwenplatz – eine touristische Bilderfabrik“. Im Zentrum steht die Frage, auf welchen kulturellen Voraussetzungen der Tourismus fusste und wie er mit seinem Wachstum die allgemeinen Kulturmuster der Moderne beeinflusste. Umfang: 2 Semesterwochenstunden Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Geschichte BA Freie Studienleistungen Geschichte MA Hauptseminar im Bereich Neuzeit Profilierungsbereich Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Fach Geschichte BA Weitere Studienleistungen im Fach Geschichte MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (4) Begrenzung: Max. 30 Teilnehmende Kontakt: jon.mathieu@doz.unilu.ch 28 Magic and Science in the Modern West Dozent/in: PhD Crispin R. C. Barker Durchführender Fachbereich: KSF \ Integrierter Studiengang Kulturwissenschaften Termine: Wöchentlich Do, 15.15 - 17.00, ab 21.02.2013 FRO, 4.B02 Studienstufe: Bachelor / Master / Doktorat Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: What is ‘science,’ and how did Western citizens, their senses, and their governing institutions learn to distinguish between it and other activities expanding the frontiers of knowledge, such as natural magic and Biblical exegesis? Magic and Science in the Modern West examines how science changed from the age of Copernicus to the era of Einstein, and how the vigorous Enlightenment, Victorian, and Progressive Era fashions for lectures, museums, and popular experiments demonstrating the latest advances in natural philosophy, medicine, and industry gave birth to a new, secular species of magic that entertained and educated by blending traditional prestidigitation with the exhibition and investigation of mechanical and natural wonders, thereby promoting rational explanations over miracles and superstition. In its exploration of the development of a Western scientific sensibilité, this course discusses automata and the mimicry of life; optics; electrical theory and its popular manifestations; mesmerism and spiritualism; experimental instruments; the rise of the professional scientist; objectivity and wonder; the emergence of anthropological and historical dichotomies separating science, magic, and religion; invention, performance, and entrepreneurship in the careers of such scientists as Boyle and Faraday; the social and scientific legitimation of discoveries; standards of proof; and how these intersected with the actors, audiences, practices, and attractions of one of the most influential entertainment movements of the modern era. Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Kulturwissenschaften BA Freie Studienleistungen Kulturwissenschaften MA Freie Studienleistungen Religionswissenschaft BA Hauptseminar im Bereich Neuzeit Hauptseminar im Bereich Religionsgeschichte Hauptseminar im Bereich Theorie und Geschichte der Kulturwissenschaften Hauptseminar im Modul Kulturwissenschaften Hauptseminar in Wissenschaftsforschung Profilierungsbereich Religionswissenschaft Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Fach Geschichte BA Weitere Studienleistungen im Fach Geschichte MA Weitere Studienleistungen im Fach Religionswissenschaft BA Weitere Studienleistungen im Fach Religionswissenschaft MA Weitere Studienleistungen im Modul Grundlagen der Kulturwissenschaften Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (4) Kontakt: crispin.barker@unilu.ch Hinweise: Für Studierende des Majors Wissenschaftsforschung im Rahmen des ISK (MA) ist dieses Seminar anrechenbar für die Schwerpunkte ‚Konzepte‘ und ‚Projekte‘. Offen für Fachfremde: Offen als nichtjuristisches Wahlfach Hörer/innen: Offen für Gasthörer/innen Sample readings: Lorraine Daston and Katharine Park, “The Passions of Inquiry” and “The Enlightenment and the Anti- Marvelous,” in Wonders and the Order of Nature, 1150-1750 (MIT, 1998). Simon Schaffer, “Enlightened Automata,” in The Sciences in Enlightened Europe (Chicago, 1999). Iwan Rhys Morus, “The Errors of a Fashionable Man: Michael Faraday and the Royal Institution,” in Frankenstein’s Children: Electricity, Exhibition, and Experiment in Early-Nineteenth-Century London (Princeton, 1998). Lorraine Daston and Peter Galison, “Truth-to-Nature” and “Mechanical Objectivity,” in Objectivity (Zone Books, 2007). 29 Muslimische Jugendgruppen in der Schweiz: Rahmenbedingungen, Strukturen und Funktionen Dozent/in: Dr. phil. Jürgen Endres Durchführender Fachbereich: KSF \ Religionswissenschaft Termine: Wöchentlich Fr, 10.15 - 12.00, ab 22.02.2013 FRO, 4.B51 Studienstufe: Bachelor / Master Veranstaltungsart: Hauptseminar Inhalt: In der Schweiz gibt es derzeit ein breites Spektrum von weit mehr als 80 verschiedenen muslimischen Jugendgruppen. In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Gruppen und ihre Aktivitäten oftmals äusserst kritisch wahrgenommen und immer wieder als Manifestationen parallelgesellschaftlicher Tendenzen beurteilt. Dementsprechend werden im öffentlichen Diskurs mögliche Gefahren und negative gesellschaftliche Konsequenzen betont. Mögliche positive gesellschaftliche Potentiale hingegen, wie sie etwa jüngst in einer Studie des Zentrums Religionsforschung der Universität Luzern aufgezeigt wurden, werden jedoch meist ausgeklammert bzw. ignoriert. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des Seminars, die gesellschaftspolitische Bedeutung der muslimischen Jugendgruppen in der Schweiz zu analysieren. Folgende Fragen sollen dabei innerhalb des Seminars theoriegeleitet untersucht werden: Welche muslimischen Jugendgruppen gibt es in der Schweiz? In welche gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen sind diese Gruppen eingebettet? Wie wirken sich diese Rahmenbedingungen auf die muslimischen Jugendgruppen, ihr Selbstverständnis und ihre Aktivitäten aus? Welche Bedeutung nimmt Religion bei den Aktivitäten der muslimischen Jugendgruppen ein? Und schliesslich, welche Funktionen erfüllen die muslimischen Jugendgruppen sowohl für ihre Mitglieder als auch für die Schweizer Gesellschaft? Umfang: 2 Semesterwochenstunden Turnus: wöchentlich Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Hauptseminar im Bereich Systematische Religionswissenschaft Hauptseminar in Religionswissenschaft Profilierungsbereich Religionswissenschaft Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie BA Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Fach Religionswissenschaft BA Weitere Studienleistungen im Fach Religionswissenschaft MA Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Referat) (4) Anmeldung: Uniportal Kontakt: juergen.endres@unilu.ch Literatur Empfohlene Literatur zur Vorbereitung: Liedhegener, Antonius/Werkner, Ines-Jacqueline 2011: "Religion, Zivilgesellschaft und politisches System – ein offenes Forschungsfeld", in: Liedhegener/Werkner (Hg.): Religion zwischen Zivilgesellschaft und politischem System. Befunde – Positionen – Perspektiven, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 9 – 36 von Wensierski, Hans-Jürgen/Lübcke, Claudia 2007: "HipHop, Kopftuch und Familie – Jugendphase und Jugendkulturen junger Muslime in Deutschland", in: Christine Hunner-Kreisel / Sabine Andresen (Hg.): Kindheit und Jugend in muslimischen Lebenswelten, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 157 – 175 30 Religionssoziologie Dozent/in: Prof. Dr. Bernt Schnettler Durchführender Fachbereich: KSF \ Soziologie Vorbesprechung: Fr, 01.03.2013, 10.15 - 12.00 FRO, HS 11 Terminierung 1: Fr, 03.05.2013, 10.15 - 17.00 FRO, HS 3 Terminierung 2: Sa, 04.05.2013, 09.15 - 16.00, Sa, 18.05.2013, 09.15 - 16.00 FRO, 3.B57 Terminierung 3: Fr, 17.05.2013, 10.15 - 17.00 FRO, HS 5 Studienstufe: Master Veranstaltungsart: Masterseminar Inhalt: Im Mittelpunkt des Masterseminars stehen (wissens-)soziologische Analysen zur Sozialform der Religion in der Gegenwart. Dazu werden wir zunächst die Entstehung und Geschichte der Religionssoziologie sowie einige klassische und neoklassische soziologische Theorien der Religion knapp rekapitulieren und religionssoziologische Grundbegriffe klären. Schwerpunkt des Seminars soll dann die ausführliche Diskussion von Untersuchungen zur gegenwärtigen Situation der Religion in der Schweiz sowie dem weiteren deutschsprachigen und europäischen Kontext bilden. Die einzelnen Sitzungen umfassen folgendes Spektrum, das in Abstimmung mit den Seminarteilnehmerinnen um weitere Aspekte ergänzt werden kann: Religion in wissenssoziologischer Perspektive – Rückblick: Geschichte und Grundlagen der Religionssoziologie – Klassische Positionen – Von der Kirchensoziologie zur Zivilreligion – Neoklassische Religionssoziologie – Transzendenzerfahrungen – Qualitative Religionsforschung – Genres religiöser Kommunikation – Individualisierung und Pluralisierung – Medien und Märkte – Neue Sozialformen der Religion: radikale Religion – alternative Religion – ekstatische Kultur – populäre Religion – Auflösung oder Transformation der Religion? Umfang: 2 Semesterwochenstunden Sprache: Deutsch Anrechnungsmöglichkeit/en: Freie Studienleistungen Soziologie MA Masterseminar im Modul Weltgesellschaft Masterseminar in Religionswissenschaft Masterseminar Religionsforschung Masterseminar Weltgesellschaft und Weltpolitik Religionswissenschaft Weitere Studienleistungen im Fach Ethnologie MA Weitere Studienleistungen im Fach Religionswissenschaft MA Weitere Studienleistungen im Modul Weltgesellschaft Weitere Studienleistungen im Sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt Religionsforschung Weitere Studienleistungen im Sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt Weltgesellschaft und Weltpolitik Prüfungsmodus / Credits: Aktive Teilnahme (Referat) (4) Kontakt: schnettler@uni-bayreuth.de Material: Texte werden über OLAT zugänglich gemacht. Literatur Zur einführenden Übersicht empfohlene Literatur: T. Luckmann: Die unsichtbare Religion, Frankfurt am Main 1991 H. Knoblauch: Religionssoziologie, Berlin/New York 1999 M. Stausberg: Contemporary Theories of Religion, London/New York 2009 Weitere Literatur wird auf OLAT verfügbar gemacht. E th n o lo g is ch es S em in ar Le h rv er an st al tu n g en i m F rü h ja h rs se m es te r 2 0 1 3 M O N TA G D IE N ST A G M IT TW O C H D O N N ER ST A G 08 .1 5- 10 .0 0 B er it Fu hr m an n H S : I nd ig en itä t i n lo ka le r u nd gl ob al er P er sp ek tiv e 14 -tä gl ic h 3. B 58 B er it Fu hr m an n P S : " Zo m ia " - E th no gr ap hi sc he E in bl ic ke in e in e H oc hl an d- u nd M in de rh ei te n- re gi on in S üd os ta si en 14 -tä gl ic h 4 .B 47 10 .1 5- 12 .0 0 Es th er L ee m an n H S : W ie de ra uf ba u na ch K at as tro ph en : E th no lo gi sc he P er sp ek tiv en H S 11 B er it Fu hr m an n H S : I nd ig en itä t i n lo ka le r u nd gl ob al er P er sp ek tiv e 14 -tä gl ic h 3. B 58 B er it Fu hr m an n P S : " Zo m ia " - E th no gr ap hi sc he E in bl ic ke in e in e H oc hl an d- u nd M in de rh ei te n- re gi on in S üd os ta si en 14 -tä gl ic h 4 .B 47 Jü rg H el bl in g V L: A ns ät ze z u In st itu tio ne n un d E vo lu tio n in d er E th no lo gi e 3. A 05 To bi as S ch w ör er P S : E in fü hr un g in di e E th no lo gi e 4. B 47 12 .1 5- 13 .0 0 13 .1 5- 15 .0 0 Jü rg H el bl in g V L: E in fü hr un g in di e E th no lo gi e 3. A 05 W er ne r E gl i H S : E th no lo gi e de r K in dh ei t 4. B 51 Ib ra hi m A nk ao gl u P S : E th no lo gi e de s S ta at es 4. B 51 A ng el ic a W eh rli P S : E in fü hr un g in di e W irt sc ha fts - et hn ol og ie 4. B 02 D or is B ac al zo P S : A n In tro du ct io n to C on te m po ra ry P hi lip pi ne C ul tu re an d S oc ie ty 4. B 02 15 .1 5- 17 .0 0 W er ne r E gl i P S : M et ho de ns em in ar 4. B 51 A ni ka K ön ig H S : A nt hr op ol og ie de s K ör pe rs 4. B 54 A ng el ic a W eh rli P S : K ub a im S pa nn un gs fe ld vo n ök on om is ch en H er au s- fo rd er un ge n 4. B 02 To bi as S ch w ör er P S : E th no lo gi e de r G ew al t 4. B 54 17 .1 5- 19 .0 0 Jü rg H el bl in g Fo rs ch un gs - ko llo qu iu m 3. B 52

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    Erstellungsdatum: 10.03.2014

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    and Business (Advanced) PD Dr. Gordon Millar X 3 Français Juridique Prof. Antoinette Maget Domi- nicé

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    Erstellungsdatum: 11.03.2026

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    VV Religionswissenschaft HS2025

    Univ. Press 2002. Melton, J. Gordon und Martin Baumann (eds.), Religions of the World. A Comprehensive

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    Erstellungsdatum: 22.07.2025

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    Algorithmic Transference: People Overgeneralize Failures of AI in the Government

    Algorithmic Transference: People Overgeneralize Failures of AI in the Government Algorithmic Transference: People Overgeneralize Failures of AI in the Government Chiara Longoni , Luca Cian , and Ellie J. Kyung Abstract Artificial intelligence (AI) is pervading the government and transforming how public services are provided to consumers across policy areas spanning allocation of government benefits, law enforcement, risk monitoring, and the provision of services. Despite technological improvements, AI systems are fallible and may err. How do consumers respond when learning of AI failures? In 13 preregistered studies (N= 3,724) across a range of policy areas, the authors show that algorithmic failures are generalized more broadly than human failures. This effect is termed “algorithmic transference” as it is an inferential process that generalizes (i.e., transfers) information about one member of a group to another member of that same group. Rather than reflecting generalized algorithm aversion, algorithmic transference is rooted in social categorization: it stems from how people perceive a group of AI systems versus a group of humans. Because AI systems are perceived as more homogeneous than people, failure information about one AI algorithm is transferred to another algorithm to a greater extent than failure information about a person is trans- ferred to another person. Capturing AI’s impact on consumers and societies, these results show how the premature or misman- aged deployment of faulty AI technologies may undermine the very institutions that AI systems are meant to modernize. Keywords algorithms, artificial intelligence, social categorization, social impact, government, public policy Online supplement: https://doi.org/10.1177/00222437221110139 Artificial intelligence (AI) is rapidly sweeping through the gov- ernment and transforming how our core federal and state agen- cies provide services to consumers. Despite popular belief that the government relies on antiquated procedures, AI decision systems are already fully deployed across many policy areas, including adjudication of government benefits and privileges; the enforcement of the law and regulatory mandates centered on market efficiency, workplace safety, consumer protection, health care, and environmental protection; the monitoring and analysis of risks to public health and safety; and the provision and communication of services to the public. Indeed, a survey by the Administrative Conference of the United States (2020) revealed that nearly half of federal departments, agencies, and subagencies examined have already experimented with AI. The presence of AI in the government is expected to increase further. For instance, the National AI Initiative Act of 2020, which became law in 2021, accelerated AI research and appli- cations across public administrations to foster economic pros- perity and national security. The spread of AI systems across the government promises to reduce costs and improve the quality, consistency, and predictability of agencies’ decisions, ultimately making public agencies more effective and citizens more satisfied (Administrative Conference of the United States 2020; De Sousa et al. 2019). Unfortunately, despite technological improvements and better- ments in performance, AI systems are fallible and may commit errors. For instance, the AI system employed by the state of Arkansas to allocate disability benefits ended up cutting, denying, or terminating caregiver hours without merit and in violation of due process (Lecher 2018). The state of Michigan employed a flawed automated system that incorrectly charged tens of thousands of Michigan residents with fraud and seized millions of dollars in their wages and tax returns (De La Garza 2020). In the last three years alone, the press reported Chiara Longoni is Assistant Professor of Marketing, Questrom School of Business, Boston University, USA (email: clongoni@bu.edu). Luca Cian is Killgallon Ohio Art Associate Professor of Business Administration, Darden School of Business, University of Virginia, USA (email: cianl@darden.virginia. edu). Ellie J. Kyung is Associate Professor, Marketing Division, Babson College, USA (email: ekyung@babson.edu). Article Journal of Marketing Research 2023, Vol. 60(1) 170-188 © American Marketing Association 2022 Article reuse guidelines: sagepub.com/journals-permissions DOI: 10.1177/00222437221110139 journals.sagepub.com/home/mrj https://orcid.org/0000-0002-4945-4957 https://orcid.org/0000-0002-8051-1366 https://orcid.org/0000-0003-2385-9523 https://doi.org/10.1177/00222437221110139 https://doi.org/10.1177/00222437221110139 mailto:clongoni@bu.edu mailto:cianl@darden.virginia.edu mailto:cianl@darden.virginia.edu mailto:ekyung@babson.edu https://us.sagepub.com/en-us/journals-permissions https://journals.sagepub.com/home/mrj http://crossmark.crossref.org/dialog/?doi=10.1177%2F00222437221110139&domain=pdf&date_stamp=2022-10-19 over 370 incidents linked to AI and algorithms, of which 140 pertained to government functions (AIAAIC 2022). In 2020, Presidential Executive Order 13960 (Executive Office of the President 2020) was issued to regulate the use of AI in society and foster public trust in this technology, and later in the same year, the Consumer Product Safety Commission made AI a top priority in its operating plan. Despite the growing spread of AI systems in our society and therefore its impact on consumers, little is known about con- sumer responses to AI failures. Most of the research on AI in the government has in fact focused on the technical strengths and weaknesses of AI systems (i.e., what AI systems can or cannot do) and on the imperative to make the use of these systems transparent to consumers (e.g., National AI Initiative Act), rather than on how consumers respond when learning of the faulty deployment of AI systems. The provision of services to consumers is a statutory duty of governments and a source of their legitimacy (Calo and Citron 2021), and therefore examin- ing consumer responses is a critical yet overlooked dimension of assessing the social impact of AI. Our research fills this gap and seeks to understand consumer responses to failures of AI in the government. We do so by assessing the inferential judgments that consumers make when learning of AI failures, the process that underlies these inferences, and their consequences for propensity to apply for public services and trust in the government. In 13 preregistered studies (combined N= 3,724) across several policy areas, we show that algorithmic failures are generalized more broadly than human failures. We term this effect “algorithmic transfer- ence,” as it is an inferential process that generalizes (i.e., trans- fers) information about one member of a group to another member of that same group. Rather than reflecting generalized algorithm aversion (Dietvorst, Simmons, and Massey 2015), algorithmic transference is due to group categorization pro- cesses: it stems from how people perceive a group of nonhuman agents compared with a group of human agents. AI systems are viewed as out-groups characterized by greater homogeneity than in-groups of humans. Because AI algorithms are viewed as a highly homogeneous group, information learned about one algorithm is transferred to another algorithm to a greater extent than information learned about a member of a more het- erogeneous group—a person. We provide evidence of per- ceived group homogeneity as a driver of algorithmic transference through mediation and moderation, and by delin- eating the scope of the effect. Finally, we show how algorithmic transference may have detrimental consequences for propensity to access public services, whose provision is a core duty of the government. Our research and findings make the following theoretical contributions. We contribute to research on consumer responses to algorithmic failures by identifying the novel effect of algo- rithmic transference: greater generalization of algorithmic than human failure information. This effect is novel, as prior research has focused either on changes in reliance on an algo- rithm (benchmarked on changes in reliance on a person; cf. Berger et al. 2021; Dietvorst, Simmons, and Massey 2015; Prahl and Van Swol 2017) or on moral judgments ensuing from learning of algorithmic (vs. human) failures (Awad et al. 2020; Gill 2020; Srinivasan and Sarial-Abi 2021). Second, we contribute to the broader literature on responses to AI systems (e.g., Cadario, Longoni, and Morewedge 2021; Castelo, Bos, and Lehmann 2019; Longoni and Cian 2020) by identifying a novel psychological process—perceptions of group homogeneity—that shapes consumer responses to AI systems. Whereas prior theoretical accounts have implicated lay beliefs about an individual algorithmic agent (e.g., incapac- ity to learn, lack of intentionality), we propose a novel perspec- tive based on social categorization and on how people view algorithmic agents at the group level (i.e., as more homoge- neous than a group of people). Our research is also novel from the substantive perspective of assessing AI’s social impact. Gauging AI’s impact on socie- ties cannot be limited to the technological aspects related to which AI systems are developed. The social impact of AI also needs to encompass the psychological aspects related to how consumers respond to AI’s deployment. The deployment of AI may enable the government to meet its statutory duties toward consumers and deliver services more effectively (Calo and Citron 2021). However, as we highlight in this research, the premature fielding of faulty AI technologies may engender algorithmic transference and dampen consumer propensity to utilize public services and trust in the government, ultimately undermining the very institutions that AI systems are meant to modernize. Theoretical Development Responses to AI Failures The investigation of people’s propensity to rely on AI, algo- rithms, and other forms of automation has come to the fore in recent years given the increasing pervasiveness of these systems in our lives. Research in this area has documented aver- sion to relying on automated systems over humans due to lay beliefs that these systems are unfit for subjective, hedonic, or personally unique tasks (Castelo, Bos, and Lehmann 2019; Longoni, Bonezzi, and Morewedge 2019, 2020; Longoni and Cian 2020); that they undermine self-expression (Granulo, Fuchs, and Puntoni 2020); or that they are black boxes (Cadario, Longoni, and Morewedge 2021). A parallel stream of research has documented appreciation of automated systems over humans under certain circumstances: if concerns about inequality or unfair treatment are salient (Bigman et al. 2021), if the task is impersonal and people are unfamiliar with the system (Berger et al. 2021), if objectivity (Castelo, Bos, and Lehmann 2019) or utilitarian goals are salient (Longoni and Cian 2020), or if quantitative estimates are made (Logg, Minson, and Moore 2019). Within this literature, two streams are particularly relevant for our research as they examine responses to AI failures. One stream of research has focused on changes in reliance on (i.e., stated or revealed preference for) an algorithm or a Longoni et al. 171 human before and after learning of failures of that same algo- rithm/human. This research shows that people are indifferent between an algorithmic and a human advisor when their respec- tive performances are unknown (Dietvorst, Simmons, and Massey 2015) or when people are unfamiliar with the advisor (Berger et al. 2021). After observing an advisor err or dispense bad advice, however, reliance on the algorithm decreases more than reliance on the human (Dietvorst, Simmons, and Massey 2015; Dzinzolet et al. 2002; Prahl and Van Swol 2017) unless the algorithm has the capacity to learn (Berger et al. 2021). Another stream of research has focused on moral judgments ensuing from AI failures. In the domain of brand scandals, people are more forgiving and respond less negatively when brand harms are caused by algorithmic than human failures, an effect due to lower attribution of the harm to algorithms than to humans (Srinivasan and Sarial-Abi 202l). These find- ings are echoed by research on responses to autonomous vehi- cles: people view harm to pedestrians by an automated vehicle as more permissible than harm caused by themselves or a regular driver (Awad et al. 2020; Gill 2020). Indeed, people are less morally outraged by algorithmic discrimination than by human discrimination (Bigman et al. 2021). Our theoretical and substantive focus departs from prior research in the following ways. Unlike prior research, we focus neither on reliance nor on moral judgment of a failing agent. Stated and revealed preference are often inadequate to capture responses in the public sector, a domain where consumers cannot typically choose whether a person or an AI system will be their service provider. For instance, consumers cannot choose whether their unemployment benefits will be allocated by a person or an automated decision system, or whether their insurance claims will be checked for fraud by a person or an algorithm. However, consumers can choose whether to apply to use such public services at all. Thus, we focus on inferential judgments—the degree of transfer of information from one member of a group to another member of that same group—and their implications for propensity to apply for public services. That is, whereas prior research exam- ined judgments of the same algorithm or human after learning failure information (i.e., judgment of algorithm A or human A before and after failure information; e.g., Berger et al. 2021; Dietvorst, Simmons, and Massey 2015), we investigate (1) the extent to which failure information about an algorithm or a human is transferred to a different algorithm or human (i.e., from algorithm A to algorithm B or from human A to human B), and (2) the consequences for consumer propensity to utilize public ser- vices. By focusing on inferential judgments and their downstream consequences, our research captures how consumers might respond to the reporting of AI failures by the news media. Social Categorization and Algorithmic Transference We situate our predictions within the framework of social iden- tity theory (Tajfel 1969), which focuses on how group member- ship influences both one’s self-concept and one’s relations with in-group and out-group members. At the foundation of social identity theory is self-categorization, which describes how people categorize themselves and others into different social groups (Aydınoğlu and Cian 2014; Hogg and Reid 2006; Pandya, Cian, and Venkatesan 2022; Turner 1982). Based on accessible social identities, people assign themselves and others to social categories, thus distinguishing between in-groups, groups in which people are members, and out- groups, groups to which people do not belong. We expect these social categorization processes to apply to how people perceive human versus nonhuman agents. Specifically, we assume that people view nonhuman agents, such as AI systems, as social entities, and categorize them as out- groups—members of a group people do not belong to. This assumption is consistent with research in marketing, psychology, and human–computer interaction, showing that people ascribe social categories to autonomous artificial agents and that these social categories then shape interactions with artificial agents. For instance, people apply gender (Borau et al. 2021; Nass, Moon, and Green 1997) and occupation (Tay, Jung, and Park 2014) stereotypes to automated agents, reciprocate acts by helpful computers (Fogg and Nass 1997), and rely on a host of social cues when interacting with artificial agents (Nass and Moon 2000; Reeves and Nass 1996). Notably, both embodied and virtual artificial agents seem to trigger application of social categories (Rossen et al. 2008), so much so that according to the computers-as-social-actors paradigm, people mindlessly apply social categories to computers even though they know that computers lack feelings and human motivations (Nass and Moon 2000; Nass, Steuer, and Tauber 1994). An empirical illustration further validated our assumption that people view AI systems as social agents and, more specif- ically, as out-groups. We asked respondents from Amazon Mechanical Turk (MTurk; N= 300; Mage= 40.1 years, SD= 11.8; 46.3% female, 53.3% male, .3% prefer not to say) to read brief descriptions of three human agents and three algorith- mic agents performing various tasks. We used the same descrip- tions employed in the studies that constitute the empirical package (e.g., “Consider an algorithm employed by an agency of the federal government to calculate unemployment benefits to distribute to citizens”; “Consider a person employed by an agency of the federal government to review consumer complaints, identify trends, and predict consumer harm in textual consumer complaints”). To test our prediction that people view algorithms as out-groups and other humans as in-groups, we asked participants to rate the extent to which they viewed each target [algorithmic/human] agent as part of a group that they belonged to as well, a member of their same group, and belonging to the same group as they did (1 = “Not at all,” and 7 = “Very much”; statements were presented in random order and based on Ostrom and Sedikides [1992]; α= .78). Thus, lower numbers indicate greater categorization as out-groups and higher numbers indicate greater categori- zation as in-groups. Validating our prediction, participants viewed algorithms as out-groups (MAI= 1.86, SD= 1.41) to a greater extent than they viewed humans as out-groups (MH= 5.34, SD= 1.56; t(290)= 28.99, p < .001, d= 1.7 [nine missing values]; details in Web Appendix A). 172 Journal of Marketing Research 60(1) Building on this assumption, we propose that categorizing AI algorithms as out-groups results in perceiving them as a more homogeneous and undifferentiated group than humans (i.e., “all AI algorithms are the same”). Indeed, the principle of optimal distinctiveness underlying social categorization leads to accentuating intergroup differences and intragroup sim- ilarity (Tajfel 1969), an effect called out-group homogeneity— the tendency to perceive out-groups as less variable and more homogeneous than members of one’s own group (in-groups) on several attributes (Linville and Fischer 1998; Ostrom and Sedikides 1992; Sedikides and Ostrom 1993). Out-group homogeneity has been documented across many naturally occurring groups, such as race, religion, nationality, and profes- sion (Brewer 1993; Park, Judd, and Ryan 1991). We further predict that because AI algorithms are perceived as a group having higher homogeneity than a group of people, information about one algorithm is generalized and transferred to another algorithm to a greater extent than information about one person is generalized and transferred to another person. This prediction is supported by research suggesting that members of homogeneous groups may be viewed as exemplify- ing the group’s central tendency, and therefore information about an individual member of a homogeneous group is more likely to be generalized to the whole group (Nisbett et al. 1983; Quattrone and Jones 1980). Because AI systems are per- ceived as a more homogeneous group than people, failure infor- mation about one AI system is transferred to another AI system to a greater extent than failure information about one person is transferred to another person. In summary, our key prediction is that people generalize algorithmic failures to a greater extent than human failures— an effect we term “algorithmic transference” and assess via inferential judgment of failure. We further predict that algorith- mic transference is due to social categorization processes, which we assess by measuring perceptions of homogeneity within a group (of humans or AI systems). As out-groups, AI systems are viewed as a group of higher homogeneity than people, who are in-groups. Higher homogeneity results in greater transference of failures for AI systems than people. Two final considerations warrant mention. First, people’s per- ception of AI algorithms as an undifferentiated group is not nec- essarily grounded in practice. Because AI systems are either contracted to various third parties or developed in-house by each governmental agency (Administrative Conference of the United States 2020), it is unlikely that these systems are similar to each other. Second, our predictions with respect to algorithmic transference are rooted in perceptual and representa- tional processes that need not implicate nor oppose algorithm aversion. That is, algorithmic transference is distinct and may operate independently from generalized algorithm aversion, as explicated in more detail in Study 3. Overview of the Studies We systematically examined consumer responses to algorithmic failures (both biases and errors in decisions) in a series of preregistered studies across a range of policy areas (allocation of disability, social security, unemployment, and Temporary Assistance for Needy Families [TANF] government benefits; fraud determinations; consumer protection services) and diverse samples (convenience, U.S. nationally representative, experts). To maximize external validity, we selected policy areas where AI systems are in use by relying on a report prepared for the Administrative Conference of the United States (2020). Studies 1a–1c and the replication reported in Web Appendix B tested algorithmic transference by using real news articles. Studies 2 and 3 tested the proposed process account: group homogeneity perceptions. Study 2 provided process evidence via mediation, testing group homogeneity perceptions along with possible alternative explanations (general knowledge of AI and algorithms, perceived locus of causality) while also con- trolling for base rates. Study 3 provided process evidence via moderation, testing for the elimination of transference by making group heterogeneity salient. Studies 4 and 5 explored the scope of algorithmic transference, testing whether the effect varies with a person’s degree of discomfort with new technologies and is eliminated with human oversight. Studies 6a–6c investigated the implications for consumers and policy, testing the consequences of algorithmic transference for pro- pensity to utilize public services. Ancillary Studies 7 and 8, reported in the “General Discussion” section, examined the generalization of brand transference to brand scandals and the implications for trust in the government. Figure 1 provides an overview of the conceptual framework and studies. All the studies reported in the article are preregistered. We report all conditions, data exclusions, and measures collected. We report the experimental stimuli for all studies in Web Appendix A and the preregistrations links in Web Appendix C. Our target preregistered samples were 100 per cell in each study with the following exceptions: In Studies 1b and 6a, we collected 150 responses per cell as that was the minimum number of responses required by the platform Prolific to yield a nationally representative U.S. sample. In Study 2, we col- lected 2.5 times the number of observations per condition (250 instead of 100) because we were testing a potential inter- action with a continuous variable. In all the studies and as pre- registered, we programmed the Qualtrics surveys to automatically exclude participants who failed an attention check (i.e., a simple arithmetic calculation) at the very begin- ning of the survey and prior to any manipulation. We did not collect data for these participants, and they did not affect our target sample size. Studies 1a–1c: Evidence of Algorithmic Transference The first set of studies tested for algorithmic transference— greater generalization of algorithmic than human errors— through information that would mimic the way in which people learn about algorithmic failures as much as possible: by reading an article in the news or via social media. Participants read real Longoni et al. 173 news articles describing either an algorithmic or a human failure in the allocation of disability benefits (Study 1a), calculation of social security benefits (Study 1b), or determination of fraud in insurance claims (Study 1c). We conducted these studies on a convenience sample (Study 1a), a nationally representative U.S. sample (Study 1b), and a sample of technology experts (Study 1c). Procedure A total of 707 respondents participated in exchange for $.35 (Study 1a: N=205; Mage=38.1 years, SD=10.9; 44.0% female, 55.0% male, 1.0% nonbinary/third gender; Study 1b: N=300, Mage= 44.3 years, SD=16.0, 51.3% female, 47.7% male, 1.0% nonbi- nary/third gender; Study 1c: N=202, Mage=41.3 years, SD= 11.7, 24.0% female, 74.5% male, 1.5% nonbinary/third gender). Study 1a: Allocation of disability benefits. We recruited respon- dents from MTurk. In a two-cell, between-subjects design, par- ticipants read a news article describing the failure of either an algorithm or a person employed by the state of Arkansas to allo- cate caregiver benefits to the state’s residents. This article was based on a piece by Lecher (2018) that appeared in The Verge. What Happens When [An Algorithm/A Person] Cuts Your Healthcare Tammy Dobbs moved to the state of Arkansas in 2008 and signed up for a state disability program to help her with her cerebral palsy. Under the program, the state had to determine the number of care- giver hours she would need. Because Tammy spent most of her waking hours in a wheelchair and had stiffness in her hands, she was allocated 56 hours of home care per week. In 2016, the state of Arkansas employed [an algorithm/a person] to recalculate the number of caregiver hours Tammy would be allotted. Without any explanation or opportunity for comment, discussion, or reas- sessment, the [algorithm/person] allotted Tammy 32 hours per week, a massive and sudden drop that Tammy had no chance to prepare for and that severely reduced her quality of life. After reading the article, participants made an inferential judg- ment about the likelihood that another agent of the same group (i.e., an algorithm or a person) employed by a different state (Kentucky) would fail. Specifically, participants rated the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state of Kentucky would make wrong disability benefits calculations (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong cal- culations”). In this study and in the subsequent studies, we did not recruit respondents from the states mentioned in the survey (in this case, Arkansas and Kentucky). These respondents were explicitly excluded from our recruitment instructions and automatically pre- vented from participating by the survey software (Qualtrics), and we have no data for them. We implemented this preregistered exclusion to avoid a potential source of confusion. As we used real articles, we wanted to avoid cases where a participant assigned to the human condition and residing in the state mentioned in the article was aware that the failure reported in the article involved an algorithm and not a person. State of residence does not, however, affect algorithmic transference, as evidenced by an ancil- lary study reported in Web Appendix B in which we replicated the results of Study 1a recruiting participants only from the state men- tioned in the stimuli. Finally, in this and all the other studies, the survey ended with a manipulation check (whether participants cor- rectly recalled the agent described: an algorithm or a person) and questions capturing demographic variables. Study 1b: Calculation of social security benefits. We recruited respondents from a nationally representative U.S. sample Figure 1. Conceptual Framework and Overview of the Studies. 174 Journal of Marketing Research 60(1) from Prolific, which uses quota sampling to provide a sample that is matched to the U.S. population on sex, age, and ethnicity. In a two-cell, between-subjects design, participants read a news article describing the failure of either an algorithm or a person employed by the state of Michigan to calculate unemployment insurance benefits. This article was based on a piece by Goodwin (2020) that appeared in The London Economic. Poorly trained Universal Credit [algorithm/person] forces people into hunger and debt. A new report found that the gov- ernment benefit system—which is reliant on [an algorithm that/ a person who] calculates benefits for people on a low income or out of work—threatens the rights of people most at risk of poverty. People in the UK are being pushed into poverty by [a computer algo- rithm that/a person who] incorrectly allocated how much money they are entitled to in social security payments. Universal Credit claimants are being forced to forego food and take on debt because of a poorly trained algorithm, a leading human rights charity warned. A new report by Human Rights Watch found that the government benefit system—which is reliant on [an algorithm/a person] to calculate ben- efits for people on a low income or out of work—“threatens the rights of people most at risk of poverty”. The charity is calling on the gov- ernment to take action ahead of an anticipated winter jobs crisis, with up to nine million workers at risk of redundancy as the furlough scheme is wound down. After reading the article, participants read information about the Social Security program in the United States (“The Social Security program in the United States provides protection against the loss of earnings due to retirement, death, or disabil- ity”) and made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state of Arkansas would make wrong Social Security benefits calculations (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”). Study 1c: Determination of unemployment insurance fraud. We recruited respondents from Cloud Research, selecting those who indicated “computer science/engineering” and “high-tech” as their field of training or current work. This sample allowed us to test whether algorithmic transference manifested when a certain degree of knowledge with technology may be presumed. In a two-cell, between-subjects design, participants read a news article describing the failure of either an algorithm or a person employed by the state of Michigan to determine fraud in unemployment insurance claims. This article was based on a piece by De La Garza (2020) that appeared in Time. Michigan Fraud Detection [Algorithm/Person] Trapped Citizens in Bureaucratic Nightmares with Their Lives on the Line Lindsay Perry was 30 weeks pregnant and on bedrest when her husband Justin was accused by a Michigan [automated system/ person] of unemployment fraud and fined $10,000 after losing his job as a chef. Their tax returns were seized for three years in a row, their van was repossessed, and they filed for bankruptcy. Later, Michigan reversed the charges as the fraud determination was incorrect and reimbursed the couple $6,000, but the damage was already done. Perry’s husband was one of many people across Michigan who were wrongly accused of unemployment insurance fraud as a result of a poorly trained [algorithmic system operated/person employed] by the state. Then, participants made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state where they lived would erroneously check for unemployment benefit fraud (1 = “Unlikely to erroneously check for fraud,” and 7 = “Likely to erroneously check for fraud”). Results and Discussion As we predicted, participants were more prone to transfer algo- rithmic than human failures. Across all three studies, partici- pants were more prone to infer that another algorithm, but less so another person, would fail (Study 1a: MAI= 5.32, SD = 1.40; MH= 4.84, SD= 1.23; t(203)= 2.60, p= .01, d= .36; Study 1b: MAI= 4.81, SD= 1.52; MH= 4.30, SD= 1.47; t(298)= 3.01, p= .003, d= .35; Study 1c: MAI= 5.30, SD= 1.44; MH= 4.78, SD= 1.59; t(200)= 2.41, p= .017, d= .34). Together, this first set of studies showed evidence of algo- rithmic transference—greater inferential generalizations of algorithmic than human errors. The effect was robust across policy areas (calculation of disability and social security bene- fits, fraud determination), across populations (a convenience sample, a representative U.S. sample), and when employing a sample of experts with a presumably moderate degree of knowl- edge of technology. The next study tested whether perceived group homogeneity perceptions drive algorithmic transference relative to alternative explanations and while controlling for base rate information. Study 2: Testing Perceptions of Group Homogeneity as Process Study 2 tested perceptions of group homogeneity as a driver of algorithmic transference along with two potential alternative explanations: general knowledge of AI algorithms and per- ceived locus of causality. Our prediction was that people per- ceive AI algorithms as a group of higher homogeneity than humans, and that differential group homogeneity perceptions explain algorithmic transference. One potential alternative explanation is based on lack of general knowledge and under- standing of AI algorithms. People may have a low degree of knowledge and a poor understanding of AI algorithms, and low algorithmic literacy may result in greater transference. We addressed this explanation indirectly in Study 1c, by recruiting a sample of experts, and we tested it more directly in Study 2 by measuring algorithmic literacy. If algorithmic lit- eracy explains transference, we should observe greater transfer- ence the less a person knows about AI and algorithms (i.e., there should be an interaction between algorithmic literacy and the type of agent). Another potential alternative explanation is Longoni et al. 175 based on locus of causality of the failure (internal to the agent versus external; Ryan and Connell 1989). Whereas people may attribute a human failure to external causes less likely to apply to other humans (e.g., “she was having a bad day”), people may attribute an algorithmic failure to more stable causes internal to the algorithm, which are more likely to apply to other algorithms. Thus, in Study 2 we measured locus of causality and pitted it against our group homogeneity account. Finally, we controlled for base rates in the accuracy of the focal decision. That is, we provided respondents with a reference point for the failure rate of both an algorithmic and a human agent in the domain described to ensure that differen- tial expectations about failure rates between algorithms and human agents could not account for transference. Procedure Respondents from MTurk participated in exchange for $1 (N= 502; Mage= 40.8 years, SD= 12.1; 50.4% female, 47.6% male, .4% nonbinary/third gender, 1.6% prefer not to say). First, participants read information about the federal–state unemployment insurance program, which contained base rate information about the accuracy with which unemployment insurance benefits are calculated: The nation’s unemployment insurance program is a federal-state system that provides temporary income support for unemployed workers. The system is funded by taxes collected from employers and held in trust funds administered by individual states. States—which are charged with distributing and overseeing many federally funded benefits—are taking these calculations seriously. On average, between 35 and 40 percent of unemployment benefits calculations are inaccurate. Then, in a two-cell, between-subjects design, participants read a news article describing a failure by either an algorithm or a person employed by the state of Michigan to calculate unemployment benefits. In the recent past, the state of Michigan employed [an algorithm/a person] to calculate unemployment benefits. The state then allo- cated unemployment benefits to its residents based on the [algo- rithm’s/person’s] calculations. As it turns out, a state review later determined that most of these calculations completed by the Michigan [algorithm/person] were wrong. Participants then made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state of Arkansas to calculate unemployment benefits would make wrong calculations (1 = “Unlikely to make wrong calcula- tions,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”). To measure group homogeneity perceptions, participants were first prompted to think about the [algorithms/people] perform- ing tasks like the one described in the article in various agencies and states across the country. Then, participants rated the extent to which they agreed with the following statements: “These [algorithms/people] are most likely very similar to each other in terms of their characteristics,” “These [algorithms/people] most likely resemble one another in terms of their characteris- tics and capabilities,” and “These [algorithms/people] most likely share common underlying characteristics” (1 = “Disagree strongly,” and 7 = “Agree strongly”; items presented in random order; α= .95). To measure perceived locus of cau- sality, participants rated the extent to which they thought that the [algorithm/person] carried out the task described because of intrinsic motivation versus extrinsic motivation, causes within the [algorithm/person] versus causes external to the [algorithm/person], internal reasons versus external reasons, and the task’s own sake versus some external reason (based on Ryan and Connell [1989]; items were measured on seven- point bipolar scales and presented in random order; α= .92). Then, participants completed a test of algorithmic literacy intended to measure their general knowledge and understanding of AI and algorithms. First, they read a quick introduction explaining the goal of the task: In the next pages we will ask you 16 questions about your general knowledge of Artificial Intelligence and algorithms. It is very important that you do not look up or google these answers online, as that would defeat the purpose of our survey. We are inter- ested in people’s actual understanding of Artificial Intelligence and algorithms. Please try to answer these questions to the best of your knowledge. We need your honest responses to understand people’s general knowledge of AI and algorithms. Then, participants completed the algorithmic literacy test. We developed the algorithmic literacy test by compiling an initial battery of 20 questions and then asked an academic and a prac- titioner, both experts on AI and algorithms, to validate these questions (i.e., check for accuracy in verbiage and answers). From the experts’ feedback, we eliminated four questions and refined the verbiage of all questions. The final test comprised 16 multiple-choice questions: 8 questions about AI and 8 ques- tions about algorithms. Each question had three possible answers, only one of which was correct. The order of questions and the order of answers within each question were randomized. We report the final algorithmic literacy test in Web Appendix D. Results and Discussion We computed an algorithmic literacy score for each participant by assigning a score of 1 to each correct answer and 0 to each incor- rect answer and summing the number of correct responses. Each participant’s algorithmic literacy score thus ranged between 0 and 16 (M=9.89, SD= 2.47, median=10.00). The distribution of correct responses by question and across participants is reported in Web Appendix D (skewness: −.122; kurtosis: −.208). Algorithmic transference. We first tested whether algorithmic lit- eracy moderated algorithmic transference. We regressed infer- ential judgment on agent (dummy coded: AI= 1, human= 0), algorithmic literacy score (M= 9.89, SD= 2.47), and the inter- action between agent and algorithmic literacy score (mean- 176 Journal of Marketing Research 60(1) centered). The analysis revealed a significant main effect of agent (β= .267, t(498)= 6.15, p < .001), no significant effect of algorithmic literacy score (β=−.065, t(498)=−1.11, p= .268), and no significant two-way interaction between agent and algorithmic literacy score (β= .020, t(498)= .34, p= .736), suggesting that algorithmic literacy does not moderate transference. Following up on the significant main effect of agent, a t-test on inferential judgment replicated algorithmic transference: participants were more prone to generalize algo- rithmic failures than human failures, inferring that another algo- rithm, more so than another person, would fail (MAI= 5.44, SD = 1.18; MH= 4.77, SD= 1.25; t(500)= 6.13, p < .001, d= .55). Group homogeneity perceptions. We then tested whether algo- rithmic literacy moderated group homogeneity perceptions. We regressed group homogeneity perceptions on agent (dummy coded: AI= 1, human= 0), algorithmic literacy score, and the interaction between agent and algorithmic liter- acy score (mean-centered). The analysis revealed a significant main effect of agent (β= .426, t(498)= 10.60, p < .001), a mar- ginal effect of algorithmic literacy score (β= .106, t(498)= 1.94, p= .053), and no significant two-way interaction between agent and algorithmic literacy score (β= .002, t(498) = .039, p= .969), suggesting that algorithmic literacy does not moderate group homogeneity perceptions. Following up on the significant main effect of agent, a t-test on group homo- geneity perceptions supported our prediction that participants viewed algorithms as part of a more homogeneous group than people (MAI= 5.60, SD= 1.05; MH= 4.46, SD= 1.31; t(500) = 10.71, p < .001, d= .96). Perceived locus of causality. A t-test on perceived locus of causal- ity index with agent as independent variable was significant: participants attributed the algorithmic decision to internal causes to a greater extent than the human decision (MAI= 4.17, SD= 1.96; MH= 5.10, SD= 1.36; t(499)= 6.18, p < .001, d=−.55 [one missing value]). Mediation. We then conducted a mediation analysis to test whether group homogeneity perceptions mediated the observed differences in algorithmic transference. We tested a mediation model that included, along with group homogeneity perceptions, perceived locus of causality as a simultaneous mediator. We examined confidence intervals (CIs) using 10,000 bootstrap iter- ations (Hayes 2018, PROCESSModel 4) coding agent as 1 when AI and 0 when human. The indirect effect of agent on inferential judgment through group homogeneity perceptions was signifi- cant (.48, 95% CI: [.34, .63]), and the direction of the effects con- firmed that an algorithm was associated with greater group homogeneity perceptions than a person, which in turn contrib- uted to greater algorithmic transference. When controlling for this indirect effect, the direct effect of agent on inferential judg- ment was no longer significant (.19, 95% CI: [−.03, .42]; total effect: .67, 95% CI: [.45, .88]). Whereas the indirect effect through group homogeneity perceptions was significant, the indi- rect effect through perceived locus of causality was not (−.01, 95% CI: [−.06, .05]), indicating that this variable did not account for transference (details in Web Appendix E). These results provided evidence of group homogeneity per- ceptions as a driver of algorithmic transference. Furthermore, we did not find evidence that transference of algorithmic failures was driven by perceived locus of causality. Finally, we did not find evidence supporting the notion that algorithmic transference was moderated by algorithmic literacy. These results suggest that algorithmic transference is neither due to differential lack of knowledge and understanding of AI and algorithms nor to attribu- tion of the failure to external/internal causes. In Study 3 we tested group homogeneity as driver of transference via moderation. Study 3: Making Out-Group Heterogeneity Salient Eliminates Algorithmic Transference Study 3 tested a theoretically driven and practically relevant moderator that should curb algorithmic transference: making out-group heterogeneity salient. If transference is due to percep- tions of algorithms as a homogeneous group, interventions that dispel this belief should eliminate transference. We made out- group heterogeneity salient by specifying that the failing agent belonged to a group made up of members that were likely to share few similarities, were unlikely to resemble one another in terms of their characteristics and capabilities, and were not a homogeneous group. This intervention served to make group differences salient and thus have AI systems be perceived as a more varied, heterogenous group, in line with research on intergroup perception showing how third-party communication about the characteristic level of homogeneity of a group shapes people’s stored beliefs about the variability of a group (Ostrom and Sedikides 1992; Park and Hastie 1987). This study also allowed us to test a social categorization account based on group representational processes (our group homogeneity account) and an account based on algorithm aver- sion. An algorithm aversion account, for instance due to percep- tions that algorithms are unfit to carry out the focal task or due to a generalized resistance to automated systems, would predict that algorithmic transference will manifest both in the control condi- tion and in the condition where group heterogeneity is salient. Finally, this study allowed us to test our group homogeneity account against an explanation based on higher standards for algorithms than humans. That is, consumers may hold lay the- ories that algorithms are not supposed to fail, and thus react more negatively when learning of algorithmic failures than human failures. This alternative explanation would also predict higher failure likelihood for an algorithm than for a person irrespective of whether algorithms are described as part of a heterogeneous group or not. Procedure Respondents fromMTurk participated in exchange for $.35 (N= 403; Mage= 39.7 years, SD= 11.5; 43.2% female, 55.3% male, .5% nonbinary/third gender, 1.0% prefer not to say). Longoni et al. 177 First, participants read information about federal unemploy- ment benefits distributed by states in the United States. As in Study 2, this information contained base rate information about the accuracy with which unemployment insurance bene- fits are calculated: The nation’s unemployment insurance program is a federal-state system that provides temporary income support for unemployed workers. The system is funded by taxes collected from employers and held in trust funds administered by individual states. States—which are charged with distributing and overseeing many federally funded benefits—are taking these calculations seriously. On average, between 35 and 40 percent of unemployment benefits calculations are inaccurate. Participants were then randomly assigned to one condition in a 2 (agent: algorithm, human)× 2 (heterogeneity: salient, control) between-subjects design. We used the same scenario as in Study 2 with minor wording differences given the different factors manipulated. Specifically, to manipulate the agent, par- ticipants read a news article describing a failure in the calcula- tion of unemployment benefits by either an algorithm or a person employed by the state of Michigan: In the recent past, the state of Michigan employed [an algorithm/a person] to calculate unemployment benefits. The state then allo- cated unemployment benefits to its residents based on the [algo- rithm’s/person’s] calculations. As it turns out, a state review later determined that most of these calculations completed by the Michigan [algorithm/person] were wrong. Between subjects, and orthogonal to agent, we manipulated whether the group of algorithms/people making the focal decision was described as a heterogenous group (heterogeneity salient con- dition) or omitted this specification (control condition). Specifically, participants in the heterogeneity salient condition read: Note that different states rely on different contractors that train algorithms for these purposes, and therefore the algorithms making these decisions share very few similarities and are unlikely to resemble one another in terms of their characteristics and capa- bilities, so much so that it would be hard to group these algorithms in one homogeneous group.1 Participants then made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state of Arkansas would make wrong unemployment benefits calcu- lations (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”). Results and Discussion A 2× 2 analysis of variance on inferential judgment revealed a significant main effect of agent (MAI= 4.96, SD= 1.32; MH= 4.42, SD= 1.47; F(1, 399)= 15.61, p < .001, η2p = .04), a signifi- cant main effect of heterogeneity (Mcontrol= 4.84, SD= 1.42; Mheterogeneity salient= 4.54, SD= 1.41; F(1, 399)= 4.43, p= .036, η2p = .01), and a significant two-way agent× heterogeneity inter- action (F(1, 399)= 6.30, p= .012, η2p = .02). Planned contrast in the control conditions replicated algorithmic transference (MAI, control= 5.28, SD= 1.23; MH, control= 4.39, SD= 1.46; F(1, 399)= 20.82, p < .001). As predicted, however, algorithmic transference was eliminated when group heterogeneity was salient: participants inferred that an algorithm and a person had the same likelihood to fail (MAI, heterogeneity salient= 4.64, SD= 1.32 vs. MH, heterogeneity salient= 4.45, SD= 1.49; F(1, 399)= 1.04, p= .308). Further underscoring this point, transference for the algorithm described as belonging to a heterogenous group was the same as transference for the human in the control condi- tion (F(1, 399)= 1.70, p= .193). These results are unsupportive of accounts based on algorithm aversion and higher standards for algorithms: if transference was due to generalized negative responses or higher standards for algorithms, participants should have predicted higher failure likelihood for an algorithm than for a person regardless of whether algorithms were described as a heterogeneous group or not. Inferential judgment for the person was unaffected by the group heterogeneity manipulation (F(1, 399)= .08, p= .78), suggesting that participants represented humans as a heterogenous group. Finally, inferential judgment for the algorithm was higher when group heterogeneity was salient compared with the control (F(1, 399)= 10.67, p= .001). These results corroborated our predictions with respect to the role of group homogeneity perceptions in explaining algorithmic transference. In the control condition, participants were more prone to transfer information about algorithms than about humans, consistent with prior results. When algorithms were specified to be a highly heterogeneous group, however, transfer- ence did not manifest. These results underscore another impor- tant theoretical point: algorithmic transference is a perceptual process rooted in how people mentally represent algorithms, and not merely an instantiation of algorithm aversion. The next two studies tested the scope of algorithmic transference. Study 4: Discomfort with Technology Moderates Algorithmic Transference Study 4 served as a test of the scope of algorithmic transference. Specifically, we examined whether transference is moderated by consumers’ degree of discomfort with new technologies. We relied on a measure called the Technology Readiness Index (TRI), which assesses people’s general “propensity to embrace and use new technologies for accomplishing goals in home life and at work” (Parasuraman 2000, p. 308). Our focus was on factors that might inhibit consumers’ propensity to embrace new technology, and therefore we focused on the subset of the TRI measuring discomfort with new technology. 1 A posttest (N = 200, MTurk) confirmed that the heterogeneity manipulation successfully affected perceptions of group homogeneity: participants viewed the group of algorithms in the heterogeneity salient manipulation as less homo- geneous (M = 2.63, SD = 1.66) than the group of algorithms in the control con- dition (M = 5.34, SD = 1.19; t(198) = 13.30, p < .001, d = 1.88). 178 Journal of Marketing Research 60(1) This subscale captures consumer beliefs, attitudes, and motiva- tions that may curtail adoption of new technologies. In this respect, we expected discomfort with new technology to be pos- itively correlated with transference, as one may be more likely to generalize algorithmic failures the more one negatively views the employment of technology in society. Procedure Respondents from MTurk participated in exchange for $.40 (N = 400, Mage= 41.0 years, SD= 11.9; 49.0% female, 50.5% male, .5% prefer not to say). Participants began the study by filling out an abbreviated version of the discomfort with technology subscale of the TRI (Parasuraman 2000). Specifically, they rated their agree- ment with the following statements: “Sometimes, you think that technology systems are not designed for use by ordinary people,” “There should be caution in replacing important people-tasks with technology because new technology can breakdown or get disconnected,” “Many new technologies have health or safety risks that are not discovered until after people have used them,” “Technology always seems to fail at the worst possible time,” and “New technology makes it too easy for governments and companies to spy on people” on five- point scales (1 = “Strongly disagree,” and 5 = “Agree strongly”; statements presented in random order). We averaged these ratings into an index measuring discomfort with technol- ogy (higher numbers indicate greater discomfort; α= .70). Then, in a two-cell between-subjects design, participants read a real news article describing the failure of either an algo- rithm or a person in the calculation of social security benefits. Poorly trained Universal Credit [algorithm/person] forces people into hunger and debt. A new report found that the gov- ernment benefit system—which is reliant on [an algorithm that/ a person who] calculates benefits for people on a low income or out of work—threatens the rights of people most at risk of poverty. People in the UK are being pushed into poverty by [a computer algo- rithm that/a person who] incorrectly allocated how much money they are entitled to in social security payments. Universal Credit claimants are being forced to forego food and take on debt because of a poorly trained algorithm, a leading human rights charity warned. A new report by Human Rights Watch found that the government benefit system—which is reliant on [an algorithm/a person] to calculate ben- efits for people on a low income or out of work—“threatens the rights of people most at risk of poverty”. The charity is calling on the gov- ernment to take action ahead of an anticipated winter jobs crisis, with up to nine million workers at risk of redundancy as the furlough scheme is wound down. Participants made an inferential judgment about the likeli- hood that [an algorithm/a person] employed by the state of Arkansas would make wrong social security benefits calcula- tions (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”). Results and Discussion We regressed inferential judgment on agent (dummy coded: AI = 1, human= 0), discomfort with technology (M= 3.41, SD= .72), and the interaction between agent and discomfort with technology (mean-centered). The analysis revealed a significant main effect of agent (β= .144, t(395)= 2.96, p= .003) and a significant two-way interaction between agent and discomfort with technology (β= .181, t(395)= 2.68, p= .008). There was no significant effect of discomfort with technology (β= .050, t(395)= .74, p= .46). Because discomfort with technology was a continuous measured moderator, we explored the interac- tion further using the Johnson–Neyman technique. The results revealed a positive and significant effect of agent on inferential judgment for levels of discomfort greater than 3.17 (BJN= .30, SE= .15, p= .050). Figure 2 plots these results. These results provide correlational evidence of the scope of algorithmic transference; the more participants reported dis- comfort with new technologies, the more they exhibited trans- ference. The next study provided additional evidence of the scope of transference by exploring the role of human oversight. Study 5: Human Oversight Eliminates Algorithmic Transference Study 5 further delineated the scope of algorithmic transference and tested moderation by human oversight. Specifically, in this study we explored the case where AI is leveraged to assist and augment human intelligence, with a person acting in a role of oversight rather than AI fully replacing a person. We predicted that consumers would be less prone to transfer algorithmic fail- ures when making an inference for an algorithm if this algo- rithm operates under human oversight. Indeed, having a human in the loop should prevent consumers from viewing the combination of an AI system and a human as an out-group, and thus eliminate transference. Procedure Respondents from MTurk participated in exchange for $.35 (N = 304; Mage= 41.6 years, SD= 12.6; 52.3% female, 46.7% male, 1.0% nonbinary/third gender). Participants read information about disability benefits allo- cated by states across the United States: Residents living in the state of Michigan may sign up for the state disability program to help with their expenses. To assess eligibility for disability benefits, the state considers, among others, the follow- ing: the claimant’s ability to resume work or find work, the claim- ant’s income situation, the severity of the claimant’s impairment, the claimant’s medical condition, and the claimant’s ability to perform past work or any type of work. On average, between 35 and 40 percent of disability benefits calculations are inaccurate. States—which are charged with distributing and overseeing many federally funded benefits—are taking these benefits calculations seriously. Longoni et al. 179 Participants were randomly assigned to one condition in a three-cell between-subjects design. That is, participants read about a failure due to an algorithm, and then made an inferential judgment about another algorithm (algorithm condition); read about a failure due to a person, and then made an inferential judgment about another person (human condition); or read about a failure due to an algorithm, and then made an inferential judgment about another algorithm operating under human over- sight (human oversight condition). Specifically, participants in the algorithm condition read: In the recent past, the state of Michigan employed an algorithm to cal- culate disability benefits. Given the algorithm’s calculations of the amount and type of disability benefits, the state allocated disability benefits to its residents. A state review later determined that most of these calculations—completed by the Michigan algorithm—were wrong. Now imagine that the state of Ohio were to employ an algo- rithm to calculate disability benefits. The algorithm would make a final determination about the disability benefits to allocate. This way of deciding is technically called “artificial intelligence,” because it uses an algorithm to replace what human intelligence can do. Participants in the human condition read: In the recent past, the state of Michigan employed a person to cal- culate disability benefits. Given the person’s calculations of the amount and type of disability benefits, the state allocated disability benefits to its residents. A state review later determined that most of these calculations—completed by the Michigan person—were wrong. Now imagine that the state of Ohio were to employ a person to calculate disability benefits. The person would make a final determination about the disability benefits to allocate. This way of deciding is technically called “human intelligence,” because it uses what human intelligence can do. Participants in the human oversight condition read: In the recent past, the state of Michigan employed an algorithm to calculate disability benefits. Given the algorithm’s calculations of Figure 2. Results of Study 4: Greater Discomfort with New Technologies is Associated with Greater Algorithmic Transference. Notes: Boxes represent collections of data points; the color saturation of the box indicates the number of data points in the range covered by the box. Regression lines represent the effect of agent on inferential judgment (plotted on the y-axis) as a function of discomfort with technology (plotted on the x-axis). There is a positive and significant effect of agent on inferential judgment for levels of discomfort greater than 3.17 (βJN= .30, SE= .15, p= .050). 180 Journal of Marketing Research 60(1) the amount and type of disability benefits, the state allocated dis- ability benefits to its residents. A state review later determined that most of these calculations—completed by the Michigan algo- rithm—were wrong. Now imagine that the state of Ohio were to employ an algorithm to calculate disability benefits. The algorithm would make an initial calculation and assist a person who would make the final determination about the disability benefits to allo- cate. This way of deciding is technically called “augmented intelli- gence,” because it uses algorithms to enhance and augment what human intelligence can do. Participants made an inferential judgment about the likeli- hood of an incorrect decision in calculating disability benefits by the agent described in the condition: an algorithm, a person, or an algorithm under a person’s oversight (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”). Results and Discussion A one-way analysis of variance on inferential judgment was significant (F(2, 301)= 17.99, p < .001, η2p = .11). Planned con- trasts between the algorithm and human conditions replicated algorithmic transference: participants transferred an algorithmic failure to a greater extent than a human failure (MAI= 5.39; SD= 1.37; MH= 4.60, SD= 1.31; t(301)= 4.18, p < .001, d= .59). However, when participants made an inferential judgment about an algorithm operating under human oversight, algorithmic transference was eliminated: participants made the same inferen- tial judgment as they did when the failing agent was human (Mhuman oversight= 4.30, SD= 1.36; t(301)= 1.56, p= .119, d= .22), and a lower inferential judgment than they did when the failing agent was an algorithm (t(301)= 5.77, p < .001, d= .81). These results delineated a boundary condition for algorith- mic transference: having a person act in an oversight role elim- inated failure transference from one algorithm to another one. Studies 6a–6c: Implications for Propensity to Apply for Public Services Studies 6a–6c tested the downstream consequences of algorith- mic transference on consumer propensity to apply for public services. We assessed propensity to apply for public services as a proxy for behavioral consequences for consumers (Cian, Longoni, and Krishna 2020), as the provision of these services is the statutory duty of public agencies, and governments are grappling with underutilization of these benefits (Zipperer and Gould 2020). Study 6a: Propensity to Apply for Disability Benefits Procedure. Respondents from a nationally representative U.S. sample recruited via Prolific participated in exchange for $.35 (N= 299; Mage= 44.4 years, SD= 16.6; 49.2% female, 48.1% male, 2.7% nonbinary/third gender). Participants read information about the Social Security Disability program provided by the U.S. government taken from the government website Benefits.gov. Then, in a two-cell, between-subjects design, participants read about the failure of either an algorithm or a person employed by the state of Michigan in the calculation of these benefits: Residents living in the state of Michigan may sign up for the state Social Security Disability program to help with their expenses. In the recent past, the state of Michigan employed [an algorithm/a person] to calculate disability benefits. The state then allocated Social Security disability benefits to its residents based on [the algo- rithm’s/the person’s] calculations. As it turns out, a state review later determined that most of the benefits calculations completed by the Michigan [algorithm/person] were wrong. Participants then made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by their state would make wrong benefits calculations (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”) and rated their propensity to apply for Social Security Disability program benefits if the state where they lived employed an algorithm/person and they needed these ben- efits (1 = “Likely to apply,” and 7 = “Unlikely to apply”). Results and discussion. A t-test on inferential judgment showed that participants were more prone to transfer an algorithmic failure than a human failure, replicating algorithmic transfer- ence (MAI= 5.32, SD= 1.59; MH= 4.77, SD= 1.52; t(297)= 3.01, p= .003, d= .35). Learning about an algorithmic failure was also associated with lower propensity to apply for disability benefits in case of need (MAI= 3.15, SD= 2.12; MH= 2.63, SD = 1.80; t(297)= 2.32, p= .021, d= .27). A mediation analysis (PROCESS Model 4; Hayes 2018) tested whether the relation- ship between agent and propensity to apply for benefits was mediated by inferential judgment. The mediational path from agent (AI= 1 and human= 0) to intention to apply was indeed significant through inferential judgment (indirect effect: .13, 95% CI: [.02, .27]; direct effect: .40, 95% CI: [−.05, .85]; total effect: .52, 95% CI: [.08, .98]). Study 6b: Propensity to Apply for TANF Benefits Procedure. The Temporary Assistance for Needy Families (TANF) benefit program is a state-administered program that provides families with financial assistance. To maximize rele- vance of the domain employed (temporary income support for families comprising at least one minor child), we relied on Cloud Research to recruit respondents who had at least one child below the age of 18 years or were pregnant. They partic- ipated in exchange for $.35 (N= 201, Mage= 40.6 years, SD= 8.3; 56.2% female, 43.3% male, .5% nonbinary/third gender). Participants read information about TANF benefits available on the U.S. government website Benefits.gov. Then, in a two-cell, between-subjects design, participants read about the Longoni et al. 181 failure of either an algorithm or a person employed by the state of Michigan in the calculation of TANF benefits. In the recent past, the state of Michigan employed [an algorithm/a person] to calculate TANF benefits to its residents. The state then allocated TANF benefits to its residents based on [the algo- rithm’s/the person’s] calculations. As it turns out, state review later determined that most of these TANF calculation decisions completed by the Michigan [algorithm/person] were wrong. Participants then made an inferential judgment about the likelihood that [an algorithm/a person] employed by the state where they lived would make wrong TANF benefits calcula- tions (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”) and rated their propensity to apply for TANF benefits if the state where they lived employed [an algorithm/a person] and they needed these bene- fits (1 = “Likely to apply,” and 7 = “Unlikely to apply”). Results and discussion. A t-test on inferential judgment repli- cated algorithmic transference (MAI= 5.24, SD= 1.53; MH= 4.24, SD= 1.63; t(199)= 4.47, p < .001, d= .63). Learning about an algorithmic failure was also associated with lower pro- pensity to apply (MAI= 3.97, SD= 1.99; MH= 2.93, SD= 1.79; t(199)= 3.89, p < .001, d= .55). A mediation analysis (PROCESS Model 4; Hayes 2018) tested whether the relation- ship between agent and propensity to apply was mediated by inferential judgment. The mediational path from agent (AI= 1 and human= 0) to propensity to apply was significant through inferential judgment (indirect effect: .31, 95% CI: [.09, .61]; direct effect: .74, 95% CI: [.20, 1.27]; total effect: 1.04, 95% CI: [.51, 1.57]). Study 6c: Propensity to Apply for Consumer Protection Services Procedure. Respondents from MTurk participated in exchange for $.35 (N= 200, Mage= 40.5 years, SD= 12.4; 41.2% female, 58.3% male, .5% nonbinary/third gender). As this study focused on the Consumer Financial Protection Bureau (CFPB), a bureau within the Federal Reserve System that pro- tects consumers in the financial marketplace, we asked partici- pants to read the following information: The Bureau of Consumer Financial Protection, known as the Consumer Financial Protection Bureau (CFPB), is an independent bureau within the Federal Reserve System that makes sure banks, lenders, and other financial companies treat consumers fairly. The CFPB was created to provide a single point of accountability for enforcing federal consumer financial laws and protecting consum- ers in the financial marketplace. Please review the information below from the CFPB’s website. Participants also reviewed information about these services as per the description provided in the CFPB website. Then, in a two-cell, between-subjects design, participants read about the failure of either a natural language processing algorithm or a person employed by the CFPB. Specifically, they read: Imagine you read in the news that in the recent past, the Consumer Financial Protection Bureau has employed [a natural language pro- cessing algorithm/a person] to categorize narratives, identify trends, and predict consumer harm in textual consumer complaints. The [algorithm/person] handled consumer complaints about credit cards, mortgages, student loans, bank accounts or services, vehicle and consumer loans, credit reporting, debt collection, and money transfers. An audit by the Federal Reserve System later revealed that the [algorithm/person] erroneously handled most of these consumer complaints. Participants then read that the Consumer Protection Agency of the state in which they lived is another institution that enforces laws to protect consumers from fraud, deception, and other unfair business practices. Participants rated the likeli- hood that [a natural language processing algorithm/a person] employed by the Consumer Protection Agency of their state would erroneously handle consumer complaints (1 = “Unlikely to erroneously handle consumer complaints,” and 7 = “Likely to erroneously handle consumer complaints”) and rated their propensity to apply for consumer protection services from the Consumer Protection Agency of their state if it employed [a natural language processing algorithm/a person] to handle claims (1 = “Definitively submit,” and 7 = “Definitively not submit”). Results and discussion. A t-test on inferential judgment repli- cated algorithmic transference (MAI= 5.32, SD= 1.44; MH= 4.40, SD= 1.43; t(198)= 4.57, p < .001, d= .65). A t-test on propensity to apply also showed that learning about an algorith- mic failure led to lower propensity to apply for consumer pro- tection services than learning about a human failure (MAI= 4.36, SD= 1.56; MH= 3.56, SD= 1.51; t(198)= 3.68, p < .001, d= .52). A mediation analysis (PROCESS Model 4; Hayes 2018) tested whether the relationship between agent and propensity to apply was mediated by inferential judgment. The mediational path from agent (AI= 1 and human= 0) to pro- pensity to apply for consumer protection services was indeed significant through inferential judgment (indirect effect: .19, 95% CI: [.04, .38]; direct effect:.61, 95% CI: [.16, 1.05]; total effect= .80, 95% CI: [.37, 1.23]). Overall, Studies 6a–6c replicated algorithmic transference. More importantly, these studies highlighted that algorithmic transference may harm consumers and undermine their propen- sity to utilize public services. General Discussion Across a range of policy areas and diverse samples, we explored how people respond to failures of AI in the government. A series of preregistered studies documented a robust effect of algorithmic transference: higher generalization of algorithmic than human fail- ures. In Studies 1a–1c, participants transferred algorithmic failures 182 Journal of Marketing Research 60(1) at a higher rate than human failures. Study 2 directly tested group homogeneity perception as process evidence via mediation along with possible alternative explanations (general knowledge of AI and algorithms, perceived locus of causality). Study 3 tested our process account through moderation, showing that algorithmic transference is eliminated when out-group heterogeneity is salient. Delineating the scope of the phenomenon, Study 4 indi- cated that algorithmic transference is accentuated for consumers who are more uncomfortable with new technologies. Study 5 tested a case in which a human retains a role of oversight, which eliminated algorithmic transference. Finally, Studies 6a– 6c tested the implications of algorithmic transference for propen- sity to utilize public services. Table 1 summarizes the empirical package, details of empirical testing, and results. Contributions to Theory Our research makes theoretical contributions to the literatures on psychological responses to automated systems, brand harms and brand scandals, and decision making in the public sector. Contribution to research on responses to algorithmic failures and to AI systems. Since Paul Meehl’s (1954) comparison between clinical and actuarial forecasting models, empirical investiga- tions have explored responses to automated agents, delineating conditions under which people exhibit algorithm aversion (Cadario, Longoni, and Morewedge 2021; Dietvorst, Simmons, and Massey 2015; Longoni, Bonezzi, and Morewedge 2019, 2020; Longoni et al. 2022), appreciation (Castelo, Bos, and Lehmann 2019; Longoni and Cian 2020; Logg, Minson, and Moore 2019), or indifference (Berger et al. 2021). We extend this literature in the following ways. First, our research makes a theoretical contribution to the liter- ature on consumer responses to algorithmic failures. Research in this area has examined consumer responses on two dimensions. One dimension of consumer response has assessed reliance on an algorithmic versus a human advisor before and after learning of the advisor failure rate (Berger et al. 2021; Dietvorst, Simmons, and Massey 2015; Prahl and Van Swol 2017; Srinivasan and Sarial-Abi 2021). Another dimension has assessed moral judgments of a failing algorithmic or human agent (Awad et al. 2020; Gill 2020).We contribute to this literature by extending the examination of consumer responses to inferential judgments and identifying the novel effect of algorithmic transference. Our research makes a second theoretical contribution to the broader literature on consumer responses to AI systems (Cadario, Longoni, and Morewedge 2021; Castelo, Bos, and Lehmann 2019; Gill 2020; Longoni, Bonezzi, and Morewedge 2019, 2020). We show that consumers view AI systems as social agents and investigate the consequences of this social categorization process. Our focus is on processes stemming from how people assign social categories and men- tally represent a group of artificial agents—as a group of a higher degree of homogeneity than a comparable group of humans. This perspective is novel, as it is based on group-level representational processes due to social categorization (in-group vs. out-group) rather than on lay beliefs at the level of individual agents. That is, whereas prior research focused on lay beliefs about what an AI agent is presumed capable of doing, we focus on perceptions of AI agents at the group level—how a collection of artificial agents is mentally repre- sented—and on the consequences of these representations. Overall, by empirically documenting how social categorization processes drive responses to algorithmic failures, and the con- sequences of these responses, we add an important contribution toward explaining people’s perceptions of AI systems. Contribution to research on brand harms. Another contribution of our research pertains to the literature on responses to brand harm. Research in this area shows that people respond less negatively to algorithmic than human-caused brand harm: brand devaluation is less pronounced following harm caused by an algorithm than by a person, an effect due to lower attribution of the failure to an algorithm than to a person (Srinivasan and Sarial-Abi 2021). Our research departs from these findings on two dimensions. First, the focus of our investigation is on transference—on infer- ential judgments about a different algorithm/person rather than on judgments about the same erring algorithm/person. Second, the driver of these inferential judgments is based on social cate- gorization processes rather than on differential responsibility of the failure. Indeed, and as shown in Study 2, algorithmic transfer- ence is not due to differential locus of causality, but rather driven by group homogeneity perceptions. We also build on and extend the stream of research on the spillover of a scandal surrounding one brand to another brand. This research shows that a scandal spills over if the company involved in the scandal is typical (and thus more diagnostic) of the category and/or if the scandal pertains to an attribute that is typical (and thus more diagnostic) of the category. An example would be the case of a scandal related to Burger King’s ham- burger meat resulting in lower brand evaluations of Wendy’s (Roehm and Tybout 2006). An interesting empirical question pertains to the understanding of the extent of transference between brands versus transference between algorithms or between humans (we thank an anonymous reviewer for this sug- gestion). The notion that failures are more diagnostic for algo- rithms than for humans is consistent with our theoretical model, which predicts algorithmic failures to be generalized more than human failures. A key point of departure, however, is that our theoretical model highlights the importance of whether a scandal is attributed to a decision made by an algo- rithm or a person. Our theoretical model would suggest that scandal transference would only occur if the scandal is attributed to a nonhuman (i.e., an algorithm) and not if the scandal is attrib- uted to a human. To the extent that consumers believe that brand scandals are attributable to humans, there should be less transfer- ence between two brands than between two algorithms. We tested this conjecture in an ancillary preregistered study (Study 7: N= 299; details in Web Appendix F) in which we compared transference of a scandal (erroneous calculation of unemployment benefits) from an algorithm to another Longoni et al. 183 Table 1. Overview of the Study Designs and Results for the Main Dependent Variables. Evidence of Algorithmic Transference Study 1a: Disability benefits (N = 205; MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.32 (1.40) 4.84 (1.23) t(203) = 2.60, p = .01, d = .36 Study 1b: Social security benefits (N = 300; nationally representative U.S. sample, Prolific) AI Human Test Statistic Inferential judgment 4.81 (1.52) 4.30 (1.47) t(298) = 3.01, p = .003, d = .35 Study 1C: Fraud in benefit claims (N = 202; experts, Cloud Research/MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.30 (1.44) 4.78 (1.59) t(200) = 2.41, p = .017, d = .34 Evidence of Group Homogeneity Perceptions as Process Study 2: Testing perceptions of group homogeneity as process (Unemployment benefits: N = 502; MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.44 (1.18) 4.77 (1.25) t(500) = 6.13, p < .001, d = .55 Group homogeneity 5.60 (1.05) 4.46 (1.31) t(500) = 10.71, p < .001, d = .96 Study 3: Making out-group heterogeneity salient eliminates transference (Unemployment benefits: N = 403; MTurk) Control Heterogeneity Salient Test Statistic AI Human AI Human Inferential judgment 5.28 (1.23) 4.39 (1.46) 4.64 (1.32) 4.45 (1.49) F(2, 399) = 6.30, p = .011, ηp 2 = .02 Evidence of the Scope of Algorithmic Transference Study 4: Discomfort with technology moderates transference (Social security benefits: N = 400; MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 4.69 (1.61) 4.23 (1.33) t(398) = 3.16, p = .002, d = .32 Study 5: Human oversight eliminates transference (Disability benefits: N = 304; MTurk) AI Human Human Oversight Test Statistic Inferential judgment 5.39 (1.37) 4.60 (1.31) 4.30 (1.36) F(2, 301) = 17.79, p < .001, ηp 2 = .11 Implications of Algorithmic Transference for Consumers Study 6a: Disability benefits (N = 299; nationally representative U.S. sample, Prolific) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.32 (1.59) 4.77 (1.52) t(297) = 3.01, p = .003, d = .35 Propensity to apply 3.15 (2.12) 2.63 (1.80) t(297) = 2.32, p = .021, d = .27 Study 6b: TANF benefits (N = 201; parents of minors, Cloud Research / MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.24 (1.53) 4.24 (1.63) t(199) = 4.47, p < .001, d = .63 Propensity to apply 3.97 (1.99) 2.93 (1.79) t(199) = 3.89, p < .001, d = .55 Study 6c: Consumer protection services (N = 200; MTurk) AI Human Test Statistic Inferential judgment 5.32 (1.44) 4.40 (1.43) t(198) = 4.57, p < .001, d = .65 Propensity to apply 4.36 (1.56) 3.56 (1.51) t(198) = 3.68, p < .001, d = .52 Notes: Inferential judgment was measured on a seven-point scale (1 = “Unlikely,” and 7 = “Likely”). Group homogeneity perceptions were measured on seven-point scales (1 = “Disagree strongly,” and 7 = “Agree strongly”). Propensity to apply was measured on a seven-point scale (1 = “Likely,” and 7 = “Unlikely”). Standard deviations in parentheses. 184 Journal of Marketing Research 60(1) algorithm, or from a person to another person, or from a brand to another brand. Participants made two judgments: they rated the likelihood that another algorithm/person/brand would fail (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong calculations”), and they rated the extent to which, in their opinion, the decisions regarding the unemploy- ment calculations were made by algorithms or by people (1 = “Made by algorithms,” and 7 = “Made by people”). Consistent with our theoretical model, participants transferred the scandal to another algorithm (MAI= 5.14, SD= 1.37) to a greater degree than they transferred the scandal to another person (MH= 4.46, SD= 1.20; t(296)= 3.66, p < .001, d= .52) and to another brand (MB= 4.21, SD= 1.34; t(296)= 5.03, p < .001, d= .71). There was no difference in transference between the person and the brand conditions (t(296)= 1.34, p= .18, d= .19). Corroborating our predictions, participants attributed the scandal in the algorithm condition to algorithmic decisions rather than human decisions (MAI= 1.26, SD= .93), whereas the scandals in the human and brand conditions were attributed more to human decisions (MH= 6.78, SD= .78; human vs. algorithm: t(296)= 34.66, p < .001, d= 4.91; MB = 5.97, SD= 1.51; brand vs. algorithm: t(1, 296)= 29.75, p < .001, d= 4.20). These results showed that consumers transfer algorithmic failures to a greater extent than they trans- fer brand failures, underscoring the importance of considering social categorization processes—and the associated represen- tations between out-groups of AI systems and in-groups of humans—as drivers of transference effects. Contribution to research on decision making in the public sector. A final contribution of our research pertains to the theoretical understanding of people’s perceptions of what has been labeled the “automated administrative state” (Calo and Citron 2021). Despite growing and often heated debates about how the civil society should regulate AI, research and commentary in this area have mostly focused on the efficiency and effective- ness gains that AI might offer to public agencies (De Sousa et al. 2019). Little attention has been paid to how consumers respond to the automation of public agencies, even though they derive their legitimacy from the provision of services to the public (Calo and Citron 2021). Our research fills this gap, thus exploring the broader societal consequences of AI. Implications for Practitioners and Public Policy In 2019, the White House hosted the Summit on Artificial Intelligence in Government to accelerate adoption of AI in the government, highlighting innovative efforts of agencies that had already adopted AI and urging further AI applications that would render the government more effective, efficient, and responsive. In 2020, an executive order of the federal govern- ment (Executive Office of the President 2020) called on federal agencies to rely on AI to deliver public services and foster public trust in this technology. Along the same lines, the National Security Commission on Artificial Intelligence (2021) urged the United States to act now to field AI systems and invest substantially more resources in AI innovation. Overall, these and many other government initiatives are intended to accelerate and support the use of AI across govern- mental agencies to carry out their statutorily committed duties (Calo and Citron 2021). Indeed, despite concerns about the short- and long-term impact of AI, much of the public sector has been, or will soon be, reshaped by AI. From a public policy standpoint, our research underscores the importance of integrating the perspective of consumers in the assessment of the social impact of AI. Our results highlight how the hasty and mismanaged deployment of faulty AI systems may harm consumer uptake of public services. Consumers do not simply ascribe failure to the one governmen- tal agency employing a faulty AI system. Instead, and perhaps unwarrantedly, consumers draw negative inferences about AI systems employed by other agencies. Thus, negative press about the failure of an AI system may have implications for other AI systems. Ultimately, and as shown in Studies 6a–6c, these negative inferences dampen consumer propensity to access public services, the provision of which is the statutory duty of public agencies. Fortunately, our research also points to interventions that can mitigate this effect and boundary conditions under which the effect does not manifest. The results of Study 3 showed that it is possible to mitigate the effects of learning of failing algo- rithms by dispelling the belief that all AI systems are the same and by communicating that these systems are in fact het- erogeneous. The results of Study 5 also showed that emphasiz- ing having human oversight on algorithmic decision making prevents transference from emerging. Overall, our research points to a novel and consequential implication of the reporting of failures of AI, at a time when actions are taken to enforce the transparent disclosure of AI systems executing government policies (e.g., Executive Order 13960 [Executive Office of the President 2020]). That is, government agencies are required to disclose proposed and existing AI systems, including their purpose, reach, use, and potential impact on communities and individuals. Disclosing the use of AI is intended to help governmental agen- cies proactively avoid backlash against systems the public may find untrustworthy. Our research warns against the hurried and unregulated deployment of AI, as algorithmic transference may harm trust in the government, as evidence by an ancillary preregistered study that tested the implications of algorithmic transference for trust in the government (Study 8: N= 200; details in Web Appendix G). Participants read about the failure of either an algo- rithm or a person employed by Allegheny County’s police department to monitor and prevent child abuse. Then, partici- pants made two judgments. To measure transference, participants rated the likelihood that another [algorithm/person] employed by Rhode Island’s police department would fail (1 = “Unlikely to make wrong calculations,” and 7 = “Likely to make wrong cal- culations”). To measure trust in the government, participants rated the extent to which they would trust the Rhode Island police department if it employed [an algorithm/a person] (1 = Longoni et al. 185 “Not at all,” and 7 = “Very much”). Replicating previous results, participants were more prone to transfer algorithmic failures than human failures (MAI= 5.42, SD= .90; MH= 4.45, SD= 1.05; t(198)= 7.02, p < .001, d= .99). An algorithmic failure was also associated with lower trust in the agency than the human failure was (MAI= 2.52, SD= 1.47; MH= 4.02, SD= 1.17; t(198)= 7.97, p < .001, d= 1.13). A mediation analysis showed that transference mediated the effect of agent on trust in the agency (indirect effect .36, 95% CI: [.11, .63]). Limitations and Direction for Future Research Despite the robustness of the phenomenon documented, our research has limitations that offer several opportunities for future research. We focus our discussion on five directions that we believe offer particularly promising directions to extend the current work. First, it would be interesting to explore the antecedents of out- group homogeneity. Future research could examine why out- group homogeneity perceptions arise and how they operate, investigating, for instance, whether out-group homogeneity per- ceptions are the result of a cognitive bias or an error in social per- ception. Group perception is a flexible and dynamic process that may vary depending on the situational and social context (Palla, Barabasi, and Vicsek 2007). Mental representation of agents and their assignment to a group is indeed an adaptive feature; there- fore, shifts in goals or strategies may render it beneficial to modify group member perceptions. Future research could track changes in how automated agents are mentally represented over time, and whether these changes accentuate or reduce out- group homogeneity and therefore transference. Second, future research could dig deeper into the correlates of out-group homogeneity perceptions. We examined two such candidates in Studies 2 (algorithmic literacy) and 5 (discomfort with new technologies) and call for future research to examine other factors. For instance, research on intergroup perceptions links out-group homogeneity to need for uniqueness (Quattrone and Jones 1980), need for predictability (Irwin, Tripodi, and Bieri 1967), and need to justify in-group favoritism and out-group hostility (Wilder 1986). Future research could investigate whether perceptions of AI systems as homogeneous correlate with these needs. Third, future research could further examine the role of knowledge of AI in moderating transference. Although the results of Study 1c (which employed a sample of computer/high- tech experts) and Study 2 are unsupportive of the notion that knowledge of AI drives transference, we note that we do not claim that consumers have as much knowledge of AI algorithms as they do of humans. As humans, we have more insight into the degree of variability that exists among humans, and less insight into what makes nonhuman agents different from each other. Furthermore, the algorithmic literacy scale we employed does not tap into everyday knowledge of AI, that is, consumer knowl- edge of digital technologies that employ AI systems such as Alexa and Siri. Our claim and what our studies provide evidence for is the hypothesis that group homogeneity is a unique driver of algorithmic transference, even when accounting for knowledge of AI. We call for future research to dig deeper into what dimen- sions and types of AI knowledge could moderate transference. Fourth, although we tested algorithmic transference across several policy areas, we focused on cases where there was an “accurate” value and decision correctness was unambiguous (i.e., fraud accusations are baseless). Thus, what would happen in the case of more ambiguous errors is an open ques- tion. Future research could explore cases in which it is unclear the extent to which a decision outcome is erroneous, and whether ambiguity in correctness moderates transference. Finally, we focused on the government given the rapid spread of AI and its relevance for consumers given news media reports of AI failures. Nevertheless, algorithmic transference and its explanation likely apply to other consumer domains, such as rec- ommendations from virtual assistants, customer service chatbots, and other automated company–customer interactions. In all these cases, algorithmic transference may harm companies other than the one employing a faulty AI system. For instance, Best Buy automated the process used to return products and hired The Retail Equation, a company that used an algorithm to score cus- tomers’ shopping behavior and impose limits on the amount of merchandise customers could return. The algorithm wrongfully banned many customers from returning products, a failure that ended up alienating Best Buy customers and, ultimately, resulted in a class-action lawsuit against not just Best Buy but also other companies that automated their refund policies (Bradley-Smith 2021). As this example suggests, future research could systemati- cally investigate to what extent transference carries over to other marketing settings and consumption domains. AI holds great potential to improve the public sector. However, we highlight how the deployment of AI in the gov- ernment should integrate the consumer perspective and reflect the extent to which these technologies promote, rather than harm, the duty of public agencies toward consumers. Acknowledgments The authors would like to acknowledge the JMR review team for their guidance throughout the review process. The authors are grateful to seminar participants at the Max Planck Institute for Human Development, Cornell University, George Washington University, Wilfrid Laurier University, Bocconi University, the Association for Consumer Research, the Society for Consumer Psychology, and the Association for Computing Machinery Conference on Artificial Intelligence, Ethics, and Society for their engagement with this research and comments on earlier versions of this manuscript. The authors are indebted to Asifur Rahman, Becky Duff, and the Batten Institute for Entrepreneurship and Innovation for their research support. The authors gratefully acknowledge Dokyun Lee and Andrea Pellegrini for their help with the algorithmic literacy scale and Bruno Radice and Raina Zhang for their research assistance. Associate Editor Gergana Nenkov 186 Journal of Marketing Research 60(1) Declaration of Conflicting Interests The author(s) declared no potential conflicts of interest with respect to the research, authorship, and/or publication of this article. Funding The author(s) received no financial support for the research, author- ship, and/or publication of this article. ORCID iDs Chiara Longoni https://orcid.org/0000-0002-4945-4957 Luca Cian https://orcid.org/0000-0002-8051-1366 Ellie J. Kyung https://orcid.org/0000-0003-2385-9523 References Administrative Conference of the United States (2020), “Government by Algorithm: Artificial Intelligence in Federal Administrative Agencies,” (February 19), https://www.acus.gov/report/government- algorithm-artificial-intelligence-federal-administrative-agencies. AIAAIC (2022), “AIAAIC Repository,” (accessed May 30, 2022), https://www.aiaaic.org/aiaaic-repository. Awad, Edmond, Sydney Levine, Max Kleiman-Weiner, Sohan Dsouza, Joshua B. 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Theoretical Development Responses to AI Failures Social Categorization and Algorithmic Transference Overview of the Studies Studies 1a–1c: Evidence of Algorithmic Transference Procedure Study 1a: Allocation of disability benefits Study 1b: Calculation of social security benefits Study 1c: Determination of unemployment insurance fraud Results and Discussion Study 2: Testing Perceptions of Group Homogeneity as Process Procedure Results and Discussion Algorithmic transference Group homogeneity perceptions Perceived locus of causality Mediation Study 3: Making Out-Group Heterogeneity Salient Eliminates Algorithmic Transference Procedure Results and Discussion Study 4: Discomfort with Technology Moderates Algorithmic Transference Procedure Results and Discussion Study 5: Human Oversight Eliminates Algorithmic Transference Procedure Results and Discussion Studies 6a–6c: Implications for Propensity to Apply for Public Services Study 6a: Propensity to Apply for Disability Benefits Procedure Results and discussion Study 6b: Propensity to Apply for TANF Benefits Procedure Results and discussion Study 6c: Propensity to Apply for Consumer Protection Services Procedure Results and discussion General Discussion Contributions to Theory Contribution to research on responses to algorithmic failures and to AI systems Contribution to research on brand harms Contribution to research on decision making in the public sector Implications for Practitioners and Public Policy Limitations and Direction for Future Research Acknowledgments References < < /ASCII85EncodePages false /AllowTransparency false /AutoPositionEPSFiles true /AutoRotatePages /All /Binding /Left /CalGrayProfile (Dot Gain 20%) /CalRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CalCMYKProfile () /sRGBProfile (sRGB IEC61966-2.1) /CannotEmbedFontPolicy /Warning /CompatibilityLevel 1.4 /CompressObjects /Tags /CompressPages true /ConvertImagesToIndexed true /PassThroughJPEGImages true /CreateJobTicket false /DefaultRenderingIntent /Default 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    Microsoft Word - Anhang 2 Zuordnung Fuzzy-Werte Outcome.docx Universität Luzern Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Gutachter: Prof. Dr. Joachim Blatter Frühjahrssemester 2016 Abgabetermin: 10. März 2016 Eingereicht von: Samuel Huber Matr.-Nr. 12-452-264 8. Semester Politikwissenschaft / Geschichte Hirschengraben 14 6003 Luzern Europa auf dem Pfad zum Verfassungsgericht Erklärungstheorien für die Entstehung starker Verfassungsgerichtsbarkeit auf dem Prüfstand Bachelorarbeit zur Erlangung des Bachelorgrades der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern 2 1. Abstract Das 20. Jahrhundert kann als das Jahrhundert der Verfassungsgerichtsbarkeit be- zeichnet werden. Verfassungsgerichte kamen in diesem Zeitraum als mächtige neue Institutionen zur institutionellen Ausstattung politischer Systeme dazu. Die vorlie- gende Bachelorarbeit überprüft mittels Qualitative Comparative Analysis bestehende Erklärungstheorien für die Entstehung starker Verfassungsgerichte in 23 europäi- schen Staaten. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung legen nahe, dass sich die Entstehung starker Verfassungsgerichte in diesen Staaten primär aus liberalem Ideengut und dem Wunsch eine neu entstandene Demokratie zu stabilisieren erklären lässt. 3 Inhaltsverzeichnis 1. Abstract ................................................................................................................ 2 2. Einleitung ............................................................................................................. 4 3. Verfassungsgerichtsbarkeit ................................................................................ 6 3.1 Hauptfunktion, Modelle, weitere Funktionen................................................ 6 3.2 Messungen der Stärke .................................................................................. 10 4. Forschungsdesign und Methodik ..................................................................... 12 5. Theorierahmen .................................................................................................. 18 5.1 Sozialkonstruktivismus ....................................................................................... 19 5.2 Funktionalismus .................................................................................................. 21 5.3 Rationalismus ...................................................................................................... 24 5.3.1 Realismus ................................................................................................... 25 5.3.2 Rational Choice-Theorie ............................................................................ 27 6. Ergebnisse .......................................................................................................... 30 6.1 Sozialkonstruktivismus ....................................................................................... 31 6.2 Funktionalismus .................................................................................................. 35 6.3 Rationalismus ...................................................................................................... 41 6.3.1 Realismus ................................................................................................... 41 6.3.2 Rational Choice-Theorie ............................................................................ 50 7. Diskussion der Ergebnisse ................................................................................ 56 8. Konklusion ......................................................................................................... 59 9. Literaturverzeichnis .......................................................................................... 61 10. Anhänge ............................................................................................................. 65 11. Selbständigkeitserklärung ................................................................................ 65 4 2. Einleitung 1 Das 20. Jahrhundert kann als das Jahrhundert der Verfassungsgerichtsbarkeit be- zeichnet werden. Die meisten heutigen Demokratien haben im Verlauf des 20. Jahr- hunderts ein Verfassungsgericht institutionalisiert. Demokratische Systeme wurden damit weltweit um eine neue und nicht zu unterschätzende Institution erweitert. Während sich anfangs des 20. Jahrhunderts die politischen Systeme mit Verfas- sungsgerichtsbarkeit an einer Hand abzählen liessen, lässt sich dasselbe heute für demokratische Systeme ohne Verfassungsgerichtsbarkeit sagen: Die Verfassungsge- richtsbarkeit wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts vom demokratischen Sonder- zum Normalfall (Kneip 2015:6). Verfassungsgerichte sollen der klassischen Kelsen’schen Auffassung folgend als „Hüter der Verfassung“ fungieren. Dabei nehmen sie typischerweise auch eine Über- prüfung der Verfassungsmässigkeit von nationalen Gesetzen vor (Hönnige 2011: 262; Haase / Struger 2009: 15f.). Sie können damit als Instanz der Judikative auch Beschlüsse eines demokratisch legitimierten Parlaments ausser Kraft setzen. Politik- wissenschaftlich betrachtet werden sie dadurch zu „Grenzorgane[n] zwischen Recht und Politik“ (Stolzlechner in Haase / Struger 2009: 39; vgl. auch Kneip 2008: 633). Befürworterinnen2 starker Verfassungsgerichte sehen in deren Tätigkeit einen Schutz der in der Verfassung verankerten, für eine liberale Demokratie konstitutiven Merk- male wie Menschenrechten, Rechtstaatlichkeit und Gewaltenteilung gegenüber der wankelmütigen Tagespolitik. Gegner der Verfassungsgerichtsbarkeit sehen in ihnen eine übermässige Einschränkung republikanisch-demokratischer Gestaltungsmacht, welche in ihrer extremen Form zu einem Richterstaat, das heisst zur Entscheidung eminent politischer Fragen durch ein Richtergremium führen kann (Haase / Struger 2009: 18).3 Ungeachtet der Position, welche man in dieser normativen Debatte einnimmt, lassen sich Verfassungsgerichte als Institutionen charakterisieren, welche darüber mitent- scheiden, welche Bereiche politisch verhandelbar sind und wo die Grenzen der 1 Herzlichen Dank an Joachim Blatter, Markus Siewert, Samuel Schmid und Eva Granwehr für die grosszügige Unterstützung. Mein Dank gilt auch Sascha Kneip, welcher mir freundlicherweise Texte und Daten zur Verfügung gestellt hat, sowie Alrik Thiem und Michael Baumgartner für ihren sehr lehrreichen Workshop zu QCA. Vielen Dank ausserdem an Doris Huber für das Korrekturlesen des Texts. Für noch bestehende methodische, inhaltliche und sprachliche Fehler bin ich selbstverständlich selbst verantwortlich. 2 Im Folgenden werde ich abwechselnd die weibliche und männliche Form verwenden. 3 Diese Darstellung stellt eine starke Vereinfachung der normativen Debatte zur Verfassungsgerichts- barkeit dar. Vgl. Kneip (2006; 2015: 2ff.) sowie Wieser (2005: 118-120). 5 Mehrheitsdemokratie liegen sollen. Verfassungsgerichte greifen also – ob positiv oder negativ bewertet – stark in den politischen Prozess ein und sie tun dies offenbar umso mehr, je stärker sie bei ihrer Entstehung als Institution entworfen worden sind (Kneip 2008: 648). Aus einer politikwissenschaftlich-empirischen Perspektive lassen sich daher folgende Fragestellungen formulieren: Wie lässt sich erklären, dass sich Verfassungsgerichte als neue und starke Institutionen im Verlauf des 20. Jahrhunderts durchgesetzt ha- ben? Und wie lässt sich besonders die Entstehung sehr starker Verfassungsgerichte erklären? Diesen Fragestellungen möchte ich mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit widmen. In räumlicher Hinsicht werde ich mich auf die heutigen Mitgliedsstaaten der Euro- päischen Union (EU), in zeitlicher Hinsicht auf den Zeitraum zwischen den Jahren 1945 und 2000 beschränken. Die räumliche Einschränkung nehme ich vor, da sich in Europa der „Triumphzug der Verfassungsgerichtsbarkeit“ (Kneip) besonders deutlich gezeigt hat (Kneip 2008:653). Ausserdem lässt sich durchaus davon sprechen, dass eine Forschungslü- cke im Bereich vergleichender politikwissenschaftlicher Forschung zu europäischen Gerichten besteht (Hönnige 2007: 38). Dies auch, weil sich die Forschung sehr lange nahezu ausschliesslich mit dem amerikanischen Supreme Court auseinandergesetzt hat (Hirschl 2004: 5f.). Die Verfassungsgerichtsbarkeit hat sich in Europa seit dem Jahr 1945 in Form von drei Verbreitungswellen etabliert: einer ersten mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, einer zweiten ab den 1970er Jahren im iberischen Raum und ei- ner dritten, mit der Auflösung der Sowjetunion und der Demokratisierung in den 1990er Jahren in Süd- und Osteuropa (Haase / Struger 2009; Hirschl 2004: 7ff.). Damit macht es Sinn, speziell diesen Zeitraum in den Fokus zu nehmen. Die definitive Fragestellung der vorliegenden Abschlussarbeit lautet damit: Wie lässt sich die Entstehung starker Verfassungsgerichtsbarkeit in den EU- Mitgliedsstaaten nach 1945 erklären? Mit der Beantwortung dieser Fragestellung möchte ich an eine neuere politikwissen- schaftliche Literatur anknüpfen, welche sich wieder vermehrt der Justiz und im spe- ziellen den Verfassungsgerichten als Untersuchungsgegenstand zugewendet und Er- klärungstheorien für deren Entstehung formuliert hat (Kneip 2015; Silverstein 2002; Hirschl 2004: 31ff.). Ich möchte mit meiner Fragestellung ausserdem zwei bisher 6 getrennt untersuchte Bereiche miteinander verbinden: Erklärungstheorien für die Entstehung von Verfassungsgerichten und Indizes, welche deren Stärke erfassen sol- len (Alivizatos 1995; Kneip 2008; Lijphart 2012; Maddex 2014). Nicht zuletzt will ich auch in einem Forschungsbereich einen empirischen Theorientest durchführen, in welchem bisher vorwiegend fallstudienbasierte Theorienbildung betrieben worden ist. Wichtig anzumerken ist jedoch, dass ich im strengen Sinn keine Anknüpfung an die breite „Judicialization“-Literatur (vgl. Hönnige 2010: 348ff.) vorhabe, welche sich mit der Frage befasst, inwiefern sich von einem Anstieg der faktischen Aktivität und Macht von Gerichtsinstanzen über die Zeit sprechen lässt. Meine Untersuchung leistet dazu aber insofern einen Beitrag, als dass sie nach einer Erklärung für die in- stitutionell stark entworfenen Verfassungsgerichte fragt, welche offenbar später auch zu den sehr aktiven und starken Akteuren im politischen Prozess geworden sind (Kneip 2008: 648). Die vorliegende Bachelorarbeit ist wie folgt aufgebaut. In einem ersten Teil werde ich auf die Verfassungsgerichtsbarkeit als Konzept einge- hen. Hier werde ich Funktionen, Modelle und bisherige Messversuche der Stärke von Verfassungsgerichten präsentieren (3.). Darauf folgt eine Darstellung der methodi- schen Vorgehensweise (4.). Schliesslich beschreibe ich die getesteten Erklärungsthe- orien (5.), präsentiere die Ergebnisse der empirischen Untersuchung (6. und 7.) und beantworte in einer abschliessenden Konklusion die Fragestellung der Arbeit (8.). 3. Verfassungsgerichtsbarkeit Um zu untersuchen wie starke Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa entstanden ist, muss zunächst festgelegt werden, was im Folgenden unter diesem Begriff verstanden werden soll. Aus der bestehenden Literatur können eine Hauptfunktion, zwei Model- le und zahlreiche weitere Funktionen der Verfassungsgerichtsbarkeit entnommen werden. 3.1 Hauptfunktion, Modelle, weitere Funktionen Die Hauptfunktion der Verfassungsgerichtsbarkeit lässt sich mit Haase / Struger (2009) darauf festlegen, die „…Achtung der Verfassung als Grundgesetz des Staates zu gewährleisten. Soll die Verfassung als Rechtsnorm effektiv sein, muss es ein Or- gan geben, das über die Einhaltung der Verfassungsbestimmungen wacht, Verfas- sungsverletzungen feststellt und allfällige Sanktionen zu setzen befugt ist.“ (Haase / Struger 2009: 15). Vor dem Hintergrund dieser Hauptfunktion ist auch die oft ver- 7 wendete Beschreibung von Verfassungsgerichten als „Hütern der Verfassung“ (Kel- sen) zu verstehen. Weshalb bedarf die Verfassung eines solchen Hüters? In der Literatur wird im Zusammenhang mit der genannten Hauptfunktion der Ver- fassungsgerichtsbarkeit meist die Normenkontrolle thematisiert (Haase / Struger 2009: 19; Hönnige 2008: 543f.; Wieser 2005: 118). Unter der Normenkontrolle „…ist die Überprüfung genereller Rechtsnormen auf ihre Übereinstimmung mit übergeordneten generellen Normen zu verstehen, insb[esondere] die Überprüfung der Verfassungsmässigkeit von Gesetzen.“ (Haase / Struger 2009: 16). Damit wird auch klarer, vor wem die Verfassung geschützt werden muss: Vor der Legislative und der Exekutive, das heisst dem Parlament, der Regierung und der Verwaltung. Das Parlament kann Gesetze erlassen, welche im Widerspruch mit der geltenden Verfassung stehen, die Regierung kann durch den Erlass von Dekreten und Verordnungen ebensolche Widersprüche hervorbringen und die Verwaltung kann das selbe durch erlassene Verfügungen bewirken. Hauptfunktion der Verfassungsge- richtsbarkeit ist es also, mittels Normenkontrolle solche Beschlüsse ausser Kraft zu setzen, sofern sie Verfassungsartikeln widersprechen. Dies, weil Gesetze, Verord- nungen, Dekrete und Verfügungen Verfassungsbestimmungen rechtlich untergeord- net und Verfassungsbestimmungen in aller Regel auch direkter demokratisch legiti- miert sind. Sie müssen so meist ein Referendum überstehen, während Gesetzesbe- schlüsse indirekter über demokratisch gewählte Parlamentarierinnen und Verordnun- gen der Exekutive je nach System nochmals indirekter über von Parlamentariern ge- wählte Exekutivpolitiker legitimiert sind. Ein Verfassungsgericht kann die Normenkontrolle präventiv, also noch vor in Kraft treten eines Beschlusses oder repressiv, das heisst danach vornehmen. Es kann diese Normenkontrolle ausserdem konkret, das heisst anhand eines konkreten Rechtsfalls mit Klägerin oder abstrakt, das heisst unabhängig von einem konkreten Streitfall vornehmen (Haase / Struger 2009: 16f.). Nicht allen Verfassungsgerichten steht je- doch die gesamte Palette dieser Kompetenzen zur Verfügung. Vielmehr besteht in Europa bereits eine beachtliche Vielfalt an institutionellen Ausprägungen der Verfas- sungsgerichtsbarkeit (Hönnige 2007: 137; Kneip 2008: 634). In der Literatur werden grundsätzlich zwei Modelle der Verfassungsgerichtsbarkeit unterschieden (nach der Klassifikation von Cappelletti / Ritterspach vgl. Haase / Struger 2009: 37ff.; Kneip 2008: 632; Wieser 2005: 120). 8 Im diffusen, oder dezentralisierten Modell, welches gelegentlich auch als „Supreme- Court“- oder „US“-Modell bezeichnet wird, ist die Aufgabe der verfassungsgerichtli- chen Überprüfung von Beschlüssen auf mehrere Institutionen verteilt. Hier nehmen auch reguläre Gerichte eine verfassungsgerichtliche Überprüfung vor. Prototyp und Urvater dieses Modells ist der amerikanische Supreme Court, welcher sich mit sei- nem Urteil im Fall Marbury vs. Madison im Jahr 1803 selbst ermächtigt hat, in Zu- kunft Überprüfungen von Gesetzesbeschlüssen auf ihre Verfassungsmässigkeit vor- zunehmen. Er schuf damit den historischen Ursprung der Verfassungsgerichtsbarkeit (Haase / Struger 2009: 22). Das zweite, sogenannte spezialisierte, konzentrierte oder zentralisierte Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit nahm seinen Ursprung im Jahr 1920 in Österreich. Es wird daher auch als „österreichisch-deutsches“, als „europäisches“ oder – nach dem Juristen, welcher als sein Begründer gilt – als „Kelsen“-Modell bezeichnet. In diesem Modell ist die Verfassungsgerichtsbarkeit auf eine einzelne Institution, ein explizites „Verfassungsgericht“ beschränkt. Nur diesem Gericht steht es zu, Beschlüsse auf ihre Verfassungsmässigkeit zu überprüfen und es behandelt daneben auch keine an- deren Fälle mehr (Haase / Struger 2009: 37ff.; Kneip 2008: 632f.). Für die vorliegende Untersuchung ist vor allem relevant, dass das spezialisierte Mo- dell der Verfassungsgerichtsbarkeit gemeinhin als das stärkere beschrieben wird (Haase / Struger 2009: 37ff.; Kneip 2008: 645). Ausserdem ist es in Europa wesent- lich häufiger anzutreffen als das diffuse Modell.4 Auch nach 1945, im Zusammen- hang mit den Verbreitungswellen der Verfassungsgerichtsbarkeit sind in Europa kaum weitere Staaten mit diffusen Modellen hinzugekommen, wie Tabelle 1 in An- hang 1 deutlich macht. Da jedoch die in Europa nach 1945 entstandenen Verfassungsgerichte auch diffuse Modelle umfassen und die Varianz betreffend Stärke der Verfassungsgerichtsbarkeit unter den spezialisierten Modellen im Vergleich zu jener zwischen den beiden Mo- dellen sehr gering ist, werde ich auch die im Untersuchungszeitraum entstandenen diffusen Systeme der Verfassungsgerichtsbarkeit in die Untersuchung einbeziehen. Auch sie nehmen die zuvor definierte Hauptfunktion der Verfassungsgerichtsbarkeit über die Normenkontrolle wahr. 4 Eine Ausnahme bildet hier Skandinavien, wo diffuse Modelle der Verfassungsgerichtsbarkeit durch- aus häufig sind (Wieser 2005: 122f.). 9 Im Folgenden sind also mit „Verfassungsgericht“ und „Verfassungsgerichtsbarkeit“ immer beide Modelle gemeint. Auch der Titel der Arbeit ist so zu verstehen. Während die Normenkontrolle also sozusagen das Instrument bildet, mit welchem ein Verfassungsgericht seine Hauptfunktion wahrnehmen kann, wird mit dem ge- wählten Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit festgelegt, welche Institution oder Institutionen diese Funktion ausführen kann oder können. Damit ist aber noch nicht viel darüber gesagt, welche tatsächlichen Funktionen ein Verfassungsgericht durch die Normenkontrolle wahrnehmen kann. Die Verfassung eines Staates, welche von einem Verfassungsgericht durch die Normenkontrolle geschützt werden soll, enthält schliesslich eine Vielzahl von Bestimmungen diversen Inhalts. Typischerweise findet sich in einer Verfassung ein Menschenrechtskatalog, eine Festlegung des Aufbaus und der Organisation staatlicher Institutionen sowie Ausfüh- rungen zum Föderalisierungs- bzw. Zentralisierungsgrads in einem Föderalstaat in Form von Zuständigkeiten, Rechten und Pflichten der föderalen Ebenen. Je nach Verfassungseintrag, welchen ein Verfassungsgericht im Rahmen der Normenkontrol- le behandelt, ergeben sich damit auch potenziell verschiedene weitere Funktionen eines Verfassungsgerichts im politischen Alltag. Sofern in einem Staat diese Möglichkeit besteht, kann so zum Beispiel ein Bürger mittels einer Verfassungsbeschwerde hoheitliche Akte, welche ihn betreffen anfech- ten und durch das Verfassungsgericht aufheben lassen. Dies, falls diese Hoheitsakte seine Menschenrechte verletzen sollten (Wieser 2005: 141). Er fordert dadurch das Verfassungsgericht auf, den Schutz seiner verfassungsmässig geschützten Menschen- rechte gegenüber untergeordnetem Recht sicherzustellen. Weiter besitzen Verfassungsgerichte in vielen Staaten auch die Möglichkeit, im Fall von Kompetenzkonflikten zwischen den föderalen Ebenen und zwischen den Gewal- ten verbindlich zu entscheiden (Wieser 2005: 142f.). Das Verfassungsgericht nimmt in diesem Sinn also auch eine vermittelnde Funktion zwischen verschiedenen ande- ren Staatsorganen wahr. Diese unterschiedlichen Kompetenzen und Funktionen eines Verfassungsgerichts werden sehr wichtig sein, um einen Test der zahlreichen Erklä- rungstheorien zur Entstehung starker Verfassungsgerichte vornehmen zu können. Wie im Theorieteil (5.) zu sehen sein wird, implizieren unterschiedliche Erklärungs- theorien unterschiedliche dieser Kompetenzen und Funktionen eines Verfassungsge- richts. 10 3.2 Messungen der Stärke Wie in der Einleitung bereits angesprochen wurde, existieren in der politikwissen- schaftlichen Literatur verschiedene Ansätze um die Stärke eines Verfassungsgerichts zu messen. Um die Frage beantworten zu können, wie sich die Entstehung starker Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa erklären lässt, werde ich auf eine dieser Mes- sungen zurückgreifen. Bestehende Messungen der Stärke eines Verfassungsgerichts lassen sich idealtypisch danach unterteilen, ob sie De Jure- oder De Facto-Aspekte eines Verfassungsgerichts erfassen. Messungen von De Jure-Aspekten beschränken sich auf die formalen Kom- petenzen eines Verfassungsgerichts, wie sie in der Verfassung und in anderen Rechtsdokumenten festgehalten sind. Messungen von De Facto-Aspekten ergänzen diese um die faktische Stärke oder Aktivität eines Gerichts, wobei zum Beispiel er- hoben werden kann, wie viele Fälle ein Verfassungsgericht jährlich durchschnittlich bearbeitet oder wie stark es üblicherweise von seinen formalen Kompetenzen Ge- brauch gemacht hat. Idealtypisch ist diese Gegenüberstellung deshalb, weil beste- hende Messansätze diese beiden Elemente oftmals kombinieren. Arend Lijphart (2012:214) hat so zum Beispiel Demokratien anhand von Verfas- sungsbestimmungen danach unterteilt, ob sie grundsätzlich eine verfassungsgericht- liche Überprüfung kennen und schliesslich die spezialisierten Modelle in drei Stufen gemäss ihrer Aktivität eingeteilt (Hönnige 2011: 352). Das Demokratiebarometer der Universität Zürich (Bühlmann et al. 2012) und des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) erhob ebenfalls für zahlreiche europäische Demokratien, ob eine verfassungsgerichtliche Überprüfung von Beschlüssen in der Verfassung formal festgehalten ist.5 Als De Facto-Komponente wurde zudem die „Power of the Judiciary“6 erfasst, wobei der niedrigste Wert vergeben wurde, wo das Parlament „die legitime Quelle allen Rechts“ war und der höchste Wert erreicht wird, wenn ein Gericht „das letzte Wort über alle Gesetze“ hat.7 Alivizatos (1995) teilte Länder danach ein, ob sie über ein zentralisiertes oder de- zentralisiertes Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit verfügen, um danach ebenfalls eine Unterteilung in aktive und weniger aktive Gerichte vorzunehmen (Hönnige 2011: 352). 5 Variable Judrev. 6 Variable Powjudi. 7 Eigene Übersetzung ins Deutsche aus dem Demokratiebarometer-Codebuch. 11 Cooter und Ginsburg (1996) untersuchten spezifisch die Implementation einer be- stimmten Policy durch Verfassungsgerichte und stützten sich dazu auf Expertenbe- fragungen ab (Hönnige 2011: 352). Nach rein formalen Kriterien beurteilt Maddex (2014) die Verfassungsgerichtsbar- keit. Auch La Porta (2003) stützte sich für seine Einschätzung der Stärke verfas- sungsgerichtlicher Überprüfung auf Maddex ab. Basierend auf Verfassungsbestim- mungen teilt Maddex die untersuchten Länder danach ein, ob sie keine, eine kom- plett vorhandene oder eine beschränkte Verfassungsgerichtsbarkeit aufweisen. Für die vorliegende Arbeit erweist sich dieser Messansatz jedoch als zu grob, ausserdem deckt Maddex‘ Untersuchung nicht alle hier relevanten Staaten in Europa ab. Weite- re Messansätze von Ishiyama Smithey / Ishiyama (2000) und Müller-Rommel (2008) konzentrieren sich ausschliesslich auf Mittel- und Osteuropa, wodurch auch sie nicht in Frage kommen. Wie im Theorieteil (5.) zu sehen sein wird, zielen zahlreiche Erklärungsansätze zur Entstehung starker Verfassungsgerichte auf Intentionen von politischen Akteurinnen zum Entstehungszeitpunkt des Verfassungsgerichts ab. Weiter spricht einiges dafür, dass Verfassungsgerichte, welche formal als starke Institutionen entworfen worden sind, später auch zu den faktisch aktiven Verfassungsgerichten geworden sind (Kneip 2008: 648). Beides spricht dafür, die Stärke der Verfassungsgerichtsbarkeit in der vorliegenden Arbeit nur anhand formaler De Jure-Kriterien zu beurteilen. Die fakti- sche Aktivität eines Gerichts zu einem späteren Zeitpunkt konnte von politischen Akteuren zum Einrichtungszeitpunkt nicht vorhergesehen werden, sie war vielleicht auch nicht intendiert. Einfluss nehmen konnten politische Akteurinnen zum Entste- hungszeitpunkt eines Verfassungsgerichts lediglich auf die formale Ausstattung, welche der im Entstehen begriffenen Institution verliehen werden sollte. Ich werde mich daher für die Beurteilung der Stärke eines Verfassungsgerichts auf eine Einteilung von Sascha Kneip (2008) abstützen. Kneip beurteilte die Stärke von Verfassungsgerichten unter anderem danach, ob sie eine hohe institutionelle Unab- hängigkeit und / oder Stärke aufweisen. Unter der institutionellen Stärke werden die Kompetenzausstattung eines Gerichts sowie die Offenheit des Gerichtszugangs ver- standen. Institutionelle Unabhängigkeit umfasst die Auswahlprozedur der Richter, 12 sowie deren (formale) Isolierung vom Einfluss der Politik. Tabelle 2 in Anhang 1 fasst diese Kriterien von Kneip zusammen.8 Unter einem starken Verfassungsgericht werde ich im Folgenden also ein mit weit- reichenden Kompetenzen und offenem Gerichtszugang ausgestattetes Verfassungsge- richt verstehen, dessen Richterinnen (formal) über grosse Unabhängigkeit von politi- schem Einfluss verfügen. Da ich mich auf die Erhebung von Kneip abstütze, habe ich lediglich Daten zur Stär- ke der Verfassungsgerichtsbarkeit zu einem Erhebungszeitpunkt. Veränderungen der faktischen Stärke eines Verfassungsgerichts über die Zeit, wie sie die „Judicializati- on“-Literatur untersucht, wurden so nicht berücksichtigt, waren aber wie in der Ein- leitung bereits erwähnt auch nicht Ziel der Untersuchung. In allen untersuchten Staa- ten waren zum Messungszeitpunkt noch dieselben Verfassungen in Kraft wie zum Zeitpunkt der Einrichtung der untersuchten Verfassungsgerichte. Veränderungen an den formalen Kompetenzen der Verfassungsgerichte sollten sich daher – mit Aus- nahme von Justizreformen und Zusatzartikeln – in Grenzen halten. In Anhang 2 findet sich eine Darstellung, welche aufzeigt wie sich die untersuchten europäischen Verfassungsgerichte auf den beiden Dimensionen „institutionelle Un- abhängigkeit“ und „institutionelle Stärke“ positionieren und welche Zahlenwerte ihnen in Form von Fuzzy-Werten in der vorliegenden Untersuchung vergeben wur- den. Im Anhang 2 findet sich ausserdem auch ein Abgleich der hier verwendeten Fuzzy-Werte mit den Einteilungen von Lijphart, Maddex und dem Demokratiebaro- meter. Sie soll helfen, die Reliabilität der hier verwendeten Einteilung zu beurteilen. 4. Forschungsdesign und Methodik Um die Frage beantworten zu können, wie sich die Entstehung starker Verfassungs- gerichtsbarkeit in den EU-Staaten nach 1945 erklären lässt, bedarf es der Erklärungs- ansätze. Wie ich im folgenden Theorieteil (5.) aufzeigen werde, bietet die bestehende Literatur zur Verfassungsgerichtsbarkeit einen reichen Fundus an Erklärungstheorien für deren Entstehung. Entsprechend geht es mir im Folgenden nicht um Theorieent- wicklung sondern um einen systematischen Theorientest. Einem „competing theories approach“ aus dem Forschungsdesign einer Kongru- enzanalyse aus der Fallstudienmethodologie (Blatter /Haverland 2012: 144ff.) fol- gend, werde ich die Erklärungskraft verschiedener Theorien einander rivalisierend 8 Für eine detailliertere Begründung dieses Messansatzes vgl. Kneip (2008). 13 gegenüberstellen. Dabei werde ich auch die Stellung dieser Theorien im theoreti- schen Diskurs und ihre normative Bewertung von Verfassungsgerichten berücksich- tigen. Viele der hier getesteten Erklärungstheorien weisen einen konfigurativen Charakter auf. Sie formulieren Erwartungen in Form von spezifischen Kombinationen von Be- dingungen, welche dazu geführt haben sollten, dass starke Verfassungsgerichte resul- tiert sind. In methodischer Hinsicht sind besonders Fallstudien in Form von Kongru- enz- und Prozessanalysen sowie die sogenannte „Qualitative Comparative Analysis“ (QCA) dazu geeignet, solche konfigurativen Erklärungstheorien zu testen. Bei den nach 1945 in den heutigen EU-Staaten entstandenen Verfassungsgerichten handelt es sich um 23 Fälle 9 , eine zu hohe Fallzahl um Fallstudien durchführen zu können. Aufgrund dieser mittleren Fallzahl, aber primär aufgrund des konfigurativen Charak- ters der getesteten Erklärungstheorien, ist es daher sinnvoll, die Forschungslogik einer Kongruenzanalyse aus der Fallstudienmethodologie mit einer Analyse mittels QCA zu verbinden.10 Bei QCA handelt es sich um eine neuere, computergestützte und auf formaler Logik basierende sozialwissenschaftliche Methode. QCA gibt basierend auf zuvor erhobe- nen Daten sogenannte komplexe und sparsame Lösungspfade aus, welche sich im Sinn der bool'schen Algebra und unter gewissen Vorbehalten auch in kausaler Hin- sicht als notwendig und hinreichend für ein bestimmtes Outcome interpretieren las- sen. QCA wird dabei meist nicht bloss als ein weiteres Instrument der Datenauswer- tung und –analyse, sondern als ein eigenständiger Forschungsansatz verstanden.11 Zentral für eine Untersuchung mit QCA ist es, Fälle als Konfigurationen von erklä- renden Bedingungen zu verstehen und von sogenannter kausaler Komplexität auszu- gehen. Kausale Komplexität ist durch drei Charakteristika definiert: konfigurative Kausalität, kausale Asymmetrie und Äquifinalität (Schneider / Wagemann 2013: 78). 9 Belgien, Bulgarien, Deutschland, Estland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litau- en, Luxemburg, Malta, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tsche- chien, Ungarn, Vereinigtes Königreich, Zypern. Die hier untersuchten QCA-Datensätze wiesen aber unterschiedliche Fallzahlen auf, vgl. Anhang 4. 10 Für QCA als Forschungsansatz vgl. statt vieler Schneider / Wagemann (2013). 11 Ich folge hier der mittlerweile etablierten Sichtweise von Charles Ragin (1987) und Schneider / Wagemann (2013:11) von QCA als einem methodologischen Approach. Neuere Ansätze von Alrik Thiem und Michael Baumgartner befassen sich stärker mit QCA als einer Technik der Datenanalyse. (Vgl. z.B. Baumgartner 2008 und 2015, sowie Baumgartner / Thiem 2015 und forthcoming). Die beiden Sichtweisen stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis, schliessen sich aber nicht zwangs- läufig gegenseitig aus: Dem Approach, bzw. Forschungsansatz liegt so immer auch die Technik zu- grunde und die Technik kann potenziell als Teil eines umfassenderen Forschungsansatz gesehen und dennoch weiterentwickelt werden. 14 Konfigurative Kausalität bedeutet, dass auch sehr schwache Effekte von Bedingun- gen und insbesondere das ganz spezifische Zusammenspiel von erklärenden Faktoren eine wichtige Rolle spielen, um ein Ergebnis zu erklären. Anders als bei statistischen Untersuchungen geht man bei QCA von einem komplexen Zusammenspiel von Fak- toren aus, welche ein Ereignis herbeiführen und gibt daher bei einem Erklärungsver- such nicht jenen Faktoren bei der Erklärung den Vorrang, welche die meiste Varianz des Outcomes12 zu erklären vermögen. Um es in einer Allegorie zu verdeutlichen: Der Regentropfen, welcher ein Fass zum Überlaufen gebracht hat, ist in einer Erklä- rung mit QCA möglicherweise ebenso wichtig, wie der Sturzregen, welcher es zuvor bis zum Anschlag gefüllt hat. Der Tropfen alleine könnte das Ergebnis hingegen ebenso wenig auslösen, wie der Sturzregen zuvor. Es bedarf eines spezifischen Zu- sammenspiels erklärender Faktoren von möglicherweise unterschiedlicher Stärke und Art um ein Ergebnis zu produzieren (Schneider / Wagemann 2013: 138). QCA unterscheidet sich schliesslich auch dadurch von statistischen Methoden, dass bei einer Untersuchung mit QCA qualitativen Unterschieden zwischen den Konzep- ten grössere Aufmerksamkeit gewidmet wird als quantitativen Unterschieden inner- halb von Konzepten.13 Für eine Analyse mit QCA ist primär zu entscheiden, ob ein Fall zum Konzept 1, beispielsweise „Demokratie“ oder zu Konzept 2, zum Beispiel „Nicht-Demokratie“ gehört. Dass sich ein Gegenkonzept wie im hier gewählten Bei- spiel die „Nicht-Demokratie“ aus zahlreichen weiteren Konzepten – Autokratie, Dik- tatur, Monarchie – zusammensetzen kann und entsprechend nicht einfach durch die Umkehrwerte einer QCA-Lösung erklärt werden kann, bildet einen Bestandteil eines zweiten Charakteristikums von kausaler Komplexität: kausaler Asymmetrie. Kausale Asymmetrie liegt vor, wenn sich das Gegenteil eines Ereignisses nicht zwingend durch dieselben Erklärungsfaktoren erklären lässt, wie das Ereignis selbst (Schneider / Wagemann 2013: 47). Kausale Asymmetrie liegt ebenfalls vor, wenn sich das Gegenteil eines Ereignisses nicht durch die einfachen Umkehrwerte von erklärenden Bedingungen erklären lässt. Um auch das anhand eines Beispiels zu ver- deutlichen: Wenn sich erweisen sollte, dass Demokratisierungsprozesse durch eine starke Zivilgesellschaft erfolgreich sein können14, kann nicht der Umkehrschluss gemacht werden, dass gescheiterte Demokratisierungsprozesse auf eine zu schwache 12 Outcome und Ergebnis bedeuten hier jeweils das selbe. 13 Sofern man mit Fuzzy-Sets arbeitet ist mit QCA jedoch beides erfassbar. 14 Das Beispiel ist für rein illustrative Zwecke zu QCA gewählt und soll keine konkreten Ergebnisse aus der Literatur widerspiegeln. 15 Zivilgesellschaft zurückzuführen sind. Vielmehr wäre sogar zu prüfen, ob die Zivil- gesellschaft überhaupt und nicht völlig andere Faktoren zur Erklärung scheiternder Demokratisierungsprozesse herbeigezogen werden müssen (Schneider / Wagemann 2013: 113). Auch Konzepte dürfen von dieser Sichtweise ausgehend nicht unreflek- tiert als symmetrisch angenommen werden. Ein nicht erfolgreicher Demokratisie- rungsprozess würde so zunächst als genau das betrachtet werden, was seine Bezeich- nung impliziert: „nicht-erfolgreich“. Ob es sich dabei konzeptionell um dasselbe wie „gescheitert“ handelt, darüber müsste zunächst reflektiert und auf theoretischen Überlegungen fussend entschieden werden. Äquifinalität, ein weiteres Charakteristikum von QCA als Forschungsansatz bedeutet etwas salopp formuliert, dass bei QCA „viele Wege nach Rom führen können“. QCA geht davon aus, dass ein Outcome sich durch unterschiedliche Konfigurationen von erklärenden Faktoren erreichen lässt und es nicht nur den einen kausalen Pfad hin zu einem Ergebnis gibt. Pfade zu einem Ergebnis, welche in theoretischer Hinsicht inte- ressant sind, sich aber nur in einzelnen Fällen gezeigt haben, werden ebenso als wertvoll betrachtet, wie Lösungspfade, welche eine Vielzahl von Fällen erklären können (Schneider / Wagemann 2013: 5, 326). Für die Beantwortung meiner Fragestellung ist die Tatsache, dass QCA kausale Komplexität erfassen kann sehr wertvoll. Viele der im Folgenden ausgebreiteten the- oretischen Erklärungsansätze gehen von einem komplexen Zusammenspiel erklären- der Faktoren aus, welche zur Entstehung eines starken Verfassungsgerichts geführt haben. Sie kombinieren dabei auch unterschiedlich starke erklärende Bedingungen. Ganz konkret werde ich diese theoretischen Erklärungsansätze formal als ein Zu- sammenspiel von Kontextbedingungen, zeitlich nahen Erklärungsfaktoren und zu erwartenden Verfassungsgerichtstypen modellieren.15 Die Sensibilität von QCA für Äquifinalität ermöglicht es mir ausserdem, für jede Theorie mehrere empirische Pfade zum Outcome offenzulegen und diese mit den theoretischen Erwartungen abzugleichen. So können auch empirisch seltene, aber sehr gut in eine theoretische Erklärung passende Pfade gefunden werden. Diese bil- 15 Ich werde jedoch nicht dem „two-step-approach“ von Schneider / Wagemann (2013: 253-255) fol- gen. Einerseits geht es mir nicht darum, Kombinationen von Kontext- und zeitlich nahen Faktoren induktiv zu finden. Diese Kombinationen sind durch die Erklärungstheorien bereits vorgegeben und sollen mit der Empirie abgeglichen werden. Ein separater Test von Kontext- und nahen Erklärungs- faktoren und die daraus resultierende Diskussion der Ergebnisse im Sinne eines two-step approaches für fünf Theorien würde ausserdem den Rahmen der Arbeit sprengen. Allgemein für die Unterschei- dung von Kontext- und nahen Faktoren vgl. Kitschelt 1999 und 2003 sowie Schneider / Wagemann (2013: 253-55). 16 den dann durchaus Evidenz für eine Theorie, können aber möglicherweise auf räum- liche oder zeitliche Rahmenbedingungen der Theorie hinweisen.16 Auch der Fokus von QCA auf qualitative Unterschiede zwischen Konzepten entspricht der hier ge- wählten Forschungsfrage. Um zu erklären, wie sich die Entstehung starker Verfas- sungsgerichte erklären lässt, ist die grobe Trennung zwischen den Konzepten „star- kes Verfassungsgericht“ und „nicht-starkes, bzw. schwaches Verfassungsgericht“ wesentlich zentraler, als eine möglichst exakte Erfassung und Erklärung der gesam- ten Varianz der Variable „Verfassungsgerichtsstärke“ wie dies statistische Methoden leisten könnten. Um dennoch eine möglichst differenziertere Kalibrierung der verschiedenen erklä- renden QCA-Bedingungen vornehmen zu können, welche auch quantitative Unter- schiede innerhalb von Konzepten erfasst, werde ich die Kalibrierung der meisten erklärenden Bedingungen mit Fuzzy-Sets vornehmen. Fuzzy-Sets lassen neben der qualitativen Abstufung der Mitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft eines Falls in- nerhalb eines Konzepts auch quantitative Differenzierungen innerhalb dieser Kon- zepte zu. So lässt sich angeben, wie klar sich ein Fall einem bestimmten Konzept zuordnen lässt. Die konkrete Auswertung der QCA-Daten habe ich schliesslich mit Hilfe des QCA-Pakets zur Statistiksoftware R von Adrian Dusa und Alrik Thiem (2014) vorgenommen.17 Für eine detailliertere Darstellung der methodischen Vorgehensweise sei hier auf die Anhänge 2, 3 und 4 verwiesen. Um dem Anspruch von QCA, eine qualitative (Kombination von) Methoden(n) zu sein (Schneider / Wagemann 2013: 148, 282), gerecht zu werden, werde ich ausser- dem im Ergebnisteil beschreibende Fallbeispiele präsentieren. Basierend auf QCA- Werten, welche am ehesten im Einklang mit den entsprechenden Theorien stehen, werde ich einzelne Fälle im Sinne von „very likely cases“ (Blatter / Haverland 2014) präsentieren und versuchen, sie mit Hilfe jener Theorie zu erklären, welche dies ge- mäss der resultierten QCA-Werte eigentlich erreichen müsste.18 Diese Fallbeispiele 16 Hier kommen vor allem die verschiedenen Verbreitungswellen der Verfassungsgerichtsbarkeit in zeitlicher Hinsicht sowie geografische Regionen Europas in räumlicher Hinsicht in Frage. 17 R: Version 3.2.2, 2015 „Fire Safety“, R-Studio: Version 0.99.486, QCA-Paket: Version 1.1.4 2014. 18 Hier gilt es einen wichtigen Punkt zu beachten: Die Fallauswahl bei den Fallbeispielen erfolgte nicht danach, welche Fälle sich besonders gut durch die QCA-Lösungspfade erklären liessen. Eine Anleitung für ein solches Vorgehen fände sich z.B. in Schneider / Rohlfing (2014) und Schneider / Wagemann (2013: 305ff.). Die QCA-Pfade waren hier schliesslich selbst empirische Evidenz, welche ausgehend von den Theorien beurteilt wurde. Die empirischen QCA-Pfade konnten sich also auch schlecht in die Theorien einfügen, wodurch sie sich dann auch nicht mehr für die Fallauswahl von 17 erreichen jedoch keinesfalls die analytische Tiefe einer Fallstudie und sind lediglich als eine weitere Plausibilisierung einer Theorie an einem Fallbeispiel zu verstehen, indem versucht wird ein zur Theorie passendes Narrativ zu formulieren.19 Allerdings passiert dies jeweils an Fallbeispielen, welche die betreffende Theorie eigentlich gut erklären können müsste. Das Forschungsdesign einer Kongruenzanalyse verlangt weiter nach einem holisti- schen Verständnis von Theorien. Theorien sollen als umfassende Verständnisse der Welt interpretiert werden, welche eine Vielzahl von zu beobachtenden Implikationen mit sich bringen. Damit spannt sich potenziell eine breite Palette an zu beobachten- der Evidenz für oder gegen eine Theorie auf (Blatter /Haverland 2012: 191). Um dies trotz der hohen Fall- und Theorienzahl zumindest anzunähern, habe ich für jeden theoretischen Erklärungsansatz ein bis zwei Erwartungen an Untermengen des Samples formuliert, welche gegeben sein müssten, falls die entsprechende Theorie zutrifft. Ausserdem werde ich – trotz der Tatsache, dass hier Erklärungstheorien ge- testet werden – die von diesen Theorien implizierte normative Bewertung von Ver- fassungsgerichten thematisieren, um sie als holistische theoretische Sichtweisen auf die Welt greifbarer zu machen. Der hier durchgeführte Theorientest wird damit anhand von drei verschiedenen For- men von Evidenz durchgeführt: QCA-Lösungspfade sollen aufzeigen, ob die von einer Theorie erwartete Kombination von erklärender Kontextbedingung, zeitlich nahem Erklärungsfaktor und Verfassungsgerichtstyp vorhanden gewesen war, wo starke Verfassungsgerichte resultiert sind. Fallbeispiele im Sinne von „very likely cases“ sollen überprüfen, ob die theoretische Erklärung sich auch in Form eines er- klärenden Narrativs für einzelne Fälle formulieren lässt, bei denen dies eigentlich möglich sein müsste. Theoretische Erwartungen an bestimmte Untermengen des Samples sollen schliesslich überprüfen, ob eine Theorie auch das grössere empirische Gesamtbild überzeugend deuten kann. Es handelt sich also im weiteren Sinn um eine „very likely cases“ für eine Theorie geeignet hätten. Die Fallauswahl für die Fallbeispiele erfolgte vielmehr danach, welche Ausprägungen ein Fall auf den QCA-Bedingungen theoretisch haben müss- te, um sich möglichst optimal in eine theoretische Erklärung einzufügen. Dadurch wurde es sehr wahrscheinlich („very likely“) dass er sich auch als Fallbeispiel mit der entsprechenden Theorie erklä- ren lässt. Ich folge damit im Prinzip dem von Schneider / Wagemann (2013: 295ff.) beschriebenen Vorgehen für Theorientests mit QCA, allerdings in einer reduzierten, weniger formalisierten Form. 19 Damit weisen all diese Fallbeispiele einen klaren „confirmation bias“ auf. Das wird dadurch ent- schärft, dass verschiedene Theorien in Konkurrenz zueinander eingesetzt wurden und für jede der Theorien möglichst nach bestätigender Evidenz gesucht wurde, bzw. die Suche für jede Theorie einen „confirmation bias“ aufwies. 18 Triangulation verschiedener methodischer Ansätze, in welcher QCA die klare Haupt- last an empirischer Evidenz beiträgt, die Forschungslogik sich aber an einer Kongru- enzanalyse orientiert. 5. Theorierahmen Bevor ich im Weiteren auf die sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätze für die Entstehung starker Verfassungsgerichte eingehen werde, sollen hier einige allgemei- ner gehaltene theoretische Erklärungsversuche für die Entstehung von starken Ver- fassungsgerichten in Europa dargestellt werden.20 Das, um deutlich zu machen, wes- halb es in diesem Feld weiterer Tests bedarf. Zunächst zum spezialisierten Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit. Die Dominanz des spezialisierten Modells der Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa lässt sich damit erklären, dass dieses Modell gewisse Vorteile für Situationen nach Systemumbrüchen bietet, welche im Europa des 20. Jahrhunderts reichlich vorhan- den waren. Nach einem Übergang von einem autokratischen oder totalitären System zu einer Demokratie ist das spezialisierte Modell der Verfassungsgerichtsbarkeit of- fenbar attraktiver, da es spezifische Verfassungsrichter vorsieht und nicht der gesam- ten Richterschaft eines Landes die verfassungsgerichtliche Überprüfung überträgt. In Staaten, in denen nach einer Systemtransition noch keine breite Basis rechtsstaatlich sozialisierter Richterinnen bestand, erwies sich das offenbar als Vorteil (Wieser 2005: 125). Weitere empirische Auffälligkeiten lauten, dass spezialisierte Modelle der Verfassungsgerichtsbarkeit eher in Staaten mit einer „civil law“-Rechtstradition vorkommen, diffuse Modelle hingegen in solchen mit einer monarchischen Tradition und einer „common law“-Rechtstradition (Kneip 2008: 633).21 Ausserdem weisen mehrere skandinavische Länder diffuse Systeme auf, welche zudem vor 1945 ent- standen sind. Diffuse Systeme werden so auch mit fehlenden Systemumbrüchen er- klärt (Kneip 2008: 634). Schubarth (2011) erklärt hingegen die Verfassungsgerichts- barkeit insgesamt als eine „institutionelle Antwort auf eine revolutionäre Situation“ (Schubarth 2011: 6), während Hirschl (2004: 7f.) verschiedene typische „Transition Scenarios“, welche Verfassungsgerichte hervorgebracht haben, unterscheidet. 20 Für weitergehende und divergierende Darstellungen des Forschungsstand zur Verfassungsgerichts- barkeit sowohl für Europa als auch in internationaler Hinsicht vgl. Hönnige (2007: 29ff.) sowie Kneip (2015). 21 Für den Unterschied zwischen „common law” und „civil law“ vgl. Juriglobe – World Legal Sys- tems Research Group, University of Ottawa. Zugriff am 03.11.2015: http://www.juriglobe.ca/eng/index.php 19 Systemumbrüche zur Demokratie spielen auch eine Rolle bei der Erklärung der drei Verbreitungswellen der Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa. Die erste Verbrei- tungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit nach 1945 fällt zeitlich mit Huntingtons (1993) zweiter Demokratisierungswelle zusammen, die zweiten und dritten Verbrei- tungswellen der Verfassungsgerichtsbarkeit in den 1970er Jahren und ab 1989 fallen zeitlich in Huntingtons dritte Demokratisierungswelle. (Hönnige 2007: 28; Hönnige 2011: 348). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Verfassungsgerichte ein Demokratisie- rungsphänomen sind und sich empirisch ein zeitliches Zusammenfallen von Demo- kratisierung, Verfassungsgebung und Einrichtung eines Verfassungsgerichts be- obachten lässt. Auch das Aufsetzen einer neuen Verfassung geschieht so oftmals in krisenhaften Umbruchsituationen (Elster in Silverstein 2002: 16). Diese Befunde sind soweit empirisch beobachtbar und brauchen nicht weiter getestet zu werden. Allerdings lassen sie die zentrale Frage offen, warum sich dieses zeitliche Zusam- menfallen abgespielt hat. Bestehende sozialwissenschaftliche Erklärungsansätze lie- fern auf diese Frage unterschiedliche Antworten basierend auf verschiedenen Men- schenbildern und Handlungstheorien. Diese Erklärungsansätze sollen nun im Fol- genden dargestellt werden. 5.1 Sozialkonstruktivismus Die dominierende Erklärung im theoretischen Diskurs lautet, dass Verfassungsge- richte und damit auch starke Verfassungsgerichte aufgrund eines „Siegeszugs des Liberalismus“ entstanden sind. Liberales Gedankengut in Form der Menschenrechts- idee und dem Gewaltenteilungsgedanken sind dieser Erklärung nach sowohl für die Demokratisierungsprozesse, als auch für die Entstehung starker Verfassungsgerichte verantwortlich (Hirschl 2004: 32ff.; Silverstein 2002: 15ff.). Das zeitliche Zusam- menfallen von Demokratisierung und Entstehung von Verfassungsgerichten lässt sich hier aus dem verursachenden Ideengut von Liberalismus und Aufklärung erklä- ren. Meist werden Verfassungsgerichte aus dieser Perspektive als ein Fortschritt be- trachtet und im normativen Diskurs verteidigt (Hirschl 2004: 33). Diese Erklärungstheorie kann als eine sozialkonstruktivistische bezeichnet werden. Die Akteure, welche hier ein Verfassungsgericht geschaffen haben, taten dies gemäss der Erklärung aufgrund einer „logic of appropriateness“, beeinflusst von Ideen, nor- mativen Werten und im Streben danach, als legitimiert erachtete Institutionen zu 20 schaffen (vgl. z.B. Schwehm in Nohlen / Schultze 2010: 986). Damit weist dieser theoretische Ansatz auch klare Affinitäten zum Soziologischen Institutionalismus auf (Hall / Taylor 1996). Erklärungsansätze aus dieser Richtung negieren strategisches Handeln von Akteurinnen jedoch nicht, sie weisen allerdings mit Nachdruck darauf hin, dass politische Akteure durchaus auch seltene Gelegenheiten erkennen, um Ideen und Werte in Institutionen zu übersetzen, um so aus ihrer Sicht einen Fort- schritt in Richtung gerechterer Institutionen zu schaffen (Silverstein 2002: 16, 21). Diese Theorie werde ich in der empirischen Untersuchung folgendermassen testen: In der Untersuchung mit QCA werde ich Liberales System als Kontextbedingung, als zeitlich nahen Erklärungsfaktor Liberale Regierung einbeziehen. Falls diese Theorie zutrifft, müssten es Staaten mit liberal geprägten Institutionen gewesen sein, welche sehr starke Verfassungsgerichte geschaffen haben. Ausserdem müssten es liberale Parteien als Träger liberaler Ideen gewesen sein, welche starke Verfassungsgerichte geschaffen haben. Liberales System habe ich anhand von V- Dem-Daten beurteilt. Für die Entscheidung, ob es sich bei den Regierungsparteien jeweils um liberale Parteien gehandelt hat, habe ich auf bestehende Einteilungen des Manifesto-Projekts und auf ParlGov-Daten zurückgegriffen.22 Als Verfassungsge- richtstyp werde ich ausserdem den Typ des Grundrechtewächters in die Analyse mit QCA einbeziehen. Unter einem Grundrechtewächter verstehe ich ein Verfassungsgericht, welches zu- mindest23 die Möglichkeit einer Verfassungsbeschwerde, die Kompetenz horizontale Kompetenzkonflikte (das heisst Konflikte zwischen den Gewalten) zu lösen, sowie eine Antragsberechtigung für Bürgerinnen24 vorsieht. Sollte es bei der Entstehung starker Verfassungsgerichte tatsächlich darum gegangen sein, liberale Werte umzusetzen, so müssten die resultierenden Gerichte die Men- schenrechte der Bürger über die Verfassungsbeschwerde schützen können und den Bürgerinnen durch eine Antragsberechtigung die Möglichkeit zugestehen, ein Ge- richt in Aktion zu setzen. Verfassungsgerichte müssten ausserdem über die Gewal- tenteilung wachen, indem sie in Kompetenzkonflikten zwischen den Gewalten Ent- scheidungen fällen können. 22 Für die genaue Kalibrierung aller QCA-Bedingungen vgl. Anhang 3. 23 Alle Kriterien für die hier entwickelten Typen entsprechen „Mindeststandards“, „Eintrittskriterien“ oder notwendigen Bedingungen um (potenziell) zu einem Typ zu gehören. Ein Gericht, welches diese Kriterien nicht erfüllt, lässt sich nicht mit der entsprechenden Theorie vereinbaren. Das bedeutet aller- dings auch, dass sich mehrere Verfassungsgerichte im Sample mehr als einem Typen zuordnen lassen. 24 Oder eine Antragsberechtigung eines Ombudsmanns, welcher die Bürger vertritt. 21 Als theoretische Erwartung an das Sample nehme ich zudem aus dieser Theorie fol- gende in die Untersuchung auf: Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Grundrechtewächter-Typs eingerichtet haben, handelte es sich vorwiegend um traditionsreiche liberale Demo- kratien. 25 Wenn liberale Ideen eine Rolle gespielt haben bei der Entstehung starker Verfas- sungsgerichte, müssten die traditionsreichen liberalen Demokratien hier eine Vorrei- terrolle eingenommen haben. Tabelle 3 in Anhang 1 fasst diese Bedingungen und Erwartungen, den Verfassungs- gerichtstyp, sowie die Operationalisierung zusammen. Eine weitergehende Beschrei- bung der Operationalisierung findet sich zudem in Anhang 3. Auf die Fallbeispiele zu den einzelnen Theorien werde ich erst im Teil zu den empirischen Ergebnissen (6.) eingehen. 5.2 Funktionalismus Ein zweiter im theoretischen Diskurs bereits etablierter Erklärungsansatz erklärt die Entstehung starker Verfassungsgerichtsbarkeit aus einem systemischen Bedarf des politischen Systems. Dieser funktionalistischen Erklärung gemäss sind starke Ver- fassungsgerichte also entstanden, weil das politische System einen Bedarf nach ihnen aufwies (Hirschl 2004: 34ff.).26 Funktionalistische Ansätze unterscheiden dabei verschiedene systemische Bedarfe, welche zur Entstehung eines starken Verfassungsgerichts geführt haben. Starke Verfassungsgerichte können so aus schwachen, fragmentierten, dezentralisier- ten und chronisch blockierten politischen Systemen entstanden sein. Eine politische Blockade könnte so entweder zu einem Systemzusammenbruch geführt haben, wo- mit das zeitliche Zusammenfallen der Einrichtung eines Verfassungsgerichts mit der Demokratisierung erklärt werden kann. Dieser Umbruch könnte aber auch einfach als Auslöser funktioniert haben, um sich dem bereits seit längerem bestehenden systemi- schen Bedarf anzunehmen. Ein Verfassungsgericht entsteht dann, um die politische Blockade zu durchbrechen und ein chronisch unregierbar gewordenes politisches System wieder handlungsfähig zu machen. In politischen Systemen, in welchen eine starke Polarisierung zwischen ideologischen, ethnischen oder kulturellen Gruppen besteht, wird so auch eine neue möglichst neutrale Instanz geschaffen, welche zwi- 25 Diese Erwartung, sowie jene aus der Rational Choice-Theorie sind orientiert an Moravcisk (2000). 26 Für den Funktionalismus vgl. Lange / Waschkuhn in Nohlen / Schultze (2010: 287f.). 22 schen diesen Gruppen vermitteln soll, um zukünftige Blockaden und Systemzusam- menbrüche zu verhindern (Hirschl 2004: 34f.). Eine ähnliche funktionalistische Erklärung für die Entstehung starker Verfassungsge- richte lautet, dass speziell föderale politische Systeme ein Verfassungsgericht benö- tigen (Silverstein 2002: 5). Hier sind es nicht Gruppen, welche einen systemischen Bedarf für eine vermittelnde Instanz schaffen, sondern die föderalen Ebenen. Ein Verfassungsgericht soll hier das reibungslose Zusammenspiel von Zentralstaat und Kantonen, bzw. Bundesländern, Bundesstaaten und Gemeinden sicherstellen. Eine dritte funktionalistische Erklärung für die Entstehung starker Verfassungsge- richte sieht den zunehmenden Einfluss internationalen und supranationalen Rechts am Werk (Hirschl 2004: 35f.). Erneut wird hier ein Verfassungsgericht als vermit- telnde Instanz benötigt, die Vermittlung findet allerdings zwischen dem internationa- len Rechtsraum – welcher im 20. Jahrhundert in Europa stark an Bedeutung gewon- nen hat – und dem nationalen Rechtsraum statt. Ein Verfassungsgericht soll das Funktionieren des politischen Systems in einem immer stärker verrechtlichten inter- nationalen Kontext sicherstellen und Konflikte zwischen internationalem und natio- nalem Recht behandeln und lösen. All diese funktionalistischen Erklärungsrichtungen lassen die Rolle von Akteurinnen bei der Entstehung starker Verfassungsgerichte weitgehend offen und konzentrieren sich auf die systemische Ebene (Hirschl 2004: 34). Sie weisen jedoch mit der An- nahme, dass Institutionen entstehen, weil ein Bedarf nach ihnen besteht und sie eine Funktion erfüllen können klare Affinitäten zum Rational Choice Institutionalismus auf (Hall / Taylor 1996). Funktionalistische Theorien bewerten Verfassungsgerichte in normativer Hinsicht zudem grundsätzlich positiv: Verfassungsgerichte tragen aus dieser Sichtweise schliesslich zur Lösung systemischer Blockaden und zur Prävention gegen solche Blockaden bei. Diese Theorie werde ich folgendermassen operationalisieren: Als Kontextbedingung für die Analyse mit QCA werde ich je einen der drei genann- ten systemischen Bedarfe aufnehmen: Den Einfluss supranationalen Rechts, das Vorhandensein eines föderalen Systems, sowie politischen Deadlock, das heisst das Vorhandensein einer politischen Blockade. Eine oder mehrere dieser Bedingungen sollten gegeben gewesen sein, damit die funktionalistische Erklärung zutrifft. Für die Operationalisierung des Föderalisierungsgrads habe ich mich auf bestehende Eintei- 23 lungen von Alivizatos (1995), Maddex (2014), Lijphart (2012), Hague / Harrop (2013) und Müller-Rommel (2008) gestützt. Den Einfluss supranationalen Rechts werde ich mit dem Zeitpunkt des EU-Beitritts operationalisieren. Im europäischen Kontext war mit dem Beitritt eines Landes zur EU ein signifikanter Anstieg der Be- deutung supranationalen Rechts für das beitretende Land verbunden. Sofern ein Ver- fassungsgericht vor einem EU-Beitritt eingerichtet worden ist, erscheint es daher wenig plausibel, dass dieses Verfassungsgericht aufgrund des Einflusses internatio- nalen oder supranationalen Rechts erklärt werden kann. Politischen Deadlock werde ich schliesslich anhand der Anzahl an Vetospielern in einem Staat gemäss Alivizatos (1995) beurteilen. Laut der Vetospieler-Theorie von Tsebelis (2002) ist ein politi- sches System, welches über zu viele Vetospielerinnen verfügt, nicht mehr in der La- ge Policy-Wandel zu produzieren. Das führt laut Tsebelis zu Polity-Wandel, einem Umbruch des politischen Systems, wie hier in der funktionalistischen Theorie erwar- tet. Als zeitlich nahen Erklärungsfaktor nehme ich ebendiesen Polity-Wandel in die Un- tersuchung auf. Er sollte als Resultat einer Blockade oder zumindest als Auslöser für die Einrichtung eines starken Verfassungsgerichts vorhanden gewesen sein, falls die funktionalistische Theorie zutrifft. Polity-Wandel wurde mit Hilfe von Polity IV- Daten operationalisiert. Den Verfassungsgerichts-Typ, welcher gemäss dieser funktionalistischen Erklärung resultiert sein sollte, werde ich als Schiedsrichter 27 bezeichnen. Unter einem Schiedsrichter verstehe ich ein Verfassungsgericht, welches zumindest über die Kompetenz verfügt, Kompetenzkonflikte zwischen den föderalen Ebenen und zwischen den Gewalten zu lösen. Nur durch diese Kompetenzen kann ein Ver- fassungsgericht die von der funktionalistischen Theorie unterstellte Funktion erfül- len. Folgende theoretische Erwartung an das Sample formuliere ich ausserdem aus der funktionalistischen Theorie: Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Schiedsrichter-Typs einge- richtet haben, handelt es sich um solche mit sprachlich, ethnisch und religiös hetero- gener Bevölkerung.28 27 Für Literatur zu diesem Typ vgl. Kneip (2015: 2) und die Ausführungen in Shapiro (1981:1) zur „Logic of the Triad in Conflict Resolution“. 28 Die Erwartung ist auf die Gegenwart bezogen, da sich nicht für alle Fälle Daten für den Einrich- tungszeitpunkt finden liessen. Es wurde hier also eine gewisse Beständigkeit unterstellt. Vgl. auch Fussnote 40. 24 Grosse Heterogenität in diesen Bereichen deutet darauf hin, dass es einen grösseren Bedarf nach Vermittlung durch einen Schiedsrichter gegeben haben dürfte. Tabelle 4 in Anhang 1 fasst diese Erwartungen aus der funktionalistischen Theorie zusammen. 5.3 Rationalismus Ein dritter und letzter Erklärungsstrang aus der Literatur erklärt die Entstehung von starken Verfassungsgerichten aus dem strategischen Agieren von nutzenmaximieren- den politischen Akteurinnen. Diese Theorierichtung kann daher als rationalistisch bezeichnet werden (Vgl. Holzinger, Weiss und Spinner in Nohlen / Schultze 2010: 872ff.). Innerhalb dieser rationalistischen Erklärungsrichtung lassen sich zwei realis- tische und eine Rational Choice-Theorie unterscheiden. Realistisch sind die ersten beiden Theorien, weil sie – anders als die Rational Choice-Theorie – von Gruppen- konflikten ausgehen und die rationalistische Handlungsmotivation der Nutzenmaxi- mierung durch eine realistische Machtmaximierung ersetzen (Vgl. Zürn in: Nohlen / Schultze 2010: 882f.). Sie gehen also nicht im allgemeineren (rationalistischen) Sinn von nutzenmaximierenden, sondern von machtmaximierenden Akteuren aus. All diese rationalistischen Erklärungsansätze für die Entstehung starker Verfas- sungsgerichte sind relativ neu und noch schwach im theoretischen Diskurs verankert. Graber (2005) spricht im Zusammenhang mit den realistischen Dissertationen von Terri Peretti (1999), Ran Hirschl (2004), George Lovell (2003), Kevin MacMahon (2004) und Thomas Keck (2004) von einem neuen Paradigma in der Forschung zur Verfassungsgerichtsbarkeit.29 Dieses neue Paradigma legt den Schwerpunkt darauf, Verfassungsgerichtsbarkeit als ein Resultat und einen mächtigen Einflussfaktor im Kampf politischer Gruppen um Macht und Einfluss zu verstehen (Graber 2005: 425). Interessant am realistischen Paradigma ist auch, dass hier im Gegensatz zu den etab- lierten Erklärungstheorien die normative Bewertung von Verfassungsgerichten kri- tisch bis negativ ausfällt. Auch sie werden als sich stets weitere Macht verschaffende politische Akteure gesehen und die sozialkonstruktivistische Erklärung als vorge- schobene „Menschenrechts-Rhetorik“ zurückgewiesen (vgl. beispielhaft Hirschl 2004: 222; Hirschl 2008: 113; Hirschl 2011). 29 Dieses Paradigma werde ich in überaus stark vereinfachter Weise in die Untersuchung einbeziehen. Der tatsächlichen Komplexität und Vielschichtigkeit dieses neuen Paradigmas kann hier leider nicht annähernd Rechnung getragen werden. 25 Die rationalistische Rational Choice-Theorie bewertet Verfassungsgerichte hingegen wieder positiv, womit die realistischen Theorien als einzige der Verfassungsgerichts- barkeit eher ablehnende Theorierichtung bestehen bleiben. Im Folgenden werde ich zunächst auf die beiden realistischen und schliesslich auf die Rational Choice- Theorie eingehen. 5.3.1 Realismus Eine erste realistische Theorie für die Erklärung starker Verfassungsgerichtsbarkeit sieht in dieser eine Absicherung autokratischer Eliten gegen ein entstehendes Mehr- heitssystem. Diesem Erklärungsansatz gemäss wurden Verfassungsgerichte auf Druck von autokratischen Eliten eingerichtet, sobald sich ein Regimewechsel abzu- zeichnen begann. Diese Eliten versuchten sich mittels eines Verfassungsgerichts vor späterer Verfolgung und Rache und ganz allgemein vor dem „drohenden“ Mehrheits- system zu schützen, in welchem sie nicht mehr die bisher gekannte privilegierte Stel- lung einnehmen würden (Hirschl 2004: 38; Silverstein 2002: 21; Stephenson 2003). Hirschl (2004) entwickelte diese Theorie unter anderem für den Fall des Apartheid- Regimes in Südafrika.30 Sie liest sich wie folgt: „When it became obvious that the apartheid regime could not be sustained by re- pression, the incentives of political and economic power-holders among the white minority rapidly changed, and a sudden conversion to the supposed virtues of a bill of rights followed. The call to institute a bill of rights came from the old ene- mies of constitutionalization – the National Party government and other political representatives of the white minority, who suddenly appeared to discover the charms of entrenched rights and judicial review while hastily abandoning their historic commitment to parliamentary sovereignty. By reconciling themselves to the idea of an entrenched constitution that would include a constitutional cata- logue of rights and a constitutional court with powers of active judicial review, the apartheid government hoped to maintain some of the privileges enjoyed for so many decades by whites. Conscious judicial empowerment through constitutiona- lization followed.“ (Hirschl 2004: 92). Die plötzliche Befürwortung eines Verfassungsgerichts durch das Apartheid-Regime ist damit laut Hirschl aus Machtaspekten und reinem Opportunismus zu erklären. Politische Akteure befürworteten jene institutionellen Spielregeln, welche ihnen am meisten Macht zuzuschanzen oder ihren Machtverlust zu minimieren versprachen. Diese realistische Erklärung weist damit klare Affinitäten zum Historischen Instituti- onalismus auf (Hall / Taylor 1996). Das zeitliche Zusammenfallen von Demokrati- sierung und Einrichtung eines Verfassungsgerichts lässt sich aus dieser Theorie so 30 Allerdings blieb seine Deutung des südafrikanischen Falls nicht unwidersprochen. Vgl. Silverstein (2002: 17). 26 erklären, dass die „drohende“ Demokratisierung und das daraus resultierende Mehr- heitssystem dazu geführt haben, dass die alte Elite sich für ein Verfassungsgericht stark machte, um seine Sicherheit und Macht zu zementieren. Diese realistische The- orie für Autokratien werde ich wie folgt in die Untersuchung einbeziehen: Als QCA-Kontextbedingung nehme ich die Bedingung etablierte autokratische Elite auf. Nur wenn sich tatsächlich schon über einen längeren Zeitraum eine autokrati- sche Elite an der Macht befunden hat, kann diese Theorie zutreffen. Als zeitlich nahen Erklärungsfaktor beziehe ich Anzeichen eines Elitenwechsels ein. Dass ein Elitenwechsel in Form einer Demokratisierung nahe bevorstand, musste für die alte Elite offen sichtbar gewesen sein, da sie ansonsten nicht wie in der Theorie unterstellt ihre Macht durch ein Verfassungsgericht einschränken würde. Die auto- kratische Elite werde ich mit Hilfe von Daten von Polity IV messen, während ich eine grössere Protestkampagne gemäss dem „Nonviolent and Violent Campaigns and Outcomes (NAVCO) Data Project“ als Operationalisierung für einen sich abzeich- nenden Elitenwechsel erfasse.31 Als resultierenden Verfassungsgerichts-Typ werde ich für alle rationalistischen An- sätze den Vetospieler 32 in die Untersuchung einbeziehen. Seine Ausformulierung folgt daher erst nach den Beschreibungen beider realistischen und der Rational Choice-Theorie am Ende dieses Kapitels. Als theoretische Erwartung an das Sample lege ich aus dieser ersten realistischen Theorie zudem folgende fest: Zuvor autokratische Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler- Typs eingerichtet haben, taten dies bevor der Elitenwandel komplett abgeschlossen war. Falls die eben formulierte Theorie zutrifft, müsste die alte autokratische Elite noch Gelegenheit gehabt haben, Einfluss auf die Entstehung des Verfassungsgerichts zu nehmen. Tabelle 5 in Anhang 1 zeigt, wie diese erste realistische Theorie für Au- tokratien in die empirische Untersuchung eingegangen ist. Eine zweite realistische Theorie kann als eine Modifizierung der ersten für den de- mokratischen Kontext angesehen werden. Dieser zweiten realistischen Theorie fol- gend, wurden starke Verfassungsgerichte in Demokratien von politischen Parteien eingerichtet, um das politische Programm der sie in der Regierung ablösenden Par- teien zu hemmen. 31 Diese Operationalisierung wurde auch im Hinblick auf Osteuropa gewählt, wo sich in den 80er bis 90er Jahren die Demokratisierung durch massive Protestkampagnen abzuzeichnen begann. 32 Für Literatur zu diesem Typ vgl. zum Beispiel Hönnige (2007: 245). 27 Wieder geht es dieser Theorie um eine Auseinandersetzung zwischen politischen Gruppen, welche nach Macht streben. Auch sie ist damit realistisch. Auch hier befin- det sich ausserdem eine bisher dominierende politische Elite – allerdings hier in Form einer lange regierenden Partei oder Koalition – in einer Bedrohungssituation. Die Elite beobachtet in dieser Theorie, dass eine andere Partei sie demnächst in der Regierung ablösen wird und richtet ein starkes Verfassungsgericht ein, um das unge- liebte politische Programm der nächsten Regierung zu hemmen (Vgl. Mark Ramsey- ers „Electoral Market“-Modell in Hirschl 2004: 41). Diese zweite realistische Theo- rie beschränkt sich auf bereits bestehende Demokratien und kann damit keine Erklä- rung für das zeitliche Zusammenfallen von Demokratisierung und Einrichtung von Verfassungsgericht anbieten. Als QCA-Kontextbedingung beziehe ich Demokratie mit lange etablierter Elite in die Untersuchung ein, wobei ich mich hier bei der Operationalisierung auf die stärks- te Partei in der Regierung konzentriert und erfasst habe, wie oft diese vor der Ein- richtung eines Verfassungsgerichts gewechselt hat. Zeitlich naher Erklärungsfaktor ist erneut Anzeichen eines Elitenwechsels, allerdings mit einer Operationalisierung, welche für den demokratischen Kontext besser passt: Schwindende Wähleranteile der stärksten Partei sollen hier den sich abzeichnenden Elitenwechsel ankündigen. Folgende Erwartung an das Sample nehme ich ausserdem aus dieser Theorie auf: Zuvor demokratische Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler- Typs eingerichtet haben, wiesen eine hohe ideologische Distanz 33 zwischen der etab- lierten und der aufstrebenden Partei auf. Eine hohe ideologische Distanz zwischen der etablierten Elite und der aufstrebenden Partei dürfte grössere Anreize geschaffen haben, das politische Programm der neu aufstrebenden Partei zu blockieren. Eine rechtskonservative Regierung müsste so zum Beispiel viel eher den Wunsch verspürt haben, das politische Programm einer aufstrebenden linken Partei zu blockieren, als jenes einer liberalen Partei und umge- kehrt. Tabelle 6 in Anhang 1 fasst diese zweite realistische Theorie zusammen. 5.3.2 Rational Choice-Theorie Die dritte und letzte rationalistische Theorie erklärt die Entstehung starker Verfas- sungsgerichte zwar mit nutzenmaximierenden, aber nicht mit machtmaximierenden strategischen Akteurinnen. Dieser Erklärung nach wurden starke Verfassungsgerich- 33 Operationalisiert mit Angaben der Manifesto Project-Database und Parlgov-Daten. 28 te geschaffen, um sowohl einen laufenden Demokratisierungsprozess zu stabilisieren, als auch eine neu entstandene Demokratie vor dem Rückfall in eine Autokratie zu beschützen. Verfassungsgerichte wurden dieser Erklärung nach bewusst während des Demokrati- sierungsprozesses geschaffen, um zukünftigen Politikergenerationen die Möglichkeit zu nehmen, die in der Verfassung verankerten demokratischen Grundsätze per Par- lamentsbeschluss ausser Kraft zu setzen. Es handelte sich gemäss dieser Theorie also bei der Einrichtung von starken Verfassungsgerichten um einen bewussten institutio- nellen lock-in demokratischer Spielregeln. Neben der Demokratie sollten so in ehemals kommunistischen Staaten auch die neu in der Verfassung verankerten Eigentumsrechte durch ein Verfassungsgericht ge- schützt werden, um damit an ausländische Investoren zu signalisieren, dass ein Rück- fall in planwirtschaftliche Verhältnisse sowie staatliche Enteignungen nicht länger zu befürchten waren. Auch diese wirtschaftliche Stabilisierung kann als eine Stabilisie- rung des Demokratisierungsprozesses interpretiert werden: Die noch junge Demokra- tie sollte so mit ausländischen Investitionen auf eine stabile Grundlage gestellt wer- den. Diese Rational Choice-Theorie für die Entstehung starker Verfassungsgerichte orien- tiert sich an einem Argument von Andrew Moravcsik (2000) aus den Internationalen Beziehungen. Moravcsik argumentierte basierend auf einer empirischen Untersu- chung der Verhandlungen zur Entstehung des Europäischen Gerichtshofs für Men- schenrechte (EGMR), dass internationale Menschenrechtsregime von jungen Demo- kratien geschaffen wurden, um demokratische Verhältnisse sicherzustellen und den Rückfall in eine Autokratie zu verhindern. Dieser Erklärungsansatz zeigt wiederum Affinitäten zum Rational Choice Institutio- anlismus, in welchem eine Institution geschaffen wird, weil sie eine nützliche Funk- tion vollbringen kann. Auch zum Historischen Institutionalismus lässt sich mit dem Fokus der Theorie auf institutionelle lock-ins eine Verbindung herstellen (Hall / Tay- lor 1996). Ausserdem findet aus dieser Erklärungsrichtung wieder eine positive nor- mative Bewertung von Verfassungsgerichten statt: Das Verfassungsgericht wird als ein Bollwerk der Demokratie betrachtet. Diese Theorie werde ich wie folgt mit QCA untersuchen: Als Kontextbedingung wähle ich die Art des Polity-Typs. Die erwähnte Erklärung ist am Plausibelsten, wo vor der Demokratisierung sowohl eine Autokratie als auch 29 planwirtschaftliche Verhältnisse gegeben waren. Passend ist sie auch für Autokratien ohne Planwirtschaft. Keinen Sinn macht sie in bereits etablierten demokratischen Verhältnissen. Als zeitlich nahen Erklärungsfaktor nehme ich die Art des Umbruchszenarios in die Untersuchung auf, wie sie Hirschl (2004: 7f.) definiert hat. Ein Übergang sowohl von Autokratie zu Demokratie als auch von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft in Form eines „Dual Transition Scenarios“ spricht am stärksten für diese Theorie. Aus einer staatlichen Unabhängigkeit („Independence Scenario“) oder gar aus einem ausblei- benden Systemumbruch („No Apparent Transition Scenario“) resultierende starke Verfassungsgerichte sprechen hingegen gegen die Theorie. Beide Bedingungen wur- den anhand von Polity IV-Daten beurteilt. Folgende zwei theoretischen Erwartungen werde ich ausserdem aus der Rational Choice-Theorie in die Untersuchung aufnehmen. Als Erwartung an das Sample: 1. Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs einge- richtet haben, handelte es sich um junge, neu entstandene Demokratien. 34 Als weitere Erwartung an einzelne Fälle: 2. Wo Bestandteile der Verfassungen dieser Staaten unveränderbar sind, schützen sie spezifisch die Demokratie, sowie Menschen- und Eigentumsrechte. Unveränderbare Teile einer Verfassung, welche durch ein Vetospieler- Verfassungsgericht geschützt werden, müssten laut der Rational Choice-Theorie spe- zifisch Eigentums- und Menschenrechte schützen. Gerade diese Bestandteile einer Verfassung sollten schliesslich gemäss Theorie vor dem zukünftigen Einfluss der Politik abgeschirmt werden. Ausserdem müssten es junge, das heisst noch schwach etablierte Demokratien sein, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, um sich vor einem Rückfall in die Autokratie zu schützen. Etab- lierte Demokratien würden dadurch nur unnötigerweise ihren Handlungsspielraum einengen. Tabelle 7 in Anhang 1 fasst die Rational Choice-Theorie zusammen. Für alle drei rationalistischen Theorien habe ich als zu erwartenden Verfassungsge- richtstyp den Vetospieler festgelegt. Unter einem Vetospieler verstehe ich ein Verfassungsgericht, welches eine schwer zu verändernde Verfassung schützt, über die Kompetenz der abstrakten Normenkontrol- 34 Orientiert an Moravcsik (2000). 30 le verfügt, sowie dem Parlament und insbesondere auch kleinen Gruppen im Parla- ment eine Antragsberechtigung zugesteht. Allen drei rationalistischen Theorien ist gemeinsam, dass ein durch diese Ansätze erklärbares Verfassungsgericht als effektiver Vetospieler fungieren müsste. Sei es um sich vor einem Machtwechsel abzusichern (Realistische Theorie 1), das politi- sche Programm der Gegner zu blockieren (Realistische Theorie 2), oder das demo- kratische System vor den zukünftigen Wechselfällen der Politik zu schützen (Ratio- nal Choice Theorie). In jedem Fall müsste ein so erklärbares Verfassungsgericht vorwiegend eine effektive policy-blockierende Funktion wahrnehmen können. Ein solcher Vetospieler müsste also a) eine rigide35, das heisst nur schwer veränder- bare Verfassung schützen. Dies, damit die Vetospielerfunktion des Verfassungsge- richts nicht über Verfassungsänderungen umgangen werden kann (Hönnige 2008: 541). Weiter müsste ein solches Verfassungsgericht b) über die Kompetenz zur abs- trakten Normenkontrolle verfügen, damit Policies auch unabhängig von notwendigen Klägern und Streitfällen gestoppt werden können. Dieses Verfassungsgericht sollte schliesslich c) dem Parlament und namentlich d) auch kleinen Gruppen36 im Parla- ment eine Antragsberechtigung zusprechen. Sowohl die alten Eliten aus der Autokra- tie (Realistische Theorie 1) oder Demokratie (Realistische Theorie 2), als auch Be- schützerinnen der Demokratie (in der Rational Choice Theorie) rechnen schliesslich damit, später ihre politisch dominierende Stellung einzubüssen und über weniger Mandate im Parlament zu verfügen. Dennoch wollen sie natürlich gerade dann wei- terhin beim Verfassungsgericht antragsberechtigt bleiben, um diesen mächtigen Ve- tospieler zu ihren Gunsten aktivieren zu können. Tabelle 8 und Abbildung 1 in Anhang 1 fasst alle hier im Theorieteil formulierten Erklärungstheorien und die dazugehörigen Verfassungsgerichtstypen schematisch zusammen. 6. Ergebnisse Im Folgenden werde ich die Ergebnisse der empirischen Untersuchung präsentieren. Die Darstellung ist dabei so strukturiert, dass mit dem Sozialkonstruktivismus die dominierende Theorie im theoretischen Diskurs zuerst, die schwächer verankerten Theorien nachfolgend an den empirischen Ergebnissen gegengeprüft werden. QCA- Ergebnisse, Erwartungen und Fallbeispiele werden je Theorie gemeinsam diskutiert. 35 Gemessen mit Maddex 2014, La Porta 2003: unveränderbare Teile der Verfassung und 2/3- Mehrheiten für Verfassungsänderungen nötig, gegengeprüft mit Lorenz 2005. 36 33% der Abgeordneten oder kleinere Schwellen habe ich als „tief“ eingestuft. 31 Aus Platzgründen beschränke ich mich hier auf die Präsentation und Diskussion in- haltlicher Ergebnisse. Methodenkritische Beurteilungen eher technischer Art zu QCA finden sich in Anhang 4. 6.1 Sozialkonstruktivismus Aus der sozialkonstruktivistischen Theorie ergaben sich in der empirischen Untersu- chung mit QCA keinerlei notwendige Bedingungen für die Entstehung starker Ver- fassungsgerichte. Folgende QCA-Lösung resultierte jedoch als hinreichend zu einem starken Verfassungsgericht. Komplexe und sparsame QCA-Lösung waren identisch. Grossbuchstaben weisen hier jeweils darauf hin, dass eine Bedingung gegeben, Kleinbuchstaben, dass sie nicht gegeben war. Sozialkonstruktivismus: Hinreichender Pfad zu einem starken Verfassungsgericht. Hinreichende Konfiguration Kennwerte und Fälle L * T -> V Konsistenz: 1, PRI: 1, Rohabdeckung: 0.25, Alleinige Abdeckung: 0 Abgedeckte Fälle: Deutschland1951, Portugal1983, Spanien1980. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Bulgarien1991, Estland1993, Italien1956, Lettland 1996, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Tschechien1993, Ungarn1990, Zypern1964. QCA-Bedingungen: L = Liberales System, R = Liberale Regierung, T = Grundrechtewächter, V: Star- kes Verfassungsgericht. Gemäss QCA lassen sich drei starke Verfassungsgerichte durch liberales Gedanken- gut erklären: Das 1951 in Deutschland entstandene Bundesverfassungsgericht, sowie die 1980 und 1983 entstandenen Verfassungsgerichte in Spanien und Portugal. Damit fallen laut QCA zwei südeuropäische, ein westeuropäisches37, bzw. zwei „Zweite Welle“ und ein „Erste Welle“-Verfassungsgericht unter die liberale Erklä- rung. Das ist sehr wenig angesichts der starken Position dieser Erklärung im theoreti- schen Diskurs. Die theoretische Erklärung scheint ausserdem für Nord- und Osteuro- pa keinerlei Gültigkeit zu haben. Auf der anderen Seite ist der resultierende hinrei- chende QCA-Pfad in theoretischer Hinsicht grundsätzlich überzeugend. Er besagt, dass in den genannten Fällen ein liberales System zu einem starken Verfassungsge- richt des Typs „Grundrechtewächter“ geführt hat, was konsistent mit der sozialkon- struktivistischen Theorie ist. Zwar fehlt die Bedingung „liberale Regierung“, was die theoretische Erklärung aber immer noch inhaltlich sinnvoll macht. Angesichts der Stellung der sozialkonstruktivistischen Erklärung im theoretischen Diskurs werde ich 37 Gemäss der Einteilung europäischer Regionen der Vereinten Nationen. Vgl. United Nations Statis- tics Division. Composition of macro geographic (continental) regions, geographical sub-regions, and selected economic and other groupings. Zugriff am 10.11.2015: http://unstats.un.org/unsd/methods/m49/m49regin.htm 32 dieses Ergebnis allerdings nur als schwach bestätigend für die sozialkonstruktivisti- sche Theorie interpretieren. Das Ergebnis ist grundsätzlich mit der Theorie konsistent und damit bestätigend, drei abgedeckte Fälle sind jedoch sehr wenig für diese im Diskurs wichtige Theorie und die Ergebnisse könnten konsistenter sein. Noch weniger überzeugend fallen die Ergebnisse für die Erwartung aus der sozial- konstruktivistischen Theorie aus: Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Grundrechtewächter-Typs eingerichtet haben, handelte es sich vorwiegend um traditionsreiche liberale Demokratien. Die Aussage liess sich in der Untersuchung nicht bestätigen. Als starke Verfassungsgerichte des Grundrechtewächter-Typs wurden die folgenden klassifiziert: Belgien (1985), Deutschland (1951), Österreich (1946), Polen (1986), Portugal (1983), Rumänien (1992), Slowakei (1993), Slowenien (1991), Spanien (1980), Ungarn (1990), Zypern (1964).38 Für die überwiegende Mehrheit dieser Länder, lässt sich nicht sagen, dass sie zum Einrichtungszeitpunkt ihres Verfassungsgerichts eine lange Tradition liberaler De- mokratie aufwiesen. Lediglich für Belgien und Zypern lässt sich davon sprechen, dass sie bereits zehn Jahre liberale Demokratie39 hinter sich hatten, als sie ihr Verfas- sungsgericht schufen. Die restlichen Staaten in der Auflistung waren erst wenige Jahre zuvor von einem totalitären System – dem nationalsozialistischen „Dritten Reich“ oder der Sowjetunion – zur Demokratie übergegangen. Die Erwartung aus der sozialkonstruktivistischen Theorie kann damit nicht bestätigt werden. Von den untersuchten Fällen passt insbesondere Spanien, gemessen an seinen QCA- Werten, sehr gut in die sozialkonstruktivistische Theorie. Spanien verfügt gemäss der hier gewählten Kalibrierung zum Einrichtungszeitpunkt des Verfassungsgerichts sowohl über ein liberales System als auch über eine als liberal eingestufte Regierung. Ausserdem resultierte ein starkes Verfassungsgericht des Grundrechtewächter-Typs. Kein anderer Fall in der Untersuchung zeigte Merkmale, welche konsistenter mit der sozialkonstruktivistischen Theorie wären. Spanien gelangte so auch in den QCA- Lösungspfad, welcher sich als konsistent mit der sozialkonstruktivistischen Theorie erwiesen hat. Ich werde die Einrichtung des Verfassungsgerichts in Spanien im Jahr 1980 daher als einen „very likely case“ für diese Theorie diskutieren. 38 Hier sei nochmals darauf hingewiesen, dass verschiedene Fälle eine Mitgliedschaft in mehreren Verfassungsgerichtstypen aufweisen können, wenn sie die Kriterien von mehreren Typen erfüllen. 39 Demokratisch gemäss Polity IV. 33 Fallbeispiel Sozialkonstruktivismus: Spanien 1980. Spanien führte erstmals mit der Verfassung der zweiten spanischen Republik vom 9.12.1931 ein Ver- fassungsgericht ein. Die Institution stiess jedoch aufgrund der republikanischen Überzeugungen zahl- reicher Politiker zunächst auf sehr grosses Misstrauen, bis hin zur offenen Ablehnung. Dieses erste spanische Verfassungsgericht aus dem Jahr 1931 konnte so keine wirkliche praktische Bedeutung entfalten. Ab 1936 tobte in Spanien der Bürgerkrieg zwischen Putschisten unter General Francisco Franco und der spanischen Volksfrontregierung. Er endete mit einem Sieg General Francos und einer Phase der faschistischen Militärdiktatur, welche erst ab dem Jahr 1975 mit dem Tod Francos ein Ende fand. Im darauf folgenden Demokratisierungsprozess wurde in Spanien erneut ein Verfassungsgericht ge- schaffen, auch für Spanien trifft damit die Beobachtung zu, dass Demokratisierungsprozesse und die Einrichtung von Verfassungsgerichten zeitlich zusammenfallen. Insbesondere zwei Personen kam in diesem Demokratisierungsprozess zentrale Bedeutung zu: Juan Carlos, seit 1975 König Spaniens und Adolfo Suarez Gonzalez, seit 1976 Premierminister, er- nannt durch Juan Carlos. Suarez wies enge Beziehungen zum ehemaligen Franco-Regime auf, sprach sich aber bereits 1976 explizit für mehr politischen Pluralismus aus: “The point of departure is the recognition of pluralism in our society — we cannot allow ourselves the luxury of ignoring it“ (Suarez in Minder 2015). Laut Historiker und Suarez-Biograph Charles Powell wies Suarez zudem familiäre Verbindungen in beide früheren Bürgerkriegslager auf (Powell in O’Leary 2014). Zusammen leiteten Suarez und Juan Carlos einen Reformprozess ein, welcher in Amnestiegesetzen, sowie der Einrichtung eines parlamentarischen Zweikammer-Systems und der Ankündigung von Neuwahlen resultierte. Ein Referendum zu diesem Reformpaket fand die überwältigende Zustimmung der Bevölkerung. Im Februar 1977 legalisierte Suarez die spanische kommunistische Partei, was massiven Protest des Militärs hervorrief. Suarez‘ Beziehungen zum Militär ermöglichten es jedoch, dass die militärische Elite die Entscheidung hinnahm. In den ersten Parlamentswahlen nach der Diktatur im Jahr 1977 traten zahlreiche neue Parteien an. Die „Union des Demokratischen Zentrums“ (UCD), ein liberales Wahlbündnis unter der Führung von Suarez setzte sich schliesslich bei diesen Wahlen durch. Durch diesen Wahlsieg konnte die bisherige Polarisierung Spaniens zwischen republikanisch bis marxistisch geprägter Linker und militärisch bis faschistisch orientierter Rechter durchbrochen werden. Im selben Jahr wurde eine parlamentarische Verfassungsgebende Kommission gewählt. Die von die- ser Kommission entworfene Verfassung enthielt auch die Bestimmungen zum spanischen Verfas- sungsgericht aus dem Jahr 1980. Diese neue Verfassung legte Spanien als eine parlamentarische Mo- narchie fest und wurde in einem Referendum von über 80% der Wahlberechtigten angenommen. Suarez überwachte die Entstehung dieser neuen Verfassung, welche unter anderem keine Staatsreligi- on vorsah und die Todesstrafe abschaffte. Alle der im Parlament vertretenen Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten unterstützten zudem das neue Verfassungsgericht im spanischen Parlament. Starck / Weber (2007) sprechen in diesem Zusammenhang vom „Niederschlag eines neuen [nun stärker liberal 34 denn republikanisch geprägten] Demokratieverständnisses“ (Starck / Weber 2007: 169) und von der Überzeugung zentraler Akteure, dass für die Zukunft der Grundrechteschutz ausgebaut werden müsse (Starck / Weber 2007: 168). Im Jahr 1981 stellte ein versuchter Militärputsch die noch junge Demokratie Spaniens auf die Probe. Zuvor war Suarez als spanischer Premierminister zurückgetreten, nachdem ihm die Wahlprognosen eine Wahlniederlage gegen die Sozialisten prognostiziert hatten und er dadurch auf parteiinternen Widerstand gestossen war. Suarez liess durchscheinen, dass er einen Rücktritt vorgezogenen Neuwah- len vorziehe, da er einen Militärputsch befürchtete, sollten die vom Militär verhassten Sozialisten die Wahlen gewinnen. Im Februar 1981, einen Monat nach Suarez‘ Rücktritt spielte sich schliesslich genau dieses Szenario ab: Militärs übernahmen das Parlament während es den Nachfolger von Suarez‘ wählen sollte. Hier kam erneut König Juan Carlos eine entscheidende Rolle zu. In einem öffentlichen Auftritt im Fernsehen rief er dazu auf, die gewählte Regierung zu unterstützen und bekannte sich zur Demokratie. Zusammen mit Demonstrationen der Bevölkerung und der unbeeindruckten Haltung mancher Parla- mentarier – unter ihnen Suarez – beendete das den Militärputsch innerhalb eines Tags. Dadurch wurde der Grundstein gelegt für eine Konsolidierung der Demokratie in Spanien. (Quellen: Haase / Struger 2009, Manifesto, Minder 2015, NAVCO, O’Leary 2014, ParlGov, Spiegel Online Politik 2014, Spanish Constitution 1978, Starck / Weber 2007, US Country Studies: Spain.) Das Fallbeispiel Spanien zeigt, dass sich für die sozialkonstruktivistische Theorie ein überzeugendes Narrativ an einem europäischen Fall konstruieren lässt. Das spanische Verfassungsgericht erscheint in dieser Darstellung als ein Ergebnis eines grösseren gesamtgesellschaftlichen Liberalisierungsprozesses. Dieser Prozess wurde durch Schlüsselfiguren „von oben“ mittels Reformen, Modera- tion und einem Bekenntnis zu liberaler Demokratie und politischem Pluralismus vo- rangetrieben. Der Prozess wurde aber auch „von unten“ durch Wahlerfolge, überwäl- tigende Zustimmung in Referenden und durch Demonstrationen unterstützt und ge- tragen. Die liberale Anerkennung eines politischen Pluralismus und die aus der Er- fahrung einer diktatorischen Vergangenheit resultierende Hinwendung von einem republikanischen zu einem liberalen Demokratieverständnis erweisen sich als zentral für die Erklärung der Entstehung eines starken Verfassungsgerichts. Für die funktionalistische Theorie spricht im Fall Spaniens lediglich die Föderalisie- rungsfrage. So gab es Dekrete im Jahr 1977, welche zu mehr Autonomie der Regio- nen führen sollten und bereits Anschläge der baskischen Separatistenbewegung ETA (US Country Studies: Spain). 35 Eine Föderalisierung konnte also möglicherweise vorhergesehen und damit auch der Bedarf nach einem Schiedsrichter-Verfassungsgericht gesehen werden, dessen Krite- rien das resultierende spanische Verfassungsgericht ebenfalls erfüllt. Die realistische Theorie überzeugt angesichts der frühen Wahlsiege der neuen Elite UCD mit den führenden Figuren Suarez und Juan Carlos nicht. Ausserdem sah die alte Franco-Elite offenbar ihre erfolgversprechendste Strategie in Putschs und nicht in der Ausarbeitung neuer Institutionen im Parlament. Die Rational Choice-Theorie lässt sich durchaus auch mit dem Narrativ zu Spanien vereinbaren. Das spanische Verfassungsgericht kann so auch als ein Mittel gesehen werden, um den noch unsicheren Demokratisierungsprozess zu stabilisieren und de- mokratische Errungenschaften unveränderbar zu machen. Zusammenfassend fallen für die sozialkonstruktivistische Theorie die QCA- Ergebnisse schwach bestätigend, die Erwartung nicht bestätigend und das Fallbei- spiel schwach bestätigend aus. Es ergibt sich damit ein gemischtes Gesamtbild, wel- ches die sozialkonstruktivistische Theorie der Entstehung starker Verfassungsgerich- te nur schwach bestätigt. Liberales Ideengut könnte eine Rolle gespielt haben bei der Entstehung starker Verfassungsgerichte in den EU-Staaten nach 1945, die Resultate lassen aber keinen allzu starken Schluss in diese Richtung zu. 6.2 Funktionalismus Auch für die funktionalistische Theorie ergaben sich aus der empirischen Untersu- chung mit QCA keinerlei notwendige Bedingungen für ein starkes Verfassungsge- richt. Folgende komplexen und sparsamen Lösungspfade resultierten allerdings als hinreichend für ein starkes Verfassungsgericht. Funktionalismus: Komplexe hinreichende Pfade zu einem starken Verfassungsgericht. QCA-Bedingungen: S = Einfluss supranationalen Rechts, F: Föderalismus, D: Politischer Deadlock, P: Polity-Wandel, T: Schiedsrichter, V: Starkes Verfassungsgericht. Hinreichende Konfiguration Kennwerte und Fälle Komplex 1: s * f * d *P *T -> V Konsistenz: 0.773, PRI: 0.707, Rohabdeckung: 0.304, Alleinige Abdeckung 0.304. Abgedeckte Fälle: Bulgarien1991, Portugal1983, Tschechien1993. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Deutschland1951, Estland1993, Italien1956, Lettland1996, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Ungarn1990, Zypern1964. Komplex 2: s * F * D * P * T -> V Konsistenz: 1, PRI: 1, Rohabdeckung: 0.131, Alleinige Abdeckung: 0.131. Abgedeckte Fälle: Deutschland1951. 36 Funktionalismus: Sparsame hinreichende Pfade zu einem starken Verfassungsgericht. QCA-Bedingungen: S = Einfluss supranationalen Rechts, F: Föderalismus, D: Politischer Deadlock, P: Polity-Wandel, T: Schiedsrichter, V: Starkes Verfassungsgericht. Aus der Untersuchung mit QCA ergibt sich, dass sich die Einrichtung der starken Verfassungsgerichte in Bulgarien, Portugal und Tschechien durch eine Kombination von ausbleibenden Systemansprüchen – wie dem Einfluss supranationalen Rechts, Föderalismus und politischem Deadlock – aber mit zeitgleichem Vorhandensein ei- nes Polity-Wandels sowie dem Vetospieler-Verfassungsgerichtstyps erklären lassen. Das spricht gegen die funktionalistische Erklärung starker Verfassungsgerichte. Sie geht davon aus, dass zumindest einzelne der genannten systemischen Ansprüche vorhanden sein müssten, um ein Verfassungsgericht notwendig zu machen. Dieser nicht-bestätigende komplexe Pfad 1 deckt dabei „Dritte-Welle“-Staaten verschiede- ner europäischer Regionen ab. Der komplexe QCA-Pfad 2 sowie die beiden sparsamen Pfade stellen jeweils leicht unterschiedliche Erklärungen für die Einrichtung des deutschen Bundesverfassungs- gerichts im Jahr 1951 dar. In ihrer komplexesten Form lautet diese Erklärung, dass sich die Entstehung eines starken Verfassungsgerichts in Deutschland aus dem föde- ralen System, politischem Deadlock und Polity-Wandel erklären lässt und dass dabei der Einfluss supranationalen Rechts keine Rolle gespielt hat. In seiner einfachsten Form lautet die Erklärung, dass sich die Entstehung des deutschen Bundesverfas- sungsgerichts aus dem föderalen System und politischem Deadlock erklären lässt. Auch diese Ergebnisse überzeugen nicht recht. Beim Deutschland des Jahres 1951 von einem überblockierten politischen System zu sprechen, welches eine neue Insti- tution nötig gemacht hätte, macht nicht allzu viel Sinn. Zeitlicher Kontext bildete die Ära Konrad Adenauers, welcher seit den ersten deutschen Parlamentswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg in einer von der Christlich Demokratischen Union (CDU) dominierten Regierungskoalition das deutsche Bundeskanzleramt wahrnahm. Zwar stand Adenauer mit der Sozialdemokratischen Partei (SPD) eine starke Oppositions- Sparsam 1: F * D * P -> V Konsistenz: 1, PRI: 1, Rohabdeckung: 0.131, Alleinige Abdeckung: 0. Abgedeckte Fälle: Deutschland 1951. Sparsam 2: s * F * D -> V Konsistenz: 1, PRI: 1, Rohabdeckung: 0.131, Alleinige Abdeckung: 0. Abgedeckte Fälle: Deutschland1951. Nicht abgedeckte Fälle Pfade Komplex 2, Sparsam1 und Sparsam2: Belgien1985, Bulgarien1991, Estland1993, Italien1956, Lettland1996, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, Zypern1964. 37 partei im Parlament gegenüber, eine solche Situation lässt sich aber ohne weiteres als regulär für ein parlamentarisches System bezeichnen (ParlGov). Von einer Ausnah- mesituation oder gar einer politischen Blockade zu sprechen, welche eine neue Insti- tution notwendig gemacht hätte überzeugt daher nicht. Allerdings fand nach dem Zweiten Weltkrieg sehr wohl eine (Re-)Föderalisierung Deutschlands statt (US Country Studies: Germany). Zumindest dieser Teil der Lö- sungspfade für Deutschland ist damit konsistent mit der funktionalistischen Theorie. Dieser Ansatz einer Erklärung für nur einen einzelnen Fall ist allerdings sehr wenig angesichts des Stands der funktionalistischen Erklärung im theoretischen Diskurs. Hier wären besser zur Theorie passende Resultate und eine grössere Abdeckung von Fällen zu erwarten gewesen. Damit ergibt sich zusammenfassend, dass die QCA- Resultate nicht bestätigend ausfallen für die funktionalistische Erklärung der Entste- hung starker Verfassungsgerichtsbarkeit. Was die Erwartung an das Sample betrifft, dass es sich bei den Staaten, welche star- ke Verfassungsgerichte des Schiedsrichter-Typs eingerichtet haben, um solche mit sprachlich, ethnisch und religiös heterogener Bevölkerung handelt40: Sie konnte nicht bestätigt werden. Lediglich von vier41 der elf42 Staaten, welche ein starkes Verfassungsgericht des Schiedsrichtertyps hervorgebracht haben, kann behauptet werden, dass sie in ethni- scher, sprachlicher und religiöser Hinsicht über eine heterogene Bevölkerung verfü- gen. Belgien weist mit einer Bevölkerung, welche sich aus flämisch sprechenden ethni- schen Flamen und wallonisch sprechenden Wallonen zusammensetzt eine heterogene Bevölkerung auf. Bulgarien, welches verschiedene religiöse Gruppen und eine grös- sere türkische Minderheit aufweist ebenfalls. Ebenso Spanien, welches sich sprach- lich und ethnisch in Spanierinnen und Katalaninnen sowie Zypern, welches sich in einen muslimisch-türkischen und einen griechisch-orthodoxen Bevölkerungsteil auf- teilen lässt. In die Menge der Staaten mit starken Verfassungsgerichten des Schieds- 40 Die Erwartung ist auf die Gegenwart bezogen, da sich nicht für alle Fälle Daten für den Einrich- tungszeitpunkt finden liessen. Grössere Zeitspannen zwischen der Einrichtung des Verfassungsge- richts und der Erhebung der Heterogenität der Bevölkerung finden sich vor allem bei Deutschland, Italien, Österreich und Zypern. Hier wurde eine gewisse Kontinuität der Bevölkerungsstruktur unter- stellt. Vgl. dazu auch Tabelle 9 in Anhang 1. 41 Belgien1985, Bulgarien1991, Spanien1980, Zypern1964. 42 Belgien1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Italien1956, Oesterreich1946, Portugal1983, Slo- wenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, Zypern1964. 38 richter-Typs fallen allerdings auch Slowenien, in welchem 83% der Gesamtbevölke- rung römisch-katholischer Konfession ist, 88% slowenisch spricht und die Fractiona- lization-Daten zur Ethnizität (Alesina et. al 2003) ca. 88% ethnische Slowenen ange- ben. Auch Portugal, mit 92% Anteil an römisch-katholischer und 99% portugiesisch sprechender Bevölkerung befindet sich in der Menge der Staaten mit starken Verfas- sungsgerichten des Schiedsrichter-Typs. In Ungarn, einem weiteren Beispiel, spre- chen 99% der Bevölkerung ungarisch und die Fractionalization-Daten erfassen 92% ethnische Magyaren. Bei diesen Staaten kann nicht von einer heterogenen Bevölke- rung die Rede sein. Tabelle 9 in Anhang 1 zeigt eine weitergehende und systemati- schere Aufstellung der Fractionalization-Daten, welche den hier beschriebenen Ein- druck untermauert: Die Erwartung aus der funktionalistischen Theorie an die Bevöl- kerungsstruktur der Staaten mit starken Verfassungsgerichten des Schiedsrichter- Typs lässt sich nicht bestätigen. Als „very likely case“ für die funktionalistische Theorie werde ich im Folgenden die Einrichtung des belgischen Verfassungsgerichts im Jahr 1985 präsentieren. Belgien zeigt als einziger Fall im Sample drei systemische Ansprüche aus der funktionalisti- schen Theorie zum Einrichtungszeitpunkt des Verfassungsgerichts: Einfluss suprana- tionalen Rechts, Föderalismus und politischer Deadlock. Belgien verfügt ausserdem über ein starkes Verfassungsgericht des Schiedsrichter-Typs. Dass die Kalibrierung der QCA-Bedingungen ergeben hat, dass im Fall von Belgien kein Polity-Wandel vorliegt, ist ausserdem zu relativieren. Eine genauere Auseinandersetzung mit dem Fall zeigt, dass sich beim ab den 1970er Jahren eingeleiteten Föderalisierungsprozess durchaus auch von einem Polity-Wandel sprechen lässt. Auch die Informationen zur Bevölkerungsstruktur Belgiens sprechen dafür, dass es sich bei der Einrichtung des Verfassungsgerichts in Belgien um einen „very likely case“ für die funktionalistische Erklärung starker Verfassungsgerichte handelt. Fallbeispiel Funktionalismus: Belgien 1985. Belgien verfügte bereits seit 1831 über eine liberale Verfassung, welche sich an den Werten der Auf- klärung orientierte. Diese Verfassung enthielt jedoch noch keinerlei Bestimmungen zur Überprüfung der Verfassungsmässigkeit von Gesetzen. Seit 1849 war es ausserdem in Belgien Rechtspraxis, dass Gerichte nicht zur Überprüfung von Gesetzen berechtigt sind. Haase / Struger (2009) sprechen auch von einer „traditionellen belgischen Feindseligkeit gegenüber der Verfassungsmässigkeitskontrolle von Gesetzen...“ (Haase / Struger 2009: 121). Seit den 1960er und 70er Jahren verstärkten sich in Belgien die Spannungen zwischen den Flamen und Wallonen, den grössten Sprachgruppen des Landes. Diese Spannungen werden im Polity IV- 39 Länderbericht zu Belgien aus dem Jahr 2010 mit dem Gegensatz zwischen flämischem Konservatis- mus und wallonischem Sozialismus erklärt. Belgische Behörden sprechen auch von einem Streben der Flamen nach kultureller Autonomie, sowie dem Wunsch der Wallonen nach mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit (Portal belgium.be). Um diese Spannungen zu entschärfen, wurde in Belgien ab den 1970er Jahren ein Föderalisierungs- prozess in Gang gesetzt, welcher seinen Höhepunkt in der Staatsreform aus dem Jahr 1993 fand. Diese Reform machte Belgien zum vollwertigen Föderalstaat. Symbolisch dafür steht so auch die Änderung des ersten Artikels der belgischen Verfassung im Jahr 1993 von „Belgien ist in Provinzen eingeteilt“ zu „Belgien ist ein aus den Gemeinschaften und den Regionen bestehender Föderalstaat“ (Portal bel- gium.be). Im Zusammenhang mit diesem Föderalisierungsprozess wurde im Jahr 1985 auch der sogenannte belgische Schiedsgerichtshof geschaffen. Ihm wurde laut Starck / Weber (2007: 260) die primäre Aufgabe zugewiesen, das Gleichgewicht zwischen den (entstehenden) föderalen Ebenen zu bewahren. Haase / Struger (2009: 121f.) sehen in der Entscheidung föderativer Streitigkeiten und der Regelung von Zuständigkeitskonflikten die Kernaufgaben des neuen Gerichts. Der belgische Schiedsgerichtshof sollte ausserdem möglichst unparteiisch wirken und wurde deshalb mit Richtern aus beiden Sprachgruppen besetzt. Um der traditionellen belgischen Skepsis gegenüber der Verfassungsgerichtsbarkeit dennoch Rech- nung zu tragen, bezeichnete sich dieses belgische Verfassungsgericht zunächst noch als „verfassungs- rechtliches Gericht mit beschränkter Zuständigkeit“ (Haase / Struger 2009: 121) und erst in den 1990er Jahren wurden seine Kompetenzen im Grundrechtebereich ausgebaut. (Quellen: Haase / Struger 2009, Hönnige 2007, Maddex 2014, Polity IV Länderbericht, Portal belgi- um.be, Starck / Weber 2007). Für das Fallbeispiel Belgien lässt sich sehr gut ein Narrativ formulieren, welches sich mit der funktionalistischen Erklärung vereinbaren lässt. Einerseits war eine politische Blockade in Form von Spannungen zwischen den Sprachgruppen gegeben. Die Föde- ralisierung diente einer Entschärfung dieser Konflikte und der Lösung dieser Blo- ckade, machte aber auch eine Institution notwendig, welche zwischen den neu ent- standenen föderalen Ebenen vermitteln konnte. Es stellten sich ausserdem durch die Föderalisierung neue Fragen zur Zuständigkeit der föderalen Ebenen. Diese Fragen konnten wiederum nicht von politischen Akteu- rinnen entschieden werden, das wäre politisch zu brisant gewesen. Ein möglichst neutraler Vermittler in Form eines „Schiedsgerichts“ wurde notwendig. Es war zent- ral, dass diese neue Institution nicht als parteiische Vertretung einer der Sprachgrup- pen wahrgenommen wurde, daher entschied man sich sie mit Vertreterinnen beider Sprachgruppen zu besetzen. 40 Interessant am Beispiel Belgiens ist, dass hier offenbar kein so dramatischer politi- scher Wandel, wie ihn ein Systemübergang von Autokratie zur Demokratie darstellt, notwendig gewesen ist, um ein starkes Verfassungsgericht hervorzubringen. Der in- krementelle Föderalisierungsprozess war offenbar ausreichend, brachte allerdings ein Verfassungsgericht hervor, welches in Fragen der Menschenrechte bis in die 1990er Jahre nur über begrenzte Kompetenzen verfügte. Der fehlende Schock der Erfahrung einer diktatorischen Vergangenheit, sowie der offenbar sanftere Wandlungsprozess führten hier möglicherweise zur Entstehung eines sehr spezifischen und funktionalis- tisch zu erklärenden starken Verfassungsgerichts. Durch den Wegfall des Demokratisierungsprozesses und den begrenzten Kompeten- zen im Menschenrechtsbereich werden die sozialkonstruktivistische und die Rational Choice-Theorie wenig plausible Erklärungen für den Fall Belgiens. Belgien war be- reits vor der Föderalisierung eine Demokratie, daher konnte ein entstehendes Verfas- sungsgericht kaum dem Zweck dienen, demokratische Errungenschaften sicherzu- stellen, wie das die Rational Choice-Theorie erwarten würde. Ohne starken Grund- rechteschutz macht hingegen auch die sozialkonstruktivistische Erklärung nicht viel Sinn: Vertreter liberalen Gedankenguts hätten sich genau dafür stark machen müs- sen. Aus einer realistischen Perspektive kommt im Fall von Belgien die Theorie für die Demokratien in Frage. Allerdings waren die beiden relevanten Parteien – die „Flemish Christian Peoples Party“ (CVP) der Flamen und die belgische sozialistische Partei (PS) der Wallonen – beide seit den 1980er Jahren in der Regierung vertreten (ParlGov). Damit dürfte die Strategie, mittels eines Verfassungsgerichts das politi- sche Programm der Gegner zu blockieren nicht die erste Wahl dargestellt haben, sondern die direkte Einflussnahme auf das Regierungsprogramm. Ausserdem erfüllt das belgische Schiedsgericht die Kriterien eines Vetospieler-Verfassungsgerichts nicht: Dazu sind die Antragshürden im Parlament zu hoch, was wiederum darauf hindeutet, dass man im Fall von Belgien Blockaden eher durchbrechen und keinen starken Vetospieler schaffen wollte, wie von den realistischen Theorien erwartet. Zusammenfassend werte ich diese QCA-Ergebnisse und die Erwartung nicht bestäti- gend, das Fallbeispiel Belgiens hingegen stark bestätigend für die funktionalistische Theorie. Damit sind für die funktionalistische Theorie die Fragen aufgeworfen, in- wieweit sich die funktionalistische Theorie auf andere europäische Fälle generalisie- ren lässt und ob das Narrativ zu Belgien einer tieferen Prüfung standhalten würde. 41 6.3 Rationalismus Das rationalistische Paradigma lässt sich wie im Theorieteil beschrieben in zwei rea- listische und eine Rational Choice-Theorie einteilen. Da sich die realistischen Theo- rien und auch die Ergebnisse für diese Theorien stark ähneln, werde ich diese Ergeb- nisse im Folgenden zusammen präsentieren und interpretieren. 6.3.1 Realismus Aus den Bedingungen der realistischen Theorien resultiert nun erstmals auch eine notwendige Bedingung für ein starkes Verfassungsgericht, allerdings nur aus der realistischen Theorie für Autokratien. Die sparsamen und hinreichenden Lösungs- pfade für die realistische Theorie für Autokratien waren ausserdem identisch. Realismus: notwendige und hinreichende Bedingungen zu einem starken Verfassungsgericht. QCA-Bedingungen: E = Etablierte Elite, W = Anzeichen eines Elitenwechsels, T = Vetospieler, V = starkes Verfassungsgericht. Konfigurationen Kennwerte und Fälle Realistische Theorie (Autokratien) Notwendige Bedingung: E V Konsistenz: 0.822, Abdeckung: 0.796. Konsistenz: 0.802, PRI: 0.731, Rohabdeckung: 0.734. Abgedeckte Fälle: Portugal1983, Spanien1980, Bulgarien1991, Lettland1996, Litauen1993, Polen1986, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Tschechien1993, Ungarn1990. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Deutschland1951, Estland1993, Italien1956, Oesterreich1946, Zypern1964. Realistische Theorie (Demokratien) Hinreichende Lösungspfade Komplex: e * w * T -> V Sparsam: e * w -> V Konsistenz: 0.855, PRI: 0.830, Rohabdeckung: 0.336. Abgedeckte Fälle: Lettland1996, Portugal1983, Slowakei1993. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Estland1993, Italien1956, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Rumaenien1992, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, Zypern1964. Konsistenz: 0.855, PRI: 0.830, Rohabdeckung: 0.336. Abgedeckte Fälle: Lettland1996, Portugal1983, Slowakei1993. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Estland1993, Italien1956, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Rumaenien1992, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, Zypern1964. 42 Aus der realistischen Theorie ergibt sich eine etablierte autokratische Elite als not- wendige Bedingung für die Entstehung eines starken Verfassungsgerichts. Das allein ist allerdings noch nicht sehr bestätigend für diese Theorie. Die realistische Theorie postulierte eine ganz spezifische Verhaltensweise, nicht bloss das Vorhandensein einer politischen Elite. Die Elite sollte sich laut Theorie für ein starkes Verfassungs- gericht einsetzen und das aufgrund eines befürchteten Machtwechsels. Die Tatsache allein, dass eine solche etablierte Elite (in einem Sample aus Autokratien)43 offenbar sehr oft gegeben war, bestätigt die realistische Theorie noch nicht. Der resultierende hinreichende Pfad für die realistische Theorie für Autokratien läuft auf ein ähnliches Resultat hinaus. Er besagt, dass wo eine etablierte autokratische Elite gegeben war, ein starkes Verfassungsgericht des Vetospieler-Typs resultiert ist und deckt vorwiegend „Dritte-Welle“-Staaten in Osteuropa ab. Anders als bei der sozialkonstruktivistischen Theorie, bei der nicht zwingend ein Zusammenspiel von liberalem System und liberaler Regierung gegeben sein musste, macht die realisti- sche Theorie allerdings nur Sinn, wenn das spezifische Zusammenspiel von etablier- ter Elite und einer Ankündigung eines Machtwechsels gegeben war. Erst die Bedro- hung durch den baldigen Machtwechsel konnte die Handlungsmotivation der alten Elite auslösen und sie dazu veranlassen sich zu schützen. Durch das Fehlen dieser spezifischen Kombination können die QCA-Ergebnisse für die realistische Theorie für Autokratien nicht als bestätigend gewertet werden. Nach Macht strebende Akteu- rinnen würden ihre Macht nicht einschränken solange sie keine Bedrohung ausma- chen können. Die QCA-Ergebnisse für die realistische Theorie für Demokratien fallen noch weni- ger überzeugend aus. Sowohl die komplexe als auch die sparsame hinreichende Lö- sung zum Ergebnis starkes Verfassungsgericht bestehen aus explizit jener Kombina- tion von erklärenden QCA-Bedingungen, welche diese realistische Theorie untermi- niert: Es gab bei den untersuchten Fällen keine etablierten demokratischen Eliten und auch die Anzeichen für einen Machtwechsel in Form von Wahlniederlagen blieben aus. Lediglich in der komplexen Lösung ist ausserdem der Verfassungsgerichtstyp Vetospieler enthalten. Auch diese realistische Erklärung kann damit anhand der QCA-Ergebnisse nicht bestätigt werden. Für die realistischen Theorien wurden ausserdem folgende Erwartungen formuliert: 43 Für die Zusammensetzung der verschiedenen Samples je Theorie vgl. Anhang 4. 43 Bei den Autokratien wurde erwartet, dass Staaten, welche starke Verfassungsgerich- te des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, dies taten, bevor der Elitenwandel kom- plett abgeschlossen war. Für die Demokratien wurde erwartet, dass Staaten, welche starke Verfassungsgerich- te des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, eine hohe ideologische Distanz zwischen der etablierten und der aufstrebenden Partei aufwiesen. Beide Erwartungen liessen sich in der Untersuchung nicht bestätigen. Was den Elitenwandel im autokratischen Kontext betrifft, passen die Fälle Bulgarien, Ungarn und Polen am besten in die realistische Erklärung.44 In Bulgarien gewann im Jahr 1990 die Nachfolgepartei der Kommunisten die Wah- len zur verfassungsgebenden Versammlung. Am 12.7.1991 resultierte eine neue Ver- fassung, welche auch die Bestimmungen zum bulgarischen Verfassungsgericht ent- hielt. Erst am 13.10.1991 gewann allerdings mit der „Union der Demokratischen Kräfte“ (SDS) eine neue politische Elite die Wahlen. Damit wäre im Fall Bulgariens grundsätzlich ein massgeblicher Einfluss der alten kommunistischen Elite auf die Entstehung des neuen Verfassungsgerichts gegeben gewesen: Sie besetzte schliess- lich die verfassungsgebende Versammlung in dominanter Weise und wurde erst eini- ge Monate nach der Verfassungsgebung durch eine neue politische Elite abgelöst. Allerdings offenbart ein genauerer Blick auf den Fall Bulgariens, dass die Kommu- nisten den Reformprozess in Richtung einer neuen Verfassung mit Verfassungsge- richt eher hintertrieben als vorangetrieben haben (US Country Studies: Bulgaria). Die realistische Theorie würde aber erwarten, dass sie ihn vorantreiben müssten um sich für die Zukunft abzusichern. In Ungarn wurde 1984 ein Verfassungsrechtsrat mit stark begrenzten Kompetenzen geschaffen. Im Jahr 1989 fanden zudem am sogenannten „Nationalen Runden Tisch“ Verhandlungen zwischen der Sozialistischen Arbeiterpartei und den Oppositionspar- teien zu einem geplanten Verfassungsgericht statt (Haase / Struger 2009: 134). Im Januar 1989 wurde das ungarische Verfassungsgericht schliesslich im Parlament be- schlossen (Vgl. Constitutional Court of Hungary). Auch in Ungarn war damit ein Einfluss der alten Elite auf die Entstehung des neuen Verfassungsgerichts möglich- erweise gegeben. Der Fall passt damit in die realistische Theorie für Autokratien. 44 Die folgenden Ausführungen stützen sich massgeblich auf ParlGov-Daten zu Wahlergebnissen und Kabinetten sowie auf Angaben des Manifesto-Projekts zur Einteilung von Parteien und Daten von NAVCO zu Protestbewegungen. 44 Eine ähnliche Situation spielte sich in Polen ab. Bereits anfangs der 1980er Jahre begannen polnische Rechtsexperten damit, die Auf- nahme eines Verfassungsgerichts in zentrale Rechtstexte vorzubereiten. Die Verfas- sungsänderung aus dem Jahr 1982 sah zudem ein polnisches Verfassungsgericht vor. 1986 entstand schliesslich ein polnisches Verfassungsgericht, zu einem Zeitpunkt, als die alte kommunistische Elite noch an der Macht war und die Demokratisierung erst noch bevorstand. (Constitutional Tribunal of Poland, Haase / Struger 2009, Luchter- handt / Starck / Weber 2007, NAVCO, US Country Studies: Poland). Polen wird damit zu einem „very likely case“ für die realistische Theorie für Auto- kratien. Bereits anfangs der 1980er Jahre war die Oppositionsbewegung gegen das kommunistische Regime Polens um die „Solidarnosc“ auf zehntausende Mitglieder angewachsen (Vgl. NAVCO). Es wäre also durchaus möglich, dass das kommunisti- sche Regime Polens im Einklang mit der realistischen Theorie ein Verfassungsge- richt eingerichtet hat, um sich vor dem drehenden politischen Wind in Form einer immer mächtigeren Oppositionsbewegung zu schützen. Polen weist ausserdem bei den QCA-Bedingungen eine etablierte autokratische Elite, sowie ein starkes Verfassungsgericht des Vetospieler-Typs als Resultat auf. Polen wird weiter auch von jenem QCA-Lösungspfad abgedeckt, welcher am ehesten der realistischen Theorie entspricht und liegt als osteuropäisches Land auch in jener Re- gion, welche dieser Pfad am besten erklären kann. Ich werde die Einrichtung des Verfassungsgerichts in Polen daher am Ende dieses Kapitels als „very likely case“- Fallbeispiel für die realistische Theorie diskutieren. Zunächst ist jedoch noch zu erwähnen, dass diesen drei eher bestätigenden Beispie- len – Bulgarien, Ungarn und Polen – zahlreiche nichtbestätigende gegenüberstanden. Für die restlichen von dieser Erwartung abgedeckten Länder45 lässt sich nicht davon sprechen, dass das Verfassungsgericht vor dem Elitenwandel eingerichtet worden ist. In mehreren ehemals kommunistischen Staaten hatten so die kommunistischen Par- teien bereits vor der Einrichtung des Verfassungsgerichts ihren Führungsanspruch aufgegeben, zentrale Schlüsselfiguren des politischen Systems waren mit Repräsen- tanten der neuen Elite besetzt worden oder die kommunistischen Parteien waren im Parlament bereits durch Wahlen marginalisiert worden. Eine oder mehrere dieser Bedingungen waren so im Fall von Lettland (US Country Studies: Latvia), Litauen 45 Staaten mit starken Verfassungsgerichten des Vetospieler-Typs: Bulgarien, Deutschland, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn. 45 (US Country Studies: Lithuania), Rumänien, der Slowakei, Slowenien und Tschechi- en gegeben (ParlGov). Bei diesen Fällen kann nicht mehr davon gesprochen werden, dass die alte kommunistische Elite einen massgeblichen Einfluss auf die Entstehung eines starken Verfassungsgerichts haben konnte. Deutschland und Österreich waren nach 1945 in Besatzungszonen eingeteilt, eine Entnazifizierungspolitik folgte (US Country Studies: Germany und Austria). Die alte Elite – in diesen Fällen die Nationalsozialisten – konnte so keinen Einfluss mehr auf die Entstehung von Institutionen nehmen. In Portugal waren hingegen bereits seit 1976 sozialistische Kabinette an der Macht, die alte faschistische Elite konnte keinen Einfluss mehr ausüben. Ähnlich stellte sich die Situation in Spanien dar: Die „Union des Demokratischen Zentrums“ (UCD) hat- te als tragende Säule des Demokratisierungsprozesses bereits mehrere Wahlsiege hinter sich, als das Verfassungsgericht im Jahr 1980 eingerichtet wurde. Damit erscheint die Erwartung aus der realistischen Theorie, dass Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben dies vor einem abgeschlossenen Elitenwandel getan haben lediglich für einzelne Fälle, nicht aber für das gesamte Sample von Fällen mit starken Verfassungsgerichten des Vetospieler- typs überzeugend. Die Erwartung kann damit nicht bestätigt werden. Was die Erwartung der realistischen Theorien betrifft, dass Demokratien, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, eine hohe ideo- logische Distanz zwischen der etablierten und der aufstrebenden Partei aufwiesen: Auch sie konnte nicht bestätigt werden. Hier habe ich mich auf Staaten konzentriert, welche ein starkes Verfassungsgericht des Vetospieler-Typs sowie bereits mehrere Parlamentswahlen nach dem Übergang zur Demokratie durchgeführt hatten.46 Lediglich in zwei der sechs untersuchten Fälle kann von einer grösseren ideologi- schen Distanz47 zwischen rivalisierenden Parteien die Rede sein. In Spanien rivalisierte die „Union des Demokratischen Zentrums“ (UCD), welche vom Manifesto-Projekt und ParlGov als liberales Parteienbündnis eingeteilt wird, mit den spanischen Sozialisten um die Macht. 1982, zwei Jahre nach Einrichtung des Verfassungsgerichts in Spanien, erlitt die UCD schliesslich eine massive Wahlnie- 46 Lettland, Litauen, Portugal, Slowakei, Spanien, Tschechien. 47 Die Einschätzung stützte sich auf Daten des Manifesto Projekts (Variable „Rile“ zur Links-/Rechts- Einteilung von Parteien sowie Variable „parfam“ zur „Parteienfamilie“) und ParlGov-Daten (Wahler- gebnisse und Skala mit Links-/Rechts-Einteilung). 46 derlage gegen die Sozialisten. Die ideologische Distanz war gegeben, allerdings hätte die UCD diese Wahlniederlage vorausahnen müssen, um damit die von der realisti- schen Theorie unterstellte Handlungsmotivation einzuleiten. In Litauen übernahm zwei Jahre vor Einrichtung des Verfassungsgerichts eine Koali- tion aus liberalen und konservativen Kräften die Regierung.48 Möglicherweise gab es hier ein ideologisches Spannungsverhältnis zu den Sozialisten, welche ebenfalls noch eine starke Position im Parlament hatten. Für die restlichen untersuchten Staaten liess sich jedoch nicht einmal solch schwache Evidenz finden: Gemessen an Einteilungen von ParlGov und dem Manifesto-Projekt war in vier der untersuchten sechs Fällen keine grössere ideologische Distanz zwi- schen etablierter und aufstrebender Partei gegeben. Sofern überhaupt von einer auf- strebenden Partei die Rede sein konnte. Die realistische Erklärung für Demokratien wird weiter dadurch unterminiert, dass sich anhand der QCA-Ergebnisse auch kein sinnvoller „very likely case“ als Fallbei- spiel finden liess. In jedem der untersuchten Fälle fehlte eine der beiden erklärenden Bedingungen, welche laut Theorie zusammenspielen müssten, damit die realistische Erklärung für Demokratien Sinn macht: eine etablierte Elite in Form einer lange do- minierenden Partei und die Ankündigung eines Machtwechsels in Form von Wahl- niederlagen. Ich werde hier deshalb nur das Fallbeispiel Polen für die realistische Theorie für die Autokratien diskutieren. Fallbeispiel Realismus: Polen 1986. Die polnischen Verfassungen aus den Jahren 1921, 1935, 1947 und 1952 schlossen die verfassungs- mässige Überprüfung von Gesetzen durch ein Verfassungsgericht noch aus. Bis zu den 1960er Jahren bildete die Unantastbarkeit parlamentarischer Beschlüsse ausserdem einen wichtigen Bestandteil der polnischen Rechtslehre. Diese Auffassung basierte unter anderem auf der sowjetischen Ablehnung der Gewaltenteilung und der wichtigen Rolle, welche das Parlament, bzw. die kommunistische Partei, als Repräsentantin des Volkswillens im kommunistischen Staatsverständnis bildete. Ab den 1970er Jahren formierte sich in Polen eine Protestbewegung gegen die kommunistische Elite. Diese Protestbewegung umfasste unter anderem Vertreter der Arbeiterschaft, der römisch- katholischen Konfession sowie Dissidenten aus der polnischen Intelligenzija. Ab den 1980er Jahren stand der kommunistischen Elite mit der neu entstandenen „Solidarnosc“, einer unabhängigen Gewerkschaft, eine De-Facto-Oppositionsbewegung entgegen, welche bald auf zehn Millionen Mitglieder anwachsen sollte. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wurde in Polen 1982 eine Verfassungsnovelle geschaffen, welche auch einen Verfassungsgerichtshof und einen Staatsgerichtshof enthielt. Zuvor waren rechts- 48 Christdemokraten (LKDP) und Sajudis (SK). 47 vergleichende Untersuchungen angestellt worden mit dem Ziel, ein Verfassungsgericht so zu entwer- fen, dass es sich bestmöglich mit dem Konzept einer sozialistischen Volksrepublik vereinbaren liesse. Am 29.4.1985 wurde schliesslich das Gesetz über den Verfassungsgerichtshof beschlossen. Konserva- tive Kreise um die alte kommunistische Elite hatten zuvor bis zuletzt versucht, die Entstehung dieses Gerichtshofs zu verhindern und seine Kompetenzen weitestgehend einzuschränken. Sie befürchteten, dass der Verfassungsgerichtshof nicht politisch zu kontrollieren wäre. Der resultierende Verfassungsgerichtshof aus dem Jahr 1986 verfügte so schliesslich auch nur über die Kompetenz, Gesetze zu prüfen, nicht aber sie aufzuheben. Sofern der Gerichtshof beschloss, dass ein Gesetz verfassungswidrig sei, war zusätzlich eine Zweidrittelmehrheit im polnischen Unterhaus notwendig, damit das Gesetz aufgehoben werden konnte. Der polnische Verfassungsgerichtshof aus dem Jahr 1986 verfügte nur über eine Prüfungs-, nicht aber über eine Aufhebungskompetenz. Nach anhaltenden Streiks und Protesten begannen in Polen im Jahr 1988 Gespräche zwischen der kommunistischen Elite und der polnischen Oppositionsbewegung am sogenannten „Runden Tisch“. Als Ergebnis wurde Solidarnosc im Jahr 1989 legalisiert und konnte Abgeordnete für das polnische Parlament stellen. Solidarnosc bescherte der alten kommunistischen Elite bei den Wahlen im Jahr 1989 eine überwältigende Wahlniederlage. Das Jahr 1989 brachte auch eine tiefgreifende Reform des polnischen Verfassungsgerichts, welche das Aufhebungsrecht durch das Parlament aber noch unangetastet liess. Erst im Jahr 1993, als die alte kommunistische Elite längst durch liberale Regierungsparteien abgelöst worden war, wurde dem pol- nischen Unterhaus zumindest eine Frist gesetzt, innerhalb welcher es eine Entscheidung des Verfas- sungsgerichts verwerfen musste, sollte es das wollen. Neu musste eine solche Verwerfung innerhalb von sechs Monaten nach der Entscheidung des Verfassungsgerichts erfolgen. Erst im Jahr 1997 wurde schliesslich mit einer weiteren Reform festgelegt, dass die Entscheidungen des Verfassungsgerichts abschliessend sein sollten. Seit 1997 tritt ein vom Verfassungsgericht als rechtswidrig festgestelltes Gesetz an dem Tag ausser Kraft, an dem die Entscheidung des Verfassungsgerichts erfolgt. (Quellen: Constitutional Tribunal of Poland, Haase / Struger 2009, Luchterhandt / Starck / Weber 2007, NAVCO, US Country Studies: Poland). Für das Fallbeispiel Polens liess sich trotz Recherche nach Material, welches die rea- listischen Theorien bestätigt, kein überzeugendes Narrativ formulieren. Ganz im Ge- genteil: Das Fallbeispiel Polens steht stark im Widerspruch mit der realistischen Theorie, obwohl es einen „very likely case“ für diese Theorie darstellen müsste. Die realistische Theorie für Autokratien würde erwarten, dass die alte Elite sich auf- grund eines sich abzeichnenden Machtwechsels für ein starkes Verfassungsgericht einsetzen würde um sich abzusichern. Im Fall Polens reagierte die alte Elite nun of- fenbar tatsächlich auf Protestaktionen und begann Reformen – darunter auch die Ein- richtung eines Verfassungsgerichts – einzuleiten, sie setzte sich jedoch gegen ein starkes Verfassungsgericht ein. Ähnlich wie im bereits thematisierten Fall Bulgari- ens. Dass das resultierende polnische Verfassungsgericht aus dem Jahr 1986 nur mit 48 der Zustimmung des Parlaments Gesetze aufheben konnte, spricht ausserdem stark gegen den in der realistischen Theorie erwarteten Verfassungsgerichts-Typ des Veto- spielers. Ein Vetospieler müsste Bestimmungen effektiv dem Einfluss herrschender Mehrheitsverhältnisse entziehen und von Minderheiten angerufen werden können. Im Fall Polens entwickelten Entscheidungen des Verfassungsgerichts bis ins Jahr 1997 aber nur eine faktische Wirkung, sofern sich im Parlament eine Mehrheit für sie finden liess. Ausserdem war es nicht die alte, sondern eine neue liberaldemokratische Mehrheit, welche das Verfassungsgericht im Jahr 1997 erstmals durch Reformen zu einem effektiven Vetospieler machte. Insgesamt lässt sich die realistische Erklärung für die Entstehung starker Verfassungsgerichte am Beispiel Polens also nicht bestäti- gen. Im Vergleich mit Südafrika, dem Fall für welchen Ran Hirschl seine realistische Theorie für Autokratien unter anderem entwickelt hat49, zeigt sich auch schnell ein gewichtiger Unterschied zu Polen, welcher womöglich erklären kann, warum die Theorie im Fall Polens keine Gültigkeit hat. Anders als in Südafrika repräsentierten in Polen die alte und die neue Elite keine ethnischen Gruppierungen und rassistisches Gedankengut spielte keine Rolle. Die alte Apartheid-Elite Südafrikas war eine ethni- sche Minderheit mit Privilegien, welche sie aufgrund rassistischer Kriterien für sich reklamierte. Polens alte kommunistische Elite stellte hingegen keine ethnische Min- derheit dar, ihren Anspruch auf Alleinherrschaft vertrat sie gestützt auf kommunisti- sche Ideologie und der Rolle, welcher der kommunistischen Partei darin zukommt, nicht gestützt auf rassistische Kriterien. Sie sah daher womöglich anders als die Apartheid-Vertreter auch keinen unauflösbaren und strukturell nach dem Macht- wechsel weiter bestehenden Gegensatz zwischen der eigenen Gruppe und der restli- chen Bevölkerung, welcher eine Absicherung durch ein Verfassungsgericht nötig gemacht hätte. Sofern Amnestiegesetze beschlossen würden, konnte die alte kommu- nistische Elite womöglich mit einer einigermassen unauffälligen Wiedereingliede- rung in die polnische Gesellschaft rechnen. Womöglich bildet damit die Tatsache, dass alte und neue Elite unterschiedliche ethnische Gruppierungen repräsentieren eine – in Europa selten gegebene – Rahmenbedingung dieser realistischen Theorie. 49 Hirschl entwickelte seine Theorie jedoch nicht nur aus dem Fall Südafrikas sondern untersuchte auch Kanada, Israel und Neuseeland. 49 Allerdings zielt diese Argumentation lediglich auf den Sicherheitsaspekt der realisti- schen Theorie ab. Einen Anreiz, ihre Macht in Form ihrer Privilegien abzusichern hatte natürlich auch die polnische Elite. Am Beispiel Polens deutet allerdings auch nichts auf einen systemischen Bedarf nach einem Verfassungsgericht hin, wie es die funktionalistische Theorie erwarten würde. Die alte Elite besetzte formal gesehen noch die wichtigen institutionellen Schlüssel- positionen, von einem Deadlock kann in dieser Hinsicht also nicht gesprochen wer- den. Auch lag kein grösserer Einfluss inter- oder supranationalen Rechts vor. Polen stand im Jahr 1986 als Volksrepublik nach wie vor unter starkem Einfluss der Sow- jetunion und war damit Tendenzen internationaler Verrechtlichung noch weitgehend entzogen. Auch eine Föderalisierung konnte nicht den Auslöser der Einrichtung des Verfassungsgerichts gebildet haben und ein eigentlicher Polity-Wandel fand erst mit der Demokratisierung ab 1989 statt. Polen bildet damit auch ein seltenes Beispiel für eine Einrichtung eines starken Verfassungsgerichts vor einer Umbruchsituation. Da- mit scheidet für Polen auch die Erklärung aus der Rational Choice-Theorie aus, dass Verfassungsgerichte eingerichtet wurden, um eine laufende Demokratisierung abzu- sichern und zu stabilisieren. Denkbar wäre für den Fall Polens lediglich, dass das liberale Gedankengut der Oppo- sitionsbewegung unter der Führung der Solidarnosc dazu geführt hat, dass ein starkes Verfassungsgericht eingerichtet wurde, wie das die sozialkonstruktivistische Theorie erwarten würde. Für diese Theorie spricht auch die Verstärkung des polnischen Ver- fassungsgerichts im Jahr 1997 durch demokratische und zumindest teils liberale Par- teien.50 Damit ergeben sich für die realistische Erklärung der Entstehung starker Verfas- sungsgerichte nicht nur viele Resultate, welche die Theorie nicht bestätigen, sondern Resultate, welche richtiggehend darauf hindeuten, dass sie für die untersuchten euro- päischen Verfassungsgerichte nach 1945 falsch liegt. Womöglich weist die Theorie Rahmenbedingungen auf, welche im europäischen Kontext nicht oder nur selten ge- geben waren. Sowohl die QCA-Resultate als auch die Ergebnisse für die Erwartungen aus den bei- den realistischen Theorien konnten die Theorie nicht bestätigen. Die QCA-Resultate 50 Die „Freedom Union“ (UW) wird von ParlGov als liberale Partei eingestuft, war drittstärkste Partei im Parlament und seit dem Jahr 1997 (allerdings erst ab dann) in der polnischen Regierung vertreten (ParlGov). 50 zur realistischen Theorie für Demokratien wiesen zudem explizit auf ein Ausbleiben der relevanten erklärenden Bedingungen im Fall der Entstehung starker Verfas- sungsgerichte hin. Für die realistische Erklärung für Demokratien liess sich zudem kein plausibler „very likely case“ finden. Der „very likely case“ für die realistische Erklärung der Autokra- tien – Die Einrichtung des Verfassungsgerichts in Polen im Jahr 1986 – erwies sich schliesslich als veritable Widerlegung der realistischen Theorie. Das neue realisti- sche Paradigma für die Erklärung der Entstehung starker Verfassungsgerichte konnte so für die hier untersuchten Fälle nicht bestätigt werden. 6.3.2 Rational Choice-Theorie Für die Rational Choice-Theorie ergaben sich aus der Analyse mit QCA keinerlei notwendige Bedingungen. Sparsame Lösungspfade unterschritten ausserdem die zu- vor festgelegte Konsistenzwert-Untergrenze und werden hier deshalb nicht disku- tiert.51 Folgender komplexer hinreichender QCA-Lösungspfad zu einem starken Ver- fassungsgericht resultierte für die Rational Choice-Theorie. QCA-Bedingungen: P = Polity-Typ, S = Szenario, T = Vetospieler, V = Starkes Verfassungsgericht. Der Lösungspfad besagt, dass sich aus ehemaligen kommunistischen Systemen mit Planwirtschaft durch eine „Dual Transition“ hin zu Demokratie und Marktwirtschaft starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs ergeben haben. Damit ist er sehr konsistent mit den Erwartungen der Rational Choice-Theorie an die QCA- Ergebnisse. Er deckt ausserdem wenig überraschend zahlreiche osteuropäische „Drit- te Welle“-Staaten ab. Der Lösungspfad umfasst allerdings auch Fälle, bei denen eine sogenannte „Single Transition“ hin zur Demokratie, ohne grundlegende Veränderung des Wirtschaftssystems stattgefunden hat, namentlich Deutschland, Frankreich und Österreich aus der ersten, Portugal und Spanien aus der zweiten Verbreitungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit. Es resultierte mit einer Konfiguration aus allen drei 51 Vgl. Anhang 4. Hinreichende Konfiguration Kennwerte und Fälle Komplexer Lösungspfad P * S * T -> V Konsistenz: 0.753, PRI: 0.671, Rohabdeckung: 0.736. Abgedeckte Fälle: Bulgarien1991, Deutschland1951, Frankreich1958, Lettland1996, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990. Nicht abgedeckte Fälle: Belgien1985, Estland1993, Italien1956, Zypern1964. 51 erklärenden Faktoren aus der Rational Choice-Theorie eine QCA-Lösung, welche diese Theorie grundsätzlich bestätigt und die Anzahl abgedeckter Fälle ist beachtlich. Die QCA-Ergebnisse können damit nur als eine starke Bestätigung der Rational Choice-Theorie interpretiert werden. Folgende Erwartungen wurden aus Sicht der Rational Choice-Theorie formuliert: 1. Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs einge- richtet haben, handelte es sich um junge, neu entstandene Demokratien. 2. Wo Bestandteile der Verfassungen dieser Staaten unveränderbar sind, schützen sie spezifisch die Demokratie, sowie Menschen- und Eigentumsrechte. Unter die Menge der Staaten mit starken Verfassungsgerichten des Vetospieler-Typs fielen folgende Fälle: Bulgarien (1991), Deutschland (1951), Lettland (1996), Litau- en (1993), Österreich (1946), Polen (1986), Portugal (1983), Rumänien (1992), Slo- wakei (1993), Slowenien (1991), Spanien (1980), Tschechien (1993), Ungarn (1990). Auch hier kann wieder dasselbe Beurteilungskriterium wie bei der Erwartung aus der sozialkonstruktivistischen Theorie in Anschlag gebracht werden: Unter einer Zeit- dauer von zehn Jahren liberaler Demokratie52 kann nur die Rede von jungen, noch nicht etablierten Demokratien sein. Damit wird schnell klar, dass diese erste Erwar- tung aus der Rational Choice-Theorie bestätigt werden kann: Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, handelte es sich tatsächlich meistens um junge, neu entstandene Demokratien, insbesondere um sol- che aus Osteuropa mit kommunistischer Vergangenheit. Eine Ausnahme bildet hier Polen, welches sein Verfassungsgericht bereits 1986 eingerichtet hat und von Polity IV für diesen Zeitpunkt nicht als Demokratie eingestuft wird. Eine gewisse Relativie- rung dieser Ergebnisse kommt ausserdem durch die Tatsache hinzu, dass einzelne der von der Erwartung abgedeckten Staaten wie Deutschland und Österreich die De- mokratie wiedereingeführt haben und in diesem Sinne auch auf eine (unterbrochene) demokratische Tradition zurückblicken können. Dennoch liess sich die erste Erwar- tung der Rational Choice-Theorie damit grundsätzlich bestätigen. Was die zweite Erwartung aus der Rational Choice-Theorie betrifft, dass unverän- derbare Teile der Verfassungen dieser Staaten spezifisch die Demokratie, sowie Menschen- und Eigentumsrechte schützen: Auch sie liess sich in der Untersuchung bestätigen. 52 Demokratie laut Polity IV. 52 Deutschland verfügt so beispielsweise über unveränderbare Bestandteile seines Grundgesetzes (Maddex 2014: 92). Diese sind durch sogenannte „Ewigkeitsklau- seln“ geschützt und umfassen unter anderem den Schutz der Menschenwürde, der Menschenrechte, sowie die demokratische Form des Staats.53 Die portugiesische Verfassung schreibt vor, dass Verfassungsänderungen unter anderem die republika- nische Form des Staates berücksichtigen müssen (Maddex 2014: 232). Ähnliche Bestimmungen finden sich in der rumänischen Verfassung: Die republikanische Staatsform, politischer Pluralismus und Menschenrechte dürfen nicht Bestandteil von Verfassungsänderungen sein (Maddex 2014: 235).54 Unveränderbare Bestandteile finden sich auch in der tschechischen Verfassung. Verfassungsänderungen, welche zur Abschaffung von Demokratie oder Rechtsstaat führen würden sind laut der tschechischen Verfassung unzulässig (Maddex 2014: 60). Damit lässt sich auch diese zweite Erwartung aus der Rational Choice-Theorie bestätigen. Als Fallbeispiel für die Rational Choice-Theorie kommen insbesondere drei Fälle in Frage: Rumänien, Tschechien und Slowenien. Alle drei Länder verfügen zum Zeit- punkt der Einrichtung eines Verfassungsgerichts über das passende Umbruchszena- rio und ein starkes Verfassungsgericht des Vetospieler-Typs resultierte aus diesem Prozess. Slowenien erhielt die QCA-Bedingungen, welche am besten in die Rational Choice-Theorie passen würden. Allerdings liegt Slowenien in Südeuropa, nicht in Osteuropa, wo sich die Rational Choice-Theorie als am Überzeugendsten erwies.55 Weiter findet sich in Slowenien mit dem Verfassungsgericht der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien aus dem Jahr 1963 eine gewisse institutionelle Kontinuität der Verfassungsgerichtsbarkeit (Haase / Struger 2009: 203). Das hier untersuchte slowenische Verfassungsgericht entstand so nur 30 Jahre danach. Diese Kontinuität könnte möglicherweise als rivalisierende Erklärung für die Entstehung eines neuen Verfassungsgerichts zu jener der Rational Choice-Theorie hinzukommen, was Slo- wenien nicht zur ersten Wahl für einen „very likely case“ für diese Theorie macht. 53 Es handelt sich um Art. 1, 20, 89 GG im Grundgesetz. Vgl. Grundgesetz für die Deutsche Bundes- republik, Webseite des Deutschen Bundestags, Zugriff am 21.11.2015. https://www.bundestag.de/bundestag/aufgaben/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg/245216 54 Hier handelt es sich um den Artikel 152 in der rumänischen Verfassung. Vgl. Chamber of Deputies, Webseite der rumänischen Abgeordnetenkammer, Zugriff am 21.11.2015: http://www.cdep.ro/pls/dic/site.page?den=act2_2&par1=7 55 Laut der Einteilung der Vereinten Nationen. Vgl. United Nations Statistics Division. Composition of macro geographic (continental) regions, geographical sub-regions, and selected economic and other groupings. Zugriff am 10.11.2015: http://unstats.un.org/unsd/methods/m49/m49regin.htm 53 Tschechien und Rumänien liegen in Osteuropa, der Region, welche die Rational Choice-Theorie in der Untersuchung mit QCA am überzeugendsten abgedeckt hat. Ausserdem finden sich in den tschechischen und rumänischen Verfassungen, anders als im Fall von Slowenien, unveränderbare Bestandteile, welche die Demokratie be- schützen sollen. Allerdings verfügt auch Tschechien mit dem tschechoslowakischen Verfassungsgericht aus dem Jahr 1920 über eine gewisse institutionelle Kontinuität der Verfassungsgerichtsbarkeit (Haase / Struger 2009: 59). Demgegenüber gab es in Rumänien zwar ebenfalls historische Vorläufer zum später entstandenen Verfas- sungsgericht, diese Anfänge der Verfassungsgerichtsbarkeit lagen jedoch entweder zeitlich weiter zurück oder waren weniger stark ausgeprägt als im Fall von Slowe- nien und Tschechien. Ich werde daher im Folgenden die Einrichtung des Verfas- sungsgerichts in Rumänien im Jahr 1992 als Fallbeispiel für die Rational Choice- Theorie präsentieren. Fallbeispiel Rational Choice-Theorie: Rumänien 1992. Bereits mit der Verfassung aus dem Jahr 1923 wurde in Rumänien eine verfassungsgerichtliche Über- prüfung von Gesetzen geschaffen. Diese Aufgabe wurde dem Hohen Kassations- und Justizgericht übertragen. Allerdings beschränkte sich die Wirkung der Entscheidungen dieses Gericht auf die betei- ligten Konfliktparteien und war damit nicht allgemeingültig. Während der Zeit der rumänischen Volksrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg war die Beurteilung der Verfassungsmässigkeit von Gesetzen einer parlamentarischen Kommission übertragen, welche aus dem Parlament gewählt wurde. Auch in Rumänien zeigte sich also der Einfluss des kommunistischen Staatsverständnisses auf die Institutionalisierung der Verfassungsgerichtsbarkeit. Erst nach Rumäniens Übergang zur Demokratie während der 1990er Jahre wurde im Jahr 1992 wieder ein vollwertiges rumänisches Verfassungsgericht geschaffen. Der Prozess dorthin war jedoch keines- falls linear. Seit 1965 war Rumänien von Nicolae Ceausescu, dem neuen Staatspräsident und Generalsekretär der rumänischen kommunistischen Partei geführt worden. Ceausescu profilierte sich als stalinistischer Herrscher und konzentrierte zusehends alle Macht auf seiner Person. Rumänien wies so eine der kon- zentriertesten Machtstrukturen im kommunistischen Osteuropa und den relativ zur Bevölkerung grössten Geheimdienstapparat – die Securitate – auf. Zahlreiche Familienmitglieder Ceausescus be- setzten politische Schlüsselpositionen. Ceausescus Wirtschaftspolitik zielte auf nationale Autarkie und die Entwicklung der Schwerindustrie ab, eine Strategie, welche Rumänien zusammen mit einer Wirtschaftskrise ab Ende der 1980er Jahre bis zu den 1990er Jahren auf den Stand eines Entwicklungslands heruntergewirtschaftet hatte. Es kam zu ersten Streiks und aufgrund der Menschenrechtssituation zu einer Verschlechterung von Rumäni- ens Beziehungen zum Westen. Da sich Ceausescu auch entschieden gegen die liberalisierenden Re- formen Michail Gorbatschows, des neuen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjet- 54 union stellte, sah sich Rumänien ab den 1980er Jahren zusehends ökonomisch und politisch isoliert. Als nach 1989 die ersten prodemokratischen Oppositionsgruppen in Osteuropa Erfolge erzielten, verschärfte Ceausescu seinen Repressionskurs zusätzlich. Die Securitate eröffnete das Feuer auf Demonstranten, was zu zahlreichen Verletzten und Toten führ- te. Bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen der Securitate und der Oppositionsbewegung folgten, Ceausescu wurde schliesslich gefasst und im Schnellverfahren durch ein Militärgericht zum Tode verurteilt. Der „National Salvation Front (FSN)“, welche nach Ceausescus Tod die Macht übernahm, gelang es nur mit Mühe, die Demonstrierenden zu beruhigen, welche auf einer rechtlichen Verfolgung der Securitate-Mitglieder beharrten und zu Tausenden auf der Strasse demonstrierten. Die FSN entschied dennoch im Jahr 1990 die erste Parlamentswahl in Rumänien für sich und holte über 60% der abgege- benen Stimmen. Dies allerdings unter dem Einsatz massiver Repression gegen die politischen Gegner. Auf darauf folgende Demonstrationen gegen die FSN reagierte diese, indem sie Sympathisanten er- mutigte, gewaltsam gegen die Demonstranten vorzugehen. Tausende von rumänischen Bergarbeitern kamen der Forderung nach, griffen Demonstranten gewaltsam an und beschädigten die Hauptgebäude der rumänischen Oppositionsparteien. Die Europäische Gemeinschaft reagierte mit dem Aufschub eines geplanten Handelsabkommens mit Rumänien, die Vereinigten Staaten strichen Rumänien verschiedene Hilfsgelder. Die zögerliche Verfolgung ehemaliger Securitate-Mitglieder, der politische Repressionskurs des FSN, sowie die sich immer weiter verschlechternden wirtschaftlichen Verhältnisse führten schliesslich dazu, dass im November 1990 erneut zehntausende Rumänen in Bukarest demonstrierten und den Rücktritt der Regierung sowie Neuwahlen forderten. Der ehemalige rumänische König Michael I. bot an, als stabilisierende Figur die weitere Demokrati- sierung mit zu organisieren. Im Verlauf des Jahres 1990 verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation Rumäniens erneut mas- siv, Energie- und Güterknappheit erreichten Ausmasse wie zur Zeit Ceausescus. Aus Angst vor weite- ren Demonstrationen verfolgte die FSN lediglich ein zögerliches Programm wirtschaftlicher Refor- men. Am 21.11.1991 wurde schliesslich die neue Verfassung Rumäniens angenommen, welche auch die Bestimmungen zum neuen rumänischen Verfassungsgericht enthielt. Im Juni 1992 wurden die ersten Verfassungsrichter ernannt und das Verfassungsgericht nahm seine Tätigkeit auf. Am 27.9.1992 fanden in Rumänien auch erneut Parlamentswahlen statt. Erneut waren es Kandidaten aus dem Umfeld der FSN, welche die Wahl für sich entschieden, allerdings neu als Mitglieder der „Democratic National Salvation Front (FDSN)“, nachdem sich die FSN in verschiedene neue Parteien aufgeteilt hatte. Ausserdem erreichte die FDSN als stärkste Partei nur noch gut 28% der Stimmen. Die FDSN stellte bis ins Jahr 1996, in welchem sie durch die Christdemokraten verdrängt wurde, die ru- mänischen Kabinette. (Quellen: Constitutional Court of Romania, Haase / Struger 2009, Luchterhandt / Starck / Weber 2007, US Country Studies: Romania). 55 Der Fall Rumänien bietet ein gemischtes Bild. Klar für die Rational Choice-Theorie sprechen Rumäniens gewaltige ökonomische Schwierigkeiten zum Zeitpunkt der Einrichtung des Verfassungsgerichts. Rumänien benötigte sehr dringend ausländi- sche Investitionen und bessere Handelsbeziehungen zu anderen Staaten. Das Erbe der Ceausescu-Zeit und die politische Isolation Rumäniens durch den repressiven Kurs der FSN hatten zu einer wirtschaftlich prekären Situation geführt, welche durchaus auch den noch unvollständig abgeschlossenen Demokratisierungsprozess gefährdete. Jede Sicherheit, welche ein Verfassungsgericht hier vermitteln konnte, musste absolut willkommen sein. Oberflächlich betrachtet scheint es auch Sinn zu machen, dass im Jahr 1992 in Ru- mänien demokratische Errungenschaften durch ein Verfassungsgericht sichergestellt werden sollten. Staatliche Strukturen waren über lange Zeit auf Ceausescu zuge- schnitten gewesen, was den Übergang zur Demokratie zusammen mit der gewaltrei- chen Vergangenheit sicher erschwerte. Dass Bedarf nach Stabilisierung vorhanden war, zeigt so auch das Angebot des ehemaligen rumänischen Königs Michael I., den Demokratisierungsprozess durch seine Mithilfe stabilisieren zu wollen. Allerdings bildete die FSN im Jahr 1991, als die Bestimmungen zum Verfassungsge- richt angenommen wurden, mit Abstand die stärkste Partei im rumänischen Parla- ment. Dass ausgerechnet diese Partei – welche die Wahlen im Jahr 1990 nur unter Einsatz von Repression gegen oppositionelle Parteien gewonnen hatte und die darauf folgenden Demonstrationen von ihren Anhängern gewaltsam auflösen liess – sich für die Sicherstellung demokratischer Errungenschaften eingesetzt hat, erscheint nicht sehr überzeugend. Allerdings deutet auch nichts darauf hin, dass die anderen theoretischen Erklärungs- ansätze eine bessere Erklärung für Rumänien liefern könnten. Liberales Gedankengut kann der FSN mit der selben Argumentation wie oben abgesprochen werden. Auf einen funktionalistischen Bedarf weist nichts hin und die alte Elite war mit Ceauses- cu abgetreten. Lediglich die erwähnten ehemaligen Securitate-Mitglieder hätten al- lenfalls ein Interesse gehabt, sich zu schützen. Allerdings ist fraglich, ob sie ihre In- teressen derart stark ins Parlament einbringen konnten, um Einfluss auf die Entste- hung einer neuen Institution zu nehmen. Da zumindest die ökonomische Situation Rumäniens zum Zeitpunkt der Einrichtung des Verfassungsgerichts sehr gut in die Rational Choice-Theorie passt, werde ich daher das Fallbeispiel Rumänien als schwach bestätigend für diese Theorie bewerten. 56 Zusammenfassend sind damit die QCA-Ergebnisse für die Rational Choice-Theorie überzeugend, ebenso die Resultate für die formulierten Erwartungen. Das Fallbei- spiel Rumänien lässt sich grundsätzlich mit der Theorie vereinbaren und wird daher von mir als schwach bestätigend bewertet. Angesichts der Tatsache, dass die Ratio- nal Choice-Theorie noch nicht sehr stark im theoretischen Diskurs zur Entstehung starker Verfassungsgerichte verankert ist, sind das sehr überzeugende Resultate. Sie deuten darauf hin, dass diese Theorie gegenüber anderen Erklärungstheorien für den europäischen Kontext mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Damit ist die Präsentation der empirischen Ergebnisse für alle Theorien abgeschlos- sen. Tabelle 10 in Anhang 1 fasst die Beurteilung aller Ergebnisse für alle Theorien nochmals tabellarisch zusammen. In den abschliessenden zwei Kapiteln der Arbeit folgt nun eine Diskussion der Er- gebnisse im Hinblick auf den theoretischen Diskurs, Rahmenbedingungen der Theo- rien sowie allgemeinere methodenkritische Anmerkungen und die Beantwortung der Fragestellung. 7. Diskussion der Ergebnisse Für die im theoretischen Diskurs dominierende sozialkonstruktivistische Theorie ergaben sich in der Untersuchung nur schwach bestätigende Resultate. Die QCA- Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Bedingung liberales System einen Einfluss auf die Entstehung starker Verfassungsgerichte in Deutschland, Portugal und Spanien hatte und das Fallbeispiel Spaniens fügte sich gut in die theoretische Erklärung ein. Hier führte womöglich die Erfahrung einer diktatorischen Vergangenheit dazu, libe- rale Ideen anzunehmen und entsprechend auch ein starkes Verfassungsgericht zu lancieren. Die sozialkonstruktivistische Theorie ist damit – neben der Rational Choice-Theorie – mit der Abdeckung von Portugal und Spanien gut in der Lage, die zweite Welle der Verfassungsgerichtsbarkeit im iberischen Raum zu erklären. Allerdings hätte man für die sozialkonstruktivistische Theorie konsistentere Ergebnisse und eine breitere Ab- deckung von Fällen erwartet. Dies angesichts ihrer wichtigen Stellung im theoreti- schen Diskurs. Die funktionalistische Theorie konnte nur am Fallbeispiel Belgiens deutlich und am Beispiel Deutschlands teilweise bestätigt werden. Das stellt zwar in Frage, inwieweit diese Theorie die Einrichtung weiterer Verfassungsgerichte in Europa erklären kann, 57 sie gehört aber angesichts der Tatsache, dass sie Belgien sehr überzeugend erklären konnte, klar in den theoretischen Diskurs zur europäischen Verfassungsgerichtsbar- keit. Möglicherweise ist nur die funktionalistische Theorie in der Lage, einen speziel- len Typ eines stark ausgestalteten Verfassungsgerichts zu erklären, bei welchem in der frühen Phase nach der Einrichtung der Institution der Grundrechteschutz noch vernachlässigt worden ist. Die realistische Theorie für Autokratien war in der Lage, eine breite Abdeckung von europäischen Fällen zu erreichen. Allerdings waren die Ergebnisse nicht sehr konsis- tent mit den theoretischen Erwartungen. Das blosse Vorhandensein einer etablierten Elite erklärt so nicht allzu viel. Falls überhaupt, so dürfte diese Theorie für die Dritte Welle-Staaten in Osteuropa Gültigkeit haben, worauf die QCA-Ergebnisse hingedeu- tet haben. Allerdings wäre es auch möglich, dass diese Theorie Rahmenbedingungen aufweist, welche im europäischen Kontext selten bis nie gegeben waren. Die realistische Theorie für Demokratien scheint ausserdem keinerlei Gültigkeit für die untersuchten europäischen Fälle zu haben. Es konnte also in der Untersuchung keine überzeugende empirische Evidenz dafür gefunden werden, dass das neue rea- listische Paradigma zur Erklärung der Einrichtung starker Verfassungsgerichte für den europäischen Nachkriegskontext Gültigkeit hat.56 Allerdings lassen sich die hier gefundenen Ergebnisse auch nicht über die 23 untersuchten Fälle hinaus generalisie- ren. Es setzten sich in der Untersuchung damit ausschliesslich Theorien durch, wel- che die Verfassungsgerichtsbarkeit im normativen Diskurs positiv bewerten. Sehr konsistente Ergebnisse und eine breite Abdeckung erreichte schliesslich die Rational Choice-Theorie. Insbesondere die dritte Welle der Verfassungsgerichtsbar- keit in Osteuropa liess sich gut mit dieser Theorie erklären aber auch Teile der ersten und zweiten. Alles deutet darauf hin, dass im Nachkriegseuropa der Wunsch, die Demokratie mit Hilfe eines Verfassungsgerichts stabilisieren zu können, eine grösse- re Rolle gespielt hat, als bisher gedacht. Die Ergebnisse legen damit nahe, dass diese Theorie im theoretischen Diskurs mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Damit setzten sich insbesondere zwei Theorien im empirischen Test durch: die sozi- alkonstruktivistische und die Rational Choice-Theorie. Beide Theorien wiesen zwar unterschiedliche Rahmenbedingungen auf innerhalb der sie besonders überzeugend waren: Südeuropa im Fall des Sozialkonstruktivismus, Osteuropa im Fall der Ratio- 56 Die realistischen Theorien wurden aber auch in überaus vereinfachter Weise in die Untersuchung einbezogen. 58 nal Choice-Theorie. Allerdings liessen die beiden Theorien sich womöglich sinnvoll miteinander verbinden, sobald man die sozialkonstruktivistische Bedingung liberale Regierung ausweitet und ganz allgemein den Einfluss einer liberalen Bewegung in den Fokus nehmen würde. Darauf deutet auch hin, dass der „very likely case“ für die sozialkonstruktivistische Theorie – Spanien – sich auch mit der Rational Choice- Theorie vereinbaren liess und Spanien und Portugal vom QCA-Pfad der Rational Choice-Theorie abgedeckt wurden. Abbildung 2 in Anhang 1 zeigt den Versuch ei- ner Synthese aus den beiden Theorien. In dieser Synthese könnte die Erfahrung einer diktatorischen Vergangenheit zur Annahme liberaler Werte und zu einer Protestbe- wegung geführt haben. Die kurzfristigere Strategie nach Beginn des Demokratisie- rungsprozesses liesse sich dann aber womöglich erst mit strategischem Handeln im Sinn der Rational Choice-Theorie erklären. Die sozialkonstruktivistische Theorie würde damit überhaupt erst die Entstehung der Präferenzen der strategischen Akteure in der Rational Choice-Theorie erklären, die Rational Choice-Theorie hingegen die strategische Handlungsweise, welche aus der Annahme dieser Werte resultiert ist. Es versteht sich von selbst, dass solch eine theoretische Synthese zunächst wieder einem neuen empirischen Test ausgesetzt werden müsste, bevor sie Gültigkeit für den euro- päischen Kontext beanspruchen könnte. Acht der 23 hier untersuchten europäischen Fälle wurden durch keinen der QCA- Lösungspfade abgedeckt. Das deutet darauf hin, dass durchaus noch Erklärungsbe- darf für die Entstehung starker Verfassungsgerichte in Europa vorhanden wäre. Auf- fällig ist auch, dass es sich bei diesen acht Fällen vielfach um solche handelt, welche sich keiner europäischen Welle der Verfassungsgerichtsbarkeit klar zuordnen las- sen.57 Womöglich liessen sich für diese Fälle also auch „nur“ stark idiosynkratische Erklärungen finden. Fallstudien einzelner dieser Fälle könnten damit aber womöglich auch zur Entstehung weiterer Erklärungstheorien beitragen. Die hier getesteten Erklärungstheorien waren auf den nationalstaatlichen Kontext beschränkt. Eine weitergehende Untersuchung müsste sicher auch Theorien einbe- ziehen, welche Diffusionseffekte und den Einfluss anderer Staaten bei der Entste- hung von Verfassungsgerichten in den Blick bekommt. So ist es nur begrenzt über- 57 Folgende acht Fälle wurden von keinem der QCA-Lösungspfade abgedeckt: Estland1993, Grie- chenland1975, Irland1961, Italien1956, Luxemburg1996, Malta1964, Vereinigtes Königreich2009 und Zypern1964. Italien lässt sich der ersten, Estland und Luxemburg der dritten Welle der Verfas- sungsgerichtsbarkeit zuordnen. Griechenland, Irland, Malta und das Vereinigte Königreich entziehen sich jedoch einer solch einfachen Zuordnung. 59 zeugend, dass im Verlauf des 20. Jahrhunderts Verfassungsgerichte geschaffen wur- den, ohne dass wichtige Akteurinnen sich an Erfahrungen des Auslands mit solchen Institutionen orientiert hätten. Beispiele rechtsvergleichender Untersuchungen vor der Entstehung von Verfassungsgerichten (wie in Polen) und die Tatsache, dass man sich beim Entwerfen von Verfassungstexten und der Ausgestaltung der Verfassungs- gerichtsbarkeit an anderen Staaten orientiert hat (wie in Rumänien, Tschechien und Ungarn um nur die offensichtlichsten Beispiele zu nennen, Haase / Struger 2009: 160, 135) weisen darauf hin, dass sich aus dieser Richtung womöglich ebenfalls wei- tere Erklärungsleistung erbringen liesse. 8. Konklusion Ich habe mir zu Beginn dieser Arbeit die Frage gestellt, wie sich die Entstehung star- ker Verfassungsgerichtsbarkeit in den EU-Mitgliedsstaaten nach 1945 erklären lässt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die starken Verfassungsgerichte aus der ersten Verbreitungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit mit der Rational Choice- Theorie, jene der zweiten Verbreitungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit im iberi- schen Raum mit der sozialkonstruktivistischen und der Rational Choice-Theorie er- klären lassen. Offenbar spielte bei der Entstehung starker Verfassungsgerichte in Portugal und Spanien liberales Gedankengut und der Wunsch die Demokratie zu stabilisieren eine wichtige Rolle. Die Erfahrung einer diktatorischen Vergangenheit führte zur Annahme liberaler Werte, woraus sowohl ein Demokratisierungsprozess als auch ein starkes Verfassungsgericht resultiert ist. Die im Zuge der dritten Verbreitungswelle der Verfassungsgerichtsbarkeit in Osteu- ropa entstandenen starken Verfassungsgerichte lassen sich mit der Rational Choice- Theorie erklären. Offenbar wurde in Osteuropa die Übergangsphase von kommunis- tischem zu demokratischem Regime genutzt, um demokratische Errungenschaften mittels eines Verfassungsgerichts längerfristig sicherzustellen. Demokratische Spiel- regeln und der Schutz der Eigentumsrechte sollten in Zukunft nicht mehr politisch zur Verhandlung stehen, Unterstützung aus dem Ausland in Form von Investitionen sollte angezogen werden. Das starke Verfassungsgericht Belgiens ist schliesslich aus der funktionalistischen Theorie erklärbar. Spannungen zwischen den Sprachgruppen führten in Belgien zu einem Föderalisierungsprozess, aus welchem auch das starke belgische Verfassungs- 60 gericht resultiert ist. Das Verfassungsgericht sollte diese Spannungen entschärfen und die Funktionsfähigkeit des neuen föderalen politischen Systems sicherstellen. Die Entstehung des deutschen Bundesverfassungsgerichts lässt sich schliesslich aus einer Kombination von Sozialkonstruktivismus, Funktionalismus und Rational Choice-Theorie erklären: liberale Werte, die (Re-)Föderalisierung Deutschlands und der Wunsch, die Demokratie langfristig vor einem Rückfall zu bewahren führten hier zu einem starken Verfassungsgericht. Der „Siegeszug der Verfassungsgerichtsbarkeit“ (Kneip) in Europa ist damit zusam- menfassend auch aus sehr starken Hoffnungen zu erklären, welche mit dieser neuen und mächtigen Institution verbunden worden sind. Verfassungsgerichte sollten De- mokratien stabilisieren und vor Rückfällen bewahren. Inwieweit die Verfassungsge- richtsbarkeit bisher in der Lage war, diese Hoffnungen zu erfüllen wird damit zu einer weiteren, höchst spannenden und ebenfalls empirisch zu überprüfenden Frage, deren Beantwortung auch grossen Einfluss auf den normativen Diskurs zur Verfas- sungsgerichtsbarkeit haben dürfte. 18‘666 Wörter 61 9. 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Selbständigkeitserklärung Erklärung zur Bachelorarbeit mit dem Titel „Europa auf dem Pfad zum Verfassungs- gericht. Erklärungstheorien für die Entstehung starker Verfassungsgerichtsbarkeit auf dem Prüfstand.“ Abgegeben von Samuel Huber. Hiermit erkläre ich, dass ich die Bachelorarbeit selbständig verfasst und keine ande- ren als die von mir angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe und dass diese Bachelorarbeit noch nicht anderweitig eingereicht wurde. Luzern, 01.02.2016. 1 Anhang 1: Tabellen und Abbildungen. Tabelle 1: Spezialisierte und diffuse Verfassungsgerichtsbarkeit in 27 EU-Staaten.1 Modell Gericht vor 1945 installiert Gericht nach 1945 installiert Spezialisiert - Belgien, Bulgarien, Deutschland, Estland, Frankreich, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, Zypern Diffus Dänemark, Finnland, Niederlande, Schweden Griechenland, Grossbritannien, Irland, Malta Fallzahl (N) 4 23 (Vgl. Kneip 2008: 635). Tabelle 2: Stärke Verfassungsgerichtsbarkeit gemäss Kneip 2008. 1 Zum Erscheinungszeitpunkt von Kneips Artikel war Kroatien noch kein EU-Mitglied, daher 27. Kompetenzausstattung Institutionelle Unabhängigkeit Auswahlprozedur der Richter Stärke des Verfassungsgerichts Institutionelle Stärke + Offenheit des Gerichtszugangs Isolierung vom Einfluss der Politik - Art der Normenkontrolle - Verfassungsbeschwerde - Horizontale / vertikale Organstreitigkeiten - Weitere Kompetenzen - Anzahl zugangsberechtigter Akteure - Wahlverfahren - Anzahl Wahlinstanzen - Repräsentativ / kooperativ - Amtszeiten der Richter - Wiederwahlerfordernis der Richter - Absetzbarkeit der Richter + + 2 Tabelle 3: Sozialkonstruktivistische Theorie: Liberale Werte. QCA-Bedingungen Kontextbedingung Zeitlich naher Faktor Verfassungsgerichtstyp Liberales System Liberale Regierung Grundrechtewächter Operationalisierung V-Dem-Daten ParlGov-Daten Datensatz Kneip (2008) Erwartung Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Grundrechtewächter-Typs eingerichtet haben, handelte es sich vorwiegend um traditionsreiche liberale Demokratien. Schematische Darstellung der kausalen Erklärung. Tabelle 4: Funktionalistische Theorie. QCA-Bedingungen Kontextbedingung Zeitlich naher Faktor Verfassungsgerichtstyp Supranationales Recht Föderalismus Politischer Deadlock Polity-Wandel Schiedsrichter Operationalisierung EU-Beitritt Bestehende Einteilungen Anzahl Vetospieler Polity IV-Daten Datensatz Kneip (2008) Erwartung Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Schiedsrichter- Typs eingerichtet haben, handelt es sich um solche mit sprachlich, ethnisch und religiös heterogener Bevölkerung. Schematische Darstellung der kausalen Erklärung. Werte / Normen Starkes Verfassungsgericht Homo Sociologicus Sozialisierung Identifikation Normatives Handeln Systemischer Bedarf Starkes Verfassungsgericht ? Keine Mikrofundierung 3 Tabelle 5: Realistische Theorie 1 (Autokratien). QCA-Bedingungen Kontextbedingung Zeitlich naher Faktor Verfassungsgerichtstyp Autokratie mit lange etablierter Elite Anzeichen eines Elitenwechsels Vetospieler Operationalisierung Polity IV-Daten NAVCO-Daten Datensatz Kneip (2008) Erwartung Zuvor autokratische Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, taten dies bevor der Elitenwandel komplett abgeschlossen war. Schematische Darstellung der kausalen Erklärung. Tabelle 6: Realistische Theorie 2 (Demokratien). QCA-Bedingungen Kontextbedingung Zeitlich naher Faktor Verfassungsgerichtstyp Demokratie mit lange etablierter Elite Anzeichen eines Elitenwechsels Vetospieler Operationalisierung ParlGov-Daten ParlGov-Daten Datensatz Kneip (2008) Erwartung Zuvor demokratische Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, wiesen eine hohe ideologische Distanz zwischen der etablierten und der aufstrebenden Partei auf. Schematische Darstellung der kausalen Erklärung. Wechsel Machtverhältnisse Starkes Verfassungsgericht Alte Elite (Homo Oeconomicus) Neue Anreizstruktur Aggregation strategisches Handeln strategisches Handeln Wechsel Machtverhältnisse Starkes Verfassungsgericht Alte Elite (Homo Oeconomicus) Neue Anreizstruktur Aggregation 4 Tabelle 7: Rational Choice-Theorie. QCA-Bedingungen Kontextbedingung Zeitlich naher Faktor Verfassungsgerichtstyp Polity-Typ Transition Scenario Vetospieler Operationalisierung Polity IV-Daten Polity IV-Daten Datensatz Kneip (2008) Erwartung Bei den Staaten, welche starke Verfassungsgerichte des Vetospieler-Typs eingerichtet haben, handelte es sich um junge, neu entstandene Demokratien. Wo Bestandteile der Verfassungen dieser Staaten unveränderbar sind, schützen sie spezifisch die Demokratie, sowie Menschen- und Eigentumsrechte. Schematische Darstellung der kausalen Erklärung. Tabelle 8: Zusammenfassung der theoretischen Erklärungsansätze. Paradigma Sozialkonstruktivismus Funktionalismus Rationalismus Erklärungs- theorien Liberalismus: Verfassungsgerichte als Ergebnisse liberalen Gedankenguts Funktionalismus: Verfassungsgerichte als Ergebnisse eines systemischen Bedarfs Zwei realistische und eine Rational Choice-Theorie: Verfassungsgerichte als Absicherung gegen oder Hemmnis der politischen Gegner. Verfassungsgerichte als Schutz der Demokratie(sierung). Kontext- bedingung Liberales System Drei systemische Bedingungen: Föderalismus / supranationales Recht / politischer Deadlock Realismus: Etablierte Elite Rational Choice: Polity-Typ Naher Erklärungs- faktor Liberale Regierung Polity-Wandel Realismus: Anzeichen eines Elitenwechsels Rational Choice: Szenario Erwarteter Verfassungs- gerichtstyp Grundrechtewächter Schiedsrichter Vetospieler Neue Anreizstruktur Aggregation strategisches Handeln Demokratisierung Starkes Verfassungsgericht Politische Akteure (Homo Oeconomicus 5 Abbildung 1: Verfassungsgerichts-Typen. 6 Tabelle 9: Beurteilung funktionalistische Erwartung anhand Fractionalization-Daten. Fall Religion Sprache Ethnizität Gesamtbeurteilung Belgien1985 (Erhebungsjahr Fractionalization- Index: 2001) Überwiegend römisch-katholisch (ca. 88%) homogen ca. 60% flämisch, ca. 33% wallonisch heterogen Flamen 58%, Wallonen 31% heterogen Heterogene Bevölkerung Bulgarien1991 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1992 und 2001) ca. 37% orthodox, 13% muslimisch, andere: 50%. heterogen ca. 83% bulgarisch, zweitgrösste Gruppe: türkisch ca. 10% homogen ca. 76% Bulgaren, ca. 10% Türken, heterogen Heterogene Bevölkerung Deutschland1951 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1997 und 2001) ca. 43% protestantisch, 34% römisch-katholisch, ca. 2% muslimisch, ca. 21% andere heterogen ca. 91% deutsch homogen ca. 91% Deutsche homogen Homogene Bevölkerung Italien1956 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1983 und 2001) 81% römisch- katholisch, ca. 1% muslimisch, ca. 17% atheistisch homogen ca. 94% italienisch homogen ca. 94% Italiener homogen Homogene Bevölkerung Oesterreich1946 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1998 und 2001) ca. 75% römisch- katholisch, ca. 5% protestantisch, nichtreligiös: ca. 9%, andere: 11% homogen ca. 92% deutsch homogen ca. 94% „west europeans“. homogen Homogene Bevölkerung Portugal1983 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1998 und 2001) ca. 92% römisch- katholisch, ca. 8% andere homogen ca. 99% portugiesisch homogen ca. 98% „Europeans“ homogen Homogene Bevölkerung Slowenien1991 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1991 und 2001) ca. 83% römisch- katholisch, andere: ca. 17% homogen ca. 88% slowenisch homogen ca. 88% Slowenen homogen Homogene Bevölkerung Spanien1980 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1991 und 2001) ca. 67% römisch- katholisch, ca. 1% muslimisch, ca. 32% nichtreligiös heterogen ca. 74% spanisch, ca. 17% katalanisch heterogen ca. 74% Spanier, ca. 16% Katalanen heterogen Heterogene Bevölkerung Tschechien1993 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1991 und 2001) Ca. 39% römisch- katholisch, ca. 40% atheistisch, ca. 17% andere, und weitere kleinere Gruppen heterogen ca. 81% tschechisch homogen ca. 81% Tschechen homogen Homogene Bevölkerung Ungarn1990 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1993 und 2001) 63% römisch- katholisch, ca. 25% protestantisch, andere: ca. 11% heterogen ca. 99% ungarisch homogen ca. 92% Magyaren homogen Homogene Bevölkerung Zypern1964 (Erhebungsjahre Fractionalization- Index: 1992 und 2001) griechisch-orthodox: ca. 74%, muslimisch: ca. 22%, andere: ca. 3% heterogen ca. 74% griechisch, ca. 22% türkisch heterogen ca. 95% Zyprioten homogen Heterogene Bevölkerung Angaben basierend auf dem Fractionalization-Index von Alesina et al. (2003). Die Prozentzahlen beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung. Zwei oder mehr Einteilungen als homogen / heterogen in den Zellen ergab die Gesamtbeurteilung. 7 Tabelle 10: Empirische Ergebnisse für die verschiedenen Theorien. Abbildung 2: Mögliche Synthese aus Sozialkonstruktivismus und Rational Choice-Theorie. Diktatorische Vergangenheit Paradigma Theorien Stellung im theoretischen Diskurs QCA- Ergebnisse Erwartungen Fallbeispiele Gesamtbeurteilung Sozialkonstruktivismus Liberale Werte dominierend schwach bestätigend nicht bestätigend schwach bestätigend schwach bestätigt Funktionalismus Funktionalismus etabliert nicht bestätigend nicht bestätigend stark bestätigend bestätigt für einen Einzelfall, Generalisierbarkeit unklar Rationalismus Realismus (1 und 2) Rational Choice Theorie noch nicht etabliert noch nicht etabliert nicht bestätigend bestätigend nicht bestätigend bestätigend nicht bestätigend schwach bestätigend klar nicht bestätigt bestätigt Annahme von liberalen Werten / Normen Homo Sociologicus Sozialisierung / Identifikation Demokratisierung Normatives Handeln: Protestbewegung Starkes Verfassungsgericht Sozialisierung / Identifikation Homo Oeconomicus Strategisches Handeln: Schaffung von institutionellen Lock-ins Neue Anreizstruktur Aggregation Stimmverhalten im Parlament und in Referenden 1 Anhang 2: Zuordnung Fuzzy-Werte Outcome. Abbildung 2: Zuordnung der Fuzzy-Werte basierend auf Kneip 2008. Anmerkungen: Die schwarzen Linien weisen auf das arithmetische Mittel der untersuchten Fälle auf der jeweiligen Achse hin. Fällen, welche auf beiden Dimensionen überdurchschnittliche Werte aufwiesen, wurde ein Fuzzy-Wert von 1 zugeordnet. Die schwarzen Linien weisen also auf die quantitative Differenz innerhalb der starken Verfassungsgerichte hin. Die rote Linie bezeichnet die qualitative Differenz zwischen nicht-starken, bzw. schwachen und starken Verfassungsgerichten. Es resultieren vier Fälle mit Outcome-Wert 1, dreizehn Fälle mit Outcome-Wert 0.66 und sechs Fälle mit Outcome-Wert 0. Das ergibt 17 Fälle im Konzept „starkes Verfassungsgericht“, sechs Fälle im Konzept „nicht- starkes, bzw. schwaches Verfassungsgericht“. 2 Abbildung 3: Übereinstimmung Fuzzy-Werte mit Einteilungen von Maddex (2014) und Lijphart (2012). Abbildung 4: Übereinstimmung Fuzzy-Werte mit Einteilung des Demokratiebarometers. Anmerkungen: Die reduzierte Fallzahl erklärt sich aus fehlenden Daten. Nicht für alle Fälle waren aus allen Indizes Daten vorhanden. Maddex, Lijphart und das Demokratiebarometer wurden als Vergleichsmassstab herangezogen, da sie im Vergleich mit anderen Messansätzen stärker auch formale Aspekte einbeziehen und nicht zu stark auf die richterliche Aktivität fokussieren. Bei der Interpretation der Grafiken ist es sinnvoll (aufgrund der verschiedenen Skalierung der Indizes), die einzelnen Achsen separat und aufeinanderfolgend mit den Fuzzy-Werten abzugleichen. Wo mehrere Fälle pro Datenpunkt vorhanden sind, ist der jeweilige Fuzzy- Wert aus der Einfärbung der schriftlichen Länderbezeichnung zu entnehmen. Es zeigt sich, dass die Fuzzy-Werte reliabel die qualitative Unterscheidung zwischen schwachen und starken Verfassungsgerichten leisten. Für die quantitative Unterscheidung innerhalb der starken Verfassungsgerichte wären allerdings auch andere Einteilungen denkbar. 1 Anhang 3: QCA. Kalibrierung und Datenblatt. Paradigma 1: Sozialkonstruktivismus T: Liberale Werte Bedingungen Kontextbedingung (gegeben 1944 bis zum Einrichtungszeitpunkt) LibSys 1: Klar liberales System (durchgehend höchste Werte bei "Liberal Democracy") 0.66: Vorwiegend liberales System (teilweise höchste Werte bei "Liberal Democracy") 0.5: liberal / nichtliberal? 0.33: Vorwiegend nichtliberales System (keine höchsten Werte bei "Liberal Democracy") 0: Nichtliberales System (sozial. Volksrepublik während grossem Teil d. Untersuchungszeitraums) gemäss V-Dem, Polity IV und Haase / Struger 2009 (Zypern als ehemalige britische Kolonie bei 0.66 eingeteilt, Malta und Irland ebenfalls als Commonwealth-Staaten. Grossbritannien erhält 1, Frankreich mit republikanischer Tradition 0.33). Zeitlich nahe Bedingung (gegeben zum Einrichtungszeitpunkt) LibReg 1: Liberale Partei oder Koalition in der Regierung (stärkste Partei in Regierung ist liberal, hat über 50% Sitze) 0.66: Vorwiegend liberale Partei oder Koalition in der Regierung (stärkste Partei in Regierung ist liberal, keine Mehrheit) 0.5: liberale / nichtliberale Regierung? 0.33: Vorwiegend nichtliberale Partei oder Koalition in der Regierung (liberale Parteien in Regierung aber nicht am stärksten) 0: Nichtliberale Partei oder Koalition in der Regierung (keine liberale Partei in der Regierung) gemäss Manifesto Project (Variable Lib), ParlGov und Polity IV. Idealtyp Grundrechtewächter TypLib notwendige Bedingungen: - Verfassungsbeschwerde - Bürger (oder Ombudsmann) antragsberechtigt - Berechtigung horizontale Kompetenzkonflikte zu lösen gemäss Kneip 2008. N: 11 Belgien, Deutschland, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Ungarn, Zypern. 2 Paradigma 2: Funktionalismus T: Funktionalismus mit drei verschiedenen Systemansprüchen Bedingungen Systemische Ansprüche SuprRecht 1: Einfluss supranationalen Rechts (Einrichtung Verfassungsgericht während oder nach EU-Beitritt) 0: Kein Einfluss supranationalen Rechts (Einrichtung Verfassungsgericht vor EU-Beitritt) gemäss Angaben der EU und Kneip 2008. Foederal 1: Föderalistischer Staat 0: Einheitsstaat gemäss Alivizatos 1995, Maddex 2014, Lijphart 2012, Hague / Harrop 2013 und Müller-Rommel 2008. Deadlock 1: Blockiertes politisches System (3 Veto Spieler) 0: Handlungsfähiges politisches System (Weniger als 3 Veto Spieler) gemäss Alivizatos 1995 (bzw. Tsebelis). Für Mittel- und Osteuropa gemäss Müller-Rommel 2008 Zeitliche Bedingung (gegeben bis zu 12 Jahre vor Einrichtungszeitpunkt) PolityWandel 1: Polity-Wandel (Polity IV: REGTRANS. Drei Punkte Veränderung, Werte 98 oder 99). 0: Polity-Stabilität (kein Eintrag bei Polity IV: REGTRANS) Idealtyp Schiedsrichter TypFunk notwendige Bedingungen: - Berechtigung, horizontale und vertikale Kompetenzkonflikte zu lösen gemäss Kneip 2008. N: 12 Belgien, Bulgarien, Deutschland, Italien, Österreich, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik Ungarn, Vereinigtes Königreich, Zypern 3 Paradigma 3: Rationalismus T: Zwei realistische und eine Rational Choice-Theorie T: Realismus T1: Realismus (Autokratie) Bedingungen Kontextbedingung (Untersuchter Zeitraum: 50 Jahre vor Einrichtungszeitpunkt) AutokElEtab 1: Autokratie mit lange etablierter Elite (40 Jahre oder länger eine Autokratie) 0.66: Autokratie etablierter Elite (20 Jahre oder länger eine Autokratie) 0.5: Autokratie: Etablierte Elite oder nicht? 0.33: Autokratie mit kaum etablierter Elite (Weniger als 20 Jahre lang eine Autokratie) 0: Autokratie ohne etablierte Elite (Weniger als 10 Jahre lang eine Autokratie) Gemäss Polity IV Zeitliche Bedingung (gegeben im Zeitraum von 5 Jahren vor Einrichtungszeitpunkt) AutokElWechsel 1: Deutliche Anzeichen eines Elitenwechsels (zeitweise über 1 Million Teilnehmende an Protestkampagne) 0.66: Anzeichen eines Elitenwechsels (zeitweise über 100'000 Teilnehmende an Protestkampagne) 0.5: Anzeichen Elitenwechsel in Anzahl Teilnehmenden an Protestkampagne 0.33: kaum Anzeichen eines Elitenwechsels (Protestkampagne mit bis zu einigen tausend Teilnehmenden) 0: Keine Anzeichen eines Elitenwechsels (keine Protestkampagne im Untersuchungszeitraum) gemäss NAVCO. 4 T2: Realismus (Demokratie) Bedingungen Kontextbedingung DemokElEtab 1: Demokratie mit lange etablierter Elite (Kein Wechsel der stärksten Partei in der Regierung in den letzten drei Wahlen vor Einrichtungszeitpunkt) 0.66: Demokratie mit relativ lange etablierter Elite (Kein Wechsel der stärksten Partei in der Regierung in den letzten zwei Wahlen vor Einrichtungszeitpunkt) 0.5: Demokratie: Etablierte Elite oder nicht? 0.33: Demokratie mit wechselnden Eliten (Ein Wechsel stärkste Partei in Regierung in den letzten drei Wahlen vor Einrichtungszeitpunkt) 0: Demokratie mit häufig wechselnden Eliten (Mehrere Wechsel stärkste Partei in Regierung in den letzten drei Wahlen vor Einrichtungszeitpunkt) Gemäss ParlGov-Daten. Falls Polity IV: ist keine Demokratie, Ausschluss aus Sample. Zeitliche Bedingung (letzte Wahl vor Einrichtungsjahr) DemokEl Wechsel 1: Deutliche Anzeichen eines Elitenwechsel (Verlust Stimmanteil stärkste Regierungspartei 15% oder mehr) 0.66: Anzeichen eines Elitenwechsels (Verlust Stimmanteil stärkste Regierungspartei 10% oder mehr) 0.5: Demokratie: Anzeichen Elitenwechsel? 0.33: kaum Anzeichen eines Elitenwechsels (Verlust Stimmanteil stärkste Regierungspartei unter 10%) 0: Keine Anzeichen eines Elitenwechsels (Keine Verluste oder sogar Gewinne Stimmanteile der stärksten Regierungspartei) gemäss ParlGov-Daten 5 T: Rational Choice Bedingungen Kontextbedingung (gegeben zwölf Jahre vor Einrichtungszeitpunkt) PolityTyp 1: Autokratie mit Planwirtschaft 0.66: Autokratie 0.5: Autokratie / Demokratie 0.33: Vorwiegend demokratisch 0: Demokratie gemäss Polity IV Zeitliche Bedingung (gegeben im Zeitraum von zwölf Jahren bis zum Einrichtungszeitpunkt) Szenario 1: Dual Transition (Übergang Autokratie / Demokratie und Planwirtschaft / Marktwirtschaft) 0.66: Single Transition (Übergang Autokratie / Demokratie) 0.5: Art des Szenarios 0.33: Independence Scenario (Unabhängigkeit) 0: No Apparent Transition Scenario gemäss Polity IV (Variable REGTRANS) Idealtyp Veto-Spieler TypRat notwendige Bedingungen: - Rigide, schwer zu verändernde Verfassung (nach Maddex 2014, La Porta 2003, fehlende Daten ergänzt mit Lorenz 2005) (Rigid: unveränderbare Teile der Verfassung, qualifizierte Mehrheiten für Änderungen nötig. Nicht-rigid: einfache Mehrheiten reichen für eine Verfassungsänderung) - Abstrakte Normenkontrolle - Parlament beim Verfassungsgericht antragsberechtigt für Normenkontrolle - Tiefe Antragshürde im Parlament (33% der Abgeordneten oder tiefer) für Normenkontrolle gemäss Kneip 2008. N = 14 Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Lettland, Litauen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn Paradigmen, Theorien, Bedingungen, Outcomes und Werte für Fälle Outcome Idealtyp Auslöser Idealtyp Idealtyp Starkes Bedingungen LibSys LibReg SuprRecht Foederal Deadlock PolityWandel TypFunk AutokElEtab AutokElWechsel DemokElEtab DemokElWechsel PolityTyp Szenario TypRat Verfger Fälle Belgien1985 0.33 0.33 1 1 1 0 1 1 0.33 0 0 0 0.66 Bulgarien1991 0 0.66 0 0 0 1 1 1 0.66 1 1 1 0.66 Deutschland1951 0.66 0.33 0 1 1 1 1 0.33 0 0.66 0.66 1 1 Estland1993 0 0 0 0 1 0 1 1 1 1 0 0.66 Frankreich1958 0.33 0.33 1 0 0 1 0 0 0 0.33 1 0.66 0.66 1 0 Griechenland1975 0 0 0 0 1 0 0 0.33 0.66 0.66 0 0 Irland1961 0.66 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 0 0 Italien1956 0.33 0 0 1 1 1 0.33 0 1 0.33 0.66 0.66 0 0.66 Lettland1996 0 0.66 0 0 1 0 1 0.66 0 0 1 1 1 0.66 Litauen1993 0 0 0 0 1 0 1 0.66 1 0 1 1 1 0.66 Luxemburg1996 0 1 0 0 0 0 1 0.33 0 0 0 0 Malta1964 0.66 0 0 0 0 Oesterreich1946 0 0 1 0 1 1 0 0 0.66 0.66 1 0.66 Polen1986 0 0 0 0 0 0 0.66 1 1 1 1 0.66 Portugal1983 1 0 0 0 0 1 1 1 0 0.33 0.33 0.66 0.66 1 1 Rumaenien1992 0 0 0 0 1 1 0 1 0.66 1 1 1 0.66 Slowakei1993 0 0 0 0 0 1 0 1 1 0.33 0 1 1 1 1 Slowenien1991 0 0.33 0 1 1 0.66 1 1 1 1 1 Spanien1980 0.66 0.66 0 1 0 1 1 0.66 0.33 1 0 0.66 0.66 1 0.66 Tschechien1993 0 0.33 0 0 0 1 1 1 1 0.33 1 1 1 1 0.66 Ungarn1990 0 0 0 0 1 1 1 0.66 1 1 1 0.66 VereinigtesKoenigreich2009 1 0 1 0 0 0 1 1 0.33 0 0 0 0 Zypern1964 0.66 0 1 1 0 0.33 0 0.66 N = 23 Keine Daten vorhanden Bedingung bezieht sich nicht auf diesen Fall (Bedingung AutokElEtab und AutokElWechsel beziehen sich auf Autokratien. Daher Ausschluss von Fällen, welche gemäss Polity IV bereits seit Jahrzehnten Demokratien sind. Bedingung DemokEtEtab: Ausschluss von Fällen, in welchen direkt nach den ersten Wahlen überhaupt Verfassungsgerichte eingerichtet wurden.) 0 0 Ansprüche des Systems T2: Realismus (Demokratie) T3: Rational ChoiceT1: Realismus (Autokratie) TypLib 1 0 1 0 0 0 Paradigma 1: Sozialkonstruktivismus Theorien: Liberale Werte Paradigma 2: Funktionalismus Theorien: Funktionalismus Paradigma 3: Rationalismus Theorien: Realismus und Rational Choice 0 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 1 0 1 1 1 Anhang 4: Dokumentation der Datenanalyse mit R. 1. Vorgehensweise Es erfolgte jeweils eine schrittweise Senkung der Konsistenzwerte, mit einem Abgleich der Resultate um für „Model Ambiguities“ zu kontrollieren. Für die Konsistenzschwellenwerten wurde die konventionelle Grenze von Konsistenz = 0.75 angesetzt. Die hier untersuchte Fallzahl legte keine andere Grenze nahe. Konsistenz ist identisch mit der Inclusion. Es wurden keine Frequency-Thresholds für Fälle festgelegt. Eine Fallzahl von N = 1 ist ausreichend um eine Zeile der Truth Table nicht mehr als Logical Remainder-Row zu betrachten. Die Fallzahl in den Datensätzen war jeweils relativ überschaubar, es handelt sich nicht um eine large-N-QCA. Besonders zu beachten ist, dass die Fallzahl sich von Datensatz zu Datensatz (d.h. von Theorie zu Theorie) aufgrund von Lücken im Datenmaterial und unterschiedlichen Aussagebereichen der Theorien unterscheidet (zwischen Minimum 12 bis Maximum 22 Fällen). Höhere oder tiefere Abdeckungswerte beziehen sich damit immer nur auf ein jeweiliges Sample und sind nicht direkt theorie-, bzw. datensatzübergreifend zu vergleichen da sie sich auf unterschiedliche Fallzahlen beziehen. Ich werde auf das Vorhandensein von Bedingungen mit Grossbuchstaben hinweisen. Kleinbuchstaben bedeuten die Abwesenheit einer Bedingung oder des Outcomes. R-Output ist grau hinterlegt. SOZIALKONSTRUKTIVISMUS Datensatz: N= 18 Enthaltene Fälle: Belgien 1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Estland1993, Frankreich1958, Irland1961, Lettland1996, Litauen1993, Malta1964, Polen1986, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, VereinigtesKoenigreich2009. Drei erklärende Bedingungen, d.h. acht logisch mögliche Kombinationen, Kalibrierung: Fuzzy-Sets. Bedingungen: L = Liberales System, R = Liberale Regierung, T = Grundrechtewächter, V = Starkes Verfassungsgericht. Analyse auf notwendige Bedingungen Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 1, cov = 1 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.9, cov = 0.9 Mit inclcut = 0.8, cov = 0.8 ergibt sich: incl cov.r -------------------- 1 R+T 0.844 0.815 -------------------- Interpretation notwendige Bedingungen Liberale Regierung ODER Grundrechtewächter sind notwendige Bedingungen für das Outcome starkes Verfassungsgericht, mit hoher Konsistenz und hoher Abdeckung (der hier untersuchten 18 Fälle). Die beiden Bedingungen sind aber nicht sinnvoll als funktionale Äquivalente zu interpretieren. Inhaltliche Interpretation: Es lassen sich keine notwendigen Bedingungen finden. Analyse auf hinreichende Bedingungen Schwellenwert Konsistenz = 1, maximal streng Resultierende Truth Table: OUT: outcome value n: number of cases in configuration incl: sufficiency inclusion score L R T OUT n incl cases 6 1 0 1 1 2 1.000 Deutschland1951,Portugal1983 8 1 1 1 1 1 1.000 Spanien1980 4 0 1 1 ? 0 1.000 3 0 1 0 0 2 0.833 Bulgarien1991,Lettland1996 2 0 0 1 0 6 0.829 Belgien1985,Polen1986,Rumaenien1992,Slowakei1993,Slowenien1991,Ungarn1990 1 0 0 0 0 4 0.566 Estland1993,Frankreich1958,Litauen1993,Tschechien1993 5 1 0 0 0 3 0.000 Irland1961,Malta1964,VereinigtesKoenigreich2009 7 1 1 0 ? 0 0.000 Es ergeben sich zwei Logical Remainder-Rows. 2 Komplexer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 3/15/0 Total : 18 Number of multiple-covered cases: 0 M1: LT => V incl PRI cov.r cov.u cases ---------------------------------------------------------------------------- 1 LT 1.000 1.000 0.250 - Deutschland1951,Portugal1983; Spanien1980 ---------------------------------------------------------------------------- M1 1.000 1.000 0.250 Es ergeben sich drei als konsistent hinreichend eingestufte Konfigurationen, 14 als nichtkonsistent hinreichend eingestufte Konfigurationen. Die PRI (Proportional Reduction in Inconconsistency)-Werte (Schneider / Wagemann 2013: 238 und 242) weisen darauf hin, dass sich mit derselben Konfiguration nur das Outcome und nicht auch das Non-Outcome sinnvoll erklären lässt. Inhaltlich besagt der Lösungspfad: LIBERALES SYSTEM * GRUNDRECHTEWÄCHTER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT. Es werden relativ wenige Fälle abgedeckt: Deutschland, Portugal, Spanien. Senkung der Schwellenwerte. Schwellenwert Konsistenz: 0.9 Resultierende Truth Table und Lösung sind identisch. Schwellenwert Konsistenz: 0.8 Resultat: Anstieg von 3 auf 11 konsistent hinreichende Konfigurationen. Die PRI-Werte fallen niedriger aus. n OUT = 1/0/C: 11/7/0 Total : 18 Number of multiple-covered cases: 2 M1: LT + rT + lRt => V incl PRI cov.r cov.u ---------------------------------- 1 LT 1.000 1.000 0.250 0.030 2 rT 0.860 0.818 0.596 0.376 3 lRt 0.833 0.660 0.156 0.156 ---------------------------------- M1 0.859 0.804 0.782 cases ------------- 1 LT Deutschland1951,Portugal1983; Spanien1980 2 rT Deutschland1951,Portugal1983; Belgien1985,Polen1986,Rumaenien1992,S lowakei1993,Slowenien1991,Ungarn1990 3 lRt Bulgarien1991,Lettland1996 ------------- Als hinreichend für das Outcome kommen hinzu: 2: liberale Regierung * GRUNDRECHTEWÄCHTER (Deutschland, Portugal, Belgien, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Ungarn) 3: liberales System * LIBERALE REGIERUNG * Grundrechtewächter (Bulgarien, Lettland) Für inhaltliche Interpretation gewähltes Ergebnis: Das Modell, mit Schwellenwert Konsistenz = 1. Es ist robust auch bei Senkung der Konsistenzschwellenwerte und weist gute PRI-Werte auf. XY-Plot des komplexen hinreichenden Modells: 3 Sparsamer Lösungspfad Es resultiert eine mit der gewählten komplexen Lösungsformel identische Lösung. Keine „simplifying assumptions“ wurden angenommen. Ich diskutiere nur die komplexe Lösung. FUNKTIONALISMUS Datensatz: N= 15 Enthaltene Fälle: Belgien1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Frankreich1958, Griechenland1975, Irland1961, Italien1956, Luxemburg1996, Oesterreich1946, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Spanien1980, Tschechien1993, VereinigtesKoenigreich2009. Fünf erklärende Bedingungen, d.h. 32 logisch mögliche Kombinationen, Kalibrierung: Bedingungen Crisp-Set, Outcome Fuzzy-Set. Bedingungen: S = Einfluss supranationalen Rechts, F = Föderalismus, D = Politischer Deadlock, P = Polity- Wandel, T = Schiedsrichter, V = Starkes Verfassungsgericht. Analyse auf notwendige Bedingungen Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 1, cov = 1 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.9, cov = 0.9 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.8, cov = 0.8 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.75, cov = 0.75 Interpretation notwendige Bedingungen Es gibt keine notwendigen Bedingungen. Analyse auf hinreichende Bedingungen Schwellenwert Konsistenz = 1, maximal streng Resultierende Truth Table: Belgien1985 Bulgarien1991 Estland1993 Lettland1996 Litauen1993 Polen1986 Rumaenien1992 Tschechien1993 Ungarn1990 Deutschland1951 Frankreich1958 Irland1961 Malta 1964 Slowakei1993 VereinigtesKoenigreich2009 Portugal1983 Slowenien1991 Spanien1980 4 OUT: outcome value n: number of cases in configuration incl: sufficiency inclusion score S F D P T OUT n incl cases 16 0 1 1 1 1 1 1 1.000 Deutschland1951 4 0 0 0 1 1 0 3 0.773 Bulgarien1991,Portugal1983,Tschechien1993 12 0 1 0 1 1 0 2 0.660 Oesterreich1946,Spanien1980 7 0 0 1 1 0 0 1 0.660 Rumaenien1992 8 0 0 1 1 1 0 1 0.660 Italien1956 30 1 1 1 0 1 0 1 0.660 Belgien1985 3 0 0 0 1 0 0 2 0.500 Griechenland1975,Slowakei1993 1 0 0 0 0 0 0 1 0.000 Irland1961 17 1 0 0 0 0 0 1 0.000 Luxemburg1996 18 1 0 0 0 1 0 1 0.000 VereinigtesKoenigreich2009 19 1 0 0 1 0 0 1 0.000 Frankreich1958 2 0 0 0 0 1 ? 0 - 5 0 0 1 0 0 ? 0 - 6 0 0 1 0 1 ? 0 - 9 0 1 0 0 0 ? 0 - 10 0 1 0 0 1 ? 0 - 11 0 1 0 1 0 ? 0 - 13 0 1 1 0 0 ? 0 - 14 0 1 1 0 1 ? 0 - 15 0 1 1 1 0 ? 0 - 20 1 0 0 1 1 ? 0 - 21 1 0 1 0 0 ? 0 - 22 1 0 1 0 1 ? 0 - 23 1 0 1 1 0 ? 0 - 24 1 0 1 1 1 ? 0 - 25 1 1 0 0 0 ? 0 - 26 1 1 0 0 1 ? 0 - 27 1 1 0 1 0 ? 0 - 28 1 1 0 1 1 ? 0 - 29 1 1 1 0 0 ? 0 - 31 1 1 1 1 0 ? 0 - 32 1 1 1 1 1 ? 0 - Es ergeben sich 21 logical remainder-rows. Komplexer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 1/14/0 Total : 15 Number of multiple-covered cases: 0 M1: sFDPT => V incl PRI cov.r cov.u cases ----------------------------------------------------- 1 sFDPT 1.000 1.000 0.131 - Deutschland1951 ----------------------------------------------------- M1 1.000 1.000 0.131 Es ergibt sich nur eine als konsistent hinreichend eingestufte Konfiguration, 14 als nichtkonsistent hinreichend eingestufte Konfigurationen. Die PRI (Proportional Reduction in Inconconsistency)-Werte weisen darauf hin, dass sich mit derselben Konfiguration nur das Outcome und nicht auch das Non-Outcome sinnvoll erklären lässt. Der Lösungspfad besagt folgendes: supranationales Recht * FÖDERALISMUS * POLITISCHER DEADLOCK * POLITY-WANDEL * SCHIEDSRICHTER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT Er ist sehr konsistent, erklärt aber nur Deutschland. 5 Senkung der Schwellenwerte. Schwellenwert Konsistenz: 0.9 Resultierende Truth Table und Lösung sind identisch. Schwellenwert Konsistenz: 0.8 Resultierende Truth Table und Lösung sind identisch. Schwellenwert Konsistenz: 0.75 Er ergibt sich folgende komplexe Lösung: n OUT = 1/0/C: 4/11/0 Total : 15 Number of multiple-covered cases: 0 M1: sfdPT + sFDPT => V incl PRI cov.r cov.u cases ------------------------------------------------------------------------------- 1 sfdPT 0.773 0.707 0.304 0.304 Bulgarien1991,Portugal1983,Tschechien1993 2 sFDPT 1.000 1.000 0.131 0.131 Deutschland1951 ------------------------------------------------------------------------------- M1 0.830 0.795 0.436 Neu ergeben sich 4 als konsistent hinreichend und 11 als nicht konsistent hinreichend eingestufte Konfigurationen. Daraus resultiert der bereits beschriebene Pfad sowie der folgende zweite Pfad: Supranationales Recht * föderalismus * politischer deadlock * POLITY-WANDEL * SCHIEDSRICHTER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT. Der zusätzliche Pfad deckt Bulgarien, Portugal und Tschechien ab, weist einen relativ niedrigen PRI-Wert von 0.707 und einen Konsistenzwert von 0.773 auf. Er erfüllt damit noch die Untergrenze von Konsistenzwert 0.75 Für inhaltliche Interpretation gewähltes Ergebnis (komplexer Lösungspfad): Ich beziehe beide komplexen Lösungspfade in die Diskussion der Ergebnisse ein. XY-Plot komplexer Lösungspfad 1: Belgien1985 Italien1956 Oesterreich1946 Rumaenien1992 Spanien1980 Bulgarien1991 Tschechien1993 Deutschland1951 Slowakei1993 Frankreich1958 Griechenland1975 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Portugal1983 6 XY-Plot komplexer Lösungspfad 2: Sparsamer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 1/14/0 Total : 15 Number of multiple-covered cases: 0 M1: FDP => V M2: sFD => V ------------------- incl PRI cov.r cov.u (M1) (M2) cases ----------------------------------------------------------------- 1 FDP 1.000 1.000 0.131 0.000 - Deutschland1951 2 sFD 1.000 1.000 0.131 0.000 - Deutschland1951 ----------------------------------------------------------------- M1 1.000 1.000 0.131 M2 1.000 1.000 0.131 Die sparsame Lösung präsentiert zwei Lösungspfade, beide decken Deutschland ab. Beide Pfade weisen eine sehr gute Konsistenz und einen sehr guten PRI-Wert auf. FÖDERALISMUS * POLITISCHER DEADLOCK * POLITY-WANDEL -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT Und supranationales Recht * FÖDERALISMUS * POLITISCHER DEADLOCK -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT Diese Ergebnisse basieren auf folgenden „simplifying assumptions“: $M1 S F D P T 15 0 1 1 1 0 31 1 1 1 1 0 32 1 1 1 1 1 $M2 S F D P T 13 0 1 1 0 0 14 0 1 1 0 1 15 0 1 1 1 0 Belgien1985 Bulgarien1991 Italien1956 Oesterreich1946 Rumaenien1992 Spanien1980 Tschechien1993 Deutschland1951 Frankreich1958 Griechenland1975 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Portugal1983 Slowakei1993 7 Um zum Lösungspfad 1 zu gelangen wurde folgendes angenommen. Für Reihe 15: sFDPt, für Reihe 31: SFDPt, für Reihe 32: SFDPT. Keine dieser Annahmen ist empirisch unmöglich. Um zum Lösungspfad 2 zu gelangen wurde folgendes angenommen. Für Reihe 13: sFDpt, für Reihe 14: sFDpT, für Reihe 15: sFDPt. Keine dieser Annahmen ist empirisch unmöglich. Ich diskutiere sowohl komplexe als auch sparsame Lösungen. XY-Plot sparsame Lösung 1: XY-Plot sparsame Lösung 2: Belgien1985 Bulgarien1991 Italien1956 Oesterreich1946 Rumaenien1992 Spanien1980 Tschechien1993 Deutschland1951 Frankreich1958 Griechenland1975 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Portugal1983 Slowakei1993 Belgien1985 Bulgarien1991 Italien1956 Oesterreich1946 Rumaenien1992 Spanien1980 Tschechien1993 Deutschland1951 Frankreich1958 Griechenland1975 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Portugal1983 Slowakei1993 8 REALISMUS (AUTOKRATIE) Datensatz: N= 17 Enthaltene Fälle: Bulgarien1991, Deutschland1951, Estland1993, Frankreich1958, Griechenland1975, Italien1956, Lettland1996, Litauen1993, Oesterreich1946, Polen1986, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990. Drei erklärende Bedingungen, d.h. acht logisch mögliche Kombinationen, Kalibrierung: Fuzzy-Sets. Bedingungen: E = Etablierte autokratische Elite, W = Anzeichen für Elitenwechsel, T = Vetospieler, V = Starkes Verfassungsgericht. Analyse auf notwendige Bedingungen Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 1, cov = 1 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.9, cov = 0.9 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.8, cov = 0.8 Notwendige Bedingungen mit inclcut = 0.75, cov = 0.75: incl cov.r ------------------ 1 E 0.822 0.796 ------------------ Eine etablierte Elite wird als notwendige Bedingung für ein starkes Verfassungsgericht ausgegeben. Die Bedingung erreicht ein Konsistenzlevel von 0.822 und eine beachtliche Abdeckung (der hier untersuchten 17 Fälle). Das deutet darauf hin, dass sie nicht trivial ist. Auch der Wert von 0.934 der Masszahl der Relevanz notwendiger Bedingungen von Schneider Wagemann (2013: 236) weist darauf hin, dass es sich um eine relevante notwendige Bedingung handelt: Relevance of Necessity (Schneider / Wagemann) [(1-1) + (1-0.33) + (1-1) + (1-0) + (1-0) + (1-0.33) + (1-1) + (1-1) + (1-0) + (1-0.66) + (1-1) + (1-1) + (1-1) + (1- 0.66) + (1-0.66) + (1-1) + (1-1)] / [(1-0.66) + (1-0.33) + (1-0.66) + (1-0) + (1-0) + (1-0.33) + (1-0.66) + (1-0.66) + (1-0) + (1-0.66) + (1-1) + (1- 0.66) + (1-1) + (1-0.66) + (1-0.66) + (1-0.66) + (1-0.66) = 5.36 / 5.74 = 0.934. Ich werde die notwendige Bedingung in die inhaltliche Diskussion der Ergebnisse aufnehmen. XY-Plot notwendige Bedingung: Analyse auf hinreichende Bedingungen Schwellenwert Konsistenz = 1, maximal streng Resultierende Truth Table: Bulgarien1991 Estland1993 Lettland1996 Litauen1993 Rumaenien1992 Tschechien1993 Ungarn1990 Deutschland1951 Frankreich1958 Griechenland1975 Italien1956 Oesterreich1946 Polen1986 Spanien1980 Portugal1983 Slowakei1993 Slowenien1991 9 OUT: outcome value n: number of cases in configuration incl: sufficiency inclusion score E W T OUT n incl 6 1 0 1 1 2 1.000 4 0 1 1 ? 0 1.000 5 1 0 0 ? 0 1.000 8 1 1 1 0 9 0.951 7 1 1 0 0 1 0.660 2 0 0 1 0 3 0.555 1 0 0 0 0 2 0.493 3 0 1 0 ? 0 0.000 cases 6 Portugal1983,Spanien1980 4 5 8 Bulgarien1991,Lettland1996,Litauen1993,Polen1986,Rumaenien1992,Slowakei1 993,Slowenien1991,Tschechien1993,Ungarn1990 7 Estland1993 2 Deutschland1951,Frankreich1958,Oesterreich1946 1 Griechenland1975,Italien1956 3 Es ergeben sich drei logical remainder-rows. Komplexer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 2/15/0 Total : 17 Number of multiple-covered cases: 0 M1: EwT => V incl PRI cov.r cov.u cases ------------------------------------------------------------ 1 EwT 1.000 1.000 0.328 - Portugal1983,Spanien1980 ------------------------------------------------------------ M1 1.000 1.000 0.328 Zwei Konfigurationen wurden als konsistent hinreichend, 15 als nicht konsistent hinreichend klassifiziert. Der Lösungspfad weist sehr gute Konsistenz- und PRI-Werte auf. Er deckt Portugal und Spanien ab. Inhaltlich besagt er: ETABLIERTE AUTOKRATISCHE ELITE * anzeichen für elitenwechsel * VETOSPIELER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT Senkung der Schwellenwerte. Schwellenwert Konsistenz: 0.9 n OUT = 1/0/C: 11/6/0 Total : 17 Number of multiple-covered cases: 0 M1: ET => V incl PRI cov.r cov.u --------------------------------- 1 ET 0.802 0.731 0.734 - --------------------------------- M1 0.802 0.731 0.734 cases 10 ------------ 1 ET Portugal1983,Spanien1980; Bulgarien1991,Lettland1996,Litauen1993,Pol en1986,Rumaenien1992,Slowakei1993,Slowenien1991,Tschechien1993,Ungarn1990 ------------ Die Senkung des Konsistenz-Schwellenwerts führt zu einer Erhöhung der zwei auf 11 als konsistent hinreichend klassifizierte Konfigurationen. Der PRI-Wert verschlechtert sich, die Konsistenz ist nach wie vor akzeptabel und die Abdeckung erhöht sich stark. Schwellenwert Konsistenz: 0.8 Es ergibt sich das selbe Modell wie mit Konsistenz-Schwellenwert 0.9. Schwellenwert Konsistenz: 0.75 Es ergibt sich das selbe Modell wie mit Konsistenz-Schwellenwert 0.9. Für inhaltliche Interpretation gewähltes Ergebnis (komplexer Lösungspfad): Das Modell, mit Schwellenwert Konsistenz = 0.9. Es ist robust bis zu einer Senkung des Konsistenzwerts auf 0.75, weist akzeptable PRI-Werte und nach wie vor einen sehr guten Konsistenzwert auf. Die Beschränkung auf das Modell mit Konsistenzwert 1 würde sich als zu restriktiv erweisen: Das Modell mit Konsistenzwert 0.9 erweist sich als wesentlich robuster. XY-Plot für diesen komplexen Lösungspfad: Sparsamer Lösungspfad Es resultiert eine mit der komplexen Lösungsformel identische Lösung. Keine „simplifying assumptions“ wurden angenommen. Ich diskutiere nur die komplexe Lösung. REALISMUS (DEMOKRATIE) Datensatz: N= 12 Enthaltene Fälle: Belgien1985, Frankreich1958, Irland1961, Italien1956, Lettland1996, Litauen1993, Luxemburg1996, Portugal1983, Slowakei1993, Spanien1980, Tschechien1993, VereinigtesKoenigreich2009. Drei erklärende Bedingungen, d.h. 8 logisch mögliche Kombinationen, Kalibrierung: Fuzzy-Sets. Bedingungen: E = Etablierte Elite (Demokratie), W = Anzeichen für Elitenwechsel, T = Vetospieler, V = Starkes Verfassungsgericht. Analyse auf notwendige Bedingungen Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 1, cov = 1 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.9, cov = 0.9 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.8, cov = 0.8 Bulgarien1991 Lettland1996 Litauen1993 Rumaenien1992 Tschechien1993 Ungarn1990 Deutschland1951 Estland1993 Italien1956 Oesterreich1946 Frankreich1958 Griechenland1975 Polen1986 Spanien1980 Portugal1983 Slowakei1993 Slowenien1991 11 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.75, cov = 0.75 Inhaltliches Fazit: Keine notwendigen Bedingungen vorhanden. Analyse auf hinreichende Bedingungen Schwellenwert Konsistenz = 1, maximal streng: Es ergibt sich kein einziges positives Outcome. Das ist erst ab Konsistenz-Schwellenwert 0.8 der Fall. Es resultiert folgende Truth Table bei Konsistenz-Schwellenwert 0.8: OUT: outcome value n: number of cases in configuration incl: sufficiency inclusion score E W T OUT n incl cases 2 0 0 1 1 3 0.855 Lettland1996,Portugal1983,Slowakei1993 6 1 0 1 0 2 0.744 Litauen1993,Spanien1980 8 1 1 1 ? 0 0.667 4 0 1 1 0 2 0.593 Frankreich1958,Tschechien1993 7 1 1 0 ? 0 0.500 5 1 0 0 0 5 0.359 Belgien1985,Irland1961,Italien1956,Luxemburg1996,V ereinigtesKoenigreich2009 1 0 0 0 ? 0 - 3 0 1 0 ? 0 - Es ergeben sich vier logical remainder-rows. Komplexer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 3/9/0 Total : 12 Number of multiple-covered cases: 0 M1: ewT => V incl PRI cov.r cov.u cases -------------------------------------------------------------------------- 1 ewT 0.855 0.830 0.336 - Lettland1996,Portugal1983,Slowakei1993 -------------------------------------------------------------------------- M1 0.855 0.830 0.336 Es ergeben sich drei konsistent hinreichende Konfigurationen und neun nicht konsistent hinreichende Konfigurationen. Die Konsistenz- und PRI-Werte sind akzeptabel hoch. Der Pfad besagt inhaltlich: etablierte elite (demokratie) * anzeichen für elitenwechsel * VETOSPIELER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT. Der Pfad deckt Lettland1996, Portugal 1983 und die Slowakei1993 ab. Mit Konsistenz-Schwellenwert 0.75 ergibt sich ein identisches Modell. Für inhaltliche Interpretation gewähltes Ergebnis (komplexer Lösungspfad): Ich interpretiere das mit Konsistenz-Schwellenwert 0.8 resultierende Modell. Es weist akzeptable PRI-Werte und nach wie vor einen sehr guten Konsistenzwert auf. XY-Plot für diesen komplexen Lösungspfad: 12 Sparsamer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 3/9/0 Total : 12 Number of multiple-covered cases: 0 M1: ew => V incl PRI cov.r cov.u cases ------------------------------------------------------------------------- 1 ew 0.855 0.830 0.336 - Lettland1996,Portugal1983,Slowakei1993 ------------------------------------------------------------------------- M1 0.855 0.830 0.336 Die sparsame Lösung basiert wieder auf drei hinreichend konsistenten und neun nicht hinreichend konsistenten Konfigurationen. Sie unterscheidet sich ausschliesslich durch das Fehlen von T von der komplexen Lösung. Folgende „simplifying assumptions“ wurden getroffen um zu diesem Modell zu kommen: $M1 E W T 1 0 0 0 Für die in der Truth Table mit 1 nummerierte Logical Remainder-Row wurde angenommen, dass sie die Konfiguration ewt aufwies. Das ist keine empirisch unmögliche Annahme. Ich diskutiere sowohl komplexe als auch sparsame Lösungspfade. XY-Plot sparsame Lösung: Belgien1985 Italien1956 Litauen1993 Spanien1980 Tschechien1993 Frankreich1958 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenirreich2009 Lettland1996 Portugal1983 Slowakei1993 13 RATIONAL CHOICE-THEORIE Datensatz: N= 22 Enthaltene Fälle: Belgien1985, Bulgarien1991, Deutschland1951, Estland1993, Frankreich1958, Griechenland1975, Irland1961, Italien1956, Lettland1996, Litauen1993, Luxemburg1996, Oesterreich1946, Polen1986, Portugal1983, Rumaenien1992, Slowakei1993, Slowenien1991, Spanien1980, Tschechien1993, Ungarn1990, VereinigtesKoenigreich2009, Zypern1964. Drei erklärende Bedingungen, d.h. acht logisch mögliche Kombinationen, Kalibrierung: Fuzzy-Sets. Bedingungen: P = Polity-Typ, S = Szenario, T = Vetospieler, V = Starkes Verfassungsgericht. Analyse auf notwendige Bedingungen Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 1, cov = 1 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.9, cov = 0.9 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.8, cov = 0.8 Keine notwendigen Bedingungen mit inclcut = 0.75, cov = 0.75 Inhaltliches Fazit: Keine notwendigen Bedingungen vorhanden. Analyse auf hinreichende Bedingungen Erst mit Konsistenz-Schwellenwert 0.75 ergibt sich eine komplexe Lösung. Es resultiert folgende Truth Table: OUT: outcome value n: number of cases in configuration incl: sufficiency inclusion score P S T OUT n incl 2 0 0 1 ? 0 0.800 4 0 1 1 ? 0 0.800 6 1 0 1 ? 0 0.800 8 1 1 1 1 14 0.753 3 0 1 0 ? 0 0.663 7 1 1 0 0 3 0.569 5 1 0 0 ? 0 0.500 1 0 0 0 0 5 0.310 cases 2 4 6 Belgien1985 Italien1956 Litauen1993 Spanien1980 Tschechien1993 Frankreich1958 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Lettland1996 Portugal1983 Slowakei1993 14 8 Bulgarien1991,Deutschland1951,Frankreich1958,Lettland1996,Litauen1993,Oe sterreich1946,Polen1986,Portugal1983,Rumaenien1992,Slowakei1993,Slowenien19 91,Spanien1980,Tschechien1993,Ungarn1990 3 7 Estland1993,Griechenland1975,Italien1956 5 1 Belgien1985,Irland1961,Luxemburg1996,VereinigtesKoenigreich2009,Zypern19 64 Die resultierende Truth Table enthält fünf logical remainder-rows. Komplexer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 14/8/0 Total : 22 Number of multiple-covered cases: 0 M1: PST => V incl PRI cov.r cov.u ---------------------------------- 1 PST 0.753 0.671 0.736 - ---------------------------------- M1 0.753 0.671 0.736 cases ------------- 1 PST Bulgarien1991,Deutschland1951,Frankreich1958,Lettland1996,Litauen19 93,Oesterreich1946,Polen1986,Portugal1983,Rumaenien1992,Slowakei1993,Slowen ien1991,Spanien1980,Tschechien1993,Ungarn1990 ------------- Es ergeben sich 14 konsistent hinreichende Konfigurationen, acht nicht konsistent hinreichende. Der Konsistenzwert liegt knapp über der festgelegten Untergrenze von 0.75. Auch der PRI-Wert liegt vergleichsweise tief. Die Abdeckung fällt jedoch beachtlich aus (Samplegrösse hier = 22). Inhaltlich besagt dieser Lösungspfad folgendes: POLITY-TYP * SZENARIO * VETOSPIELER -> STARKES VERFASSUNGSGERICHT. Für inhaltliche Interpretation gewähltes Ergebnis (komplexer Lösungspfad): Das Modell erfüllt die anfangs definierte Konsistenz-Schwelle von 0.75 wenn auch nur knapp. Ich werde es in die Diskussion einbeziehen. 15 XY-Plot komplexer Lösungspfad: Sparsamer Lösungspfad n OUT = 1/0/C: 14/8/0 Total : 22 Number of multiple-covered cases: 0 M1: T => V incl PRI cov.r cov.u --------------------------------- 1 T 0.710 0.629 0.790 - --------------------------------- M1 0.710 0.629 0.790 cases ------------ 1 T Bulgarien1991,Deutschland1951,Frankreich1958,Lettland1996,Litauen199 3,Oesterreich1946,Polen1986,Portugal1983,Rumaenien1992,Slowakei1993,Sloweni en1991,Spanien1980,Tschechien1993,Ungarn1990 ------------ Das sparsame Modell enthält nur noch T als erklärende Bedingung. Es besagt demnach VETOSPIELER -> STARKES VERFASSUNSGERICHT. Der Konsistenzwert fällt unter die definierte Untergrenze. Auch der PRI- Wert liegt etwas tiefer als zuvor. Die Abdeckung erhöht sich hingegen. Das sparsame Modell basiert auf folgenden „simplifying assumptions“: $M1 P S T 2 0 0 1 4 0 1 1 6 1 0 1 Für logical remainder-row 2 wurde angenommen psT, für logical remainder-row 4 pST, für logical remainder row 6 PsT. Nichts davon ist empirisch unmöglich. Das sparsame Modell fällt allerdings unter die definierte Untergrenze was den Konsistenzwert betrifft. Ich werde für die Rational Choice-Theorie nur die komplexe Lösung diskutieren. Belgien1985 Estland1993 Italien1956 Zypern1964 Bulgarien1991 Lettland1996 Litauen1993 Polen1986 Rumaenien1992 Tschechien1993 Ungarn1990 Deutschland1951 Portugal1983 Frankreich1958 Griechenland1975 Irland1961 Luxemburg1996 VereinigtesKoenigreich2009 Oesterreich1946 Spanien1980 Slowakei1993 Slowenien1991

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    Erstellungsdatum: 11.03.2022

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