Die Nachrichten zu Anwerbungen früherer Kommissionsmitglieder durch Unternehmen führen zu einem Anstieg der betroffenen Aktien. Das zeigt eine universitätsübergreifende Studie unter der Co-Leitung von Prof. Dr. Simon Lüchinger.

Die Autoren der Studie Prof. Dr. Christoph Moser (Universität Erlangen-Nürnberg, links; Bild: FAU/Giulia Iannicelli) und Prof. Dr. Simon Lüchinger (Universität Luzern).

Die Europäische Kommission nimmt eine zentrale Stellung im europäischen Institutionengefüge ein. Oftmals sind ihre Entscheidungen für den Erfolg von Unternehmen essenziell: Die Kommission definiert Produkt-, Sozial- und Umweltstandards, prüft Unternehmenszusammenschlüsse und Staatsbeihilfen oder erlässt Zölle und Antidumpingmassnahmen. Unternehmen haben grosses Interesse daran, frühzeitig über anstehende Entscheidungen und mögliche Einflusskanäle informiert zu sein.

Die Vermutung liegt nahe, dass Ex-Kommissarinnen und Ex-Kommissare für Unternehmen besonders wertvolle Informationsquellen sowie Türöffnerinnen und -öffner sind. Prof. Dr. Christoph Moser, Inhaber des Lehrstuhls für Global Governance an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), und Prof. Dr. Simon Lüchinger, Professor für Ökonomie an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern, bekräftigen mit ihrer Studie diese These: Die Nachrichten zu Anwerbungen früherer Kommissionsmitglieder durch Unternehmen führen zu einem Anstieg der betroffenen Aktien um knapp 0.6 Prozent. Die ungewöhnlich hohen Anstiege der Aktien lassen darauf schliessen, dass Investorinnen und Investoren diese Anwerbungen als gewinnbringend betrachten.

Die beiden Autoren kommen aufgrund der Resultate zum Schluss, dass die Befürchtungen von Interessenkonflikten und Verzerrungen der Politik zugunsten einflussreicher Unternehmen, die sich aus dem Wechsel von Kommissarinnen und Kommissaren in die Privatwirtschaft ergeben, real ist. Es scheine deshalb zentral, dass die Unabhängigkeit der europäischen Institutionen vor ungebührlichem Einfluss mittels geeigneter Verhaltensregeln und Transparenzvorschriften gesichert werde. Diese Unabhängigkeit sei wichtig – gerade auch in Krisenzeiten.

Die Erkenntnisse der in der "European Economic Review" publizierten Studie "The European Commission and the Revolving Door" basieren auf einem Datensatz, welcher alle Kommissarinnen und Kommissare, die über 29 Jahre hinweg in den Kommissionen von Jacques Delors I bis José Manuel Barroso II tätig waren, sowie die Reaktionen der Börse auf die Anstellung ehemaliger Kommissarinnen und Kommissare berücksichtigt. 

Newsmeldung der FAU (27. Juli 2020)

29. Juli 2020