Sikhs richten gemeinsam die Fahnenstange mit dem Nishan Sahib, der Flagge vor dem Gurdwara, auf. (Foto: Martin Baumann, 19.4.2015)

Zweiter Sikh-Gurdwara in der Schweiz

An Vaisakhi im April 2015 weihte die Sikh Gemeinde Schweiz ihren neu erbauten Gurdwara ("Türe des Guru") in Däniken SO feierlich mit zahlreichen Besuchern und Gästen ein. Höhepunkte der Feierlichkeiten waren neben wichtigen Ritualen das Aufstellen des Fahnenmastes mit dem Khanda (Doppelschwert) an der Spitze und Grussadressen des Regierungsrats des Kantons Solothurn und anderer Persönlichkeiten. Das mit vier Türmchen verzierte Gebäude mit einer Höhe von 14 Metern und Baukosten von rund 2,3 Mio Franken ist damit der zweite in der Schweiz neu erbaute Gurdwara; den ersten erbauten Sikhs aus Langenthal, welcher im Jahr 2006 eingeweiht worden war.  

Die Sikh-Religion

Die Sikh-Religion ist eine der zahlenbezogen kleineren Weltreligionen und zählt in der Schweiz zu den kleinsten Religionsgemeinschaften. Diese Religion wurde von Guru Nanak (1469-1539) in Nordindien im Punjab begründet. Nanak verstand sich als Reformer eines, seiner Meinung nach, sinnentleerten ritualisierten Hinduismus und eines erstarrten Islams, aber nicht als Gründer einen neuen Religion. Er sammelte Schüler um sich (Hindi: sikhana: lehren, ausbilden, unterrichten). Nanak lehrte einen bildlosen Monotheismus, der zwischen Menschen verschiedener Herkunft keinen Unterschied macht. Seine drei Grundsätze sind einfach: Arbeite für deinen Lebensunterhalt, bete zu Gott, teile mit dem Anderen. Er lehrte den Glauben an den einen allmächtigen Gott, den Schöpfer, der unerschaffen und unsterblich ist und nicht abgebildet werden kann. Im Gegensatz zum Islam lehrte Guru Nanak die Wiedergeburt. Stufenweise entwickeln sich die Wesen, bis sie die höchste Stufe als Menschen erreichen.

Besonderheiten der Sikh-Religion

Auf Nanak folgten neun weitere Guru. Der zehnte, Guru Gobind Singh, formte 1699 aus der Reformbewegung eine eigenständige Religionstradition. Guru Gobind Singh erklärte die Unterschiede der Geburt als aufgehoben, Mann und Frau als gleichberechtigt. Alle Männer erhielten den Beinamen Singh, Löwe, die Frauen Kaur, Prinz (nicht Prinzessin!). Mann und Frau erhielten in einer Zeremonie Amrit, Nektar, und wurden damit zu Mitgliedern der verbindlichen Brüderschaft der Sikh. Sie wurden zum Tragen der "5 K" verpflichtet. Dies sind fünf Symbole, die im Punjabi mit dem Buchstaben "K" beginnen: Ungeschnittene Haare (Kesch), Männer dürfen auch den Bart nicht schneiden und tragen zusätzlich einen Turban. Ein hölzerner Kamm (Kangha) wird als Zeichen der Sauberkeit in den Haaren getragen. Besondere Baumwollunterhosen (Kacha) sollen zur sexuellen Mässigung beitragen. Ein Stahlarmreif (Kara) erinnert an die Verpflichtung zur Wahrheit. Ein Dolch (Kirpan), der Tag und Nacht getragen wird, ist das Zeichen dafür, dass Sikh Arme, Schwache und Unschuldige verteidigen.

Das heilige Buch Guru Granth Sahib im Gurdwara Langenthal. (Foto: Martin Baumann 1.11.2006)
Grosser Andrang am Einweihungstag des Gurdwara in Däniken/SO am 19. April 2015. (Foto: Martin Baumann)

Guru Gobind Singh vollendete das erste heilige Buch, Adi Granth, benannte ihn um in Guru Granth Sahib und erklärte damit sich selbst zum letzten menschlichen Guru und das heilige Buch als Quelle des Spirituellen zum Guru. Der Guru Granth Sahib enthält Texte von 26 Autoren aus unterschiedlichen religiösen Traditionen in verschiedenen Sprachen. Diese Offenheit gegenüber anderen religiösen Bekenntnissen findet seinen Widerhall in der Lehre (Nanak: "Es gibt keine Hindus, es gibt keine Muslime, es gibt nur Geschöpfe Gottes."), als auch in der Praxis. So hat der Hari Mandir, das höchste Heiligtum in Amritsar (eher bekannt unter dem Namen "Goldener Tempel") vier Türen, damit Menschen aus allen vier Religionen, das heisst, aus allen Religionen, eintreten können. Sikh treffen sich in Gurdwaras zu Gottesdiensten. Sie bestehen vor allem aus Lesungen aus dem Guru Granth Sahib und Kirtan, religiösen Gesängen. 

Sikhs in der Schweiz

Mehrere Millionen Sikh leben ausserhalb Indiens. Vor allem in Kanada (ca. 700.000 Sikh) und England (ca. 600.000) gibt es grosse Sikhgemeinschaften mit mehreren hundert Gurdwaras. Während Jahren herrschten im Punjab bürgerkriegsähnliche Zustände. Im Anschluss an den von Indira Gandhi befohlenen Tempelsturm "Blue Star Operation" im Jahre 1984 flüchteten oder emigrierten Tausende in den Westen, so auch in die Schweiz. 

Sikh-Musiker im Gurdwara in Däniken vor dem Sikh-Emblem, dem Khanda. (Foto: Martin Baumann, 2004)

Von 1984 bis Anfang der neunziger Jahre lebten zeitweilig bis zu 3.000 Sikh als Asylbewerber in der Schweiz. Weil die Mehrheit nicht als Flüchtlinge anerkannt wurde, zogen viele weiter, ein grosser Teil davon nach Kanada. Heute wird die Zahl der in der Schweiz lebenden Sikh auf über 500 geschätzt. Da in der Volkszählung Sikh als Religion nicht erfasst wurde, ist es kaum möglich, genauere Zahlenangaben zu machen. Bedingt durch die zunehmenden Kinder ist die Zahl im Steigen begriffen. Sikh leben über die ganze Schweiz verstreut.

 

 

Von 1985 bis 1990 gab es in Basel einen kleinen Gurdwara in einer Wohnung, in der jeden Sonntag Gottesdienste gefeiert wurden. Jährlich wurden ausserdem an wechselnden Orten in der deutschen Schweiz mehrere Feste in gemieteten Sälen gefeiert. Die Gesamtheit der Sikh in der Schweiz trat meist auf unter der Bezeichnung "Sikh Sangat Schweiz" (Punjabi "Sangat" = Gemeinde/Gemeinschaft), hatte aber keine festen Strukturen.

Einweihung des neuen Sikh-Gurdwara im September 2006 in Langenthal. (Foto: Martin Baumann, 29.6.2006)

Seit 1992 ist ein ständiger Gurdwara in einer ehemaligen Fabrik (Spinnerei Gugelmann) in Roggwil eingerichtet, wo jeden Sonntag ein Gottesdienst gefeiert wird. Seither sammeln die Sikh, die den Gurdwara besuchen, Geld für den Kauf von Bauland, um einen nach ihrer Auffassung richtigen Gurdwara bauen zu können. Interne Spannungen führten dazu, dass sich die Sikhgemeinschaft spaltete. Die Gemeinschaft in Roggwil tritt jetzt unter dem Namen "Sikh Zentrum Schweiz" auf und hat die rechtliche Form einer Stiftung. Sie konnte in Langenthal im Industriegebiet Dennli ein Grundstück erwerben, auf dem den ursprünglichen Plänen nach im Juli 2003 ein Gurdwara mit Versammlungsraum und öffentlicher Küche eröffnet werden sollte. Der Spatenstich zum Gurdwara fand am 25.10.2002 unter grosser Beteiligung der Medien statt. Im September 2006 weihten die Sikhs um den Organisator Karan Singh unter grosser Beteiligung von Gläubigen und Besuchern den neuen markanten Gurdwara ein.

Sikhs im früheren Gurdwara in Däniken während einer Lesung aus dem heiligen Buch und dem Singen religiöser Lieder. (Foto: Martin Baumann)

Die zweite Gruppierung tritt unter dem Namen "Sikh Gemeinde Schweiz Gurdwara" auf und hat die rechtliche Form eines Vereins nach ZGB. Am gleichen Wochenende, als in Langenthal der Spatenstich stattfand, eröffnete die Gemeinschaft in einer ehemaligen Fabrikhalle in Däniken, Kanton Solothurn, einen Gurdwara. Die Medien waren zu diesem Zeitpunkt nicht erwünscht. Als einzigen Nicht-Sikh luden sie den Schreibenden und den Architekten ein. Interessant war, dass bei diesem Anlass etwa doppelt so viele Sikh anwesend waren als in Langenthal. Der Verein will die Fabrikhalle nach und nach zu einem traditionellen Gurdwara umbauen mit Versammlungsraum, öffentlicher Küche und verschiedenen Nebenräumen. Ein Hauptanliegen ist dieser Gemeinschaft die Förderung der Jugend. Dies wurde bei der Eröffnung sichtbar, indem an stelle von professionellen religiösen Musikern Kinder sangen und musizierten. In den Frühlingsferien 2003 fand das erste Jugendferienlager statt, bei dem Kinder Unterweisung in Religion, Kultur und Sprache erhielten. Ein erster "Tag der offenen Tür" fand im November 2004 statt. In den folgenden Jahren konkretisierten sich die Pläne, den provisorisch in einer Halle eingerichteten Gurdwara durch ein neu erbautes Gebäude mit Versammlungsraum und Essensraum (langar) zu ersetzen. Der Spatenstich fand im April 2014 statt und die feierliche Einweihung unter Anwesenheit von verschiedenen Ehrengästen am 19. April 2015.

Zwischen den beiden Sikhgemeinschaften bestehen religiös keine Unterschiede. Dass sie nicht mehr gemeinsam auftreten, hat die Ursache in zwischenmenschlichen Problemen. In der Schweiz sind Sikh beruflich und sozial assimiliert. Dadurch, dass sie traditionell und religiös bedingt sehr arbeitsam sind und religiösen Fundamentalismus ablehnen, finden sie ihren Platz in der schweizerischen Gesellschaft.

Literatur

Khushwant Singh, Raghu Rai, Die Sikhs. Stuttgart, Bonn 1986.

Christoph Peter Baumann: "Sikh-Religion", in: Religionen feiern. Feste und Feiertage religiöser Gemeinschaften in Deutschland, hg. von REMID, Marburg 1997, S.162-170.

Christoph Peter Baumann, "Heilige Schriften des Sikhismus", in: Udo Tworuschka (Hg.), Heilige Schriften, Darmstadt 2000, S. 197-210.

Christoph Peter Baumann: "...ganz anders als in Indien". Sikhs in der Schweiz: Probleme und Lösungsvorschläge. Tonbildreihe, Begleitheft, Basel: 1994. Manava Verlag.

Martin Baumann: Sikhism in Switzerland: First Open Doors' Day at the Gurdwara in Daeniken. Dia-Slide-Show im Pluralism Project, Harvard, 2004. Hier geht es zur Online Diashow.

© Christoph Peter Baumann Letzte Aktualisierung: Martin Baumann 7/2015; 5/2014 Fotos: © Martin Baumann, 2004 und 2006