Muslimische Migranten in der Schweiz

Die muslimische Minderheit in der Schweiz besteht aus unterschiedlichen sprachlich-kulturellen, nationalen und innerislamischen Traditionen, die infolge von Arbeitsmigration und Flucht in die Schweiz kamen. Drei Viertel der Muslime kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei, Staaten mit einer klaren Teilung von Politik und Religion. Während der ersten dreissig Jahre blieben Muslime und Islam in der Schweiz weitgehend unsichtbar und wurden gesellschaftlich kaum wahrgenommen. Dieses änderte sich durch die öffentliche Wahrnehmung und das Medienbild nach den Anschlägen vom 11. September 2001 markant. Zugleich organisierten sich Muslime und traten mit Forderungen nach einer muslimischen Infrastruktur (Gräberfeld, Religionsunterricht, würdige Moscheen) öffentlich und damit gesellschaftlich hervor.

Die zunehmende gesellschaftspolitische Thematisierung von Islam und Muslimen als ‹Problem› insbesondere durch konservativ-nationalistische Sprecher und Parteien schlug sich im Referendumsentscheid Ende November 2009 mit der Zustimmung für ein gesetztliches Bauverbot von Minaretten in der Schweiz nachdrücklich nieder. Der Abstimmungsentscheid brachte die in weiten Teilen der Bevölkerung aufgrund stereotyper Bilder vorhandenen Verunsicherungen und Ängste zum Ausdruck. Für ein Verständnis der Situation dieser wie weiterer religiöser Minderheiten in der Schweiz sind sachliche und fundierte Kenntnisse grundlegend – gerade neuere jüngste Studien verweisen auf die notwendig wahrzunehmenden Wechselbeziehungen von Schweizerischer Aufnahmegesellschaft und muslimischen Minderheiten.  

Statistischer Überblick

Durch wirtschaftlich und politisch bedingte Zuwanderungen wird die islamische Religion neuerdings auch in Westeuropa und Nordamerika heimisch. In der Schweiz hat sich die Religionsgemeinschaft der Muslime in den letzten vierzig Jahren kontinuierlich zur stärksten nichtchristlichen Religionsgemeinschaft entwickelt. Lebten 1970 noch 16.300 Muslime in der Schweiz, hatte sich die Zahl zehn Jahre später auf 56.600 und 1990 auf 152.200 Muslime erhöht. Die Eidgenössische Volkszählung 2000 zählte knapp 311.000 Muslime. Dabei handelt es sich überwiegend um Migranten, die entweder ab den 1960er Jahren von der Schweizer Wirtschaft als Arbeitskräfte angeworben wurden, oder ab den 1990er Jahren als Flüchtlinge und Asylsuchende in die Schweiz kamen.
Muslime in der Schweiz stellen weder ethnisch, noch kulturell, noch religiös einen einheitlichen und in sich geschlossenen homogenen Block dar. Sie sind vielmehr nach kulturellen, nationalen, sprachlichen und nicht zuletzt politischen Kriterien organisiert. Die Tatsache, dass islamische Traditionen religiös-ethisch und politisch ein weitgefächertes Phänomen darstellen – weltweit gibt es immerhin über 50 islamische Staaten mit jeweils unterschiedlichen sozio-politischen Eigenheiten – zeigt sich ebenso im Erscheinungsbild der Muslime und Musliminnen in der Schweiz. 56% stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kosovo-Albaner und Bosnier), 20% aus der Türkei, 4% aus den Maghreb-Staaten, 3% aus dem Libanon, 15% aus Schwarzafrika und Asien. Neben der sunnitischen Mehrheit (75%) leben in der Schweiz ca. 12.000 Schiiten, vorwiegend iranischer Herkunft. Hinzu kommen türkische Aleviten (10-15%). Eine stetig wachsende Zahl von Muslimen hat durch Einbürgerung, Heirat oder Konversion die schweizerische Staatsbürgerschaft – im Jahr 2012 waren es breits rund 35%.

Von Migration zur infrastrukturellen Verortung

Mit Blick auf den Migrationsprozess von Muslimen in die Schweiz lassen sich zwei Hauptphasen unterscheiden. Während der ersten Phase‹›  waren die Zuwanderer hauptsächlich Männer (die sog. ‹Männer-Migration›). Von der Schweizer Wirtschaft angeworben, kamen sie mit dem Ziel – dies war auch die Erwartung der Aufnahmegesellschaft –, nach einem vorübergehenden Arbeitsaufenthalt in ihre jeweilige Heimat wieder zurückzukehren. Die religiös-kultischen Bedürfnisse, sofern sie vorhanden waren, wurden auf ein Minimum reduziert. Aus diesem Grund wurden bereits in den 1970er Jahren in den Privatwohnungen oder leer stehenden Garagen einfache Räume eingerichtet zur Verrichtung gemeinsamer Gebete.
Diese Situation änderte sich, als aus einem vorübergehenden Arbeitsaufenthalt ein Aufenthalt auf Dauer wurde. Es begann die zweite Migrationsphase, der Familiennachzug. Die bislang fast ausschliesslich auf das Arbeitswesen beschränkten Kontakte zu der Aufnahmegesellschaft wurden durch den Zuzug von Frauen und Kindern ausgedehnt und intensiviert. Frauen wurden in das Berufsleben und die Kinder in das Schulsystem der Schweizer Aufnahmegesellschaft einbezogen. Die infolge dieses Einbezugs zunehmende Infragestellung der aus dem Heimatland gebrachten Vorstellungen über die Rollenverteilung, Erziehung etc. rief bei Muslimen die Angst vor kulturell-religiöser Entfremdung, insbesondere der Jugend und Kinder, hervor. In der Folge richten muslimische Vereine sprach-, kultur- und religionsbezogene Institutionen ein. Dementsprechend sind Muslime in der Schweiz – ähnlich wie andere jüngere Zuwanderungsgruppen – nach ihrer Herkunft in verschiedene kulturelle und volksgruppenbezogene Vereine organisiert. Diese schätzungsweise 240 Vereine stellen nach wie vor eine starker Verbindung zum jeweiligen Herkunftsland her. Der grösste Teil von ihnen verfügt derzeit über keine repräsentative religiöse Infrastruktur, demnach keine von aussen als Moschee erkennbare Gebetsstätte. Vielmehr versammeln sich Muslime zum Gebet und für kulturelle Veranstaltungen in den zahlreichen in Privatwohnungen oder ehemaligen Gewerberäumen eingerichteten ‹Moscheen›. Diese sind von Aussen kaum als solche wahrzunehmen. Die bislang einzige repräsentative Moschee der Schweiz wurde 1978 in Genf errichtet. In der Deutschschweiz zeichnen sich insbesondere bosnische Muslime durch einen hohen Organisationsgrad und viele jüngere Vereinsgründungen aus. In Emmenbrücke bei Luzern erwarben sie ein ehemaliges Kinogebäude und bauten dieses zu einem repräsentativen polyfunktionalen Dienstleistungszentrum mit Moschee, Bibliothek, Freizeiträumen, Büro, Gästezimmer aus. Im Juni 2009 weihten hohe muslimische Würdenträger und Vertreter der Gemeinde Emmenbrücke neu gestaltete Moschee ein.

Dachorganisationen

Um ihre Grundanliegen als Religionsgemeinschaft gemeinsam gegenüber Schweizer Behörden zum Ausdruck zu bringen und zu verhandeln, gründeten Muslime in den letzten Jahren mehrere sprach- und kulturübergreifende Dachverbände. Anliegen sind etwa die Möglichkeit von islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, die Schaffung muslimischer Gräberfelder und schliesslich die öffentlich-rechtliche Anerkennung. An regionalen und überregionalen Dachverbänden entstanden: 1989 in Zürich die Gemeinschaft islamischer Organisationen der Schweiz (GIOS), 1997 die Vereinigung islamischer Organisationen Zürich (VIOZ), 2000 in Bern die Koordination islamischer Organisationen der Schweiz (KIOS), 2002 in Luzern die Vereinigung islamischer Organisationen des Kantons Luzern (VIOKL), 2003 in St. Gallen der Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (DIGO, heute IGL), 2004 in Neuenhof der Verband Aargauer Muslime (VAM), 2006 in Genf die L'Union des organisations musulmanes de Genève (UOMG), 2006 die Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS) sowie 2009 der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS). Ein von Muslimen allgemein anerkannter schweizweiter Verband existiert zum gegebenen Zeitpunkt jedoch noch nicht.
 
In Anbetracht der Tatsache, dass Muslime in der Schweiz die stärkste nichtchristliche Religionsgemeinschaft bilden, ist es kaum verwunderlich, wenn immer wieder die Frage nach der Verträglichkeit des Islam, sei es mit der Schweizer Kultur, mit ihrem Norm- und Wertevorstellungen und nicht zuletzt auch mit der christlichen Religion, gestellt wird. Bei aller Berechtigung der Fragestellung erfolgt dabei die Fokussierung zu sehr auf ‹den› Islam und weniger auf die Menschen, die sich dieser Religion zugehörig fühlen und sie mehr oder weniger intensiv kulturspezifisch praktizieren. In dieser Hinsicht ist es aufschlussreich, dass drei Viertel der Muslimen in der Schweiz aus dem europäischen resp. an Europa angrenzenden Raum des ehemaligen Jugoslawien sowie der Türkei stammen.

Herausforderungen der Präsenz der Muslime für die Schweizer Aufnahmegesellschaft

In der Zeit nach dem 11. September 2001 ist in den westlichen Gesellschaften ein zunehmendes Misstrauen, ja sogar ein Generalverdacht gegenüber Zuwanderern muslimischen Glaubens zu beobachten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Präsenz von Muslimen steht die Frage nach der Verträglichkeit des Islam mit der demokratischen Rechtsordnung. Das Hauptproblem – so die allgemein verbreitete Ansicht – bilde dabei die Unfähigkeit oder mangelnde Fähigkeit des Islam zur klaren Trennung zwischen Staat und Religion. Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Auffassungen wird immer wieder die Befürchtung geäussert – insbesondere seitens bestimmter politischer Kreise –, die nach wie vor zunehmende Präsenz von Muslimen in den westlichen Gesellschaften könnte die in Europa mühsam erkämpfte säkulare Rechtsstaatlichkeit im Sinne der religiösen Neutralität des Staates in Frage stellen. Vor dem Hintergrund der durch die elektronischen Medien bis in die Wohnstube hinein vermittelten Extremereignisse im Zusammenhang mit Islam und Muslimen – vom 11. September 2001 und der Ermordung des holländischen Regisseurs Theo van Gogh über die Bombenanschläge in London 2005 – ist das erwähnte Misstrauen einerseits verständlich und hat sich schliesslich in Annahme des Anti-Minarett-Referendums 2009 laut geäussert. Andererseits wird bei mancher Islam-Diskussion übersehen, dass auch Muslime selbst verunsichert sind. Sie sehen sich ihrerseits zu Unrecht mit einem Generalverdacht seitens der Mehrheitsbevölkerung konfrontiert.

Für eine zukunftsorientierte Diskussion über die mittel- und langfristigen Folgen der muslimsichen Präsenz für die Schweizer und allgemein westlichen Gesellschaften sind mit Blick auf die Schweiz folgende Punkte zu beachten:

  • Aufgrund ihrer Herkunft (Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Südserbien, Mazedonien und Türkei) praktiziert die Mehrheit der Muslime in der Schweiz einen moderaten Islam. In ihren Herkunftsländern waren Staat und Religion seit langem getrennt.
  • Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz pflegt ein äusserst individuelles Verhältnis gegenüber der eigenen Religion. Im Vordergrund steht oft das identitätsstiftende Gefühl des Dazugehörens, weniger bis gar nicht eine strenge Ausrichtung des täglichen Lebens nach islamischen Vorschriften. Dies gilt insbesondere für die Jugend. So hat beispielsweise eine von GRIS (Groupe de recherche sur l'Islam en Suisse) durchgeführte Studie über junge Muslime arabischer Herkunft in der Westschweiz gezeigt, dass Kinder muslimischer Einwanderer die Schweiz als ihre Heimat sehen und nicht die Absicht haben, in das Land ihrer Eltern zurückzukehren. Es sind vor allem vier Elemente, die für sie hier eine identitätsstiftende Rolle spielen: Muttersprache, die Sprache der Mehrheitsgesellschaft, Kultur des Ursprungslandes und die schweizerische Kultur. Junge Muslime suchen individuell nach Formen islamischen Lebens im Schweizer Alltag. Dabei kommt es unvermeidlich zur Vermischung der vier erwähnten identitätsstiftenden Elemente.
  • Der Koran und das islamische Recht (Scharia) geben den Muslimen keine fertigen und starren Rezepte hinsichtlich der zukünftigen Gestalt des Islam in der Schweiz. Daher wird auch unter muslimischen Migranten intensiv darüber diskutiert, was es konkret bedeutet, als Muslim oder Muslimin in der Schweiz zu leben.
  • Die Art und Weise ihrer Organisierung zeigt, dass muslimisch geprägte Einwanderer und vor allem ihre Kinder in der Schweiz einerseits kein vorübergehendes Gastarbeiterphänomen mehr darstellen und dass sie sich andererseits im Rahmen der bestehenden schweizerischen Rechtsordnung organisieren.

In den vergangenen Jahren traten Muslime in der Schweiz aus ihrer bislang praktizierten religiös-rituellen Anonymität und Unsichtbarkeit heraus und begannen, ihre Rechte auf öffentliche Präsenz und Teilhabe in der Gesellschaft einzufordern. Für die Schweizer Aufnahmegesellschaft stellen sich neue Herausforderungen, zu nennen sind aus der Sicht der Behörden und Gemeinden:

  • der Bau von Moscheen [mit Minarett] und der Einrichtung muslimischer Gräberfelder
  • die Integration muslimischer Kinder in den Schulen, etwa im Hinblick auf Fragen der Verpflegung, der Feiertage oder der Unterrichtsbefreiung an hohen muslimischen Feiertagen
  • der Umgang mit Muslimen im Bereich der Spitalpflege und Gefängnisseelsorge

Verunsicherungen, Ängste und auch Konflikte sind in einer religiös und kulturell vielgestaltigen Gesellschaft zu erwarten. Die demokratisch verfasste Gesellschaft verfügt hingegen über rechtliche Mittel und Verfahren, um vorhandene Konflikte zu handhaben und möglicherweise auch Kompromisslösungen zu finden. Rechtliche Grundlagen sind hingegen eins, ein gelebtes Respektieren des Unterschieds etwas anderes: Die Debatten etwa über die Errichtung symbolischer Minarette in Wangen SO und Langenthal BE, die 2003 im Kanton Zürich verworfene Vorlage für eine öffentlich-rechtliche Anerkennung von nicht-christlichen Religionsgemeinschaften sowie das seit Ende 2009 geltene Verbot von Minaretten zeigen, dass die Akzeptanz und der Umgang mit dem Islam als ein zunehmend integraler Bestandteil der Schweizer Gesellschaft noch gelernt werden müssen. Lernprozesse benötigen Zeit und die Bereitschaft zur Offenheit, auf beiden Seiten. Kontakte und Initiativen auf lokaler Ebene zeigen, dass hier schon viele Schritte erfolgt sind, sei es bei gemeinsam gefeierten Festen hoher Feiertage, Begegnungen in Moscheen und Kirchen oder bei gemeinsam organisierten Sportveranstaltungen.

Literatur

Behloul, Samuel M. und Stéphane Lathion (2007): «Muslime und Islam in der Schweiz: Viele Gesichter einer Weltreligion». In: Martin Baumann, Jörg Stolz (Hg.), Eine Schweiz – viele Religionen. Risiken und Chancen des Zusammenlebens, Bielefeld: transcript, S. 193-207.

Behloul, Samuel M. (2005): «Religionspluralismus: europäischer ‹Normal-› oder ‹Notfall›? Muslimische Migranten in der Schweiz und die Einbettung in den öffentlichen Raum». In: Martin Baumann, Samuel M. Behloul (Hg.), Religiöser Pluralismus. Empirische Studien und analytische Perspektiven, Bielefeld: transcript, S. 145-169.

Behloul, Samuel M. (2004): Muslime in der Zentralschweiz. Von Migranten zu Muslimen in der Diaspora. Ein Forschungsbericht, Religionswissenschaftliches Seminar, Universität Luzern.

EKA (Eidgenössische Kommission für Ausländerfragen), (Hg.) (2005): Muslime in der Schweiz, Identitätsprofile, Erwartungen und Einstellungen, Genf.

GRIS – Groupe de recherche sur l'Islam en Suisse (Hg.) (2007): Les musulmans de Suisse entre réalités sociales, culturelle, politiques et légales, Genf: Labor et Fides.

Pahud de Mortanges, René (2002): Muslime und Schweizerische Rechtsordnung, Freiburg: Universitätsverlag

Müller, Wolfgang W. (Hg.) (2009): Christentum und Islam – Plädoyer für den Dialog, Zürich: NZN bei TVZ.

Schneuwly Purdie, Mallory et al. (Hg.): Musulmans d'aujourd'hui. Identités plurielles en Suisse. Genf: Labor et Fides. 2009.

Tanner, Mathias, Müller, Felix, Mathwig, Frank, Lienemann, Wolfgang (Hg.) (2009): Streit um das Minarett. Zusammenleben in der religiös pluralistischen Gesellschaft, Zürich: TVZ.

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (Hg.) (2003): Les musulmans de Suisse – Muslime in der Schweiz, Tagung der SAGW am 24./25. Mai 2002, Bern: Eigenverlag der Akademie.

Tangram. Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (1999): «Muslime in der Schweiz», 7, Bern: EKR.

© Samuel M. Behloul