Hinduismus in der Schweiz

Im neuen Sri Manomani Ampal Tempel in Trimbach/SO, innen mit Blick auf den zentralen Schrein der Göttin, am Tag der Einweihung, 17. 3. 2014 (Foto: Martin Baumann)

Die vergangenen Jahre sind durch die Einweihung neuer Hindu-Tempel in der Schweiz markiert. Ende Mai 2015 weihten Hindus des Kulturvereins Murugan in Toffen bei Bern mit einem Tag der offenen Tür ihren neuen Tempel mit zahlreichen Besuchern ein. Im Juni erfolgt die religiöse Einweihung des Tempels. Zuvor hatte im März 2015 der Hindu-Verein Graubünden in Zizers seinen eigenen Tempel eröffnet und im Dezember 2014 wurde mit der Eröffnung des 'Haus der Religionen' in Bern auch der dortige Tempel des Reformvereins Saivanerikoodam religiös geweiht. Knapp zwei Jahre zuvor weihten zehn Priester den ersten, in südindischer Architektur erbauten Hindu-Tempel in Trimbach bei Olten. Etwa 500 Gläubigen waren im März 2013 gekommen, um diesen 'glücksverheissenden' Tag direkt mitzuerleben. Der Tempel besteht aus einer grossen Halle mit acht reich verzierten Schreinen für die Götter Ganesha, Durga, Shiva, Murgunan, die neun Planetengötter und weitere Götter. Der grosse Hauptschrein ist der Göttin Sri Manomani geweiht (einer Darstellung von Parvathi, der Frau Shivas). Die Götterfiguren wurden in Südindien aus schwarzem Granith hergestellt und in Trimbach zeremoniell 'inthronisiert'. Der Gopuram (Eingangsturm) wird in den kommenden Jahren noch mit zahlreichen figürlichen Darstellungen der Göttin versehen und dann gesondert geweiht. Zuvor hatten zu Beginn des Jahres 2010 Priester in Dürnten im Züricher Oberland mit dem Sri Vishnu Thurkkai Tempel einen neuen, grossräumigen Tempel eingeweiht.
Mit den Einweihungen der verschiedenen Tempel mit geweihten, z.T. grossen und reich verzierten Götterschreinen tritt der Hinduismus in der Schweiz damit von der Phase provisorischer Unterkünfte in die Phase der Konsolidierung und dauerhaften Etablierung von Hindu-Tempeln und Hindu-Traditionen.

Hindu-Tempelfest in der Schweiz: Prozession der Göttin im September 2006 beim jährlichen Tempelfest des Sri Vishnu Turrkai Amman Tempels (Adliswil/ZH) auf den Strassen, die den Tempel umgeben. (Foto: Martin Baumann)

Interne Vielfalt – Zahlen

Hinduismus in der Schweiz ist durch eine Vielzahl unterschiedlicher Traditionen und Gruppen gebildet. "Den Hinduismus" und den Vertreter des Hinduismus gibt es in der Schweiz ebenso wenig wie in Indien und in anderen westlichen Ländern. Unterschiede bestehen nicht nur hinsichtlich religiöser Traditionen - ob in schivaitischer oder vischnuitischer Ausrichtung -, sondern auch im Hinblick auf die Herkunft der Gläubigen. Hindus kommen aus den nördlichen und südlichen Bundesstaaten Indiens, aus Sri Lanka und der Schweiz. Eine Hauptunterscheidung lässt sich zwischen zugewanderten, aus Asien stammenden Hindus und sogenannten "westlichen Hindus" treffen. Im Gegensatz zu Ersteren wurden die westlichen Hindus nicht als Hindu geboren, sondern nahmen als (zumeist) junge Erwachsene eine der vielen hinduistischen Lehrkonzepte und damit verbundene Verehrungspraktiken als für sich verbindlich und lebensorientierend an. Die Anzahl von Hindus in der Schweiz beläuft sich auf ca. 40.000 Personen (0,5 % der Bevölkerung), neun von zehn sind ausländischer Herkunft. Die Eidgenössische Volkszählung 2000 ermittelte knapp 28.000 Hindus, doch liegt die tatsächliche Zahl höher, da eine nicht unerhebliche Anzahl keine Angaben zur Religionszugehörigkeit gab.

Yoga als Körperübung, weitgehend losgelöst vom religiösen Hintergrund, ist heute in den Medien ein Thema für breite Bevölkerungskreise (aus: SonntagsZeitung, 16.10.2005, S. 125).

Interesse an Yoga

Hinduistisches Gedankengut und Körperübungen wurden schon in den 1920er Jahren durch literarische Werke und erste Yoga-Schulen in der Schweiz bekannt. Der Literaturnobelpreisträger Romain Rolland (1866-1944) portraitierte in Biographien das Leben des bengalischen Asketen und Göttinnen-Mystikers Paramahamsa Ramakrishna (1836-1886), ebenso das Wirken seines Schülers Swami Vivekananda (1863-1902). Vivekananda war durch seine Neuinterpretation hinduistischer Konzepte in westlicher, allgemein verständlicher Begrifflichkeit zu einem herausragenden Sprecher eines philosophisch durchtränkten Hinduismus geworden. In Verschränkung mit dieser schöngeistigen Rezeption und dem starken Interesse an östlicher Kultur kam es im Umfeld von lebensreformerischen und alternativ-medizinischen Bewegungen zur Gründung erster Yoga-Schulen. Sie bezogen sich zum Teil auf Vivekananda und dessen neohinduistischer Uminterpretation des klassischen Yoga von Patanjali zurück. Aber auch die medizinisch-psychologische Deutung des Yoga als psycho-physische Technik - seiner religiösen Einbettung damit entkleidet -, trug stark zu einer Popularisierung der "indischen Körperertüchtigung" bei. Das Interesse an Yoga als Entspannungs- und Körperübung hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt. Ein Zusammenschluss der Yoga-Schulen erfolgte 1997 in der Schweizerischen Yogagesellschaft.

Neo-hinduistische Gruppen

Weitere hinduistische Impulse kamen mit der Gründung von Zentren durch neohinduistische Gruppen und Organisationen in die Schweiz. Den Anfang setzte der indische Mönch Swami Omkarananda (1930-2000), der 1966 das Divine Light Zentrum in Winterthur ins Leben rief. Im Vordergrund des Zentrums stehen hinduistische Spiritualität und Philosophie; etwa 100 Mitglieder in der Schweiz, Österreich und Deutschland fühlen sich dem Lehrer verbunden. Nachfolger des Guru unterhalten seit 16 Jahren ein ununterbrochenes homa-Feuer in dem Ashram. In den frühen 1970er Jahren traten mit den Gemeinschaften um Bhagwan Shree Rajneesh und Swami Prabhupada zwei in der Öffentlichkeit stark, oftmals kontrovers wahrgenommene hinduistische Neugründungen hinzu. Während die Osho- bzw. Neo-Sannyas-Bewegung nach dem Tod von Bhagwan 1990 an Zusammenhalt wie auch an Mitgliedern verlor, ist die Krishna-Gemeinschaft mit dem Haupttempel in Zürich fest etabliert. Etwa 250 Mitglieder und ein Freundes- und Sympathisantenkreis von 1'000 bis 2'000 Personen umfasst ISKCON, die International Society for Krishna Consciousness, in der Schweiz. Weitere, zumeist von der Mitgliederzahl her kleine Gruppen bestehen mit Ananda Marga (seit 1972), den Brahma Kumaris und der Sathy Sai-Vereinigung (beide seit 1980) sowie dem grossen Seminar- und Konferenzhaus der Transzendentalen Meditation des Maharishi Mahesh Yogi in Seelisberg (Kanton Uri, seit 1973).

Tamilische Hindus von Sri Lanka

Der weit überwiegende Teil von Hindus in der Schweiz wird durch Flüchtlinge und Arbeitsmigranten aus Südasien gebildet. Die ca.5.000 indischen Hindus gründeten Kultur- und Sprachvereine in der West- und Deutschschweiz, ein eigener Tempel besteht bislang nicht. Im Gegensatz zu ihnen vermochten die ca. 30.000 tamilischen Hindus in den 1990er Jahren in der gesamten Schweiz Tempel zu eröffnen, bislang sind etwa 20 (Stand 2010). Tamilen kamen als Flüchtlinge vor dem auf Sri Lanka eskalierenden Krieg zwischen Singhalesen (ca. 74 %) und Tamilen (ca. 18 %). Insbesondere nach dem Pogrom 1983 stieg die Anzahl tamilischer Asylbewerber stark an, Ende 2001 belief sich die Zahl auf 37'500 srilankischer Staatsangehöriger in der Schweiz. Von ihnen sind 80 % bis 85 % Hindus, die verbleibenden 5.000 bis 7.000 gehören verschiedenen christlichen Kirchen an.

Standorte der Hindutempel in der Schweiz (Stand 2014).

Auch wenn jede hinduistische Familie einen kleinen Hausschrein in der eigenen Wohnung hat und dort die durch Bilder dargestellten Götter täglich verehrt, so war der Wunsch nach religiösen Andachtsstätten zur Durchführung von Ritualen und dem gemeinschaftlichen Feiern der Jahresfeste gross. Der ersten Sakralstätte in Basel (1986) folgten Tempel in Luzern (1991), Trimbach und Chur (beide 1992), Stabio (Tessin, 1993) sowie in 1994 in Bern, Zürich, Baar, Glattburg und Adliswil. In der französischsprachigen Schweiz entstanden in Vernier und Prilly 1996 zwei Tempel, weitere Wohnstätten für die beliebten Götter Murugan, Vinayagar und die Grosse Göttin finden sich in Grenchen, Aarau, Muttenz, Basel, Lyss, Bärau und Steffisburg (siehe Karte). Die Tempel (alle in schivaitischer Tradition) befinden sich zumeist in umgebauten Häusern oder Lager- und Werkhallen. Einer der bekanntesten und grössten Tempel in der Schweiz ist der in einem Industrieareal gelegene Sri Sivasubramaniar-Tempel in Adliswil. Im August des Jahres kommen ca. 3'000 bis 4'000 Tamilen und Tamilinnen, um an der öffentlichen Prozession des Gottes Murugan teilzunehmen. Auch bei den jährlichen Tempelfesten in Bern, Basel und weiteren Orten kommen mehrere hundert bis tausend Gläube zu Gebten, Erfüllung von Gelübden und Treffen von anderen Tamilen zusammen.
Neben diesen hindu-tamilischen Tempeln bestehen noch Sathya Sai Baba Zentren in Zollikofen Bern, Zürich und im Berner Oberland, ebenfalls von tamilischen Hindus besucht. Christliche und hinduistische Tamilen besuchen überdies katholische Wallfahrtskirchen, in denen sie zur Madonna - von ihnen als Grosse Göttin (Tamil: Amman) verehrt - um Hilfe und Wunscherfüllung bitten. Besonders die Kirchen in Einsiedeln, Mariastein, St. Josef in Köniz (Bern) sowie Madonna del Sasso (Gemeinde Orselina) sind beliebte Wallfahrtsorte.

Karte als PDF zum Download

Literatur

Rolland, Romain, Das Leben des Ramakrishna, 1929; Vivekananda, 1930

Baumann, Christoph Peter, "Tamilische Hindus und Tempel in der Schweiz", in: Martin Baumann, Brigitte Luchesi, Annette Wilke (Hg.), Tempel und Tamilen in zweiter Heimat. Hindus aus Sri Lanka im deutschsprachigen und skandinavischen Raum, Würzburg: Ergon 2003, 275-294.

Baumann, Martin, "Götter, Gurus, Geist und Seele: Hindu-Traditionen in der Schweiz", in: Martin Baumann, Jörg Stolz (Hg.), Eine Schweiz - viele Religionen. Risiken und Chancen des Zusammenlebens, Bielefeld: transcript 2007.

Baumann, Martin, Luchesi, Brigitte, Wilke, Annette (Hg.), Tempel und Tamilen in zweiter Heimat. Hindus aus Sri Lanka im deutschsprachigen und skandinavischen Raum, Würzburg: Ergon 2003.

Beltz, Johannes, Hindu-ABC, Zürich: Präsidialdepartement der Stadt Zürich und Museum Rietberg 2004.

Eulberg, Rafaela, "Hindu-Traditionen in der Schweiz", in: Michael Klöckner / Udo Tworuschka (Hg.), Handbuch der Religionen. 19. Ergänzungslieferung, Olzog Verlag 2008.

Lüthi, Damaris, "Heimatliche Konventionen im Exil bewahren. Hinduistische und christliche Religiosität tamilischer Flüchtlinge in Bern", in Martin Baumann, Brigitte Luchesi, Annette Wilke (Hg.), Tempel und Tamilen in zweiter Heimat, Würzburg: Ergon 2003, 295-322.

McDowell, Christopher, A Tamil Asylum Diaspora. Sri Lankan Migration, Settlement and Politics in Switzerland, Oxford, Providence, RI: Berghahn Books 1996.

Markus, Vera, In der Heimat ihrer Kinder. Tamilen in der Schweiz, Zürich: Offizin 2005.

Vögeli, Johanna, Sumangali, die Glücksverheissende. Tamilisch-hinduistische Frauen in der Schweiz, Bern: Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Fachstelle Migration 2004.