Buddhismus in der Schweiz - Geschichte und aktuelle Situation

Das Caritas Viharo in Lausanne mit buddhistischen Insignien auf dem Flachdach, 1910. Das Haus existiert noch heute in der Avenue d'Echallens, Lausanne (aus: H. Hecker, S. 328, siehe unten Literaturliste).

Die Besuche des 14. Dalai Lama in der Schweiz und die grosse Medienpräsenz, die seine Lehrunterweisungen und Vorträge auslösten (zuletzt in Basel im Februar 2015), lenkten den Blick auf die bislang wenig bekannte Präsenz des Buddhismus in der Schweiz. Seitdem ist es für viele nicht mehr ganz so erstaunlich, dass auch in der Schweiz buddhistisch meditiert wird, Mönche in gelber und roter Robe gekleidet im Strassenleben auftauchen und grosse wie kleine Buddhismuszentren existieren. Buddhismus in der Schweiz ist vielfältig und weist eine bald 100-jährige Geschichte auf.

Anfänge

Der Buddhismus hat nicht erst seit dem Auftritt des Mönches mit dem gewinnenden Lachen einen Platz in der Schweiz. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert verbanden sich mit buddhistischen Ideen und asiatischen Regionen Wunschvorstellungen und Hoffnungen. Gelehrte und Zivilisationsmüde idealisierten den Buddhismus als dogmenlose, nichtmissionarische Religion; einer Religion, die auf Erfahrung und Vernunft beruhe. Insbesondere Tibet, das unzugängliche Schneeland auf dem Dach der Welt, galt als Ort von Spiritualität, Reinheit, Weisheit und authentischen Lehrmeistern. Bis in die Gegenwart leben die romantisch-verklärenden Motive fort und sind eine der Grundlagen der Attraktivität des Buddhismus bei westlichen Suchern und Sucherinnen.

Reichen die Idealisierungen und damit die Geschichte des Buddhismus in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert zurück, so markiert der Aufenthalt des Mönches Nyanatiloka 1910 bei Lugano einen datierbaren Beginn. Der Name in der Pali-Sprache verdeckt, dass es sich nicht um einen burmesischen oder ceylonesischen, sondern einen deutschgebürtigen Mönch handelt. Der Geigenvirtuose Anton Gueth (1878-1957) hatte sich 26 jährig in Burma in der Tradition des Theravada, des südlichen Buddhismus zum Mönch ordiniert lassen und plante, mit Unterstützern ein buddhistisches Kloster in Europa zu errichten. Nyanatiloka kam nach Europa und lebte im strengen Winter 1909/10 in einer einsam gelegenen Sennhütte, oberhalb Luganos. Nur in der traditionellen Robe des bhikkhu (Mönch) und mit dürftigen Sandalen bekleidet litt er sehr unter der Kälte, wie seine autobiographischen Aufzeichnungen festhalten. Später zog Nyanatiloka nach Lausanne, wo der vermögende Rodolphe-Adrien Bergier das "Caritas-Viharo", eine buddhistische Einsiedelei, hatte erbauen lassen. Dort lebte Nyanatiloka 1910/1911 für mehrere Monate und ordinierte Bartel Bauer (1887-1940) zum Mönchsnovizen - der ersten Ordination auf europäischem Boden. Nyanatiloka berichtete: "Allsonntäglich pilgern hier viele Menschen vorbei und bewundern dieses exotisch anzuschauende zweistöckige Häuschen mit flachem Dach und vergoldeten Buddhas, auf dessen Wänden sie die in Rot und Gold geschriebenen Lehren des Buddha studieren." Mit der Einschiffung Nyanatilokas 1911 nach Ceylon endete das erste Kapitel buddhistischer Institutionalisierung in der Schweiz.

Wohn-, Lehr- und Meditationsraum der Caritas Viharo (1910), in der Mitte Nyanatiloka, links der Mönchnovize Bartel Bauer (Kondanno), rechts wohl der Mäzen Bergier. (aus: H. Hecker, S. 329, siehe unten Literaturliste)

Erst dreissig Jahre später, 1942, bildete sich mit der Buddhistischen Gemeinschaft Zürich die erste buddhistische Organisation. Die Gemeinschaft um Max Ladner (1889-1963) bestand bis in die 1960er Jahre und erstellte mit der Einsicht eine in buddhistischen Kreisen weithin bekannte Zeitschrift.

Aufschwung und Vielfalt buddhistischer Traditionen

Den ersten Anfängen folgten dauerhaftere Unternehmungen. Im Zuge humanitärer Hilfe hatte die Schweiz in den frühen 1960er Jahren 1.000 tibetische Flüchtlinge und Waisenkinder aufgenommen. Der 14. Dalai Lama regte den Bau eines Klosters und die Entsendung von Mönchen an, um die Flüchtlinge religiös-kulturell zu betreuen. Seit 1968 besteht das klösterliche Tibet-Institut in Rikon (bei Winterthur). 1985 kam der Dalai Lama selbst, um mit etwa 2.000 tibetischen und 4.000 westlichen Buddhisten und Buddhistinnen das Kalachakra-Ritual zu begehen. Die Unterweisungen bildeten das bis dahin grösste buddhistische Ereignis in der Schweiz.

Ab Mitte der 1970er Jahren entstanden sodann aufgrund von Besuchsreisen tibetischer Lamas und Mönche zahlreiche Ortsgruppen und Zentren. Zugleich kam durch japanische und erste westliche Lehrer die Meditationsform des Zen in die Schweiz. Auch hier bildeten sich lokale Gruppen und Zentren, in denen regelmässig und unter fachkundiger Anleitung praktiziert wurde. Eigene Dojos, Sitzhallen, existieren mittlerweile in allen grösseren Städten. Fern der städtischen Hektik schuf Zen-Lehrer Vanja Palmers im Jahr 2004 auf der Luzerner Rigi, hoch über dem Vierwaldstätter See, ein Meditationshaus mit Zendo (Sitzhalle) in japanischem Ambiente.

Bild von der in japanischem Stil erbauten Meditationshalle der spirituellen Begegnungsstätte Felsentor. (Foto: M. Baumann 2005)

Auch die Lehrinhalte, mehr noch die meditativen Praxisformen des südlichen Buddhismus fassten wieder Fuss in der Schweiz. Bei vielen der in den 1980er und 1990er Jahren entstandenen Gruppen steht die Übung der Vipassana-Meditation ("Klarblick-Meditation") im Vordergrund. Eines der prominentesten und grössten Häuser ist das im Jahr 2000 gegründete Meditationszentrum Beatenberg, malerisch auf 1250 Meter Höhe oberhalb des Thuner Sees gelegen. Das Kloster Dhammapala in Kandersteg steht ebenfalls in der Theravada-Tradition. Seit 1991 leben dort drei bis fünf westliche Mönche in der thailändischen Waldtradition, unterrichten sowohl schweizer wie thailändische Buddhisten und Buddhistinnen. Anders als bei den zuvor genannten Gruppen und Zentren, die fast ausschliesslich von schweiz-gebürtigen Buddhisten besucht werden, kommen in das Kloster sowohl thailändische wie schweizer Buddhisten. Für die meisten der in der Schweiz lebenden Thailänder und Thailänderinnen dürfte jedoch das Kloster Srinagarindravararam im Kanton Solothurn von herausragender Bedeutung sein. Für viele der 10.000 Thai-Bürger und Bürgerinnen bedeutet dieses 1996 eingeweihte Wat (Kloster) mit den Thai-Mönchen, traditionellen Zeremonien und farbenfreudigen Feierlichkeiten eine religiös-kulturelle Heimat in der Fremde. Gleiches trifft für die weit weniger pompös und finanzkräftigen Zentren und Tempel vietnamesischer, kambodschanischer und chinesischer Buddhisten zu. Von aussen zumeist nicht als religiöse Stätten erkennbar, bietet sich von innen eine asiatische, fremd-exotische Welt.

Die thai-buddhistische Klosteranlage Wat Srinagarindravararam in Gretzenbach/SO. (Foto: Edwin Egeter)
Der Hauptzeremonienraum (Ubosoth) des Wat in Gretzenbach/SO. (Foto: Edwin Egeter)

Viele der buddhistischen Gruppen, Zentren und Häuser gehören der 1975 gegründeten Schweizerischen Buddhistischen Union (SBU) an. Die SBU will nach aussen die Anliegen der Buddhisten und Buddhistinnen vertreten und nach innen die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Schulen verbessern. Unterstützung erhofft man sich durch die Benennung "Buddhistischer Grundwerte", 2003 verabschiedet. Eine Annäherung zwischen schweizerischen, zum Buddhismus Konvertierten, und asiatischen, quasi in den Buddhismus hinein Geborenen, kommt erst allmählich zustande. Vielfach sind die Gruppen, Zentren und Klöster sehr auf sich bezogen und spiegeln in der z. T. pointierten Betonung der jeweiligen Schul- und Traditionszugehörigkeit den schweizerischen "Kantönligeist" wider.

Die Eidgenössische Volkszählung 2000 ermittelte 21.000 Buddhisten und Buddhistinnen (0,3 % der Bevölkerung), 70 % von ihnen ausländischer Herkunft. Ermittelte das Religionswissenschaftliche Seminar, Universität Luzern, für 1998 eine Gesamtzahl von etwa 120 lokalen Gruppen (diese am häufigsten), Zentren und Häusern, so zeigt eine Erhebung für 2008 ein weitereses institutionelles Anwachsen auf etwa 180 lokale Gruppen, inklusive der Zentren und Tagungshäusern. Am stärksten sind tibetisch-buddhistische Traditionen vertreten, gefolgt von mahayana-buddhistischen Gruppen (besonders Zen). In den städtischen Ballungsgebieten besteht eine grosse buddhistische Pluralität. Charakteristika des Buddhismus in der Schweiz sind die Vielfalt buddhistischer Traditionsausrichtungen und die grosse Unterschiedlichkeit national-kultureller Herkunftsregionen. Institutionell fest verankert, werden buddhistische Traditionen durch öffentlich wahrnehmbare Sakralbauten, grosse Medienanlässe und viele Angebote in den jeweiligen Städten zunehmend sichtbarer in der Schweiz.

Literatur / Medien

Christoph Peter Baumann (Hg), Religionen in Basel-Stadt und Basel-Landschaft, Basel: Manava 2000, S. 497-517.
www.inforel.ch - laufende Aktualisierungen zu buddhistischen Gruppen in der Nordwestschweiz

Martin Baumann, "Geschichte und Gegenwart des Buddhismus in der Schweiz", in: Zeitschrift für Missionswissenschaft und Religionswissenschaft, 82, 4, 1998, S. 255-280.

Martin Baumann, "Buddhism in Switzerland", in: Journal of Global Buddhism, 1, 2000, S. 154-159.
Beitrag als PDF-Datei (220 KB)

Martin Baumann: Immigrant Buddhism in Switzerland: Thai and Vietnamese Temples. Dia-Slide-Show im Pluralism Project, Harvard, 2004.
Online Diashow

"Kuppel - Tempel - Minarett. Religiöse Bauten zugewanderter Religionen in der Schweiz", ein Dokumentationsprojekt des Zentrum Religionsforschung, Universität Luzern. Dort detaillierte Vorstellungen des Klösterlichen Tibet Instituts, der Stiftung Felsentor, des Wat Srinagarindravararam und des Fo Guang Shan Konferenzzentrum.
Link zur Dokumentation

Kerstin-Katja Sindemann, "Mönche, Mantra, Meditation: Buddhismus in der Schweiz", in: Martin Baumann, Jörg Stolz (Hg.), Eine Schweiz - viele Religionen. Risiken und Chancen des Zusammenlebens, Bielefeld: transcript 2007, S. 208-222.
Link zum Buch

Frank-André Weigelt, "Dokumentation: Buddhismus in der Schweiz. Eine Kurzdarstellung", in: Schweizerische Kirchenzeitung, 45, 2009, S. 774-778.
Beitrag als PDF-Datei (560 KB)

Frank-André Weigelt, Die vietnamesisch-buddhistische Diaspora in der Schweiz. Über Organisationsstrukturen und Dynamiken buddhistischer Praxis, Hamburg: Verlag Dr. Kovac 2013, 322 S.

© Martin Baumann