Lage

Das reich verzierte Wat in Gretzenbach, im Hintergrund der schlichte Kühlturm aus Beton des Atomkraftwerks Gösgen.

Gretzenbach, Staldenacker. Während der Bus, von Schönenwerd her kommend, weiter Richtung Dorfzentrum fährt, laufen wir abwärts ins Unterdorf, passieren das Wissbächli, das Restaurant Frohsinn zur Linken lassend. Nach 50 Metern folgt links die kleine Gewerbezone «Im Grund» der 2500 Einwohner zählenden Gemeinde zwischen Olten und Aarau. Doch nicht an Gewerbebauten bleibt das Auge hängen, sondern an einem reich verzierten Gebäudekomplex mit mehrfach abgestuft emporragender Dachsilhouette. Flammenähnliche, goldene Spitzen züngeln eng nebeneinander und zieren auf vier hintereinander liegenden Stufen die steilen Dachgiebel. Das kunstvolle Dachwerk gipfelt in einem aus der Mitte aufragenden, ebenfalls goldverzierten Turmspitz. Ungewohnt für die ländliche Idylle wirkt auch ein langer, geschotterter Parkplatz am Rande der obstbaumgesäumten Wiese vor der Anlage. In der Ferne hinter der Anlage ragt – welch ein Kontrast! – ein gewaltiger, schlichter Betonzylinder empor: der Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen, von Hochspannungsleitungen flankiert und seine Dampfschwaden gen Himmel schickend. Am Eingang des Gebäudekomplexes grüssen auf Glas gezeichnete goldene Lettern in ungewohnter, thailändischer Schrift, gleich darunter die Übersetzung lateinischer Schrift: «Wat Srinagarindravararam – Buddhistisches Zentrum». 

 

 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

In den Wandmalereien des Tempelraums (Ubosoth) ist ein Bild der Königinmutter Somdet Phra Srinagarindra zu entdecken. Sie trug massgeblich zur Finanzierung des Wats bei. Nach ihr ist das Kloster benannt.
Der im traditionellen Thai-Stil erbaute Ubosoth (Hauptzeremonienraum) bildet den eigentlichen Kern eines Wat. Der auf dem Ubosoth in die Höhe ragende Mondop gilt als «King's Palace».
Wat Srinagarindravararam
 

Am 18. November 1984 wurde die «Vereinigung Wat Thai» gegründet, deren Hauptaufgabe darin bestand, thailändische Geistliche in die Schweiz einzuladen. Im Frühjahr 1988 besuchten folglich Phra Phuttiwongsamuni und Dr. Phramaha Thongsoon Rongthong Suriyajoto (heutiger Abt des Klosters unter dem Namen Dr. Phrathep Kittimoli) die Schweiz, um zu prüfen, ob ein längerer Aufenthalt buddhistischer Mönche bzw. die Gründung eines Zentrums für Thai-Buddhismus erwünscht und sinnvoll sei. Abt Phrathep Kittimoli hält fest: «Das heisst nicht, dass wir aufgrund unseres eigenen Wunsches planten, in die Schweiz zu kommen – vielmehr wurden wir von der Vereinigung Wat Thai eingeladen.» So entstand in Bassersdorf ein Pilotprojekt: Man mietete ein Einfamilienhaus für zwei buddhistische Mönche. Das Haus wurde jedoch für den wachsenden Betrieb bald zu klein, so dass sich die Vereinigung nach Bauland für ein neues und grösseres Wat (Kloster) umsah. In Gretzenbach wurde man schliesslich fündig.

Der Bau erfolgte in drei Etappen: 1992-1993, wurde das Grundstück gekauft und die Umfassungsmauer errichtet. In der zweiten Phase (1994-1995) entstanden unter Leitung des Architekten Günther Hildbrand ein Wohngebäude für die Mönche, ein Glockenturm, eine Sala (offener Pavillon) und zwei Schreine («King Rama V Pavillon» und «China-Pavillon»).

Als dritte Etappe wurde unter der architektonischen Leitung von Marcel Niedermeier der Ubosoth, das religiöse Hauptgebäude des Wats, erbaut. Die Baubewilligung wurde im Jahr 2000 erteilt und mit Auflagen bezüglich Parkplätze verknüpft. Bis die Gemeinschaft diese auf zusätzlich erworbenem Land erstellt hatte, konnten die Tempelbesucher öffentliche Parkplätze der Gemeinde benutzen.

Der Ubosoth wurde nach traditionellem thailändischem Baustil gestaltet und mit einem blattvergoldeten Turm, dem Mondop, versehen. Den Andachtsraum schmückten namhafte Künstler aus Thailand mit Wand- und Deckenmalereien. Im Untergeschoss wurde ein Mehrzwecksaal eingerichtet. 

Ein entscheidender Faktor für die Realisierung des Tempels war die Unterstützung aus dem thailändischen Königshaus. Somdet Phra Srinagarindra, die Mutter des thailändischen Königs Bhumibol Adulyadej, unterstütze den Bau des Tempels mit persönlichen Mitteln von mehr als einer Million Franken. Deshalb ist der buddhistische Tempel ihrem Andenken gewidmet und nach ihr benannt. Am 28. Juni 2003 wurde der Ubosoth von Prinzessin Galayani Vadhana, der Schwester des Königs, welche ebenfalls einen namhaften Betrag für das Wat spendete, eingeweiht. Bei den zweitägigen Feierlichkeiten waren über 50 thailändische Mönche und rund 7000 Gäste zugegen. Der Ubosoth ist der erste neu gebaute thai-buddhistische Tempel in Europa. 

 

Gesicht zum Gebäude

Phrathep Kittimoli ist seit 1996 Abt im Kloster von Gretzenbach.

Phrathep Kittimoli, mit bürgerlichem Namen Dr. Phramaha Thongsoon Rongthong Suriyajoto, war von 1988 bis 1995 Abt im provisorischen Kloster in Bassersdorf. Seit 1996 leitet er das Wat in Gretzenbach. Er ist zudem Stiftungsratspräsident der «Somdetyas Stiftung für das Wat Srinagarindravararam». Phrathep Kittimoli war zusammen mit Abt Phraphuttiwongsamuni für die Abklärungen über den Bedarf nach einem thailändischen Kloster in der Schweiz und für dessen spätere Planung und Umsetzung im Wat Srinagarindravararam zuständig. 

Nachbarschaft und Konflikte

In der traditionellen buddhistischen Wandmalerei des Ubosoth (Zeremonienraums) findet auch ein Alphornbläser in traditioneller Berner Tracht Platz.

Phrathep Kittimoli bezeichnet die Nachbarn als «sehr freundlich und sehr hilfsbereit», einige seien auch schon in den Tempel gekommen, um bei ihm das Meditieren zu erlernen. Probleme, etwa Beschädigungen der Anlage, habe es nie gegeben. Nach Angaben des Klosters erlebt der Tempel einen stetigen Zustrom an Menschen, der nochmals angewachsen sei, seit die Wand- und Deckenmalereien angebracht wurden. Auch viele «schweizerische Besucher» informierten sich beim Abt über den Buddhismus und über die Bedeutung des Wats. Zur Aufgabe des Klosters gehöre es, auch den Schweizer Buddhisten der Theravada-Richtung religiöse Unterstützung zu geben und Zeremonien wie Eheschliessungen, Einweihungen und Totenehrungen durchzuführen.

Einen Hinweis auf die Anpassungsfähigkeit der buddhistischen Gemeinschaft in Gretzenbach findet man in den Wandmalereien des Ubosoth: Inmitten der traditionell gestalteten buddhistischen Malereien findet sich unvermutet auch ein Alphornbläser in Berner Tracht und neben ihm ein Kind mit Schweizerfähnchen.  

Religiöse Tradition

Eine Buddhafigur, die über einem Altar im Tempel thront.
Ein Mönch vor einem Altar im Dachstock des Wohngebäudes. Der Mönch trägt die für den Theravada-Buddhismus typische Robe.
Detailaufnahme eines Altars im Ubosoth, auf der u. a. zahlreiche Buddhafiguren zu sehen sind.
 

Siddhartha Gautama, der spätere «Buddha», lebte nach allgemeiner Annahme im 6. oder 5. Jahrhundert v. u. Z. im nördlichen Vorderindien, nach neueren Forschungen jedoch zwischen dem 4. bis 5. Jahrhundert v. u. Z.

Buddha verstand seine Unterweisungen als «Lehre des Mittleren Weges»: Weder ein Lebenswandel in Lust und Ausschweifung, noch in Askese und Selbstquälerei führe zur Einsicht und Erleuchtung. Man soll sich von diesen Extremen fernhalten und in achtsamer und selbstloser Haltung sein Leben führen. Den indischen Gedanken der Wiedergeburt und der Karmalehre übernahm Buddha aus der brahmanischen Tradition seiner Zeit. Nach ihr unterliegen alle irdischen und «überirdischen» Wesen gleichermassen dem Gesetz der Vergeltung von Taten (Sanskrit «Karma», Pali «Kamma»). Das heisst, dass sowohl dieses als auch das nächste Leben durch gute oder böse Taten bestimmt wird und der Mensch in einem «Kreislauf der Geburten» (Samsara) gefangen ist. Aus der Grundauffassung der Vergänglichkeit alles Gewordenen ergibt sich, dass es weder ein überdauerndes Glück noch ein gleichbleibendes Selbst gibt. Deshalb zielt die buddhistische Lehre auf das Überwinden «irriger Vorstellungen» und des daraus entspringenden Unbefriedigtseins (dukkha) ab. 

Der vor allem in Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha verbreitete «südliche Buddhismus» ging aus einer ersten Spaltung innerhalb des Buddhismus hervor. Die Selbstbezeichnung dieser Bewegung lautet «Theravada», «Lehre der Ordensälteren». Ihre Anhänger beanspruchen, die Lehre so zu lehren, wie sie der Buddha gelehrt habe. Der Mahayana-Buddhismus («grosses Fahrzeug»), welcher um die abendländische Zeitenwende entstand, umfasst die Mehrheit der Buddhisten und ist heute in China, Vietnam, Korea und Japan verbreitet. Die Form des tibetischen Buddhismus, des so genannten «Vajrayana», findet sich in Tibet, Himalaya-Regionen und Zentralasien.

Ist im buddhistischen Bild der Buddha der «Arzt» und die Lehre das «Heilmittel», um das Leiden zu überwinden, so ist die buddhistische Gemeinschaft (Sangha) der «Betreuer» und «Pfleger». Dieser wendet das Heilmittel an und bewahrt die Lehre. Für die Theravadins gilt das Ideal des Mönchtums und des «Arhats», eines zu Lebzeiten erleuchteten, leidenschaftslosen Heiligen wohingegen im Mahayana aus Mitleid der «Eingang ins Nirvana» aufgeschoben werden soll, um als «Bodhisattva» andere Wesen auch zur Erleuchtung zu führen.

In den westlichen Klöstern wird versucht, die klösterlichen Traditionen Asiens soweit wie möglich fortzuführen. Dies schliesst jedoch Neuerungen nicht aus. Beispielsweise wird der auch für den thailändischen Buddhismus typische Almosengang hierzulande selten durchgeführt, da die Wege zu lang sind und er für das kulturelle Umfeld – noch – ungewohnt ist. Deshalb kommen in Gretzenbach die Laien ins Kloster, um den Mönchen dort Essen in ihre Schale zu geben. 

Zwei Grundformen buddhistischer Praxis lassen sich im Westen unterscheiden: Buddhisten aus asiatischen Ländern besuchen die Klöster und Tempel für Andachten, Belehrungen durch die Mönche und um zu spenden. Konvertierte (westliche) Buddhisten hingegen betonen das Studium der Texte und die Meditationsübung.

Weltweit leben gegen 400 Millionen Buddhisten, davon rund 1,5 Millionen in Europa. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die Religionszugehörigkeit zum Buddhismus die gleichzeitige Zugehörigkeit zu einer anderen Religion nicht ausschliesst; beispielsweise sehen sich rund 70 % der Japaner zugleich als Shintoisten und als Buddhisten. Gegenwärtig leben in der Schweiz um die 25'000 Buddhisten und Buddhistinnen, von denen die sehr grosse Mehrheit ausländischer Herkunft ist; viele von ihnen sind inzwischen eingebürgert. Es fällt auf, dass zwei Drittel der Buddhisten Frauen sind, auch der Anteil der 20- bis 39-Jährigen ist überdurchschnittlich hoch. Für viele der 10'000 Thai-Bürger und Bürgerinnen stellt das Wat in Gretzenbach eine religiös-kulturelle Heimat in der Fremde dar. 

Besonderheiten

Aufnahme einer Schulung von Jungen durch einen Mönch. Alle tragen die typische Robe.

Mit der buddhistischen Sonntagsschule will der Tempel seinen «Beitrag zur religiösen Bildung und Erziehung der buddhistischen Gemeinschaft in der Schweiz leisten». Neben Religion und buddhistischer Philosophie wird von Mönchen und Laienhelfern auch thailändische Kultur und Sprache an Kinder und Erwachsene unterrichtet. Auch Kurse in Obstschnitzerei oder Thai-Boxen werden angeboten.

Das Wat führt zudem ein zweiwöchiges Sommernoviziat mit Schulungen für Knaben und junge Männer durch. Die meisten von ihnen stammen aus Thaifamilien bzw. schweizerisch-thailändischen Mischehen.