Lage

Die Front der Synagoge an der Erikastrasse, einer Seitenstrasse der – verkehrsreichen – Weststrasse.

Zürich-Aussersihl. Durch die Weststrasse rollt fast ununterbrochen der Transitverkehr durch das ehemalige Arbeiterquartier. Hin und wieder begegnen uns ein paar Menschen in jüdisch-orthodoxer Kleidung, die Chassidim. Auf der Höhe der Erikastrasse fällt uns rechter Hand ein offenbar viel besuchtes Gebäude mit zwei Eingängen von den angrenzenden Strassen her auf: Die Synagoge der jüdischen Aschkenasim-Gemeinde Agudas Achim («Gemeinde der Brüder»). Der Eingang an der Weststrasse ist unauffällig gehalten. Er dient den Besucherinnen als Zugang zur «Esrat Nashim», der Frauenempore. Das zweite Portal, an der Ecke von Erika- und Weststrasse, ist der Männereingang. Er ist durch einen schlichten Betonvorsatz gedeckt, über dem zwei Tafeln in hebräischer Schrift die Zehn Gebote verkünden. Hohe Fenster steigen an den Gebäudefronten empor – aus Panzerglas, wie wir noch hören werden. Der schlichte, kubische Baustil gibt dem Gebetshaus das Aussehen eines Zweckbaus. Er muss einfach in der Nähe des Wohnortes seiner Benutzer liegen – auch wenn dies an der viel befahrenen Weststrasse ist.

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Die bunten und kugelsicheren Fenster an der Gebäudefront zur Erikastrasse. Im unteren und oberen Bereich sind in der Verkleidung zentrale Symbole des Judentums zu sehen: Davidsstern, Steintafeln mit den zehn Geboten und der siebenarmige Leuchter (Menora) Dieser steht für die sieben Tage der Schöpfung und den zerstörten Tempel in Jerusalem.
Detail der Fensterfront
Der Fraueneingang in der Weststrasse. Die Inschrift lautet «Haus Jakobs, kommt und lasst uns wandeln im Lichte Gottes» (Jesaja 2, 5).
Der Männereingang in der Erikastrasse. Die Inschrift lautet «Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnstätte, Israel» (4. Mose 24, 5).

Um die vorletzte Jahrhundertwende hatten sich in Zürich-Aussersihl orthodoxe Juden aus Polen, Russland und baltischen Staaten niedergelassen. Wirtschaftliche Not und Verfolgung hatten ihnen zumeist eine gute Ausbildung verunmöglicht. Eher einer schwachen sozialen Schicht angehörend, siedelten sie sich im Arbeiterquartier des Zürcher Kreises 4 an. An der Müllerstasse, der Dienerstrasse, der Kanzleistrasse, der Anwandstrasse und auch an der Erikastrasse richteten die Ostjuden im Lauf der Jahre Betlokale ein. 

Eli Rosengarten, der heutige Präsident der 1927 gegründeten Gemeinde Agudas Achim, erzählt: «Die Gemeinde war zersplittert, wir hatten keine richtige und eigene Infrastruktur als zentralen Punkt. (...) Auch konnten die einzelnen kleinen Betgruppen nicht immer das Quorum von 10 Männern besetzen, um einen Gottesdienst abzuhalten.» Rabbiner Mordechai Jaakow Breisch, der damalige geistige Führer der Gemeinschaft, hatte Mitte der 40er Jahre deshalb die Idee, ein zentrales Gemeindehaus mit Synagoge zu bauen.

Die Liegenschaft an der Erikastrasse 8 wurde schon 1921 erworben. Anstelle der heutigen Synagoge stand ein Mehrfamilienhaus. In ihm richtete die Gemeinde zunächst einen Betsaal, Schulzimmer für die Talmud-Thora-Schule und Wohnungen ein.

Gegen Ende der 1940er Jahre erarbeitete der Architekt Moritz Hauser ein neues Konzept. Dieses sah vor, durch den Zukauf angrenzender Liegenschaften die nötige Fläche für einen Neubau zu erhalten. Dem Zürcher Anwalt und Architekten Walter Sonanini gelang es 1955, die verschiedenen Liegenschaften des Gevierts Erika-, West- und Bremgartenstrasse zusammenzulegen und neu zu parzellieren. In der Folge konnte am 12. Oktober 1959 der Grundstein zur Synagoge gelegt werden.

Mit dem Bau beauftragte die Gemeinde Walter Sonanini. Sie machte ihm «bezüglich der Gestaltung und der formalen Ausbildung der Synagoge keinerlei Vorschriften», wie Ron Epstein in seinem Buch über «Die Synagogen der Schweiz» (2008, S. 180) unter Berufung auf den Architekten schreibt. Da im orthodoxen Judentum das Studium der Thora sehr wichtig ist, wurde neben dem Betsaal auch ein «Bet Midrasch» mit Bibliothek und Schulräumen gebaut. Sonanini baute auch das an die Synagoge anstossende Gebäude einer Textilfirma. 

Am 26. März 1960 wurde das Gemeindezentrum in seiner modernen Kastenform eingeweiht. Seither gab es keine grossen baulichen Veränderungen mehr. Nachdem jedoch in den 1980er Jahren bei Überfällen auf Synagogen in der Türkei, in Frankreich und in Belgien mehrere Menschen ums Leben gekommen waren, entschied sich die Gemeinde Agudas Achim, noch kugelsichere Fenster anzubringen. 

Gesicht zum Gebäude

Der Zürcher Eli Rosengarten ist seit 1998 Präsident der Gemeinde Agudas Achim.

Eli Rosengarten ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Nachdem er die Talmudhochschule in Luzern (heute in Kriens bei Luzern) besucht hatte, ging er für ein paar Jahre nach Israel in eine Jeschiwa, eine höhere Talmudschule, zur Gelehrten- und Rabbinerausbildung. Sich für die jüdische Gemeindearbeit zur Verfügung zu stellen, hat in seiner Familie Tradition, wie er erzählt: «Mein Grossvater war während der schwierigsten Zeit, von 1933 bis 1945 Präsident dieser Gemeinde, mein Onkel von 1965 bis 1977, und 1975 wurde ich selber in den Vorstand gewählt.» Der neunköpfige Vorstand ist unter anderem zuständig für die Finanzen, den Unterhalt des Gebäudes und die Kommunikation mit den Medien. Die Kultusangelegenheiten regelt ein eigenes Dreiergremium. Seit 1998 ist Rosengarten Präsident der Gemeinde Agudas Achim. 

Nachbarschaft und Konflikte

Die Synagoge liegt in einem belebten Viertel an der Weststrasse, einer verkehrsreichen Transitachse durch Zürich.
Ein Jude in traditioneller Kleidung vor der Synagoge.

Das Verhältnis zur Nachbarschaft bezeichnet Rosengarten als «reibungslos». Auch mit der Stadt und den Behörden habe es nie Probleme gegeben. Im Stadtkreis und darüber hinaus lässt sich ein konstantes Interesse feststellen: «Wir haben oft Synagogenführungen mit jeweils 40 bis 50 Besuchern.»

Steinwürfe auf das Gebäude habe es früher etwa alle zwei Jahre einmal gegeben. «Doch seit Sicherheitsfenster montiert sind, kann man mit einem Stein fast nichts mehr kaputt machen.» Auch antijüdische Schmierereien habe es ab und zu gegeben, aber höchstens vier Mal, seit er Präsident sei. Und er fügt an: «Aber das muss ja nicht unbedingt aus der Umgebung sein.» 

«Weniger als das Gebäude werden die Leute rundherum wahrgenommen, gerade an einem Sabbat», ist Rosengartens Eindruck. «Die Autofahrer, die durch diese Durchgangsstrasse fahren, schauen natürlich, wenn sie die schwarzgekleideten Juden sehen, die auch noch Pelzmützen tragen – die Chassidim (...) Aber nicht negativ, es ist Neugier.»

Doch die Geschichte der Synagoge an der Erikastrasse kennt auch düstere Kapitel. Am 7. Juni 2001 wurde der 71-jährige Rabbiner Abraham Grünbaum auf seinem Weg zur Synagoge auf offener Strasse erschossen. Der Israeli war an seiner Kleidung als orthodoxer Jude erkennbar. Der Täter konnte nie ermittelt werden (Stand 2009). Ein weiterer Vorfall von vermutlich antisemitischer Gewalt ereignete sich am 13. Februar 2008: Ein Gemeindemitglied wurde ebenfalls in der Nähe der Synagoge mit dem Messer attackiert und dabei am Hals verletzt – glücklicherweise nur leicht. 

Religiöse Tradition

Blick in den Betsaal. Hier sitzen die Männer. In der Mitte die Bimah, eine Art Plattform mit einem Pult, von dem aus die Thora verlesen wird.
Der Betsaal aus anderer Perspektive. Links der Thoraschrein, in dem die Thorarollen aufbewahrt werden. Rechts oben ist ein Teil der Frauenempore («Esrat Nashim») zu sehen. Im orthodoxen und konservativen Judentum sitzen Männer und Frauen im Gottesdienst getrennt voneinander.
Im Vordergrund das Pult zum Vorlesen der Thora, die Bimah, im Hintergrund der Thoraschrein. Über dem kunstvoll bestickten Stoffvorhand sind in typischer Darstellung auf zwei nachgebildeten Steinplatten die zehn Gebote wiedergegeben.
Die Talmudschule, die im oberen Stockwerk des Gebäudes untergebracht ist.
Das «Koscher City» ist ein Supermarkt, in dem nur Waren verkauft werden, die nach den jüdischen Speisevorschriften hergestellt wurden. Das Geschäft befindet sich in der Nähe der Synagoge an der Weststrasse.
 

«Israelit» oder «Hebräer» lautet die ursprüngliche jüdische Selbstbezeichnung des Volkes Israel bis zum Babylonischen Exil (6. Jahrhundert v. u. Z.). Die Bezeichnung «Jude», auf alle Angehörigen des Volks angewandt, geht auf die führende Stellung Judäas nach dem Exil zurück.

Als Jude gilt, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach orthodoxer Norm zur jüdischen Religion konvertiert hat. Bis zur Aufklärung wurden Nationalität und Religion stark verschränkt. Während heute liberalere Ausprägungen das Judentum ausschliesslich als Religion verstehen, stellen zionistische Richtungen den nationalen Aspekt in den Vordergrund. 

Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine Vielzahl von Bewegungen: Orthodoxe Strömungen suchten auf die Herausforderungen der Moderne eine Antwort, welche die veränderten Lebensumstände berücksichtigt und es zugleich erlaubt, die religiösen Gebote und Traditionen beizubehalten. Das konservative Judentum versuchte einen mittleren Weg zu beschreiten, indem es auf vorsichtige Weise den Wandel der Tradition befürwortet. Liberale Bewegungen begegneten der Moderne durch Reformen, wie z. B. der Gleichstellung der Geschlechter. In einer liberalen Gemeinde können also Rabbinerinnen und Kantorinnen den Gottesdienst leiten. Weitere Strömungen sind die etwa die amerikanischen «Reconstructionists», die den Gottesbegriff durch den Begriff des jüdischen «Volkstums» (peoplehood) ersetzen, oder die Chabad, die mystische Elemente aufweist. Diese Bewegungen unterscheiden sich sowohl im Kultus als auch in ihrer Haltung zu gesellschaftspolitischen Fragen. 

Nach jüdischer Glaubenslehre hat Gott mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen und diesem seine Weisung (Thora) gegeben. Diese Weisung, verstanden als Gottes Wille, wird konkret in den 613 Mitzwot, den 365 Verboten und 248 Geboten, die sich in der Bibel finden. Die Bereitschaft nach Gottes Willen zu handeln, bildet das Zentrum jüdischer Existenz. Folglich werden Lebenspraxis und Verhaltenslehre stärker betont als die Glaubenslehre. Dies führte zu einem kontinuierlichen Nachdenken über «Gottes Weisungen», das u. a. im Talmud seinen Niederschlag gefunden hat. Der Talmud umfasst eine Sammlung der Diskussionen über die Auslegung und Anwendung der biblischen Gesetze sowie zahlreicher weiterer Themen und Fragen, die von den Rabbinern anfänglich in den Lehrhäusern Jerusalems und Babylons geführt und über Jahrhunderte fortgesetzt wurden. Das jüdische Gesetz, die «Halacha», ist eng verbunden mit der rabbinischen Auslegepraxis, welche die sich verändernden Lebensbedingungen fortlaufend einbezieht. Zu den Glaubensvorstellungen gehört auch die Verheissung eines kommenden davidischen Königs, des «Gesalbten» (Messias). Sie wird verbunden mit der Hoffnung auf eine Zeit des allumfassenden Friedens und der Herrschaft Gottes.

Bis zur Neuzeit entwickelten sich die jüdischen Gemeinden Osteuropas zu den zahlenmässig bedeutendsten jüdischen Siedlungszentren. Diese «Ostjuden», die Aschkenasim, haben das Bild des Judentums stark geprägt. In Westeuropa war dieses Bild oft mit negativen Vorurteilen verbunden. 

In der Schweiz bilden Jüdinnen und Juden die älteste nichtchristliche Religionsgemeinschaft. Bereits für die römische Epoche ist ihre Anwesenheit durch archäologische Funde bezeugt. Im 13. Jahrhundert entstanden jüdische Gemeinden in Luzern, Bern, St. Gallen und Zürich. Wie im übrigen Europa wurden sie auch hierzulande in vielfacher Hinsicht diskriminiert. Sie mussten einen speziellen Hut tragen, durften kein Handwerk ausüben und waren gesetzlich dazu verpflichtet, den für Christen nicht erlaubten Geldverleih zu betreiben. Während des Zweiten Weltkrieges war die Flüchtlingspolitik der Schweizer Behörden stark abweisend, Flüchtlinge die dennoch in der Schweiz Asyl fanden (ca. 25'000), wurden in Arbeitslagern interniert.

Die Synagoge an der Erikastrasse wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Zentrum der chassidischen Juden in Zürich. Die Gemeinde ist laut ihrem Präsidenten Eli Rosengarten in den letzen Jahrzehnten insgesamt leicht gewachsen und zählt heute rund 320 Familien. Auch manche der jüngeren Orthodoxen besinnen sich seit den sechziger Jahren auf ihre chassidischen Wurzeln und tragen traditionelle Tracht, Schläfenlocken und Bärte. 

Von allen Religionsgruppen in der Schweiz haben Jüdinnen und Juden mit 42,7 % den höchsten Anteil von Personen mit tertiärer Ausbildung (Gesamtbevölkerung: 19,2 %). Das Schweizer Judentum ist städtisch geprägt, alleine die Gemeinden in Zürich und Genf machen 42 % der zurzeit knapp 18'000 Menschen mit jüdischer Religionszugehörigkeit aus. Vier Fünftel davon (78,8 %) sind Schweizer Bürger. Seit dem Ersten Weltkrieg hat ihre Zahl sowohl relativ als auch absolut abgenommen. Weltweit zählt man 13,3 Millionen Juden und Jüdinnen, die meisten von ihnen (10,7 Millionen) leben in den USA und in Israel.