Lage

In der Allmendstrasse wird zwischen den Dächern der Häuser der Tempel sichtbar.

Angekommen am Bahnhof der Berner Vorortsgemeinde Zollikofen, sieht der Besucher zunächst Alltagsarchitektur. Wir marschieren Richtung Bern und nehmen nach etwa 200 Metern die Kirchlindachstrasse. Bald erhebt sich über der Silhouette eines Zollikofener Wohnviertels ein schlanker, gestufter, nach oben schmaler werdender weisser Turm, auf dessen Spitze etwas Goldenes schimmert. Auf der Höhe der Allmend- und der Tempelstrasse zeigt sich schliesslich ein heller, moderner kirchenähnlicher Bau, umgürtet von einem akribisch gepflegten Park mit stattlichen Bäumen und kunstvoll gestalteten Blumenbeeten. Nun wird auch erkennbar, dass die goldene Turmfigur einen Engel darstellt. Vor dem satten Dunkelgrün des «Buchsiwaldes» (wie das Grundstück des Tempels zur Gemeinde Münchenbuchsee gehörig) hebt sich der helle Tempel markant ab, fügt sich aber zusammen mit dem Park schön in die Landschaft ein. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

In der Schweiz wurde 1955 der erste Tempel der Kirche ausserhalb Nordamerikas fertig gestellt.
Der Tempel in der Seitenansicht. Die Architektur der Tempel folgt keinem einheitlichen Stil. Typisch ist aber das weisse Äussere und eine Parkanlage um den Tempel und die angeschlossenen Gemeindezentren.

«Die Entscheidung, einen Tempel in der Schweiz zu bauen fiel am 17. April 1952 durch einen Beschluss der Ersten Präsidentschaft und des ‹Rates der zwölf Apostel› in Salt Lake City [Utah, USA]», berichtet Peter Gysler. Zwei Monate später reiste der damalige Präsident der Kirche, David O. McKay, in die Schweiz, um Baugrundstücke zu besichtigen. Der Architekt der Kirche in Salt Lake City, Edwin O. Andersen, wurde mit der Planung beauftragt. Nachdem im November 1952 ein Grundstück auf dem Gemeindeboden von Münchenbuchsee gekauft worden war, überarbeitete man die bereits vorhandenen Baupläne, um sie den gesetzlichen Bestimmungen der Schweiz anzupassen.

Als das Projekt ausgeschrieben wurde, kam Opposition auf, laut Gysler vor allem von Seiten der evangelisch-reformierten Landeskirche: «Niemand von den direkten Nachbarn hat Einspruch erhoben. Alle, die Einsprachen erhoben haben, hatten keinen Landanstoss. Also wurden sie abgelehnt. Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob die Kirche überhaupt Land erwerben dürfe. Von der rechtlichen Form her, die wir haben, war das durchaus möglich.» 

Gysler hat Erklärungen für diese Bedenken: «Damals hatte die Kirche nur 1,2 Millionen Mitglieder. Viele betrachteten diese Kirche vielleicht als ‹komische Sekte›. Damit kamen natürlich von der Landeskirche gewisse Befürchtungen, man wusste nicht so recht, mit wem man es zu tun hatte. Unterdessen haben sie gesehen, dass wir ganz normale Leute sind. Diese Ängste sind längst fort.» Bis zur definitiven Baubewilligung waren noch einige technische Fragen zu klären, beispielsweise musste eine Strasse geschlossen werden, die durch das Kirchengrundstück führte. Am 2. Juli 1953 wurde die Baubewilligung erteilt, noch im selben Jahr konnte David O. McKay den ersten Spatenstich tun. Zwei Jahre später, im August 1955, war der Tempel fertig. An «Tagen der offenen Tür» konnte die Öffentlichkeit das Gebäude von innen besichtigen. Seither war dies für Nichtmitglieder nur noch einmal möglich: im Oktober 1992 nach einer grossen Renovation. Die eigentlichen Einweihungsfeierlichkeiten fanden vom 11. bis 15. September 1955 statt, wiederum im Beisein des Präsidenten der Kirche und von fünf «Aposteln». Für die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist ein Tempel das «Haus des Herrn» und der «heiligste Ort auf Erden». Hier sollen sie «heilsbringende Handlungen» erfahren. 

Gesichter zum Gebäude

Peter Gysler wurde mit 27 Jahren Bischof der Gemeinde von Winterthur. Heute ist er u. a. Öffentlichkeitsbeauftragter der Kirche.
Louis Weidmann ist Pfahlpräsident des Pfahles Bern und Vereinspräsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Louis Weidmann ist Vereinspräsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage der Schweiz und damit in weltlichen Belangen ihr Vertreter nach aussen. Innerkirchlich ist er hingegen der «Pfahlpräsident» des «Pfahles Bern» (die Kirche wird nach «Pfählen» organisiert - in der Schweiz zählt man deren fünf). Als solcher betreut Weidmann innerhalb jenes Bezirkes die Gemeindevorsteher («Bischöfe»). Beruflich leitet er eine medizintechnische Handelsfirma.

Peter Gysler ist Öffentlichkeitsbeauftragter der Kirche. Mit 27 Jahren wurde er «Bischof» der Gemeinde von Winterthur, danach «Pfahlpräsident» des «Pfahls Zürich». Heute hat er die Stellung eines «Patriarchen» inne. Dieser kann Mitgliedern der Kirche einen Segen spenden. 

Nachbarschaft und Konflikte

Wie nahe die Anlage in die Umgebung eingebunden ist, zeigt diese Aufnahme, die vom Eingang des Tempels aus aufgenommen ist.
Wie in anderen Orten auch gelten die Mormonentempel mittlerweile oft als lokale Sehenswürdigkeiten.

Das Misstrauen aus der Bauzeit scheint sich gelegt zu haben. Wie Vereinspräsident Weidmann erzählt, kommt es jetzt vor, dass ein Pfarrer aus der Umgebung mit einer Erwachsenengruppe die Tempelanlage mit Park und das Gemeindehaus (dieses kann, im Gegensatz zum Tempel, auch im Innern besichtigt werden) besucht. «Man ist offen miteinander, man redet miteinander, und ich glaube, von dem her haben wir ein sehr gutes Verhältnis mit örtlichen, politischen, als auch mit ‹religiösen Nachbarn›.» Zu berichten weiss er auch, dass wegen eines Tempelbauprojektes in der Gegend von Frankfurt vor einigen Jahren deutsche Behördenvertreter nach Zollikofen gekommen seien, um sich bei den lokalen Behörden über eventuelle Probleme mit der Gemeinschaft zu informieren. Diese hätten jedoch versichert, dass keine Probleme bestehen und die Gemeindemitglieder friedliche Leute seinen. 

Gysler bedauert, dass die Kirche Jesu Chrsti der Heiligen der Letzten Tage immer noch von vielen mit Polygamie in Verbindung gebracht werde, obwohl die Vielehe bereits 1890 offiziell abgeschafft wurde. Doch hat er lokal auch erfreuliche Erfahrungen zu berichten: So habe die Verkäuferin einer Bäckerei in Zollikofen gesagt: «Zollikofen hat sogar ein Wahrzeichen. In Zollikofen steht ein Mormonentempel.» Dass die Kirche zwar nach Zollikofen hin orientiert ist, genau besehen jedoch auf Boden der Nachbargemeinde Münchenbuchsee steht, spielt dabei keine Rolle. 

Religiöse Tradition

Der Eingang zum Tempel. Über der Tür steht zu lesen:
«Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage // Heilig dem Herrn das Haus des Herrn»
Taufraum mit Taufbecken. In diesem Raum werden stellvertretende Taufen für (verstorbene) Ahnen zelebriert. Durch sie können auch Verstorbene in die Gemeinschaft der «Heiligen der Letzten Tage» aufgenommen werden. Die Stiere im Fuss des Taufbeckens symbolisieren die Stämme Israels.
Der wie der gesamte Tempel prächtig ausgestattete «Celestial Room» (himmlischer Raum), den es in jedem Tempel gibt, dient der Kontemplation während des Tempelaufenthaltes. Nach der Tempelweihe darf das Innere des Tempels nur von Mitgliedern der Kirche betreten werden.
 

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wurde von Joseph Smith 1830 in Fayette (New York) gegründet. Die Fremdbezeichnung «Mormonen» stammt vom «Buch Mormon» («The Book of Mormon another Testament of Jesus Christ»), das für die Gemeinschaft den Status einer heiligen Schrift hat: Nach dem Glauben der Kirche gewährte der «Engel Moroni», dem späteren Gründer Joseph Smith in mehreren Visionen den Zugang zu den Schriften, welche in «reformägyptischer» Sprache auf «Goldplatten» verzeichnet gewesen seien. Das Buch Mormon sei eine englische Übersetzung davon. Neben diesem und der Bibel beruft sich die Kirche auf die «Lehre und Bündnisse», eine Sammlung «neuerer Offenbarungen», die ebenfalls durch Joseph Smith zustande kam. Alle drei gelten gleichermassen als «Heilige Schriften».

Die von Joseph Smith 1843 eingeführte Mehrehe wurde 1890 vom damaligen Präsidenten Wilford Woodruff, offiziell abgeschafft. Laut der kircheneigenen Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit in Europa wird ein Mitglied, das die Mehrehe praktiziert, exkommuniziert. Einzelne Abspaltungen der Kirche, wie die «Apostolic United Brethren» («Allred Group») und die «Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» (so der offizielle Name) um Warren Jeffs sorgen jedoch wiederholt für Schlagzeilen über praktizierte Polygamie (genauer Polygynie). Deshalb ist das Klischee der polygamen Mormonen immer noch verbreitet. 

Die Lehre der Kirche geht davon aus, dass Jesus Christus «unter der Leitung des Himmlischen Vaters» die Erde schuf und dass er nach der «Wiederherstellung der Zehn Stämme» und der «Errichtung von Zion» (dem «neuen Jerusalem») auf dem amerikanischen Kontinent persönlich auf der Erde regieren werde. Weiter glaubt man an die «Präexistenz» des Menschen als «Geistkinder Gottes», die auf Erden einen Körper erhalten haben. Im irdischen Leben kann sich der Mensch durch Beachtung der Gebote Gottes darauf vorbereiten, nach dem Tod als verherrlichtes Wesen zu seinem Himmlischen Vater zurückzukehren.

Für diese Entwicklung sind die im Tempel stattfindenden Belehrungen und Rituale von zentraler Bedeutung. Die Krönung der heiligen Handlungen ist das «Sakrament der Eheschliessung», auch «Siegelung» genannt, die eine «über den Tod hinausreichende, ewige Verbindung» der gesamten Familie zum Ziel hat. Eheschliessungen werden deshalb auch stellvertretend für Ahnen gemacht, die «nur» auf herkömmliche Weise getraut wurden. Analog dazu werden auch «stellvertretende Taufen» zelebriert. Durch sie können auch Verstorbene in die Gemeinschaft der «Heiligen der Letzten Tage» aufgenommen werden. Aus diesem Grund nimmt, die Genealogie (Ahnenforschung) bei der Gemeinschaft einen wichtigen Platz ein. 

Das Priesteramt und damit auch Führungsaufgaben können in der Kirche Jesu Christi der Heiligen de Letzten Tage ausschliesslich Männer übernehmen. An der Spitze der Hierarchie stehen die «Generalautoritäten», bestehend aus dem «Präsidenten und Propheten» Thomas S. Monson (seit Februar 2008), seinen beiden Ratgebern und dem «Kollegium der Zwölf Apostel». Ein System von Präsidenten, Beratern und zugeordneten Gremien wiederholt sich auf den nachfolgend tieferen hierarchischen Stufen, die für unterschiedlich grosse geographische Räume zuständig sind. Die Familie wird dabei als «Grundeinheit» der Kirche gesehen.

Die Kirche ist eifrig missionarisch tätig. Zurzeit sind schätzungsweise 52'000 Missionare unterwegs. Jeder männliche Mormone sollte mindestens zwei Jahre lang missionarisch aktiv sein. Weltweit umfasst die Kirche nach eigener Zählung über 14 Millionen Mitglieder, 8'000 von ihnen leben in der Schweiz. 

Besonderheiten

Der goldene Engel Moroni auf der Spitze des Tempelturms. Nach dem Glauben der Gemeinschaft zeigte er dem Gründer Joseph Smith die beschriebenen Goldplatten, deren Inhalt das Buch Mormon bildete.

2005, fünfzig Jahre nach seiner Einweihung erfuhr der Tempel in Münchenbuchsee eine kleine, aber markante Veränderung: Am 7. September wurde eine goldene, vier Meter hohe Statue des Engels Moroni auf die Turmspitze gesetzt. So ist der mormonische Offenbarungsvermittler weithin sichtbar.

Ausserdem befindet sich beim Tempel in Münchenbuchsee ein Zentrum für Genealogie, dessen Arbeitsplätze und Mikrofilmarchiv auch Aussenstehenden zur freien Verfügung stehen. Die Genealogische Gesellschaft Utah, für die weltweit rund 100 Forschungsteams unterwegs sind, hat in den letzten 40 Jahren die Namen von mehr als zwei Milliarden Verstorbener aufgenommen. Für deren Aufbewahrung wurde in den Rocky Mountains ein atombombensichereres Archiv gebaut. Laut der Eigendarstellung ist es das grösste Genealogie-Archiv der Welt.