Lage

Ein Schild weist in lateinischen und armenischen Buchstaben die Richtung zum armenischen Zentrum.
Die Steine der Kirchenfassade sind gemäß der Tradition aus Tuff, d. h. vulkanischem Gestein. Über dem Portal befindet sich das armenisches Kreuz.

Mit dem Bus 45 fahren wir nach Troinex, einem kleinen Vorort von Genf. Von der Haltestelle Les Crêts gehen wir auf der Route de Troinex etwas zurück Richtung Genf. Bäume in rosa-weisser Blütenpracht umringen eine zierliche, an strahlenden Sommertagen weiss leuchtende Kirche mit einem verhältnismässig niedrigen, jedoch umfangreichen 16-eckigen Turm. Dieser ragt aus der Mitte des kreuzförmigen Unterbaus der Kirche heraus. An der Spitze seines gefalteten Daches steht ein hellgraues Kreuz, an den vier Enden leicht verdickt und rundlich eingekerbt. Welcher Kirchenarchitekturstil steht hinter dieser schönen Kirche? 

Bald wird klar, dass wir vor dem sichtbarsten Zeichen armenischer Präsenz in der Schweiz stehen: der Kirche Surp Hagop, auf Deutsch Heiliger Jakob. Sie wurde im klassischen Stil der armenischen Kirchenarchitektur errichtet. Als deren Vorbild dient die im 6. Jahrhundert gebaute Kirche der Heiligen Haripsime von Etschmiadsin westlich von Eriwan. Für die Fassade wurden auch in Troinex der Tradition gemäss vulkanische Tuffsteine verwendet. Dr. Abel Manoukian, der Pfarrer der armenischen Gemeinde, erklärt: «Das ist sehr üblich. Man wollte so der Heimat und der armenischen Architektur näher kommen.»

Am Vorplatz des Kirchenportals sehen wir rechterhand ein Mahnmal, das an den Genozid am armenischen Volk erinnert. Hinter der Kirche findet sich das Centre Armenien de Genève. Es weist eine kubisch-abgestufte Form auf und fügt sich mit seinem erdig-dunklem Rot passend in die eher ländliche Umgebung. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Ein Ausschnitt der Fassade.
Der 16-eckige Turm mit gefaltetem Dach ragt aus dem kreuzförmigen Unterbau der Kirche.

Abel Manoukian erzählt: «Unsere Gemeinde hat eine über 100-jährige Geschichte hier in der Schweiz.» Am Ende des 19. Jahrhunderts seien vor allem Studenten aus Russland und der Türkei für ihr Studium in die Schweiz gekommen. Nach den Jahren des Genozids an Armeniern im Osten des Osmanischen Reiches kam es am 21. Juni 1921 zur Gründung der Gesellschaft «Le Foyer Arménien», die 1922 von Begnins nach Genf verlegt wurde.

Ab 1925 feierten Armenier in Genf in einem Saal die ersten Liturgien. Ein kleiner Kirchenrat, unter der Führung von Setrak Papazian organisierte die heiligen Messen, die anfänglich jedoch nur zu Weihnachten und Ostern gefeiert wurden. Dafür wurde eigens ein beweglicher Altar konstruiert. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten erneut Armenier aus Libanon, Iran, der Türkei und Syrien Zuflucht in der Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die armenische Gemeinde in der Schweiz etwa 300 Personen. Mit der Zeit wuchs der Wunsch nach einer eigene Kirche immer mehr. 1960 entstand so das Projekt eines Kirchenneubaus. Der reiche Kaufmann Hagop Topalian (1897-1985), der damals in Italien lebte, stellte in jenem Jahr zum Andenken an seine Eltern rund 480'000 Franken für den Kirchenbau zur Verfügung. Seine Bedingung dafür war, dass die Armenier der Schweiz für Bauland, Innenausstattung und Unterhalt der Kirche aufkämen. 1967 begann man im Auftrag des Katholikos Vazken I. mit dem Bau der Kirche, die am 14. September 1969 durch den Erzbischof von Paris, Serovpé Manoukian, eingeweiht wurde. 

Gesicht zum Gebäude

Dr. Abel Manoukian, Pfarrer von Surp Hagop.

Dr. Abel Manoukian wurde 1959 in Beirut geboren und studierte in Armenien und in Wien Theologie. Seit 1995 ist er Pfarrer der armenischen Gemeinde in der Schweiz. Des Weiteren ist er der Präsident des Kirchenvorstandes, dessen Aufgaben vor allem in finanziellen Angelegenheiten liegen. Über seine eigene Tätigkeit sagt Manoukian: «Ich übernehme hauptsächlich moralische und seelische, geistige Aufgaben.» 

Nachbarschaft und Konflikte

Die armenische Kirche liegt an der Route de Troinex, der Hauptstrasse des Ortes.

Pfarrer Manoukian hält fest, dass die armenische Gemeinde in der Schweiz gut integriert sei. «Stellen Sie sich vor, wenn eine Gemeinde eine Geschichte von mehr als 100 Jahren hat, dann wurden die meisten hier geboren, sind hier aufgewachsen und auch zur Schule gegangen.» Die Beziehungen zur Nachbarschaft bezeichnet Manoukian als «sehr gut». Genauso gut sei das Verhältnis zur reformierten, zur evangelischen und auch zur katholischen Kirche. Manchmal kämen die Nachbarn auch in die Kirche: «Wir sagen nie, die armenische Kirche sei nur für die Armenier hier. Wenn sie in der Kirche beten wollen oder wenn wir ein Fest feiern und sie daran teilnehmen wollen, so steht es ihnen frei.» 

Religiöse Tradition

Blick in die Kuppel der Kirche.
Das Taufbecken.
Eine Bibel in armenischer Sprache.
Die Ikone der Theotokos («Gottesgebärerin») befindet sich hinter dem Altar.

Die armenische Kirche ist eine der ältesten christlichen Traditionen. Ähnlich wie die ebenfalls sehr alte koptische Kirche zählt sie nicht zur Familie der orthodoxen Kirchen im engeren Sinn. Gelegentlich wird sie armenisch-apostolisch genannt, weil der kirchlichen Tradition nach die Jesusjünger Bartholomäus und Thaddäus als erste das Christentum in das bergige Hochland um den Berg Ararat gebracht haben sollen. Verbürgt ist, dass sich um das Jahr 300 König Trdat (Tiridates) III. vom Armenier-Apostel Gregor, dem «Erleuchter», taufen liess und damit zum ersten Mal überhaupt das Christentum in einem Land Staatsreligion wurde. Gregor selber wurde kurz danach von König, Adel und Heer zum Katholikos, zum Oberhaupt der armenischen Kirche, gewählt, weshalb die Kirche bisweilen auch als armenisch-gregorianisch bezeichnet wird. 

Die armenische Kirche ist eng mit dem Volks- und Nationalbewusstsein der Armenier verbunden: Nur Armenier können Mitglied sein. Verbreitet war sie in früheren Jahrhunderten weit über das Gebiet des heutigen Staates Armenien hinaus, insbesondere in weiten Gebieten der östlichen Türkei. Die politische Lage wirkte sich stets entsprechend stark auch auf die Kirche aus. Mit den Massakern von 1895 und dem Genozid 1915-18 erlosch die armenische Kultur im Gebiet der heutigen Osttürkei praktisch vollständig, in abgelegenen Bergtälern verfallen Ruinen ihrer Kirchen.

Wie die Kopten und die «Jakobiten» der syrisch-orthodoxen Kirche nahmen die Armenier die Beschlüsse des Konzils von Chalcedon (451) nicht an und hielten an der Lehre fest, dass in der Person Jesu Christi einzig eine göttliche Natur sei, nicht zugleich eine menschliche, wie es die byzantinische Reichskirche sah. Bereits um 400 n. Chr. entwickelt der Mönch Mesrop ein eigenes armenisches Alphabet, Grundlage für die Bibelübersetzung durch Mesrop und den Katholikos Sahak ins Armenische sowie für eine reiche Literatur in den folgenden Jahrhunderten. 

Die armenische Kirche kennt sowohl unverheiratete Priester, genannt Vardapet («Lehrer»), aus deren Reihen in der Regel die Bischöfe gewählt werden, als auch verheiratete (im Gemeindedienst). Die Liturgie wird im Altarmenisch des 5. Jahrhunderts gefeiert und erlaubt − im Gegensatz zu anderen orthodoxen Kirchen − auch den Gebrauch von Orgel oder Harmonium. Das Kirchenjahr richtet sich nach dem julianischen Kalender. Die Geburt Christi wird am Epiphaniastag (6. Januar) gefeiert.

Die innere Struktur der armenischen Kirche ist komplex. So wurde der Sitz des Katholikos mehrfach verlegt. Seit 1441 ist er in Etschmiadsin in Armenien, rund 20 Kilometer westlich der Hauptstadt Eriwan. Ein zweiter Katholikos residiert in Antalias (Libanon) als Autorität für rund 600'000 Gläubige in den Ländern am östlichen Mittelmeer. In Istanbul und Jerusalem bestehen kleinere, ebenfalls selbständige Patriarchate. Durch Kontakte mit Kreuzfahrern kam es im 12./13. Jahrhundert zur vorübergehenden Union mit der römisch-katholischen Kirche. Die heutige mit Rom unierte Armenisch-katholische Kirche besteht aber erst seit 1740 und umfasst nur rund 100'000 Mitglieder. 

Die armenisch-apostolische Kirche zählt rund 3,2 Millionen Mitglieder in Armenien, gegen 1 Million in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens und rund eine halbe Millionen in der vorwiegend westlichen Diaspora (v. a. USA). Der «Oberste Patriarch und Katholikos aller Armenier» ist seit 1999 Karekin II. Nersissian.

Die armenische Gemeinde in der Schweiz trägt den Namen Surp Hagop, Heiliger Jakob. Sie untersteht dem Patriarchaldelegaten für Westeuropa mit Sitz in Paris. Heute zählt die armenische Gemeinde in der Schweiz ca. 5000 Personen. 

Besonderheiten

Das Centre Arménien de Genève in der Nachbarschaft der Kirche mit seiner roten Fassade.
In der «Ecole Topalian» werden seit 1994 Kinder in armenischer Sprache, Geschichte und Religion unterrichtet.

Als in den 1980er Jahren die Zahl der Armenier in der Schweiz weiter wuchs, entschied die Stiftung St-Grégoire l'Illuminateur, die auch Besitzerin der Kirche ist, auf demselben Grundstück ein armenisches Kulturzentrum zu bauen. Nach mehreren Jahre war schliesslich das nötige Geld für den Bau beisammen, der 1991 eingeweiht wurde. 

Das Centre Arménien hat sich zum Ziel gesetzt, (kollektive oder individuelle) «kulturelle oder humanitäre Projekte für das Überleben und die Entwicklung des armenischen Volkes moralisch und materiell zu unterstützen». In ihm ist seit 1994 auch die «Ecole Topalian» untergebracht, in der Kinder in armenischer Sprache, Geschichte und Religion unterrichtet werden. Ausserdem verfügt das Zentrum über eine Bibliothek, Aufenthalts- und Konferenzräume, einen Mehrzwecksaal und einen Kiosk.