Lage

Blick von der Kirche ins Surental.

Im Herzen der Schweiz befindet sich die kleine Gemeinde Triengen mit rund 4400 Einwohnern. Seit kurzem weist Triengen neben seinen Naturschönheiten auch eine architektonische Sehenswürdigkeit auf: die einzige mazedonisch-orthodoxe Kirche der Schweiz.

Das im traditionellen Stil gebaute Gebäude mit dem frei stehenden Glockenturm befindet sich an der Nahtstelle von Arbeitszone, Wohngebiet und den Wiesen des idyllischen Surentals. Spaziergängern, die sich Triengen auf dem Feldweg von Norden her nähern, fällt das untypische Kirchlein, das sich unaufdringlich in die Landschaft einfügt, schon von weitem auf. Zugleich ist es für Gemeindemitglieder aus der ganzen Schweiz gut erreichbar mit der nahe gelegenen Autobahn oder den öffentlichen Verkehrsmitteln.  

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Das von Ljupco Gjorgjiev entworfene Modell des Vorprojekts.
Blick auf die südliche Kirchenfassade.
Das gestufte Dach mit Kuppel.
 

Seit den 1980er Jahren war die Zahl mazedonisch-orthodoxer Personen in der Schweiz stetig gewachsen und somit auch die Nachfrage nach einer eigenen Kirche. Venko Stoicov, der Sekretär der Kirchgemeinde in Triengen, sagt: «Wir schätzen, es sind 10 000 bis 15 000, und die bleiben in der Schweiz und brauchen eine Kirche.» Bereits im Jahre 1992 entstand eine mazedonisch-orthodoxe Kirchgemeinde, benannt nach dem Hl. Naum von Ohrid. Der gemeinsame Wunsch nach einer Kirche, in welcher die Gemeinde zusammenkommen und ihren Glauben praktizieren kann, wuchs. Bis sich die Idee eines eigenen Kirchenbaus jedoch verwirklichen konnte, verstrichen sieben Jahre.

In einer Gemeindeversammlung 1999 schlug der Kirchenvorstand das Projekt eines eigenen Kirchenbaus vor. Diese Idee wurde von der gesamten Kirchgemeinde unterstützt. Noch im Jahre 1999 besichtigte die Gemeinde das Bauland und erwarb es im folgenden Jahr. 

Der Baubeginn der Kirche liess jedoch noch weitere sieben Jahre auf sich warten. Ein Teil davon ist der Suche nach einem mehrheitsfähigen Projekt zuzuschreiben. Im Jahr 2003 arbeitete der Baarer Architekt Ljupco Gjorgjiev das erste vollständige Projekt aus. Gjiorgjiev liess sich dabei von der Kirchenbautradition seines Heimatlandes Mazedonien inspirieren, interpretierte sie jedoch neu im Stil der in der Schweiz üblichen modernen Architektur. So behielt er etwa den kreuzförmigen Grundriss und die Hauptkuppel bei, wählte für die übrigen Gebäudeteile jedoch kubische Formen. Die Gemeinde Triengen stand dem diesem Entwurf offen gegenüber, wie Gemeindeschreiber Armin Wyss sagt. Aus den Reihen der mazedonischen Kirchgemeinde wurden jedoch mit der Zeit immer mehr kritische Stimmen laut. 

Der Vorstand liess daraufhin vom Architekten und Regierungsberater Todor Paskali in Mazedonien einen neuen Entwurf anfertigen, der sich von den Formen her ganz an klassischen Vorbildern orientiert. Dieser Entwurf wurde nach der Genehmigung durch die Baubehörden schliesslich vom Architekten Marjan Cvetkovic, Wald/ZH, in den Details ausgearbeitet und von Architekt Rudolf Bucher, Schenkon/LU, ausgeführt. Damit sich die Kirche ins Ortsbild einfügt, wurde sie nicht, wie es mazedonischen Vorbildern entspräche, in Naturstein gehalten, sondern aus weiss verputztem Beton errichtet. Gemeindeschreiber Wyss findet auch das traditionelle Erscheinungsbild unproblematisch: «Es sieht gut aus, es wird gelobt, von der Bevölkerung kommt kein namhafter Widerstand.» Zufrieden ist auch die mazedonische Gemeinde. Ihr Sekretär Venko Stoicov sagt stolz: «Sie hat alle Merkmale von unserer Religion, wie der Kreuzgrundriss mit Kuppel, das ist alles symbolisch für unsere Kirche.»

Unterstützung erfuhr das Bauvorhaben immer wieder auch durch Privatpersonen wie zum Beispiel Pfarrer Jean-Pierre Vuilleumier in Spreitenbach, wo sich die mazedonische Gemeinde früher versammelte. Die Gemeindemitglieder sehen mittlerweile schon einen Freund in dem reformierten Pfarrer. Zusätzlich wurde der Kirchenbau von vielen privaten Haushalten oder mit einem grösseren Betrag auch von der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern unterstützt. Architekt Marjan Cvetkovic, selber Mitglied der Kirchgemeinde, arbeitete unentgeltlich. Zur Erhaltung der Kirche trägt die ganze Kirchgemeinde bei: «Wir schauen, dass wir alles selbst machen, das spart uns viel Geld. Es muss sich einfach einer melden und sagen, dass er etwas übernimmt, und dann kommen viele, die ihm helfen», sagt Stoicov. 

Gesichter zum Gebäude

Der Präsident Bogdan Kocev (rechts) und der Sekretär Venko Stoicov.

Venko Stoicov ist Sekretär der mazedonisch-orthodoxen Kirchgemeinde und wohnt in Horw/LU. Er ist seit dem Jahre 1993 in der Schweiz und arbeitet neben seinem Engagement für die Kirchgemeinde bei einer Luzerner Elektronikfirma. Stoicov war es wichtig, dass die gläubigen Mazedonier in der Schweiz durch das Kirchenbauprojekt eine Art seelische Unterstützung fanden. «Zuerst war da nur die Idee und der Wunsch eine Kirche zu bauen. Sehr spontan wurde dann das Projekt tatsächlich in Angriff genommen.»

Bogdan Kocev ist der Präsident der Glaubensgemeinschaft und wohnt in Langnau bei Reiden/LU. Er ist seit 1984 in der Schweiz und ist Produktionsarbeiter bei einer Schichtstoffplattenfabrik. «Ich habe mich für den Kirchenbau engagiert, da es meine Religion ist, die Leute so zusammentreffen und so auch die nächste Generation für ihre Religion motiviert werden kann.» 

Nachbarschaft und Konflikte

Der Glockenturm südlich der Kirche.

Da die mazedonisch-orthodoxe Kirchgemeinde schon in der Planungsphase mit den Behörden Gespräche und Abklärungen über ihr Bauprojekt geführt hatte, gab es diesbezüglich keine Konflikte. Die Gemeinde Triengen unterstützte das Vorhaben. Erfahrungen mit ungeordnetem Parkieren der Kirchenbesucher führten zu Beschwerden von Anwohnern der Zufahrtsstrasse und zu Einsprachen von Nachbarn gegen das Baugesuch. Die Kirchgemeinde musste zur Erstellung zusätzlicher Parkplätze einen Landstreifen von 211 Quadratmetern von der Gemeinde hinzukaufen und für grosse Anlässe ein Konzept mit Parkdienst vorlegen.

Anfang Mai 2010 wurde der Eingang der noch im Bau befindlichen Kirche von unbekannten Tätern mit Hakenkreuzen verschmiert - das bisher einzige Vorkommnis dieser Art.

Die Bevölkerung sowie auch die Nachbarschaft der Gemeinde sind positiv beeindruckt von dem schönen Gebäude. Schon während der Bauphase erhielt die Kirchgemeinde wiederholt Komplimente dafür. 

Religiöse Tradition

Eine Ausschnitt der Ikonostase mit gespendeten Geldscheinen und Naturalien.
Der Kronleuchter unter der zentralen Kuppel. Der weisse Innenraum soll später noch farbig bemalt werden.

Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.

Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur in einem aufwändigen Prozess ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den anderen Kirchen betreffen die Rolle der Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).

«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig», die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität.

Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.

Etwa zwei Drittel der Mazedonier bekennen sich zum Glauben der mazedonisch-orthodoxen Kirche. Die mazedonische Orthodoxie basiert auf der mittelalterlichen Tradition des Erzbistums von Ohrid. Sie gehört zu den autonomen Kirchen der Orthodoxie. Diese sind verwaltungsmässig selbständig. Im Jahre 1967 erklärte sich die Kirche gegen den Willen des serbischen Patriarchats für selbständig. Neben der Landeskirche bestehen eine australische, eine amerikanische und eine europäische Eparchie. Die Schweiz gehört zur europäischen Eparchie. Das heutige Oberhaupt der mazedonisch-orthodoxen Kirche ist Seine Seligkeit Erzbischof Stefan (bürgerlich: Stojan Veljanovski), Erzbischof von Ohrid und Mazedonien, der seit 1999 im Amt ist und in Skopje residiert. Die serbisch-orthodoxe Kirche beansprucht weiterhin die Führungsrolle in der Person Jovans von Veles und Povardarie, des Metropoliten von Skopje, als Oberhaupt des Erzbistums von Ohrid. Dieser Anspruch wird aber nur von einer Minderheit der orthodoxen Mazedonier anerkannt. Der Pfarrer Goran Mantaroski hält die Gottesdienste in Triengen in der Liturgiesprache Kirchenslawisch ab.