Lage

Blick auf das umliegende Wohnquartier aus südwestlicher Richtung.

Vom Bahnhof Dietlikon aus gehen wir in Richtung Nordosten der Fuchshalde entlang und gelangen nach fünf Minuten Fussweg durch ruhige Wohnsiedlungen auf die Schwerzelbodenstrasse. Dieser folgen wir Richtung Norden, und schon bald zeigt sich uns auf der linken Seite, zunächst noch durch einige grosse Tannen verdeckt, eine kleine Kirche. Eine Tafel am Strassenrand informiert uns darüber, dass wir vor der koptisch-orthodoxen Kirche der Heiligen Markus und Mauritius stehen. Auf den ersten Blick wirkt sie wie viele andere christlichen Kirchen, nur die Tafel und ein Mosaik über dem Eingangsbereich der Kirche, das die Heilige Familie auf ihrer Flucht nach Ägypten zeigt, weisen auf die jetzigen Benutzer der Kirche hin. Als Nachbarn hat die Gemeinde schräg gegenüber eine im modernem Stil gebaute katholische Kirche. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Jugendliche spielen vor dem Eingang der Kirche nach dem Gottesdienst.

Die Kirche wurde in den siebziger Jahren von der neuapostolischen Gemeinde gebaut. Nach deren Wegzug wurde sie 2005 erst an eine serbisch-orthodoxe Gemeinde vermietet, bevor die Kirche 2006 von der koptischen Gemeinde gekauft wurde. Maher Kamal, Mitglied der koptischen Gemeinde und ehemaliger Präsident des Vorstandes erinnert sich: «Wir hatten einen Kirchenraum im Quartier Grünau in Altstetten gemietet. Das war natürlich günstiger, aber auf der anderen Seite haben wir ihn nur einmal im Monat benutzen können. Man hatte auch nicht das Gefühl, eine Kirche zu betreten, es war einfach ein Raum.»

Jetzt hat die Gemeinde hier in Dietlikon ein Zuhause gefunden: «Für mich persönlich war der wichtigste Grund für den Kauf einer eigenen Kirche, dass die Leute sich hier zuhause fühlen können.»

Die koptische Gemeinde übernahm das Gebäude, wie es war. Einzig über dem Eingang brachten die neuen Besitzer ein Mosaik und ein Kreuz an, um den Nachbarn zu zeigen, dass sie Christen aus Ägypten sind: «Wir haben nichts umgebaut. Wir hatten einen Plan, aber nicht das Geld dazu. Und es war klar: Wir müssen Kompromisse eingehen, und nichts umbauen zu können, war ein relativ kleiner Kompromiss.» 

Gesicht zum Gebäude

Maher Kamal vor der Ikonenwand.

Maher Kamal präsidierte den Vorstand der koptischen Kirchgemeinde während mehreren Jahren und setzte sich entschieden für die neue Kirche ein. Vor dem Kauf der Kirche gab er das Präsidium ab und ist in der Gemeinde aber weiterhin ehrenamtlich als Subdiakon tätig. Er lebt seit 14 Jahren in der Schweiz und arbeitet in der EDV-Branche. Für den Kauf der Kirche in Dietlikon hat er sich persönlich sehr eingesetzt: «Ich bin selber auch in Deutschland aufgewachsen und man wechselt zwischen zwei Kulturen und weiss nicht genau, wo man dazu gehört. Dieses Gefühl kenne ich und finde es wichtig, einen Halt zu haben. Diesen Halt bietet auch die Kirche.» 

Nachbarschaft und Konflikte

Blick auf die Kirche und angrenzende Nachbarschaft.

Die koptisch-orthodoxe Kirchgemeinde pflegt gute Beziehungen zur Nachbarschaft. Maher Kamal erinnert sich, wie man den Gottesdienstbesuchern anfangs etwas skeptisch begegnete. Er ist aber sehr zufrieden damit, wie sich die Beziehung zur Nachbarschaft entwickelt hat: «Wir haben mittlerweile einen sehr guten Kontakt zu unseren Nachbarn. Als wir in unserer Kirche die Fliesen neu gelegt haben, haben wir von der römisch-katholischen Kirche gegenüber einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, damit wir dort beten konnten, bis die Renovation fertig waren. Wir haben auch einen sehr guten Kontakt zur reformierten Kirche. Wir haben die Verantwortlichen gebeten, uns einen Raum für unseren Jugendtreff am Sonntag zur Verfügung zu stellen und sie haben mir Bescheid gesagt, dass sie einverstanden sind.»

An der orthodoxen Weihnacht im Jahre 2011 war die koptische Gemeinde Dietlikon auch in den Schweizer Medien präsent. Auf einer obskuren Internetseite war die Gemeinde auf einer Liste potentieller Anschlagsziele von Al Qaida gefunden worden. Daraufhin hielt die Gemeinde ihre Weihnachtsfeier unter Polizeischutz ab - die Feier verlief ohne Störungen und seither gab es keine weiteren Hinweise auf eine akute Bedrohung. 

Religiöse Tradition

Aus Platzgründen hat die koptische Gemeinde keine Ikonostase vor dem Altar aufgestellt, sondern die Bilder über dem Altar angebracht. Über einen Beamer werden während des Gottesdienstes Gebete zur Rezitation eingeblendet.
Blick auf die Eingangsfassade der Kirche. Die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten, wie im Mosaik dargestellt, ist ein beliebtes Motiv der koptischen Kirche.
Die Ikone in der Wandnische an der Ostseite zeigt den Heiligen Mauritius in der Uniform des römischen Legionärs.
 

Die Koptische Kirche kann als die christliche Nationalkirche Ägyptens bezeichnet werden. Das Wort koptisch stammt vom arabischen «qibt», welches sich wiederum vom griechischen Aigyptios, «Ägypter», ableitet.

Die Ursprünge des Christentums in Ägypten liegen bis heute im Dunkeln. Folgt man der Legende, so kann der heilige Markus, den die koptische Tradition als ersten Bischof von Alexandrien bezeichnet, als Gründervater der koptischen Kirche angesehen werden. Durch die Gründung der Katechetenschule schuf Markus in Ägypten ein geistliches Zentrum der christlichen Kirche. In diesem frühen ägyptischen Christentum wurzelnd und in dieser Tradition bis heute stark durch das Mönchtum geprägt, entwickelte sich die koptische Kirche seit dem 1. Jahrhundert als unabhängige und eigenständige Glaubensrichtung. Obwohl die koptische Kirche unter anderem auch in der Eigenbezeichnung häufig als koptisch-orthodox bezeichnet wird, ist sie keine orthodoxe Kirche im engeren Sinne. Bereits im Jahr 451 kam es nach dem Konzil von Chalcedon zu einem tiefgreifenden Bruch mit der byzantinischen Kirche, der weniger durch theologische Differenzen als vielmehr durch die koptische Ablehnung hellenistischer kultureller Einfüsse zu erklären ist. Auf theologischer Ebene wurde der koptischen Kirche von Seiten der byzantinischen Reichskirche vorgeworfen, sie vertrete den Monophysitismus, die Lehre, wonach in der Person Jesu Christi einzig eine göttliche Natur sei, nicht zugleich eine menschliche. Dieser Vorwurf wurde erst im Jahre 1984 durch eine gemeinsame Erklärung von Papst Johannes Paul II. und dem syrisch-orthodoxen Patriarchen Mar Ignatius Zakka II. endgültig aus der Welt geschafft. 

Die islamisch-arabische Herrschaft ab dem 7. Jahrhundert brachte die koptische Kirche in eine neue, oft nicht einfache Lage. Das Verhältnis zwischen Islam und Christentum schwankte in Ägypten bis ins 19. Jahrhundert stets zwischen Toleranz und Verfolgung. Durch die Marienerscheinungen an der Kirche in Zeitoun (Ägypten), die Rückführung der Reliquien des Heiligen Markus nach Kairo sowie die Weihung der St.-Markus-Kathedrale im Jahre 1968 erlebte die koptische Kirche eine neue Welle der Begeisterung und der Revitalisierung. 

Die koptischen Liturgien und ihr Zeremoniell haben bis heute einige äusserst archaische Merkmale bewahrt. Am häufigsten wird die Basiliusliturgie verwendet. Die Gottesdienste werden in einer Mischung aus Arabisch und Koptisch gehalten und durch die jeweilige Landessprache ergänzt. Die koptische Kirche kennt wie die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche sieben Sakramente. Die Eucharistie wird unter der Teilnahme von Frauen, Männern und Kindern gefeiert; durch Riten, viele Wiederholungen und Akklamationen, Gesänge sowie laute und stille Gebete werden die Gläubigen aktiv einbezogen.

Das Oberhaupt der koptischen Kirche, gemäss offiziellem Titel «Papst von Alexandria und Patriarch des Stuhles des heiligen Markus» genannt, hat seinen offiziellen Sitz seit 1971 in Kairo. Nach dem Ableben von Papst Schenuda III. im März 2012, hat dieses Amt seit dem 18. November 2012 neu Papst Tawadros II. inne, der damit als der 118. direkte Nachfolger des heiligen Markus gilt. Die weltweite Glaubensgemeinschaft der Kopten ist in über 40 Eparchien (Bistümer) unterteilt und zählt 10 bis 12 Millionen Mitglieder. In der Schweiz fanden ab 1962 regelmässig Bibelstunden der koptischen Gemeinschaft statt, bevor am 6. Mai 1984 Pater Serapion als erster offizieller koptischer Pfarrer in der Schweiz seine Arbeit aufnahm. In den Folgejahren fand unter seiner Leitung der Aufbau und Ausbau der kirchlichen Dienste in der Schweiz statt. Heute befinden sich die Zentren der koptischen Kirche der Schweiz in Genf (Kirche der Jungfrau Maria), Zürich (Kirchgemeinde des Heiligen Markus in Räumen der Paulus-Akademie Zürich) und Dietlikon/ZH (Kirche der Heiligen Markus und Mauritius). Der schweizerischen Glaubensgemeinschaft der Kopten gehören rund 800 Personen an. 

Besonderheiten

Die Swisscom-Antenne auf dem Dach der Kirche neben dem beleuchtbaren koptischen Kreuz.

Die koptisch-orthodoxe Kirche in Dietlikon ist keine orthodoxe Kirche im traditionellen Sinn. Mangels Platz wurde auf eine Ikonostase verzichtet. Statt dessen brachte man die Ikonen als Bilder an der Wand hinter dem Altar an. Zudem ist die Kirche nicht nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet. Deshalb wurde sie nicht eingeweiht – Grund für manche Gemeindeglieder, weiter zu überlegen: Lässt sich das Gebäude um 180° drehen? Könnte die Gemeinde eine geostete Kirche kaufen oder selber bauen? Konkrete Pläne sind jedoch nicht vorhanden.

Auf dem Dach der Kirche hat die Swisscom eine Antenne angebracht, was in der Bevölkerung Dietlikons zu Einsprachen geführt hat. Die koptische Gemeinde hat selbst keine Bedenken wegen der Strahlung und ist froh, um die zusätzlichen Einnahmen, welche aus der Standortmiete entstehen.