Lage

Der byzantinische Baustil der serbisch-orthodoxen Kirche steht in Kontrast zu den grauen Fabrikgebäuden des Aemmenmatt-Industriequartiers in Belp, das sich ausserhalb des eigentlichen Ortskerns befindet.

Mit dem Bus sind es knapp fünf Minuten vom Belper Bahnhof bis zur Haltestelle Belp, Muristrasse Süd. Dann steht der Reisende am Anfang des Industriequartiers Aemmenmatt, das sich ausserhalb des Ortskerns befindet.

Geht man von der Haltestelle in östlicher Richtung die Aemmenmattstrasse entlang, fällt zunächst nichts Besonderes auf. Graue Fabrikgebäude prägen das Bild der Strasse. Dann taucht, etwas zurückgesetzt, die weisse Kirche der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde mit ihrem Kuppeldach und den vergoldeten Kreuzen auf, versteckt zwischen der Eichhof-Zentrale und einem Chemielabor. Auf der zur Strasse gewandten Seite befindet sich ein grosser, dank den Rasengittersteinen grün wirkender Parkplatz. Auf der gegenüberliegenden Seite geht das Grundstück der Kirche auf ein grosses Maisfeld hinaus. Hinter dem Feld sind die Wohnhäuser von Belp zu sehen. Die Kirche ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Der Standort Belp ist auch für eine Anreise mit dem Auto günstig gelegen, weil Belp über die Autobahnausfahrt Münsingen/Rubigen/Belp leicht zu erreichen ist.

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

An einer Versammlung entschied sich die serbische Kirchgemeinde für einen Kuppelbau.

Die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde in der Schweiz wurde 1969 gegründet. Die Kirchgemeinde Bern-Freiburg-Solothurn besteht seit 1992. Lange hatten die Mitglieder in Bern keine eigene Kirche für ihre Gottesdienste, sondern genossen Gastrecht bei der christ-katholischen Kirche Peter und Paul an der Rathausgasse in der Stadt Bern. Aus Platzgründen und weil die Kirchgemeinde etwas Passenderes für die eigenen Bedürfnisse haben wollte, entschied sich die Kirchgemeindeversammlung Ende 2004 dazu, auf die Suche nach etwas Eigenem zu gehen. Zunächst verfolgte man die Idee, eine leer stehende Kirche zu übernehmen. Die Verantwortlichen wurden aber nicht fündig und suchten fortan nach einem geeigneten Grundstück für einen Neubau. Eine weitere Vollversammlung entschied sich einstimmig für einen Zentralkuppelbau in der byzantinischen Tradition. Der Pfarrer der serbischen Kirchgemeinde, Stanko Markovic, meint dazu: «Ich denke, die Kirche soll wie eine Kirche aussehen.» Er finde es wichtig, eine schöne Kirche für die zweite Generation zu haben. Dort könnten die jungen Menschen beten, heiraten und sich wie zuhause fühlen.

Die serbische Kirchgemeinde beauftragte das Architekturbüro Käsermann GmbH in Utzensdorf damit, ein passendes Grundstück zu suchen. Nachdem eine Parzelle im Belper Industriegebiet Aemmenmatt gefunden wurde, führte die serbische Kirchgemeinde Gespräche mit der Bauabteilung der Gemeinde Belp, um abzuklären, ob der Bau grundsätzlich möglich sei. Das Bauprojekt der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde war in der Anfangszeit oft Thema von Diskussionen in den Medien, auch im Kontext der Minarettkonflikte von Langenthal und von Wangen bei Olten.

Am 7. November 2006 informierte die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde die Öffentlichkeit. Der Informationsabend stiess auf grosses Interesse in der Bevölkerung und in den Medien und wurde rege besucht. Die reformierte und die katholische Kirchgemeinde liessen der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde in diesem Rahmen ihre Unterstützung zukommen. Am 27. November 2006 erteilte die Gemeindebehörde die Baubewilligung, und im ersten Halbjahr 2007 verzichteten sowohl die lokale SVP als auch die privaten Einsprecher darauf, ihre abgewiesenen Einsprachen gegen das Projekt weiterzuziehen. Daraufhin kaufte die serbische Kirchgemeinde am 25. Juli 2007 der Belper Firma Mavena das Baugrundstück im Industriegebiet ab. Am 1. Mai 2008 wurde der Grundstein gelegt, und bereits nach gut einem Jahr intensiver Bauzeit wurde die Kirche am 31. Mai 2009 mit einer sogenannten kleinen Einweihung in Betrieb genommen. Sie ist damit die erste neu gebaute serbisch-orthodoxe Kirche in der Schweiz. Die aufwändigen Wandmalereien im Innern der Kirche konnten im August 2013 fertiggestellt werden. Aber zwei Etappen stehen noch aus: Im Frühjahr 2015 sollen die Mosaiken fertig gestellt werden. Im Lauf des Jahres 2016 soll dann die ‹grosse Einweihung› stattfinden. 

Gesicht zum Gebäude

Stanko Markovic ist Pfarrer in Bern und Umgebung und zugleich bischöflicher Vikar für die Schweiz.

Stanko Markovic ist Pfarrer der serbisch-orthodoxen Kirche in Belp und gleichzeitig auch der bischöfliche Vikar für die Schweiz. Er wurde 1969 in Serbien geboren, wuchs dort auf und studierte Theologie in Belgrad. 1999 kam er für ein Vertiefungsstudium an der Universität Bern in die Schweiz. Parallel dazu arbeitete er bereits mit einem Teilzeitpensum für die serbische Kirchgemeinde. Seit 2003 ist er hauptamtlich als Pfarrer für die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde Bern tätig. 

Nachbarschaft und Konflikte

Zu den direkten Nachbarn gehören Interlabor (links) und das Eichhof-Lager (rechts).

Gegen das Bauprojekt der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde Bern gingen insgesamt sechs Einsprachen ein. Fünf davon kamen von Privatpersonen, eine von der örtlichen SVP-Sektion. Die Einwände betrafen den Ortsbildschutz, die Zonenkonformität und den zu erwartenden Mehrverkehr. Die Bauverwaltung Belp prüfte die Einsprachen und erteilte die Baubewilligung, nachdem sich die Kirchgemeinde dazu verpflichtet hatte, zusätzliche Parkplätze für Grossanlässe bereit zu stellen. Da keine der Einsprachen weitergezogen wurde, wurde die Baubewilligung rechtskräftig.

Während der Phase der Bauprüfung gab es zwei unerfreuliche Zwischenfälle. Anfang November 2006, unmittelbar vor der öffentlichen Informationsveranstaltung, und ein weiteres Mal Ende des Monats rissen Unbekannte die Profilstangen des geplanten Baus nieder. Seither ist es aber ruhig geworden um die serbisch-orthodoxe Kirche in Belp und es gab keine Probleme oder Zwischenfälle mehr. Die serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde Belp organisierte im März 2011 einen Tag der offenen Türe, der rege besucht wurde. Markovic betont das gute Verhältnis mit der Nachbarschaft und die positiven Reaktionen aus der örtlichen Bevölkerung: «Wir sind wirklich voll integriert und die Leute sagen, wir sind die Perle von Belp.» Auch die Gemeindeverwaltung von Belp bestätigt auf Anfrage das reibungslose Verhältnis zwischen der Gemeinde und der serbisch-orthodoxen Kirchgemeinde: «Das wird von den Leuten gar nicht mehr wahrgenommen, die ist einfach da und das funktioniert sehr gut eigentlich», meint Göri Clavuot, Leiter des Bereichs Planung und Umwelt. 

Religiöse Tradition

Die Ikonostase.
In der Kirche finden auch Trauungen statt: Utensilien für eine Trauzeremonie.

Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.

Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur in einem aufwändigen Prozess ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den anderen Kirchen betreffen die Rolle der Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).

«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig», die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität.

Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.

Die Gemeinde von Pfr. Markovic unterstand lange der Eparchie (Diözese) für Mitteleuropa innerhalb der serbisch-orthodoxen Kirche. Durch Beschluss eines Bischofskonzils wurde 2011 daraus die «Eparchie von Österreich und der Schweiz» herausgelöst, deren Sitz in Wien ist. Im Mai 2014 schliesslich wurde Andrej Cilerdžic zum Bischof dieser Diözese gewählt. Bereits am 24. August 2014 stattete er der Kirche in Belp einen Besuch ab und zelebrierte dort die sonntägliche Liturgie.

Besonderheiten

Die serbisch-orthodoxe Kirche ist innen vollständig bemalt. Die farbigen Wandmalereien zeigen Darstellungen der Heilsgeschichte.

Die farbenprächtigen Wandmalereien im Innern der Kirche, die im mittelalterlichen Stil gemalt wurden, stellen eine Besonderheit der serbisch-orthodoxen Kirche in Belp dar. Eigens für diese Arbeit wurde der serbische Ikonenmaler Vojko Mitric in die Schweiz geholt. Im August 2013, nach 22 Monaten Arbeit, stellte er sein Werk fertig. Die serbisch-orthodoxe Kirche in Belp ist damit eine von wenigen vollständig ausgemalten orthodoxen Kirchen in der Schweiz. Für einen späteren Zeitpunkt sind auch noch Mosaiken im Aussenbereich vorgesehen.