Lage

Von dieser Seite idyllisch: Die Kirche am Ufer der Limmat, links das alte Wasserwerk.
Eine völlig andere Ansicht von der Kornhausstrasse, Ecke Rousseaustrasse.

Limmatplatz Zürich, wir begeben uns an den Sihlquai und überqueren, unbeirrt von Oktan-Lärm und verkehrsspezifischen Gerüchen, die stark befahrene Kornhausbrücke. Unter uns fliesst träge die Limmat. Gewerbebauten und Mietshäuser türmen sich zu beiden Seiten des Flusses. Auch am nördlichen Ende der Brücke steht links, beim alten Wasserwerk, ein modernes, weissgraues, eckiges Gebäude. Auffällig ist nur der kegelstumpfähnliche Turm, der das Dach überragt. Beim Näherkommen lässt sich auf dessen Oberfläche eine kleine, nur leicht gewölbte dunkelgraue Kuppel erkennen. Noch sieht man nur schwach, dass auf ihrem Scheitelpunkt ein silbergraues Kreuz steht... 

Am anderen Limmatufer angelangt, biegen wir links in die Rousseaustrasse ein, vorbei an einer Reihe wohlgeformter Zypressen. Und schon stehen wir vor dem Eingang, über dem in goldenen Buchstaben steht: «Griechisch-Orthodoxe Kirche Heiliger Dimitrios». 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Die moderne Architektur der Kirche zeigt sich überall. Hier die Kuppel über dem Gottesdienstraum.
Wie bei vielen in den 1970er- und 1980er-Jahren gebauten Gotteshäusern hat die Kirche einen frei stehenden Glockenturm.
Der Eingang an der Rousseaustrasse.
 

Pfarrer Emmanuel Simandirakis erzählt: «Als ich nach Zürich kam» − 1967 −, «sah ich, dass die orthodoxen Griechen obdachlos waren.» Die Gemeinde feierte ihre Messen in der christkatholischen Kirche an der Elisabethenstrasse. Weil aber erst nach der christkatholischen Messe begonnen werden konnte, endete die rund zweieinhalbstündige «Morgenmesse» manchmal erst gegen zwei Uhr nachmittags. Simandirakis: «Trotzdem war die Kirche immer voll. Ich dachte aber, das geht nicht weiter so.» Deshalb regte Simandirakis die Gründung einer Stiftung für den Bau einer eigenen Kirche an. 

Ab 1967 wurde dafür gespart: «Wir haben Franken für Franken gesammelt, 2 Millionen, aber Sie wissen, damit kann man in der Schweiz nur ein schönes Haus bauen.» Das Geld hätte nur für den Landkauf gereicht. «Doch wir haben Glück gehabt», fährt der Pfarrer fort, «der selige Panajotis Angelopoulos, ein reicher Grieche, sagte uns: ‹Sammeln sie kein Geld mehr, ich übernehme den Bau der Kirche›.» 

Doch damit waren noch nicht alle Probleme aus der Welt geschafft: Erst nach 17 Jahren konnte die Stiftung 1984 das Grundstück des ehemaligen Zentrums für Drogenabhängige kaufen. Und nach einem Projektwettbewerb entschied sich die Jury nicht für jenes Projekt, welches die griechisch-orthodoxe Gemeinde bauen wollte − nein, deren behördliche Mitglieder stimmten für einen anderen Architekten: «Im Grunde war nur ein Projekt geeignet, aber jene Jurymitglieder hatten die Mehrheit. Wir haben mit Pein dieses Projekt akzeptiert und mit dem Bau begonnen. Entweder wir konnten nichts tun, oder es realisieren», erinnert sich der Pfarrer enttäuscht. 

Gesicht zum Gebäude

Emmanuel Simandirakis

Emmanuel Simandirakis stammt aus Kreta und wurde nach seinem Theologie-Studium in Istanbul vom «Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel» 1964 als Pfarrer in die Schweiz gesandt. Nach seiner Anfangszeit in St. Gallen kam er 1967 nach Zürich. Noch im selben Jahr gründete er, zusammen mit anderen Initianten, die Stiftung griechisch-orthodoxe Kirche Zürich. Laut Pfarrer Simandirakis ist bei den Orthodoxen Christen der Pfarrer «die Seele der Kirche», deshalb ist er sowohl beim Kirchenrat, als auch beim Stiftungsrat stimmberechtigtes Mitglied. Ausserdem ist er Hauptverantwortlicher für die Gebäudeanlagen. 

Nachbarschaft und Konflikte

Eine weitere Sicht auf die Kirche, die in der Strassenfront als Kirche fast nicht zu erkennen ist.

Pfarrer Simandirakis bezeichnet seine Nachbarn als «sehr nette Leute», welche an grossen Feiertagen mit der orthodoxen Gemeinde zusammen feiern. Er stellt fest: «Wir sind begeistert, dass die Nachbarn hier uns nie Probleme gemacht haben.»

Die Lage an der dicht befahrenen Strasse war allerdings nicht immer einfach für den Pfarrer aus Kreta: «Strasse hier, Strasse hier, Strasse hier − ich konnte am Anfang nicht schlafen.» Dies war umso schmerzlicher, als beim Projekt, welches die orthodoxe Gemeinde bevorzugt hätte, die Wohnräume nicht direkt an der Hauptstrasse gebaut worden wären. 

Religiöse Tradition

Blick in die Kuppel des Gottesdienstraums.
Darstellung der Gottesmutter Maria, der Engel eine Krone aufsetzen. Der goldene Adler vorn ist eines der Symbole der Kirche in Griechenland.
Die hohe Bedeutung bildlicher Darstellungen zeigt sich nochmals beim Blick in den Gottesdienstraum. Im Hintergrund ist der Altarbereich zu sehen, zu dem die Laien im Gottesdienst keinen Zugang haben. Sie sind Zuschauer am Heilsgeschehen, das von den Priestern − auch für die Gemeinde − zelebriert wird.
 

Weltweit zählt die orthodoxe Kirche ca. 150-170 Millionen Gläubige. Obwohl heute 16 verschiedene orthodoxe Kirchen bestehen, verstehen sich diese auf einer theologischen Ebene als unteilbare Kirche. Ihre gemeinsame Lehrgrundlage sind die Beschlüsse der sieben ökumenischen Konzilien (bis und mit dem Zweiten Konzil in Nizäa, 787 n. Chr.). Folglich teilt sie die bis dahin akzeptierten Konzilbeschlüsse auch mit der römisch-katholischen Kirche. Gleichwohl mündeten die schon lange bestehenden Rivalitäten und Gegensätze zwischen dem «Ökumenischen Patriarchen und Erzbischof von Konstantinopel» einerseits und der römischen Reichskirche anderseits 1054 ins «Morgenländische Schisma», der bis heute nicht überwundenen Kirchenspaltung zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche.

Kennzeichnend ist, dass die orthodoxen Kirchen «autokephal» sind, d. h. ihr jeweiliges Oberhaupt, den Patriarchen, Katholikos oder Erzbischof, selbst wählen. Damit widersetzen sich die orthodoxen Kirchen den Ansprüchen des römischen Papsttums auf den Jurisdiktionsprimat (direkte Verfügungsgewalt) und auf «Unfehlbarkeit» des Papstes in Lehrentscheidungen. Für die orthodoxen Kirchen liegt die Unfehlbarkeit in der ganzen Kirche begründet und kann nur in einem aufwändigen Prozess ermittelt werden. Weitere Differenzen gegenüber den anderen Kirchen betreffen die Rolle der Sakramente und die Rechtfertigungslehre (Verständnis der Erbsünde und der Gnade Gottes).

«Orthodox» bedeutet «rechtgläubig», die orthodoxe Kirche sieht ihre Aufgabe in der Repräsentation der «unverfälschten Überlieferung der Kirche der Apostel». Zu den zentralen Themen des orthodoxen Glaubens gehören das Wirken des heiligen Geistes, die «Gottwerdung» des Menschen (Theosis) und das Verständnis der «Heiligung des gesamten Kosmos» (Metamorphosis). Die Seelsorgepriester sind in der Regel verheiratet, können aber als Witwer nicht erneut heiraten. Die Bischöfe hingegen sind ehelos und werden meistens aus dem Mönchtum gewählt. Die Klöster haben seit frühester Zeit eine wichtige Bedeutung und gelten als Zentren der Bewahrung von religiöser und kultureller Identität.

Die Orthodoxie sieht sich nicht in erster Linie als belehrende, sondern als Gott preisende Gemeinschaft, deren Theologie Erfahrungscharakter hat. Die Liturgie hat im orthodoxen Glauben eine zentrale Stellung und soll alle Sinne ansprechen. Die «heilige und göttliche Liturgie», der orthodoxe Gottesdienst, dauert bis zu mehreren Stunden, wobei die Gläubigen üblicherweise stehen. Gesänge, als Gebete aufgefasst, nehmen breiten Raum ein und werden oft von geschulten Chören gepflegt. Instrumente sind hingegen nicht erlaubt. Eine Ikonostase (Bilderwand) trennt bzw. verbindet die Gläubigen, die im Kirchenschiff stehen, mit dem Altar, an dem sich Priester, Diakon und Altardiener befinden. Das Kirchenschiff symbolisiert das Irdische, die Welt der Menschen, der Altar hingegen steht im «Himmelreich Gottes». Während der Liturgie tritt der Priester stellvertretend für die Gemeinde durch die geöffnete «Königstür», das mittlere Tor der Ikonostase, an den Altar der Apsis. Kerzen und Weihrauch, ein Symbol für den «Duft des Himmels», gehören ebenfalls fest zur Liturgie als sinnlicher Erfahrung.

Die Metropolie (Bistum) der griechisch-orthodoxen Kirche in der Schweiz untersteht, neben anderen Bistümern inner- und ausserhalb Griechenlands, dem «Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel» mit Sitz in Istanbul. Innerhalb der Gesamtorthodoxie hat dieses eine führende Stellung inne, einen nicht näher bestimmten «Ehrenprimat». Seit 1991 ist Bartholomaios I. Ökumenischer Patriarch, er besuchte die Schweiz im November 1995 und legte in Münchenstein den Grundstein zur neuen orthodoxen Kirche der Göttlichen Weisheit.