Lage

Wie so viele Gebäude zugwanderter Religionen befindet sich auch der neu errichtete Gurdwara der Sikh-Gemeinde in einem Industriegebiet ausserhalb der Stadt. Hell strahlt die Anlage über den grauen Gewerbeeinrichtungen.

Flankiert von einem Gipsergeschäft und einer Gartenbaufirma thront im Industriequartier von Langenthal ein auffällig weisses, stark verziertes Gebäude mit goldenen Gebäudespitzen. Zwiebelartige Sockel türmen sich auf einer kunstvoll gestalteten Brüstung, die diese architektonische Besonderheit des Dennliweges umrahmt. Wer genau hinschaut, findet die wohlgeformten und eigentümlichen Sockel auch auf dem Werkareal der benachbarten Gipserei. Was hat es mit all dem auf sich?

Das weisse Gebäude ist ein Gurdwara («Tor zum Guru»), ein Tempel der Sikhs, und wer sich mit ihm beschäftigt, trifft bald einmal auf Karan Singh, den allzeit bereiten Manager des Gebäudes und Präsidenten der Sikh-Stiftung Schweiz. Er verrät auch, warum sich einige der Zwiebelelemente vor der Gipserei finden: «Es war für uns sehr wichtig, die Nachbarfirmen in die Arbeit für unser Gurdwara einzubeziehen.» 

 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Bei der Einweihung des Gurdwara. Als das Heilige Buch, Guru Granth Sahib, in das Gebäude gebracht wurde, vertreute man als Zeichen des Glücks Blütenblätter.

Der konkrete Wunsch nach einem sichtbaren Gurdwara in der Schweiz, entstand um das Jahr 1995. Bereits 1996 konnte dafür das Grundstück am Dennliweg in Langenthal erworben werden. Treibende Kraft hinter dem Projekt war Karan Singh.

Im Oktober 2002 begannen, ausgeführt von der Firma Bösiger, die Bauarbeiten für den Tempel, die vier Jahre später ihren Abschluss fanden. So konnte am 23. September 2006 unter grosser Beteiligung der Medien das Gurdwara eingeweiht werden.

Laut Karan Singh waren die lokalen Behörden und der damalige SVP-Gemeinderat Andreas Bandi eine grosse Unterstützung für das Bauprojekt. Besonders wichtig ist ihm eines: «Die Tore des Gurdwaras stehen allen offen.» Deshalb sei es von Vorteil, wenn es von aussen klar erkennbar ist. Zudem solle alles was innen schön ist, auch aussen schön sein. 

Gesicht zum Gebäude

Karan Singh

Auch beim Betrieb des Gurdwara legt der Präsident der Schweizer Sikhs höchstpersönlich Hand an: «Ich tue alles, was für den Unterhalt des Gurdwaras nötig ist: kochen, putzen oder Gäste bedienen. Wir fragen nicht nach der sozialen Stellung von Leuten − alle machen alles.»

Für die Sikh-Gemeinschaft sei Gastfreundschaft nicht nur ein anzustrebendes Ideal, sondern ein verpflichtender Grundsatz: Kein Besucher soll je ein Gurdwara hungrig verlassen. 

Nachbarschaft und Konflikte

Aufnahme aus dem Fenster, das mutwillig beschädigt wurde.
Der Blick aus dem Gurdwara macht noch eimal die etwas trostlose Umgebung deutlich.

Das Verhältnis zur Nachbarschaft beschreibt Karan Singh als herzlich, freundlich und von Hilfsbereitschaft geprägt. Es war für ihn wichtig die «Nachbarfirmen» bei den Bauarbeiten zu engagieren. Nur die traditionellen Sikh-Kunstarbeiten wurden von einem Sikh-Künstler ausgeführt. Aber im übrigen, so erwähnt er stolz, sei das Gurdwara aus «swissmaterial» gebaut. Die lokalen Behörden und die Einwohner von Langenthal seien durch ihre Wertschätzung eine grosse Ermutigung. 

Karan Singh berichtet jedoch auch, dass nach der Eröffnungsfeier die Eingangstür durch einen Steinwurf beschädigt wurde. Und Anfang August 2007 wurde ein Fenster im ersten Stock getroffen. «Wir nehmen diese Vorfälle nicht ernst», kommentiert Karan Singh, «denn wenn wir reagieren, haben die Saboteure ihr Ziel erreicht. Wir nehmen es nicht so ernst und ertragen solche Sachen geduldig. Unsere Beziehung zu unserem Umfeld ist trotzdem sehr gut.» 

Religiöse Tradition

Der zentrale Raum des Gurdwara. Hinter dem Baldachin wird morgens und abends bei den Kirtans (Gebetsgesängen) auch aus dem «Guru Granth Sahib» vorgelesen.

Die Sikh-Religion wurde von Guru Nanak (1469-1539) in Nordindien, im Punjab (Pandschab) begründet. Er verstand sich als Reformer einer seiner Meinung nach «sinnentleerten, ritualisierten Hindu-Tradition» und eines «erstarrten Islams», nicht aber als Gründer einer neuen Religion. Nanak sah seine Aufgabe darin, eine Synthese von hinduistischer Frömmigkeitspraktik und muslimischem Eingottglauben zu schaffen: «Gott ist weder Hindu noch Muslim, und der Weg dem ich folge ist Gott», wird Nanak zitiert (1499). Er lehnte sowohl Kastenwesen als auch asketische Weltentsagung ab, vertrat jedoch die Wiedergeburt und einen bildlosen Monotheismus. Das religiöse Ziel eines Sikhs ist die Befreiung aus dem Geburtenkreislauf durch die Vereinigung der Seele mit Gott. Das Wort «Sikh» heisst «Schüler» (von Hindi «shishya»).

Männliche Sikhs sind vor allem an ihren grossen, oft farbigen Turbanen und langen, zumeist gebundenen Bärten zu erkennen, während die Frauen keine besonderen Kennzeichen tragen. Männer wie Frauen sollen nicht die Haare schneiden. Sikhs verstehen sich als eine Gemeinschaft in der Nachfolge Guru Nanaks und weiterer verehrter Gurus.