Lage

Rund um den modernen Tempel stellen kleine Steinfiguren buddhistischer Novizen verschiedene Übungen und Tätigkeiten dar.
Einer der kleinen steinernen Novizen verkündet auf seiner Schriftrolle: «Buddhas Licht leuchtet überall.»

Bahnhof Genf Cointrin − nein, wir besteigen kein Flugzeug, dennoch werden wir bald vor einem buddhistischen Tempel stehen. Dazu genügt es ‹an Bord› des Busses Nr. 10 Richtung «Balexert» zu gehen. Diesen verlassen wir an der Station «Terroux» und überqueren die stark frequentierte Avenue Louis-Casaï. Danach laufen wir auf der Chemin Terroux nordöstlich in Richtung Saconnex. Nach etwa 10 Minuten fällt rechterhand ein modernes Gebäude mit breit angelegter Eingangstreppe und grossem, mit Steinplatten gefliesten Vorplatz auf. Schon vor der Umfassungsmauer deuten drei Buddhaskulpturen den Charakater des Gebäudes an. 

Rechts und links des Gebäudes stehen seltene Zierbäume. Helle Granitfiguren, etwas grösser als Gartenzwerge, tummeln sich um das Gebäude und heissen uns willkommen. Sie stellen buddhistische Novizen dar. Einer davon zeigt uns eine aufgerollte Papierrolle, auf der chinesische Schriftzeichen verkünden: «Buddhas Licht leuchtet überall.» Ein anderer praktiziert Kung-Fu, um «Mindfulness» (Achtsamkeit) zu üben, wie uns die Nonne Venerable Chue Yann bald erzählen wird. 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Von aussen ragt die Tempelhalle wie ein großer Zylinder aus dem zeltförmigen Dach heraus.
Das Innere der Tempelhalle. Das Dach wird von acht speichenartig angeordneten Balken getragen, die den achtfachen Pfad symbolisieren.

Nach einem Besuch des Dalai Lamas 1999 in Genf gelangte eine Gruppe von Buddhisten aus Japan, China, Sri Lanka und Korea an die lokalen Behörden auf der Suche nach einem Stück Land für den Bau eines Tempels. Ein Grundstück, das der Kanton im Baurecht abzugeben bereit war, wurde zwar gefunden, doch konnte die Initiantengruppe das nötige Geld für den Bau nicht aufbringen. Für den Baubeginn hatten die Behörden eine Frist bis 2005 gesetzt. Im April 2004 kontaktierten die Initianten die International Buddhist Promotion Society (IBPS, die Dachorganisation von Fo Guang Shan). Diese war bereit, sich finanziell massgeblich zu engagieren, und ermöglichte so den Bau. Die IBPS übernahm im Wesentlichen das von den Initianten bereits geplante, moderne Tempelprojekt, worauf im Januar 2005 mit den Arbeiten begonnen wurde. 

Zur Einweihungszeremonie am 23. Juni 2006 kamen neben dem Fo-Guang-Shan-Gründer Hsing Yun mehr als 1500 Besucher und zahlreiche wichtige Vertreter aus Politik und Religion, unter ihnen Regierungsrat Laurent Moutinot, Arthur Plee, Stadtpräsident von Grand-Saconnex, die Botschafter Chinas, Thailands, Bhutans sowie Vertreter religiöser und interreligiöser Organisationen. Der Tempel in Genf ist der neueste von Fo Guang Shan in Europa. Der erste wurde 1991 in Paris gebaut. 

Gesicht zum Gebäude

Venerable Chue Yann, Leiterin des Zentrums

Venerable Chue Yann kam im April 2008 nach Genf und leitet seither das Geneva Conference Centre als Aussenstelle des Hauptklosters Fo Guang Shan im Süden Taiwans. Chue Yann ist in Malaysia geboren und lebt seit 1992 in Europa. Weil die Ordensleute von Fo Guang Shan regelmässig versetzt werden, war sie auch schon in London, Manchester, Stockholm und noch einmal London stationiert, bevor sie nach Genf kam. Wie aber kam es, dass die freundliche Malaysierin überhaupt in den Süden Taiwans ging, um Nonne zu werden? «Als ich in der Sekundarschule war, bin ich unserem Meister Hsing Yun begegnet. Daraufhin ging ich zu Fo Guang Shan nach Taiwan, um Nonne zu werden, und studierte dort an einem buddhistischen Seminar. Meister Hsing Yun ist in Malaysia sehr berühmt.» 

Nachbarschaft und Konflikte

Der Tempel liegt inmitten des Wohngebiets.

Die Beziehungen zur Nachbarschaft bezeichnet Venerable Chue Yann als gut. Dabei kennen nach ihrem Eindruck viele den Zweck des modernen Bauwerks gar nicht recht. Dies zeigte sich etwa, als man im Aussenbereich einmal Laternen aufgehängt hatte. «Einige Leute meinten, dass dies die vietnamesische Botschaft sei, andere wollten einen Tisch für ein Nachtessen mit ihren Grosseltern reservieren», erzählt Chue Yann. «Wir sind halt noch sehr neu hier, man kennt uns noch nicht gut. Daran wollen wir in Zukunft arbeiten, wir möchten etwas tun, damit die Leute wissen, dass wir hier sind.» Diesem Ziel dient der jährlich durchgeführte «Tag der offenen Tür». Denn die Leute seien zwar neugierig, getrauten sich aber sonst nicht in den Tempel, ist Chue Yanns Erfahrung. Auch an die sonntäglichen Zeremonien kämen, neben Buddhisten aus China, Malaysia, Thailand und Taiwan, jedes Mal einige Schweizer Nachbarn. Konflikte mit der Umgebung gab es bis jetzt nur einmal: Im Juli 2008 wurden Fenster, Aussenwände und der Eingangsbereich des Tempels mit chinapolitischen Parolen und Symbolen versprayt und verschmiert. An deren Inhalt will man sich im Tempel jedoch nicht mehr genau erinnern. 

Religiöse Tradition

Der Altar im Tempelraum. Im Zentrum befindet sich eine Buddha-Statue mit goldener Aureole.
Trommeln werden jeden Abend und jeden Morgen in den Zeremonien zur Begleitung der Gesänge benutzt.
Detail des Altars: Für eine jährlich stattfindende Medizinbuddha-Zeremonie sind vor der Statue Öllampen aufgestellt worden.
 

Zurzeit führt die International Buddhist Promotion Society (IBPS) weltweit rund zweihundert Tempel, darunter in der Schweiz jenen in Genf und einen zweiten in Gelfingen (LU). Das geistige Zentrum der IBPS, das Hauptkloster Fo Guang Shan, befindet sich in Kaohsiung, im Süden Taiwans. Gegründet wurde Fo Guang Shan 1967 von Meister Hsing Yun, der 1927 in der chinesischen Provinz Chiangsu geboren wurde und als 48. Patriarch der Rinzai-Schule des Zen gilt. Hsing Yuns erklärtes Ziel ist es, «den menschlichen Geist durch buddhistische Praxis zu reinigen» und den Buddhismus zu verbreiten. Im «buddhistischen Humanismus» nach dem Modell des Hsing Yun geht es vor allem um die Integration der spirituellen Praxis ins tägliche Leben.

Auch karitative Projekte und Bildungsprogramme gehören zu den Unternehmungen von Fo Guang Shan. So betreibt die Bewegung 16 eigene Schulen in Südasien, Australien, Südafrika, den USA und Brasilien und hat dort z. T. monumentale Tempelkomplexe erbaut. 1991 entstand in Los Angeles die Laienorganisation Buddha's Light International Association (BLIA) mit dem Zweck, «die Stärke der monastischen Gemeinschaft und Laienpraktizierenden zu kombinieren» (Eigendarstellung). Die BLIA ist weltweit an rund 170 Standorten vertreten und verbreitet die Lehre des «humanistischen Buddhismus» in Lokalgruppen und buddhistischen Zentren. Nach eigenen Angaben zählt die IBPS mehr weibliche Nonnen als die übrigen buddhistischen Orden. 

Siddhartha Gautama, der spätere «Buddha», lebte nach allgemeiner Annahme im 6. oder 5. Jahrhundert v.u.Z. im nördlichen Vorderindien, nach neueren Forschungen jedoch zwischen dem 4. bis 5. Jahrhundert v.u.Z.

Buddha verstand seine Unterweisungen als «Lehre des Mittleren Weges»: Weder ein Lebenswandel in Lust und Ausschweifung, noch in Askese und Selbstquälerei führe zur Einsicht und Erleuchtung. Man soll sich von diesen Extremen fernhalten und in achtsamer und selbstloser Haltung sein Leben führen. Den indischen Gedanken der Wiedergeburt und der Karmalehre übernahm Buddha aus der brahmanischen Tradition seiner Zeit. Nach ihr unterliegen alle irdischen und «überirdischen» Wesen gleichermassen dem Gesetz der Vergeltung von Taten (Sanskrit «Karma», Pali «Kamma»). Das heisst, dass sowohl dieses als auch das nächste Leben durch gute oder böse Taten bestimmt wird und der Mensch in einem «Kreislauf der Geburten» (Samsara) gefangen ist. Aus der Grundauffassung der Vergänglichkeit alles Gewordenen ergibt sich, dass es weder ein überdauerndes Glück noch ein gleichbleibendes Selbst gibt. Deshalb zielt die buddhistische Lehre auf das Überwinden «irriger Vorstellungen» und des daraus entspringenden Unbefriedigtseins (dukkha) ab.

Der vor allem in Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha verbreitete «südliche Buddhismus» ging aus einer ersten Spaltung innerhalb des Buddhismus hervor. Die Selbstbezeichnung dieser Bewegung lautet «Theravada», «Lehre der Ordensälteren». Ihre Anhänger beanspruchen, die Lehre so zu lehren, wie sie der Buddha gelehrt habe. Der Mahayana-Buddhismus («grosses Fahrzeug»), welcher um die abendländische Zeitenwende entstand, umfasst die Mehrheit der Buddhisten und ist heute in China, Vietnam, Korea und Japan verbreitet. Die Form des tibetischen Buddhismus, des so genannten «Vajrayana», findet sich in Tibet, Himalaya-Regionen und Zentralasien. Eine weitere Unterform des Mahayana ist die «Ch'an-Schule», die im 6. Jahrhundert in China entstand und sich im 12. Jahrhundert in Japan als «Zen-Buddhismus» etablierte. «Zen» leitet sich von «Ch'an» (Meditation, Versenkung) ab, und lässt sich in die Haupttraditionen des Rinzai und des Soto-Zen unterteilen. 

Zwei Grundformen buddhistischer Praxis lassen sich im Westen unterscheiden: Buddhisten aus asiatischen Ländern besuchen die Klöster und Tempel für Andachten, Belehrungen durch die Mönche und um zu spenden. Konvertierte (westliche) Buddhisten hingegen betonen das Studium der Texte und die Meditationsübung.

Weltweit leben gegen 400 Millionen Buddhisten, davon rund 1,5 Millionen in Europa. Gegenwärtig leben in der Schweiz um die 25'000 Buddhisten und Buddhistinnen, von denen die sehr grosse Mehrheit asiatischer Herkunft ist; viele von ihnen sind inzwischen eingebürgert. Es fällt auf, dass zwei Drittel der Buddhisten Frauen sind, auch der Anteil der 20- bis 39-Jährigen ist überdurchschnittlich hoch.

Besonderheiten

Das Konferenzzentrum des Genfer IBPS-Tempels organisiert verschiedene Bildungsprogramme: Sommer-Jugendcamp, Seminare über chinesisch-buddhistische Philosophie, Zen- und Teezeremonien, vegetarische Kochkurse, chinesische Kalligraphie, Mandarin- und Meditationskurse. Auch Konzerte und karitative Projekte werden durchgeführt.