Prof. Dr. Martin Hartmann

Dr. des. Arvi Särkelä

Was bedeutet es, soziale Zustände in naturalistischen Worten zu beschreiben und bewerten? Wir nennen schon in unserer Alltagssprache Gesellschaften oder soziale Entwicklungen „krank“ oder „ungesund“, nennen sie „lebendig“ oder „organisch“. In der Politik wiederum wird uns nicht selten erklärt, dass notwendige Reformen „weh“ tun müssen oder unvermeidbare Kürzungen „schmerzhaft“ sein werden; zugleich wird der Anspruch erhoben, politisch relevante Missstände durch die richtige „Medizin“ oder die korrekte „Kur“ zu „heilen“ – jedenfalls muss die Lage erst einmal grundsätzlich „diagnostiziert“ werden, damit die neuen Massnahmen als „Organe“ eines „gesunden Gesellschaftskörpers“ dienen können. Aber nicht nur die Alltagssprache, auch gesellschaftskritische Zeitdiagnosen verwenden ein reiches naturalistisches Vokabular, was sich etwa daran zeigt, dass mehrere zeitgenössische Strömungen der Sozialphilosophie im Kern um den Begriff der sozialen Pathologie kreisen. Einer Analyse des Sinns solcher naturalistischer Wertungen von sozialen Prozessen und des Versuchs der Sozialphilosophie, durch ein naturalistisches Vokabular einen wertenden Zugriff auf die soziale Realität zu erschliessen, gilt dieses Projekt.

Als ein sozialphilosophisches Projekt ist der Ausgangspunkt das folgende Dilemma: Einerseits sind die Gesellschaftskritik und die Sozialphilosophie von der Übertragung eines medizinischen oder biologischen Vokabulars auf das Soziale leicht abgestossen. Solche Analogien erscheinen vielen Leien wie Fachleuten nicht nur äusserst reduktionistisch, sie stehen zudem stets unter Verdacht, selbst als Herrschaftsmittel eingesetzt zu werden, so wie im Fall, dass eine bestimmte religiöse, ethnische oder sprachliche Minderheit mit dem Krankheitsvokabular belegt wird.

Andererseits aber rekurriert die Sozialphilosophie oft auf ein naturalistisches Vokabular, um sich als eigenständige Disziplin zu erhalten: Eine gemeinsame Intuition derer, die heute vom Begriff der sozialen Pathologie Gebrauch machen, besagt, dass Sozialphilosophie und Gesellschaftskritik an einem gesellschaftlichen Problembereich orientiert sein müssen, der sich nicht in Erfahrungen moralischer oder politischer Ungerechtigkeit erschöpft, sondern auf einer „tieferen“ Ebene des „sozialen Lebens“ auffindbar ist. So bietet sich mancher Sozialphilosophie heute die Idee an, dass das „soziale Leben“ von „Pathologien“ betroffen sein könnte, welche den Zuständigkeitsbereich der Sozialphilosophie als einer eigenständigen Disziplin und die Gesellschaftskritik als etwas von moralischem Urteilen und politischem Handeln Unterschiedenem definiert. Aus dieser Perspektive scheint das Schicksal der Sozialphilosophie mit dem eines naturalistischen Vokabulars zutiefst verbunden zu sein.

Das Dilemma besteht folglich darin, dass es Sozialkritikerinnen und -kritiker schwerfällt, sowohl von der sozialen Pathologie zu sprechen wie auch über sie zu schweigen. So untersucht dieses Projekt den Zusammenhang dieses umfassenden Anspruches der Sozialphilosophie mit dem naturalistischen Vokabular, das sie für die Definition ihres Gegenstandsbereiches benutzt.