Forschungsprojekt 2011-2014, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds
Dr. Andreas Bürgi / Prof. Dr. Jon Mathieu

Was in Zürich, Basel oder Winterthur die im 19. Jahrhundert entstandenen Industriequartiere sind, das ist in Luzern die sogenannte „Tourismusmeile“ im Wey-Quartier mit Löwendenkmal (eingeweiht 1821), Gletschergarten (eröffnet 1873), Bourbaki-Panorama (1889), Alpineum (1901, zuvor seit 1856 Meyers Diorama) und Staufferischem Museum der Thiergruppen (1859–1888). Dazu kamen Souvenirläden, Fotoateliers, Gastwirtschaften, und abends zogen Spektakel wie Konzerte und Illuminierungen die Besucher an. Mit diesem Quartier besitzt Luzern eine städtebauliche Besonderheit, denn nirgendwo sonst in der Schweiz oder im Alpenraum haben sich die für die Touristen eingerichteten Attraktionen zu einem eigentlichen Stadtteil mit einem so vielfältigen Angebot verdichtet. Auf- und ausgebaut werden konnte die Tourismusmeile nur dank moderner Finanzierungsmodelle, neuster Technik, entwickelter Tourismus-Infrastrukturen und medialer Verfahren und Inhalte, die den Geschmack eines breiten Publikums ansprachen. In ihren Einrichtungen konnte der Reisende sich mit zahlreichen Attraktionen von Natur und Geschichte vertraut machen, die die Schweiz und speziell der Alpenraum für ihn bereithielten.

Entstehung, Entwicklung und Bedeutung dieses einmaligen Ensembles sind für einzelne seiner Institutionen, insbesondere für das Löwendenkmal und das Bourbaki-Panorama, dokumentiert und untersucht worden. Ihr Wert ist dank der Forschungen der letzten vierzig Jahre zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts und zur Bedeutung dieser populären Medien für die Entwicklung der Massenkultur des 20. Jahrhunderts und dank der Einsicht in die Schönheit und in den Kunstcharakter sui generis ihrer Erzeugnisse erkannt worden. Und die Bedeutung vergleichbarer, zwischen Kunst, Populärwissenschaft und Schaulust angesiedelter Phänomene wie das Relief oder naturhistorische Ausstellungskonzepte wird immer klarer erkannt. Das spezifische Merkmal der Tourismusmeile indessen, ihre immense Bilderproduktion, die sie als eigentliche Bilderfabrik einer zugleich vielfältigen und hochkonzentrierten Mischung von Schweiz-Imaginationen erscheinen lässt, ist als Ensemble noch nie untersucht worden.

Dieser Bilderfabrik als einer Form symbolischer Praxis geht das Projekt "Luzern, Löwenplatz" auf den Grund. Es soll zum ersten ihre (stadt)politischen, ökonomischen und tourismusgeschichtlichen Bedingungen untersuchen, und zwar chronologisch seit den 1820er Jahren, als mit der Einweihung Löwendenkmals der – wie sich herausstellen sollte – Grundstein für die Tourismusmeile gelegt wurde. Die Untersuchung endet mit dem Ersten Weltkrieg. Zum Zweiten soll die produzierte Bilderwelt analysiert werden, und zwar von der Tradition ihrer Inhalte, von der Erweiterung derselben, von den technischen und kulturellen Bedingungen ihrer Präsentation her und von Funktion und Erfolg für den Tourismus. Schliesslich soll zum Dritten eine Gesamtschau das Ensemble würdigen und nach dessen Rückwirkungen auf das schweizerische Selbstverständnis fragen.