Forschungsprojekt 2011-2014, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds

Reisefotografien und Filme, die Menschen aus fernen Ländern und ihre "exotischen" Lebenswelten zeigen, erfreuten sich während des ganzen 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum grosser Beliebtheit. In Illustrierten und Büchern, im Kino, in der Schule oder im Fernsehen wurden jahrzehntelang Bilder aus Afrika, Asien und Lateinamerika verbreitet, die den hier lebenden Menschen vermeintlich authentische Eindrücke fremder Kulturen vermittelten und die Vorstellungen kolonialer und postkolonialer Realitäten stark beeinflussten, ohne dass sie sich dem oft selber gewahr wurden.

Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen acht wirkungsmächtige Reisefotografen und Dokumentarfilmer aus der Schweiz, deren visuelles Schaffen in den ganzen deutschsprachigen Raum ausstrahlte. Über einen Zeitraum von mehr als 60 Jahren bereisten diese Bildproduzenten Weltgegenden, die den meisten Zeitgenossen noch nicht zugänglich waren. Im Projekt werden Produktions-, Distributions- und Rezeptionskontexte auf dem Hintergrund sich verändernder Mediensysteme untersucht. Die Rolle der Personen und Institutionen, die an den verschiedenen Prozessen beteiligt waren, interessiert ebenso, wie die Funktion und Bedeutung der Bilder selbst. Die Fotografien und Filme werden als konstruierte Fremdbilder aussereuropäischer Kulturen verstanden, die immer auch Selbstbilder sichtbar werden lassen. In einer Langzeitperspektive soll nach Kontinuitäten und Wandel von Sehgewohnheiten und Wahrnehmungskonventionen gefragt werden. Andererseits beschäftigt sich das Projekt im Sinne des jungen Ansatzes der Visual History auch mit der performativen Rolle von Bildern als Gestalter von Wahrnehungskonventionen und als Ausgangspunkt von Handlungen in direkter Folge von Bildpräsentationen.

Mit der geplanten kulturhistorischen Untersuchung möchte das Projekt eine Forschungslücke schliessen, die im Schnittpunkt der historischen Bildwissenschaften der Postcolonial Studies und der Untersuchung von Medienpraxen im deutschsprachigen Raum klafft.