Das Ziel der Ethnologie besteht darin, Gemeinsamkeiten und Unterschiede menschlicher Lebensweisen zu interpretieren und zu erklären. Universalien sind dabei von ebenso grosser Bedeutung wie lokale Besonderheiten, um Verhalten und Kultur in vergleichender Perspektive zu verstehen. Sorgfältige und detaillierte Beschreibungen einzelner Kulturen (Ethnographien) müssen allerdings stets den Ausgang bilden. Obgleich gute Kenntnisse regionaler Ethnographie den Rahmen für einzelne Forschungsprojekte bilden (siehe Regionale Arbeitsgebiete), geht die Ethnologie davon aus, dass Lebensweisen, Verhalten und dessen Bedeutungen vor allem durch lokale Kontexte bestimmt werden. Neben der Ethnographie sind die thematischen Spezialisierungen (siehe Schwerpunkte) von ebenso zentraler Bedeutung für Forschung und Lehre des Faches. Unser Team ist der Ethnologie als wissenschaftlicher Disziplin als starke Basis für interdisziplinäre Zusammenarbeit verpflichtet.
Offenheit für Interdisziplinarität und internationale Kooperationen sind integrale Bestandteile unserer Forschung und Lehre. Wir betrachten die Kultur- und Sozialwissenschaften – aus unterschiedlichen Forschungstraditionen zusammenwachsend – als ein internationales, gemeinschaftliches Unternehmen. Im Zeitalter des Postkolonialismus ist die Ethnologie besonders darum bemüht, neue Wege des Austausches, der Zusammenarbeit und der Diskussion auch mit den jeweiligen Institutionen und Personen in den Regionen zu beschreiten, in denen EthnologInnen forschen (siehe Partner).

Die Ethnologie vermag viel zu gegenwärtigen Diskursen und Debatten über kulturelle Vielfalt und die Relativität von Werten beizutragen. Sie fördert kritische Reflexivität und Sensibilität gegenüber unterschiedlichen Lebensweisen und Perspektiven – Schlüsselkompetenzen zur gesellschaftlichen Teilhabe in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Unser Team hat sich deshalb auch der öffentlichen Vermittlung ethnologischer Sichtweisen und ihrer gesellschaftlichen Relevanz verschrieben.

Schwerpunkte

Neben allgemeinen, regionalen und spezifischen thematischen Lehrveranstaltungen bietet das Ethnologische Seminar Kurse zu folgenden Spezialgebieten unserer Mitarbeitenden an: Verwandtschaft und soziale Reproduktion, psychologische/kognitive Ethnologie und Mensch-Umwelt-Beziehungen. Die Studierenden profitieren von intensiver persönlicher Betreuung durch erfahrene EthnologInnen, die alle in der Forschung und publizierend tätig sind. Unser Angebot wird ferner durch Lehrveranstaltungen und Vorträge von GastwissenschaftlerInnen bereichert. Unser Unterrichtskonzept betont die enge Verbindung zwischen Forschung und Lehre/Lernen. So verwenden wir etwa Probleme und Ergebnisse aus laufenden Forschungsprojekten als Beispiele in der Lehre und ermutigen Studierende, eigene Forschungsprojekte zu entwickeln und an Feldforschungsexkursionen teilzunehmen. 

1. Die politische Ökonomie von Verwandtschaft und sozialer Reproduktion

Menschen gelten als die sozialsten aller Lebewesen; zugleich unterliegen Formen menschlicher Beziehungen kultureller und historischer Variabilität. Wie Muster menschlicher Beziehungen entstehen und aufrechterhalten werden, zählt seit den Anfängen der Ethnologie zu den Kernfragen des Faches. Unter normalen Bedingungen erwerben Menschen ihr kulturspezifisches Verhaltensrepertoire im Kontext intimer Interaktionen innerhalb der Familie. Deshalb bildet das Verständnis von Verwandtschaftsbeziehungen und den mit ihnen verbundenen Verhaltensnormen eine Grundvoraussetzung für Theorien sozialer Reproduktion. Diese sozialen Interaktionen und Praktiken haben Machtbeziehungen zur Folge, und schlagen sich in lokalen Unterschieden (beispielsweise zwischen Geschlechtern oder sozialen Schichten) und in sozialem Wandel nieder. Aufgrund ihrer komplexen Verbindungen zu Familienstrukturen, dem Haushalt als ökonomischer Einheit und grösseren politischen Strukturen ist die frühe Sozialisation integraler Bestandteil eines dynamischen Prozesses, der menschliche Individuen hervorbringt und gleichzeitig die Beziehungsmuster, die eine kulturspezifische soziale Form konstituieren, reproduziert oder transformiert. Die Veränderungen sozioökonomischer Bedingungen, welche die Spätmoderne auf lokaler, regionaler und globaler Ebene hervorgebracht hat (beispielsweise Migration oder die schnellen Ströme an Kapital, natürlichen Ressourcen, materiellen Gütern und Arbeit), bringen unausweichlich Fragen sozialer Reproduktion und der Machtbeziehungen mit sich. Laufende Forschungsprojekte von Seminarmitarbeitenden untersuchen auf den Philippinen und in Papua-Neuguinea soziale Reproduktion sowie die Konfiguration von Verwandtschaft und anderen grundlegenden sozialen Beziehungen unter Bedingungen, welche durch die Globalisierung neoliberaler Wirtschaftspolitik geschaffen wurden, die jeweils ökonomische Ungleichheiten verstärken und lokale Lebensweisen transformieren. 

2. Psychologische (kognitive) Ethnologie

Traditionell beschäftigte sich die Psychologische Ethnologie (Psychological Anthropology) mit inter- und intrakultureller Variabilität psychischer Eigenschaften und ihrer Entwicklung sowie mit den kulturspezifischen Konzepten, durch welche diese beeinflusst werden. In jüngerer Zeit setzten sich ForscherInnen ausserdem mit der kulturellen Variabilität von Aspekten der kognitiven Verarbeitung auseinander (Wahrnehmen, Lernen, Erinnern, Denken, Entscheiden und Sprechen). Sozialisation und Lernen sind entscheidend für grössere gesellschaftlich relevante Muster von Identitäten und Verhaltensdispositionen. Diese waren schon immer zentrale Forschungsgegenstände der Ethnologie, deshalb ist auch die psychologische Ethnologie nicht immer klar als eigenständiger Forschungszweig abgrenzbar. Indem vermehrt Fragen nach den Auswirkungen lokaler kultureller Muster auf grundlegende Aspekte kognitiver Funktionsweisen gestellt wurden, hat das Aufkommen der Kognitionswissenschaft dieses Forschungsfeld allerdings neu belebt. (Die psychoanalytische Ethnologie, ein Teilfeld der psychologischen Ethnologie, blickt auf eine lange Tradition in der schweizerischen Ethnologie zurück). Laufende Projekte in diesem Forschungsgebiet beschäftigen sich beispielsweise mit den Sinnen auf den Philippinen (Visayas), bei den Wampar in Papua-Neuguinea und in Migrantengruppen in Europa.

3. Mensch-Umwelt-Beziehungen

Mensch-Umwelt-Beziehungen sind Hauptgegenstand der environmental anthropology, die bisweilen auch als ecological anthropology oder "Kulturökologie" bezeichnet wird. Auf diesem Gebiet tätige Ethnologen untersuchen die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt über die gesamte Bandbreite sozio-kultureller Unterschiede sowie Gesellschaften aus unterschiedlichen Phasen der Menschheitsgeschichte bis zur heutigen globalisierten Welt. Zentraler Forschungsgegenstand ist also die gegenseitige Formung von Naturräumen und den in und von ihnen lebenden menschlichen Gesellschaften. Eine Herausforderung an Ethnologen besteht also darin, komplexe Zusammenhänge gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen Menschen und ihrer kulturell veränderten "natürlichen" Umwelt zu verstehen. Diese Perspektive ist für das Verständnis von Umweltveränderungen und die jeweiligen politischen Reaktionen internationaler Organisationen von großer Bedeutung.

Weil Menschen die Umwelten, in denen sie leben, in lokalspezifischen Begriffen kategorisieren und erkennen, erfordert die Untersuchung von Mensch-Umwelt-Beziehungen genauso Wissen über lokale Konzepte und Verständnisse wie Kenntnisse relevanter naturwissenschaftlicher Disziplinen. Diese doppelte Sichtweise ist auch notwendig, um die "menschliche Dimension" ökologischer Interaktionen und Umweltgeschichte richtig einschätzen und würdigen zu können. Weiterhin ist diese duale Perspektive auch erforderlich, um die bisweilen widerstreitenden Positionen verschiedener Interessenvertreter, die sich beispielsweise an globalen Diskursen zum Klimawandel beteiligen, angemessen zu analysieren.

Empirische Untersuchungen wie auch theoretische Ergebnisse zur kulturellen Konstruktion von Mensch-Umwelt-Beziehungen erlauben, zu Debatten in benachbarten Forschungsgebieten und Disziplinen beizutragen, etwa zu Geographie, Umweltstudien, Ressourcenmanagement, Archäologie, Evolution, Recht und Politikanalyse.

Laufende Forschungsprojekte am Ethnologischen Seminar beschäftigen sich beispielsweise mit gesellschaftlichen Folgen von Klimawandel und Umweltwahrnehmungen (mit Fallstudien) im Pazifik, ökonomischen Mustern und Ressourcenmanagement auf den Philippinen sowie mit Fertigkeiten, Konventionen und Ritualen im Kontext von Ressourcenansprüchen an der Südwestküste Madagaskars. Außerdem haben sich einige Mitglieder des Teams auf Umweltpolitik, (inter)nationale Politik und Regierungsführung (Governance) spezialisiert.

Regionale Arbeitsgebiete

Die Ethnologie ist eine vergleichende Wissenschaft. Gleichwohl bildet räumliche Spezialisierung eine wichtige Basis für fundierte Ethnographie sowie für die Analyse von lokal-/regionalspezifischen Unterschieden, Problemen und Fragestellungen. Des Weiteren stellen Regionalkenntnisse für Studierende eine wichtige Qualifikation auf dem internationalen Arbeitsmarkt dar (siehe Partner). 

Unsere Teammitglieder arbeiten in Südostasien und im Pazifik, haben aber auch Forschungsinteressen in anderen Regionen. Mehrere Masterstudierende sowie Doktoranden führen Forschungen zu Migrantengruppen in der Schweiz durch (beispielsweise zu transkulturellen philippinischen Familien und ihren Kindern), was die Relevanz ethnologischer Ansätze und Ergebnisse für die eigene Gesellschaft verdeutlicht.