Digitaler Humanismus: Philosophische Orientierung für eine Welt von morgen

Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister a. D. (Universität München)

Digitaler Humanismus: Philosophische Orientierung für eine Welt von morgen

Neuer Termin: Samstag, 12. Juni 2021, 08:30 bis 16:30 Uhr

Möglicherweise wird man in einer fernen Zukunft auf die Menschheitsgeschichte zurückblicken und von drei großen disruptiven technologischen Innovationen sprechen. Der Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zur sesshaften Agrarkultur mit Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit, der Übergang zum Maschinenzeitalter auf der Grundlage fossiler Energieträger im 19. Jahrhundert und schließlich die digitale Revolution des 21. Jahnhunderts: die Nutzung künstlicher Intelligenz. Sollte dies einmal so sein, dann stehen wir heute erst am Anfang einer technologischen Revolution, ähnlich wie Europa in den ersten Jahrzehnten des 19 Jahrhunderts. Und so wie damals sind die technologischen Erneuerungen auch heute von apokalyptischen Ängsten, aber auch euphorischen Erwartungen begleitet. Letztere können als „Silicon Valley Ideologie“ bezeichnet werden, der zufolge eine umfassende Digitalisierung eine utopische Welt einläuten wird, in der Transparenz und Berechenbarkeit, ökonomischer Erfolg uns von allem Übel dieser Welt erlösen wird.

Der digitalen Humanismus setzt hier einen Kontrapunkt. Er setzt sich von den Apokalyptikern ab, weil er der menschlichen Vernunft vertraut und es setzt sich von den Euphorikern ab, weil er die Grenzen digitaler Technik achtet. Der digitale Humanismus transformiert den Menschen nicht in eine Maschine und interpretiert Maschinen nicht als Menschen. Er plädiert für eine instrumentelle Haltung gegenüber der Digitalisierung und macht nicht den Fehler zu glauben, dass Softwaresysteme intelligent seien und über Wahrnehmungen und sogar Emotionen verfügen,  also dass sie erkennen und entscheiden können. Wir sollten uns vor dem Selbstbetrug hüten, dass wir zunächst digitale Maschinen entwickeln, die Emotionen, Erkenntnisse und Entscheidungen simulieren, um dann überrascht zu konstatieren, dass diese Maschinen ja den Eindruck vermitteln, sie hätten Emotionen und seien in der Lage, zu erkennen und zu entscheiden.

Der digitale Humanismus ist nicht defensiv, er möchte den technischen Fortschritt im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht bremsen, sondern fördern, er spricht sich für eine Beschleunigung des menschlichen Fortschritts unter Einsatz der digitalen Möglichkeiten aus, um unser Leben reichhaltiger, effizienter und nachhaltiger zu machen. Er träumt nicht von einer ganz neuen, menschlichen Existenzform, wie die Transhumanisten, ist aber optimistisch, was die menschliche Gestaltungskraft der digitalen Potentiale angeht.



Kurz-CV von Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin, Staatsminister a. D.

Julian Nida-Rümelin gilt als einer der „renommiertesten Philosophen in Deutschland“ (Handelsblatt vom 30.7.2017) und lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Sein Buch Die Optimierungsfalle. Philosophie einer humanen Ökonomie hat intensive Debatten  zum Verhältnis von Ökonomie und Ethik ausgelöst. Es beruht auf seinen langjährigen Forschungen zur Theorie praktischer Rationalität an der Nahtstelle zwischen Ökonomie, Spieltheorie und Philosophie.

In seinen letzten Buchpublikationen plädiert er für eine Erneuerung des philosophischen und politischen Humanismus (Humanistische Reflexionen, Suhrkamp, 2016), befasst sich mit den Prinzipien einer humanen und vielfältigen Bildungspraxis, (dazu sind in den Jahren 2013, 2014 und 2017 drei Bücher von ihm publiziert worden), auch mit der Ethik der Migration (Über Grenzen denken, edition Körber 2017). Im Herbst 2018 erschien eine neue Monographie zum Thema Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz (Piper Verlag), für das er in Österreich den Bruno-Kreisky-Preis für das beste politische Buch des Jahres erhielt. Im Frühjahr 2020 erschien bei edition Körber das Buch Die gefährdete Rationalität der Demokratie.

JNR gehörte als Staatsminister für Kultur und Medien dem ersten Kabinett Schröder an. Er ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften, Direktor am bayrischen Institut für digitale Transformation (bidt).

2016 verlieh ihm die bayrische Staatsregierung die Medaille für besondere Verdienste um Bayern in einem Vereinten Europa. Im Jahre 2019 erhielt er den bayrischen Verdienstorden. Seit Mai 2020 gehört er dem deutschen Ethikrat an.

 

Weitere Informationen:
Kosten: 890.- (Der Preis beinhaltet die Pausen- und Mittagsverpflegung.)
Die Platzzahl ist auf 22 Personen beschränkt. Die Plätze werden gemäss Anmeldungseingang vergeben. Es wird eine Warteliste geführt.
Anmeldefrist: 7. Juni 2021.
Bei Abmeldung werden die Kosten nur bei triftigen Gründen erlassen, abgesehen von 100.- Bearbeitungsgebühr.

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