Neue Datenformen, digitale Technologien und elektronische Lebenswelten in Forschung und Praxis

Wenn es um ‚Neue Medien’ geht, lässt sich die Gesellschaft immer noch vor allem vom Internet und seinen Möglichkeiten faszinieren. Doch so beeindruckend das Internet sein mag, so revolutionär die Umbauten der Gesellschaft sein mögen, die diese Medienrevolution ermöglicht und erzwungen hat: die Grundmuster, die das Internet prägen, stammen aus dem 19. Jahrhundert, und sind von einer längst vergessenen Technologie erschaffen worden – der Telegrafie. So ist weniger das Internet selbst das spektakulär neue, sondern vielmehr der Computer als neuer Basistechnologie, die das Internet aus dem 19. ins 21. Jahrhundert katapultiert hat. Die Medienrevolution, die dem 21. Jahrhundert erst noch bevorsteht, und die in ihren Konsequenzen noch kaum einzuschätzen ist, ist die Computerrevolution.

Bereits gut sichtbar sind die Veränderungen im kommunikativen Alltagsverhalten, die der Computer erzeugt – das ‚smartphone‘ ist ja längst kein ‚phone‘ mehr, sondern ein Computer im Taschenformat. Noch sichtbarer ist allerdings die ungeheure Menge an Daten, die die Computerrevolution erzeugt hat. Kaum ein Lebensbereich (Stichwort: ‚digital worlds’), der nicht in Rückgriff auf ‚Big Data‘ auf völlig neue Weise vermessen werden könnte: web mining und data mining werden zunehmend zu Strategien, um auf neue Weise alte Themen und soziale Phänomene anzugehen wie: Meinungs- und Publikumsforschung, Datenjournalismus, Markt- und Rezeptionsforschung, Konsumforschung, neue soziale Bewegungen, neue „elektronische“ Lebensstile und Kollektive usw. usf.

Ungleich spektakulärer sind aber die Verschiebungen, die sich ergeben, wenn man sieht, was software-tools in Forschung und Praxis zu verändern begonnen haben. Die Gesellschaft des Buchdrucks, die Gutenberg-Galaxis, in der wir geistig immer noch leben, hat sich die Welt über Texte erarbeitet – der Text war und ist immer noch das zentrale Medium der Erkenntnis, der Erschaffung und Verarbeitung von Wissen. Doch absehbar wird dieses Erkenntnisparadigma der Textualität zunehmend überlagert und umgebaut durch Erkenntnismittel, eben Tools, die ausschliesslich dem Computer und der Auswertung neuer Datenformen und großer Datenmengen verdankt sind: Software-Tools (wie auch Apps), die in der Maschine das, was eingegeben wird, nicht wiedererkennbar zu dem transformieren, was dann ausgegeben wird. Das Ergebnis sind Datenwelten, deren Zustandekommen für normale Computernutzende kaum rekonstruierbar ist. Und die weiteren Software-Tools als primäre Eingabedaten dienen - zur Produktion weiterer Ergebnisse aus Ergebnissen von Ergebnissen.

Was dies alles auf die Wissensformen einer vom Computer geprägten Gesellschaft nun zukünftig für Auswirkungen haben wird, ist noch nicht vollständig absehbar. Aber dieser Prozess ist, in Wissenschaft wie Praxis, bereits jetzt erforschbar.

Das Wahlmodul wird sich diesen Themen widmen. Klassische und neue Praxis- und Forschungsfelder sollen vor diesem Hintergrund erschlossen und aufgearbeitet werden. Klassische Praxis- und Forschungsfelder wie Markt-, Meinungs- und Rezeptionsforschung, aber auch bewährte Methoden wie Surveys (etwa Befragungen zur Mediennutzung) oder die Inhaltsanalyse (etwa von massenmedialen Quellen) sollen in ihrem aktuellen Wandel verstanden, neue Praxis- und Forschungsfelder wie Daten- und Roboterjournalismus, Netzwerkforschung und Simulation sollen erschlossen werden. Erforderlich sind nun auch Kompetenzen im Umgang mit anderen Datenformen und anderen Datentools.

In allem aber wird es insbesondere darum gehen müssen, die Datenwelten, mit denen die vom Computer geprägte Gesellschaft sich selbst vermisst, auf ihr Zustandekommen, ihre Verwendbarkeit und ihre Aussagekraft hin zu reflektieren – und in Wissenschaft wie Praxis nutzbar zu machen.

Das Wahlmodul ist hauptsächlich als Kombination je einer Seminarveranstaltung mit einer Übungsveranstaltung aufgebaut: die Seminarveranstaltung erarbeitet die Themen, die dann in der Begleitveranstaltung an spezifischen Software-Tools ausprobiert und eingeübt werden.