Vergessene Schweizer KZ-Opfer

Bis vor Kurzem war die Schweiz ein weisser Fleck in der Holocaust-Forschung. Dass dem nicht mehr so ist, ist den drei Autoren Dr. Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid zu verdanken. Im Rahmen des Forschungskolloqiums zur Geschichte der vormodernen und modernen Welt referierten sie am 9. Dezember über die Entstehung ihres Buches "Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reiches".

27.11.2020: An der Clausiusstrasse werden die ersten Zürcher Stolpersteine für Lea und Alain Berr-Bernheim gesetzt. (Bild zur Verfügung gestellt vom Verein Stolpersteine Schweiz)

Schweizer Opfer wider Erwarten

Eine Gendenktafel auf dem ehemaligen Appellplatz des KZ Buchenwald sei der Initiator gewesen, um sich mit dem Thema "Schweizer KZ-Häftlinge" auseinanderzusetzen, so der Historiker Dr. Balz Spörri. Auf der Tafel seien nämlich – wider Erwarten – Schweizer Opfer aufgeführt gewesen. "Dass auch Schweizer Bürgerinnen und Bürger in NS-Konzentrationslagern inhaftiert waren, war für mich, obwohl ich Geschichte studiert habe, absolut neu", so der Autor via Zoom. Zurück in der Schweiz habe er deshalb begonnen, nach Literatur zu diesem Thema zu suchen und mit Freunden und Kollegen darüber zu sprechen – darunter ebenfalls Historiker –, doch keiner habe jemals etwas von Schweizer KZ-Häftlingen gehört.

Keine Anerkennung für die Opfer

Wie wenig diese Opfer im öffentlichen Bewusstsein existierten, veranschaulichte Spörri mit Beispielen. "In den Jahren 2017 und 2018 hatte die Schweiz die Präsidentschaft der ‘Internationalen Holocaust Remembrance Alliance’ inne und verpasste es, den Schweizer Opfern irgendeine Form von Anerkennung oder Aufmerksamkeit zu schenken – es passierte einfach gar nichts", erzählte Spörri betroffen. Aber auch die Medien seien keine Hilfe gewesen. So habe eine Journalistin der SRF-Radiosendung "Kontext" 2019 eine Basler Schulklasse in das KZ Dachau begleitet, aber in der Sendung mit keinem einzigen Wort erwähnt, dass auch dort mehrere Dutzend Schweizer Häftlinge inhaftiert gewesen seien.

Die Schweiz hätte mehr tun können

Vor der Veröffentlichung des 2019 im NZZ Libro Verlag erschienen Buches gab es weder eine historische Einordnung noch eine Liste mit den Namen der Schweizer NS-Opfer, wie es in fast allen anderen europäischen Länder üblich ist, erläuterte Spörri. Um diese Lücke zu schliessen, hätten die drei Männer im Bundesarchiv Bern ihre Recherchearbeit aufgenommen. "Doch herauszubekommen, wer tatsächlich in einem KZ war, war nicht ganz einfach", ergänzte Journalist René Staubli, der während des an der KSF angesiedelten Kolloquiums vor allem über ihre Recherchearbeiten referierte. Es folgten intensive Wochen, in denen tausende von Personendossiers durchforstet wurden, um mehr über die Schicksale der Schweizer KZ-Opfer herauszufinden. Tief betroffen nahmen sie zur Kenntnis, dass die Schweiz in vielen Fällen nicht die Hilfe geleistet hat, die sie hätte leisten können.

Berührende Bilder, persönliche Schicksale

Den Schwerpunkt ihres Werkes legten die drei Autoren aber auf einen anderen Aspekt. "Nicht nur Zahlen und Analysen, sondern Bilder der Opfer sollten eine Rolle spielen", erklärte Benno Tuchschmid. Bilder würden berühren, brächten eine neue Ebene ins Buch und gäben den Schicksalen und Biografien eine persönliche Note. Ihr Ziel sei es gewesen, so der Journalist, zehn ausführliche Biografien aufzuarbeiten und nicht über möglichst viele Opfer oberflächlich zu schreiben. Auch sei es den drei Autoren wichtig gewesen, die Heterogenität der Opfer aufzuzeigen und beide Geschlechter gleichermassen zu berücksichtigen.

Ein Stolperstein für jedes Opfer

Was nach der Publikation ihres Buches geschah, bezeichnete Tuchschmid als schlicht überwältigend. Über siebzig Mal seien sie in der Schweizer Presse erschienen. Besonders gefreut habe sie aber, dass aufgrund ihrer Arbeit eine "Kollektive Erinnerungskultur" am Entstehen sei. "Schon während unserer Recherchen kam von der Ausland-Schweizer-Organisation das Ansinnen, dass es so etwas wie ein nationales Denkmal geben soll für Schweizer KZ-Opfer." Und nach der Publikation ihres Buches, so Tuchschmid, sei in Zürich der Verein "Stolpersteine Schweiz" gegründet worden, der das Ziel habe, jedem Schweizer KZ-Opfer einen Stolperstein zu widmen. Mit diesen im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, soll ein Zeichen gesetzt und an das Schicksal jener Menschen erinnert werden, die von Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Vor wenigen Wochen, ergänzte Tuchschmid zum Schluss, seien bereits die ersten sieben Steine verlegt worden.

 

Dieser Beitrag wurde von der Studentin Denise Donatsch verfasst. Sie studiert Philosophie im Bachelor.

18. Dezember 2020