In diesem Herbstsemester erhält das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) gleich zweifachen Besuch: Mit den Wissenschaftlern Aleida und Jan Assmann sind im Rahmen der traditionellen IJCF-Gastprofessur während eines Semesters zwei Forschende mit internationalem Renommee im Haus.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann und Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann. (Bild: Corinna Assmann)

Die sowohl in der wissenschaftlichen Community als auch in der Öffentlichkeit stark beachtete Forschung von Professorin Aleida Assmann, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, und Professor Jan Assmann, Ägyptologe, Religions- und Kulturwissenschaftler, strahlt auf viele Bereiche aus, unter anderem Judaistik, Bibelwissenschaft, Kunst und Politik.

Erhalt des Balzan Preises

Die beiden deutschen Wissenschaftler sind Träger diverser Auszeichnungen. Gerade gestern, am 11. September 2017, wurde in Mailand bekanntgegeben, dass der "Balzan Preis 2017 für Kollektives Gedächtnis" an das Ehepaar geht. Der mit 750'000 Franken dotierte Preis – die Hälfte davon ist in die Forschung zu investieren – wird am 17. November in Anwesenheit von Bundespräsidentin Doris Leuthard in Bern verliehen.

Bahnbrechende Theorie

Grosse Aufmerksamkeit – und das ist auch einer der Gründe für den Erhalt der aktuellsten Auszeichnung – erlangte die von Aleida und Jan Assmann entwickelte Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Mit diesem Konzept bezeichnen die beiden Forschenden, in der Form einer Monografie erstmals 1992 formuliert, "die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen".

Ausgehend von diesem Theorieansatz bieten Aleida und Jan Assmann ab dem 18. September an der Universität Luzern zum einen die Vorlesung "Gedächtnis – Erinnern und Vergessen", zum anderen das Hauptseminar "Gedächtnis, Geschichte und Identität" an; beide Lehrveranstaltungen sind offen für Hörerinnen und Hörer. Die Vorlesung ist auch im Fernstudium belegbar.

Erinnern oder vergessen?

Zu den Aspekten, welche die beiden Wissenschaftler in ihren Lehrveranstaltungen vertiefen wollen, gehören das Verhältnis von Gedächtnis und religiöser und kultureller Identität, das Verhältnis von Gedächtnis und Geschichtsdeutung, das Verhältnis von Gedächtnis, Geschichte und Trauma, sowie das Verhältnis von Gedächtnis, Kultur und Medien. Dabei drehen sich viele der Fragen um offene Kontroversen: Ist der Schritt von der individuellen zur kollektiven Erinnerung überhaupt zulässig? Wie zuverlässig sind Erinnerungen? Ist dem Erinnern oder dem Vergessen der Vorzug zu geben?

Für die Jüdischen Studien ist die Assmann'sche Theorie des kulturellen Gedächtnisses insofern fruchtbar, da im Judentum das Gedächtnis eine besondere Rolle spielt, weil es in dieser Religion und Geschichte eine neue Bedeutung und Ausprägung erfahren hat. Galt von Anfang an das Vergessen der religiösen Gebote als eine Katastrophe, weil es den Bund mit Gott und die Bindung innerhalb der Gruppe gefährdete, so war es später die historische Katastrophe der Shoah, die neue Formen der Erinnerung (wie zum Beispiel "postmemory" oder "Zeugenschaft") hervorgebracht hat.

Gastprofessuren seit 1974

Am IJCF haben Gastprofessuren eine lange Tradition. Seit 1974 hält jedes Jahr jeweils im Herbstsemester eine Gastprofessorin bzw. ein Gastprofessor aus Israel, Amerika oder Europa eine Vorlesung im Bereich der Jüdischen Studien. Dies bietet die Möglichkeit zu kontinuierlichem internationalen und interreligiösen Wissensaustausch und zur Durchführung von gemeinsamen Forschungsprojekten. Seit dem Herbstsemester 2003 wird die Gastprofessur durch die Daniel Gablinger-Stiftung, Zürich, gefördert.

12. September 2017