Als Herzstück der Tagung "Stimmungen und Vielstimmigkeit der Aufklärung" der SNF-Förderprofessur von Boris Previsic fand ein Werkstattgespräch mit Michel Roth, dem Komponisten der Oper "Die künstliche Mutter" und der anschliessende Besuch deren Uraufführung im Rahmen des Lucerne Festivals statt.

Florian Henri Besthorn (l) und Komponist Michel Roth (r), Südpol, 3.9.16

Anfang September sind fünfzehn Musik-, Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen aus Deutschland, Schweden, der USA und der Schweiz an die Uni Luzern gereist, um während drei Tagen die unterschiedlichen Positionen der Aufklärung zum Thema "Stimmungen und Vielstimmigkeit" zu erörtern. Um deren Aktualität für unsere Zeit zu veranschaulichen, wurde während eines Abends der Blick von der Aufklärung in die Gegenwart gelenkt: hin zur Uraufführung der Oper "Die künstliche Mutter", komponiert auf der Basis des gleichnamigen Romans von Hermann Burger und Ausgangspunkt des von Boris Previsic herausgegebenen Bands "Gotthardfantasien". In einem öffentlichen Werkstattgespräch mit dem Basler Musikwissenschaftler Florian Henri Besthorn nahm der Komponist Michel Roth wiederum Bezug zu den Leitfragen der Tagung.

Denn in der modernen Oper werden die beiden Paradigmen von "Stimmungen und Vielstimmigkeit" prominent eingesetzt. So ist die Vielstimmigkeit etwa in den verschiedenen Sprachen (Deutsch, Urnerdialekt, Althochdeutsch) des gesprochenen oder gesungenen Textes erkennbar sowie in der variierenden Art ihrer Vertonung. Die musikalische Stimmung wiederum zeigt sich in einer komplexen Tonsprache mit mikrointervallischen Strukturen und der Arbeit mit Ober- und Untertonspektren.  Dass „Die Künstliche Mutter“ zudem von einem degradierten und entsprechend erschütterten Privatdozenten mit 'Unterleibsmigräne' handelt, stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt zur akademischen Auseinandersetzung  dar – und kecke Distanz.

Durch diesen Austausch mit einer Produktion des Lucerne Festivals gelang den Organisatoren Boris Previsic, Laure Spaltenstein und Silvan Moosmüller eine spannungsreiche  Illustration ihres Forschungsinteresses, nachdem bereits drei Cembali ihren Weg ins Unigebäude fanden: mit dem Lecture Recital "Stimmungen des 18. Jahrhunderts" leitete der Cembalist und Stimmungsexperte Johannes Keller von der Schola Cantorum Basel die Tagung musikalisch ein. Damit entpuppte sich die Universität nicht nur als Resonanzraum des gegenüberliegenden KKL, sondern entfaltete eine eigene Musik zur Reflexion der aufklärerischen Mehrstimmigkeit und eines heute so notwendigen verbindlichen Pluralismus.

7. September 2016