Als Leiterin der Studiendienste ist Jie Lötscher so etwas wie eine «Zollbeamtin», wenn es um die Zulassung geht. Wer hier studieren will, kommt an der 37-jährigen Wahlschweizerin mit chinesischen Wurzeln, die neulich auch noch promoviert hat, nicht vorbei.

Jie Lötscher in herbstlicher Szenerie
«Ich bin eigentlich ein Grossstadtkind, aber ich fühle mich pudelwohl hier»: Dr. des. Jie Lötscher, Leiterin der Studiendienste. (Bild: Philipp Schmidli)

Gegen 800 Personen haben in diesem Herbst an der Universität Luzern neu ihr Studium aufgenommen. Ganz am Anfang steht die Online-Anmeldung – und im weiteren Prozess die Frage, ob die Zulassungsbedingungen erfüllt sind. Dies alles, und auch die weitere Studierendenadministration auf universitätsweiter Stufe, fällt in den Zuständigkeitsbereich der Studiendienste, eines Teams aus vier Mitarbeitenden, das seit zwei Jahren von Jie Lötscher geleitet wird.

Die Studienanwärterinnen und -anwärter können sich über den Stand ihres Anmeldeverfahrens erkundigen. «Wir sind per E-Mail und telefonisch erreichbar und bieten bei Bedarf auch persönliche Beratungen am Schalter an. Anonym ist es bei uns nicht», so Lötscher. Das sei nicht bei allen Universitäten selbstverständlich, «weder in der Schweiz noch im Ausland». Im Zuge der traditionellen persönlichen Immatrikulation kommen alle Neustudierenden physisch bei den Studiendiensten vorbei, um sich rechtsgültig einzuschreiben. «Dort lernen wir dann die Gesichter hinter den Anmeldedossiers kennen, und sie uns auch», sagt Jie Lötscher. «Es sind immer fröhliche Momente, wenn wir sehen, dass diese jungen Menschen bei uns ihre Reise in der Hochschulausbildung beginnen.»

Vielfältige Dossiers und Tätigkeiten

Die Universität erreichen jedes Semester Studienbewerbungen aus aller Welt. Auch die Anmeldungen der inländischen Kandidierenden sind sehr vielfältig. «Unsere Arbeit fühlt sich manchmal ähnlich an wie jene in einer Personalabteilung, wir haben allerdings nicht die Qual der Wahl», sagt Jie Lötscher. «In der Arbeitswelt können die Stellen ja jeweils nur einmal vergeben werden, und unter den Bewerberinnen und Bewerbern findet eine mehrmalige Selektion statt.» Ausser beim neuen Joint Master Medizin, wo es einen Numerus clausus gibt, können alle qualifizierten Bewerbenden zugelassen werden. «Das ist das Schöne dabei.»

Bei einer Schweizer Matura oder einem schweizerischen Studienabschluss ist der Fall in der Regel klar. Die aufwendigere Zulassungsprüfung fängt dort an, wo die Reifezeugnisse oder Diplome aus dem Ausland stammen oder einen internationalen Charakter haben. «Die wichtigste Aufgabe für uns liegt dabei darin, die Äquivalenzen in formaler Hinsicht festzustellen.» Es geht also etwa darum, verbindlich zu prüfen, ob die mit einem Reifezeugnis eines anderen Landes verbundenen erlangten Leistungen gleichwertig zu denjenigen im Zusammenhang mit der schweizerischen gymnasialen Maturität sind – oder nicht. Jie Lötscher vertritt die Universität auch in der «Kommission für Zulassung und Äquivalenzen» von swissuniversities, der Dachorganisation der Schweizer Hochschulen. Jedes Jahr werden dort die Zulassungsbedingungen für mehr als 150 Länder und Gebiete geprüft und aktualisiert.

Es gibt schon auch Momente, in denen wir Sherlock Holmes spielen müssen.
Jie Lötscher

Fälschungen bei den Diplomen und Unterlagen gebe es kaum, meint Lötscher. Bei ausländischen Dokumenten würden beglaubigte Übersetzungen verlangt. «Es gibt schon auch Momente, in denen wir Sherlock Holmes spielen müssen», sagt sie und lacht. Natürlich würden manchmal auch Absagen anfallen. «In solchen Fällen zeigen wir den Personen aber je nach Situation Alternativen auf.»

Begleitung bis zur Diplomierung

Die Phase der – in diesem Jahr aufgrund der Corona-Situation punktuell eingeschränkten – persönlichen Immatrikulation ist immer sehr intensiv. Da das Team motiviert und eingespielt ist, funktioniert es trotz der vielen Arbeit sehr gut. Persönliche Einladungen mit individuellen Terminen an mehrere Hundert Studierende: Dies verlangt eine optimale Übersicht und eine präzise Organisation der Teammitglieder. Ein harmonisierendes und gutes Team, das effizient und genau arbeitet, sei ihr sehr wichtig, meint Lötscher. Ihre Abteilung verwaltet die digitalen Dossiers aller Studierenden und bewältigt auch die administrativen Belange der Studierenden während der ganzen Studienzeit. «Wir begleiten sie bis zum Schluss ihrer Reise bei uns», erklärt sie.

Damit die Studierenden bei ihrem Einstieg in die Berufswelt ein Unterstützungsangebot erhalten, wurde Jie Lötscher beauftragt, die «Career Services» auf- und auszubauen. Der Arbeitsmarkt sei eine ganz andere Umgebung, erklärt sie. «Weder eine Vorlesung noch ein Seminar bereitet die Studierenden darauf vor.» Diese Lücke soll geschlossen werden. Die von der Servicestelle am Anfang des Frühjahrssemesters durchgeführten Veranstaltungen seien entsprechend auf grosse Resonanz gestossen. «Seit März ist die Organisation aufgrund Corona allerdings schwierig, denn nicht alles kann sinnvoll digital durchgeführt werden, vor allem nicht die grösseren Firmen- und Networking-Events.» So hätten die geplanten Veranstaltungen leider bis auf Weiteres verschoben werden müssen.

Mit Spannung erwartet wird auch immer die Studierendenstatistik, welche von den Studiendiensten erstellt wird. «Für mich ist der Weg dahin eigentlich noch interessanter als die Zahl am Ende», meint die Leiterin, aber klar freue sie sich über die stetig wachsende Zahl der Studierenden. Dieses Semester habe die Universität sogar noch mehr neue Studierende als üblich begrüssen dürfen. «Das freut uns natürlich.»

Forschung in der Freizeit

Jie Lötscher arbeitet Vollzeit. Entsprechend erstaunt es, dass sie neulich an der Universität Bern den Doktortitel in Psycholinguistik erworben hat. Fünf Jahre arbeitete sie daran – in ihrer Freizeit. Unter ihrer Schutzmaske, deren Tragen im Universitätsgebäude zum Zeitpunkt des Interviews obligatorisch ist, nimmt man ein Schmunzeln wahr. «Ja, das braucht Begeisterung, Disziplin und Ausdauer.» Sie sei ursprünglich Sprachwissenschaftlerin; das Forschen sei ihr sozusagen in die Wiege gelegt worden: «Mein Vater ist Biochemie-Professor und meine Mutter Gynäkologin; zumindest die naturwissenschaftliche DNA habe ich von ihnen vielleicht nicht geerbt oder einfach nicht aktiviert», sagt sie lachend. «Stattdessen habe ich mich für die Geisteswissenschaften interessiert und war vor allem von den Sprachen begeistert, schon von klein auf.» Sie sei mehrsprachig aufgewachsen, habe zuerst Chinesisch und später Englisch und Deutsch gelernt. «Mit diesem Hintergrund einer sogenannt sukzessiven Bilingualität finde ich es besonders spannend, den simultanen bilingualen Erstspracherwerb, also den Spracherwerb von zwei Sprachen von Geburt an, zu erforschen.» Interessant auch deshalb, weil die Sprachfamilien nicht verwandt sind. Darüber gebe es noch wenig Forschung. «Dass eine bilinguale Person nicht aus der Summe zweier monolingualer Personen in einem Körper besteht, fasziniert mich.»

Beim Element Wasser, sei es ein Bach, ein See oder das Meer, kann ich wunderbar auftanken.
Jie Lötscher

Aber sie freut sich, nun wieder mehr Freizeit zu haben. Mit ihrem Mann möchte sie mehr Zeit in der Natur, beim Segeln auf dem Vierwaldstättersee und vielleicht auch auf dem Meer verbringen. «Beim Element Wasser, sei es ein Bach, ein See oder das Meer, kann ich wunderbar auftanken.» Luzern als Wohnort gefällt ihr sehr gut. «Ich bin eigentlich ein Grossstadtkind, aber ich fühle mich pudelwohl hier, der See und die Berge sind an einem Ort vereint und nur einen Katzensprung entfernt. Lozärn, klein aber fein, genau das Richtige!»

Auch ohne ihre Dissertation lässt sie ihre Gehirnzellen nicht gern in Ruhe. «Beim Denken und Nachdenken bin ich sehr sportlich», lächelt sie. «Ich lese und schreibe gern und beschäftige mich mit kulturellen und philosophischen Fragestellungen. Wenn mir die Themen zusagen, übersetze ich im Auftrag von Autorinnen und Autoren auch Bücher.» Es mache ihr Spass, an einem so wunderschönen Ort, an einer dynamischen Universität mit sympathischen Leuten, zu arbeiten. «Die Lebendigkeit gefällt mir sehr gut, die Uni wächst ständig. Und ich finde es toll, dass wir nicht nur sagen, es gehe bei uns persönlich zu und her. Es ist tatsächlich so!»

Website-Bereich der Studiendienste