Die meisten Länder Europas sind erstaunlich stabil in ihrer Religionsstruktur. In jüngerer Zeit driften aber West- und Osteuropa auseinander: In der Tendenz steht eine Pluralisierung der Religionszugehörigkeiten im Westen einer Homogenisierung grosser und einflussreicher Länder im Osten gegenüber. Dies zeigt eine neue, offen zugängliche Datenbank der Universität Luzern.

Prof. Dr. Antonius Liedhegener und Anastas Odermatt MA
Freuen sich über die neuen Analysemöglichkeiten: Prof. Dr. Antonius Liedhegener und Anastas Odermatt

Religion und religiöse Vielfalt sind ein Streitthema quer durch Europas Gesellschaften. Die neue Datenbank von Forschenden der Universität Luzern bringt mehr Klarheit. Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützten Forschungsprojekts "Swiss Metadatabase of Religious Affiliation in Europe (SMRE)" haben sie eine Datenbank-Anwendung zur Religionszugehörigkeit in rund 50 Ländern Europas aufgeschaltet. Erstmalig gibt es vergleichbare Daten in hoher Auflösung zu allen Ländern Europas für zwei Zeiträume – frei zugänglich für Forschende, Journalisten und Interessierte.

Erstaunliche Stabilität

Anhand der von Prof. Dr. Antonius Liedhegener und Anastas Odermatt MA ermittelten Daten lassen sich interessante, teils überraschende Befunde machen: Entgegen dem subjektiven Empfinden vieler Menschen in Europa ist die Religionsstruktur bezogen auf die formale oder institutionelle Religionszugehörigkeit gesamteuropäisch betrachtet erstaunlich stabil. In rund 70 Prozent aller Staaten Europas herrscht die jeweilige traditionelle Religionszugehörigkeit auch heute noch vor. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung zählen sich in ihnen jeweils zur historisch vorherrschenden Religionsgemeinschaft. In einigen anderen Ländern hat der Prozess der Säkularisierung aber dazu geführt, dass diejenigen ohne Religionszugehörigkeit die Mehrheit stellen. Dies ist in Tschechien, Estland, Grossbritannien und Frankreich, abgeschwächt in den Niederlanden, Ungarn, Lettland und Deutschland der Fall.

Ost- und Westeuropa driften tendenziell auseinander

Auch die aktuellen Entwicklungen sind nicht eindeutig: Von 2000 auf 2010 sind die orthodoxen Länder Russland, Weissrussland und Ukraine, das katholische Polen sowie Bosnien-Herzegowina und Aserbaidschan religionsstrukturell homogener geworden. In anderen Ländern geht die Entwicklung dagegen klar in Richtung einer wachsenden Pluralität von Religion. Dies ist in allen protestantischen Ländern des Nordens sowie in Albanien, Moldawien und Spanien der Fall. Ost- und Westeuropa driften damit also tendenziell auseinander. Ob und in welcher Form sich diese Tendenz mit der nationalen und internationalen Politik verbindet, etwa hinsichtlich des Zusammenhalts der Europäischen Union, staatlicher Religionspolitik oder in Fragen von Migration und nationaler Identität, bleibt ein näher zu erforschendes Feld. Dank der SMRE ist dies nun auf einer soliden Datengrundlage zur Religionsstatistik möglich.

Internationale Kooperation – lokales Know-how

Das Luzerner Team von Prof. Liedhegener vernetzte sich beim SMRE-Projekt mit nationalen und internationalen Partnern wie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) oder dem amerikanischen Pew Research Center. Die Programmierung der interaktiven, internetbasierten Meta-Datenbank erfolgte durch die Chamer IT-Firma ongoing. Die interaktive, internetbasierte Meta-Datenbank und ihr Algorithmus sind das Herzstück des Projekts.

 

Weitere Informationen
SMRE-Plattform mit Infos und Zugang zu den Daten unter www.smre-data.ch / "data output"
Interview mit Prof. Dr. Antonius Liedhegener
Neue transparente Open Reserach Daten zur Religionszugehörigkeit in allen Staaten Europas; Zusammenfassung Working Paper
New Database Offers More Intelligence on Religious Affiliation in Europe

Literatur
Liedhegener, Antonius / Odermatt, Anastas: Religious Affiliation as a Baseline for Religious Diversity in Contemporary Europe. Making Sense of Numbers, Wordings, and Cultural Meanings. Working Paper 02/2018, Luzern 2018. (Open Access erhältlich unter www.smre-data.ch).

Quelle: Newsmeldung vom 27. Februar