Die Gründe, warum Menschen flexible Arbeitsformen wählen, sind vielfältig. Die hohe Flexibilität bietet viele Möglichkeiten, erfordert aber auch Selbstverantwortung. Dies zeigt eine Studie von Dr. Lea Rutishauser und Dr. Anja Feierabend zu Motiven, Chancen und Herausforderungen von Flexworkern.

Ein Aspekt von Flexworking: Coworking-Arbeitsplätze (Symbolbild)

Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung und Virtualisierung verändern die Art wie wir arbeiten. Seit mehreren Jahren ist eine Zunahme an flexiblen und temporären Anstellungsformen (z.B. Temporärarbeit, befristete Verträge, Selbständigerwerbende, Arbeit auf Abruf) zu beobachten. Gleichzeitig verschwinden aufgrund der zunehmenden Flexibilität die Grenzen zwischen der Arbeit, den Menschen und den Unternehmen als Arbeitgeber. In diesem flexiblen Arbeitsmarkt ergeben sich neue Bedürfnisse auf individueller Ebene, denen bisher noch wenig Beachtung geschenkt wurde.

Die aktuelle, ausserordentliche Lage, ausgelöst durch das neuartige Virus COVID-19, stellt viele Menschen mit flexiblen Anstellungsformen vor grosse Herausforderungen, eröffnet aber auch ungeahnte Chancen. Diese Entwicklung zeigt zusätzlich wie wichtig es ist, mehr über Flexworker und ihre Bedürfnisse zu erfahren. Flexworker können als Menschen verstanden werden, die flexibel arbeiten möchten - sei es, weil sie dank Flexibilität den Weg zurück in die Erwerbstätigkeit suchen oder weil es ihrer Lebensphilosophie entspricht.

Im Rahmen einer gemeinsamen  Forschungsstudie des Center für Human Resource Management (CEHRM) der Universität Luzern und HR ConScience (Dienstleister für wissenschaftliche Analysen im HR-Bereich) im Auftrag von Swissstaffing (Verband der Personaldienstleister Schweiz) wurden im Jahr 2019 qualitative Interviews mit 31 Flexworkern durchgeführt. Diese wurden im Mai 2020 mit Daten einer COVID-19 Nachbefragung ergänzt. Die Ergebnisse der Studie vermitteln einen vertieften Einblick in die Lebensumstände und Bedürfnisse von Menschen in flexiblen Arbeitsformen.

Vielfältige Gründe für flexible Arbeit

Die Gründe für die Wahl einer flexiblen Arbeitsform sind vielfältig. Viele Flexworker entscheiden sich ganz bewusst für diese Arbeitsform. Zentrale Motive sind bei vielen Flexworkern die hohe Flexibilität, die eine Vereinbarkeit der Arbeit mit privaten Verpflichtungen (z.B. Kinderbetreuung, Studium) ermöglicht, sowie finanzielle Gründe. Flexwork ermöglicht es zum Beispiel Selbstständigerwerbenden, neben ihrer eigentlichen Tätigkeit zusätzliche Aufträge über eine Online-Arbeitsplattform anzunehmen, um finanzielle Lücken zu schliessen. Andere Flexworker nutzen diese Arbeitsform für den (Wieder-)Einstieg in das Berufsleben oder in bestimmte Tätigkeitsfelder.

Chancen und Herausforderungen nahe beieinander

Die Chancen und Herausforderungen von Flexwork liegen dicht beieinander. Wo es eine grosse Flexibilität und Autonomie gibt, braucht es auch eine hohe Selbstverantwortung. Einerseits zum Schutz vor ständiger Verfügbarkeit und andererseits, um die Verantwortung für die gesamte Tätigkeit (Auftragsakquise, Abwicklung der Aufträge, Buchhaltung, etc.) zu tragen. Aus der finanziellen Perspektive ist Flexwork eine Chance, um den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden oder einem Nebenerwerb nachzugehen. Flexworker leben aber auch oft mit der Herausforderung einer finanziellen Unsicherheit. Da die Auftragslage manchmal schwierig einzuschätzen ist, sind grössere Anschaffungen und Investitionen wie der Kauf eines Autos, Kreditanträge oder die finanzielle Vorsorge mit viel Unsicherheit verbunden.

Der regelmässige Austausch mit Auftraggebern und deren Feedback ist für Flexworker eine Chance, um ihre Leistung einzuschätzen und sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig stellt das permanente Feedback aber auch eine Herausforderung dar. Flexworker sind auf positive Kundenbewertungen angewiesen, um weiterhin Aufträge zu bekommen. Das macht sie vulnerabel und führt in Abhängigkeitsverhältnisse. Eine weitere Herausforderung ist, dass Temporärarbeit teilweise mit negativen Bildern verbunden wird und deshalb die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung für diese Form der Arbeit fehlt.

24. Juni 2020