Die am 30. November an der Universität Luzern durchgeführte Tagung "Gender no/w!" wurde von der Professur für Religionspädagogik der Theologischen Fakultät und der Europäischen Gemeinschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR) organisiert und durch die Stelle für Chancengleichheit der Universität Luzern unterstützt. Im Vordergrund stand die Versachlichung der oftmals erhitzten und polemisch geführten Auseinandersetzung mit dem Begriff "Gender" in Kirche und Gesellschaft.

Der Begriff «Gender» sorgt in den letzten Jahren für erbitterte Kontroversen in Kirche und Gesellschaft. Kritiker*innen der Gender-Debatte(n) warnen vor dem Untergang des christlichen Abendlandes, der christlichen Familie und der göttlich naturrechtlich gestützten Geschlechterordnung. Die zeigt sich an den vermehrt hörbaren Stimmen, die beispielsweise von «Genderismus» oder «Gender-Ideologie» sprechen. Die renommierten Referentinnen und Referenten der Tagung leisteten mit ihren Referaten einen Beitrag zur Klärung der Debatte.

Die beiden Hauptreferate am Morgen führten tiefer in die Thematik der Tagung ein. Prof. Gerhard Marschütz (Wien) zeigte in seinem Referat anhand verschiedener Lehramtstexte und Aussagen der beiden letzten Päpste die zentralen Aspekte der katholischen Gender-Kritik auf. In seinen weiteren Ausführungen argumentierte er überzeugend, warum der „Hausverstand“ zur Überwindung der Genderideologie nicht ausreicht. Seine Darlegungen führten ihn zu dem Fazit, dass der in der katholischen Gender-Kritik vorausgesetzte Gender-Begriff nicht existiert, es sich vielmehr um eine anti-genderistische Erfindung handelt. Dr. Anna-Katharina Höpflinger (München) entfaltete anhand des Videoclips «Eine Tür ist genug», der vom Dachverband Evangelischer Frauen in Deutschland e.V. (EFiD) und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland initiiert wurde, Gedanken über das Zusammenspiel von Körper, Gender und Religion. Diese drei Begriffe bewegen sich im Spannungsfeld von Identität, Regulierung und Repräsentation, wie die Referentin ausführte. Als Schlussgedanke hielt Höpflinger fest, dass Religionen Gendervorstellungen auf einer mythologischen, praktisch-rituellen, sozial-kollektiven sowie individuellen Ebene formen. Ausserdem bieten im Zusammenspiel von Repräsentation, Identität und Regulierung Religionen Gefässe für undurchlässige Gender-Differenzkonstruktionen und gleichzeitig für subversive und transgressive Gendermodelle.

Die vier Impulsreferate, die darauf folgten, boten einen Einblick in verschiedene Bereiche des Gender-Diskurses. Prof. Dr. Silvia Schroer (Bern) gab einen Überblick zu Feminismus und Gender in der theologischen Forschung seit den 1980er Jahren. Mit ihrem „kleinen 1X1“ der Terminologie klärte Prof. Monika Jakobs (Luzern) die Bedeutung der in der Gender-Debatte (fälschlich) verwendeten Begriffe. Dr. Andreas Heek (Bonn) nahm die Teilnehmenden mit auf einen Rundgang durch 20 Jahre Männerforschung, welcher den Blick für tradierte Männlichkeitsvorstellungen schärfte. Prof. Dr. Renate Jost (Neuendettelsau) sprach über die Zweigeschlechtlichkeit als Analysekategorie und die Bedeutung des Feminismus.

Nach den gehaltvollen Beiträgen der Referentinnen und Referenten hatten die Tagungsteilnehmenden Gelegenheit, in verschiedenen Workshops über das Gehörte zu diskutieren, Fragen zu klären und Anregungen einzubringen. Beendet wurde die Tagung durch die persönlichen Statements der Tagungsbeobachterin Dr. Franziska Loretan-Saladin (Luzern) und des Tagungsbeobachters Ass.-Prof. Mathias Wirth (Bern).

21. Dezember 2018