Was bedeutet digitale Lehre in Zeiten von Corona eigentlich konkret? Das Historischen Seminar Luzern zieht ein Zwischenfazit.

Es war kein Donnerstag wie jeder andere. Als uns die Nachricht des Rektorats kurz nach der Mittagspause erreichte, wussten wir Bescheid: Ab nächster Woche würde die Universität Luzern tutto digital unterwegs sein. Als das Projekt «Fernuni» am 16. März startete, war niemandem von uns wirklich bewusst, welche Konsequenzen, Herausforderungen, aber auch Chancen dieser Schritt mit sich bringen würde. Unseren Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, wo das Semester vielerorts eben erst begonnen hat, dürfte es wahrscheinlich ähnlich gehen. So haben wir uns entschieden, unsere wichtigsten Erfahrungen und Erkenntnisse nach einem Monat digitaler Lehre festzuhalten.

Aller Anfang ist schwer. Das trifft auch auf die Umstellung von der Präsenzuni zum Fernunterricht zu. Zwar hatten wir das Glück, unser Semester zumindest noch in den Hörsälen und Seminarräumen beginnen zu können. Doch der Umzug nach Digitalien geschah im Eiltempo, sprichwörtlich übers Wochenende. Die digital aficionados unter uns stürzten sich in die Welt der Blogs, abonnierten YouTube-Kanäle zur digital gestützten Lehre und organisierten Probemeetings mit dem Videokonferenz-Tool der Uni. Diese interne Supportstruktur erleichterte uns allen den Umstieg und mündete in einem regen Austausch darüber, was funktioniert und was nicht. Das war (und ist) zwar zeitintensiv, aber sehr bereichernd.

Kommunikation ist zentral

Nach zahlreichen Stunden im virtuellen Raum ist nun also der Moment für eine erste Zwischenbilanz gekommen. Soviel vorweg: die eine Musterlösung gibt es unserer Ansicht nach nicht. Für verschiedene Formate bieten sich verschiedene Optionen an, auf die wir gleich im Detail eingehen werden. Ganz grundsätzlich hat sich bei uns die Erkenntnis durchgesetzt, dass effektive Kommunikation das Allerwichtigste ist, sowohl unter uns Mitarbeitenden wie auch zwischen Dozierenden und Studierenden. Dafür ist die gute alte E-Mail ein verlässlicher Wert. Noch wichtiger als sonst ist insbesondere die klare Formulierung von Zielen und Aufträgen, und bis wann diese zu erledigen sind. Zu einer guten Kommunikation gehört aber auch, dass man umsichtig und verständnisvoll nachfragt, wenn einmal eine Sitzung oder Deadline verpasst wird. Viele Studierende erledigen aktuell zusätzliche Care-Arbeit, haben ihren Nebenjob verloren oder sind in einer anderen Form persönlich von der Covid-19-Krise betroffen. Dies sollte man auch in Bezug auf das geforderte Arbeitspensum im Hinterkopf behalten.

Bei Vorlesungen mit vielen Studierenden ist die Videoaufnahme mit Bildschirmpräsentation die naheliegendste Lösung. Die so entstandenen Filme können zu einem beliebigen Zeitpunkt und beliebig oft betrachtet werden. Dem entsprechend sind die Rückmeldungen zu diesem Format äusserst positiv ausgefallen. Aber auch mit der Zirkulation von Vorlesungsskripten haben wir gute Erfahrungen gemacht. Und wenn die Zahl der Teilnehmenden nicht allzu gross ist, kann sogar eine Live-Schaltung Sinn machen. Diese hat den Vorteil, dass sich Studierende direkt einbringen können. Denn bei den asynchronen Alternativen ist die Interaktion merklich erschwert und es werden deutlich weniger Fragen gestellt als beim Vortrag im Hörsaal. Wie gut sich die einzelnen Formate tatsächlich bewähren, werden wir wohl erst aus den Klausuren am Schluss beurteilen können.

To zoom or not to zoom

Bei Seminarveranstaltungen, dem zentralen Format des Historischen Lehrens und Lernens an Universitäten, ist die Palette an Möglichkeiten ungleich grösser. Der Grundpfeiler unserer Seminare ist die Videokonferenz per Zoom. Das Programm wird uns von der Universität in der Business-Version zur Verfügung gestellt, ist benutzerfreundlich und funktioniert auch mit einer mässigen Internetverbindung einwandfrei – sogar mit einem 3G-Hotspot über das Mobiltelefon. Und vom berüchtigten Phänomen des «Zoombombings» haben wir in unserem Umfeld bisher nichts mitbekommen. Auch wenn man den analogen Seminarraum nicht 1:1: ins Digitale übertragen kann, sind einige von uns positiv überrascht von den lebhaften und engagierten Diskussionen mit und unter Studierenden, die in einer Onlinesitzung möglich sind. Auch Referate mit einer Bildschirmpräsentation klappen ausgezeichnet, sofern man sich vorher mit der Funktion der Bildschirmfreigabe vertraut gemacht hat. Denn wer statt einzelner Dokumente seinen kompletten Desktop zur Ansicht präsentiert, riskiert unangenehme private Enthüllungen. Ganz allgemein gilt: die Funktion vorher testen, um kuriose Fauxpas wie diese futuristisch anmute Endlos-Spiegelung zu vermeiden.

Aber es gibt Haken. Besonders für Veranstaltungen mit mehr als 10 Teilnehmenden ist die Zoom-Sitzung nur bedingt geeignet. Zwar hat man die Möglichkeit, Studierende für Diskussionen in kleinere Gruppen zuzuweisen (sogenannte Breakout rooms), was das starre Panoptikon der Galerieansicht ein wenig auflockert und auch diejenigen zu Wort kommen lässt, die sich im Plenum vielleicht nicht melden. In der Vollversammlung verleitet die Videokonferenz jedoch zum passiven Zuhören und erschwert Reaktionen unter den Studierenden. Sie macht den Host zum Häuptling. Und sie ist insbesondere für scheue Studierende ein Nachteil, der in der Liveschaltung selbst nicht ohne weiteres aufgefangen werden kann.

Für Seminarveranstaltungen ist deshalb die Kombination mit weiteren, ergänzenden Optionen unerlässlich. Es gibt regelmässig Teile oder ganze Sitzungen, die wir mit Gruppendiskussionen auf E-Learning-Plattformen oder in Online-Dokumenten verbringen. Studierende sprechen auch positiv auf direkt per E-Mail erteilte Aufträge zur Formulierung von Fragen oder Kommentaren an, die dann beantwortet wiederum an alle gehen. Dies bringt eine willkommene Abwechslung – und oft auch mehr analytische Tiefenschärfe als mündliche Beiträge. Nach ein paar Sitzungen sinkt die Schreibschwelle merkbar und Studierende liefern längere und auch kühnere und experimentellere Beiträge. So hat auch der Essay seinen festen Platz in unseren Veranstaltungen oder – etwas weniger klassisch – das Schreiben von Abstracts zu wissenschaftlicher Fachliteratur sowie das gegenseitige Kommentieren von Texten unter den Studierenden (natürlich double blind). Letzteres fördert auch den so wichtigen Peer-to-Peer-Austausch, der sich im digitalen Äther gar leicht verflüchtigt.

Zeitmanagement und digitale Geschichtswissenschaften

Beim Lesen dieser Zeilen dürfte ebenfalls klar werden: das Lehren und Lernen im virtuellen Raum ist zeitintensiver als der gewohnte analoge Unterricht. In Digitalien dauert alles etwas länger. In Videokonferenzen braucht es mehr Erläuterungen, es gibt technische Verzögerungen und der Redefluss in Diskussionen ist merklich langsamer, als wenn man sich direkt gegenübersitzt. Deshalb sollte ein besonderes Augenmerk auf dem Zeitmanagement liegen. Das gilt auch hinsichtlich der Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, besonders wenn der Fokus auf dem Schreiben liegt. Insgesamt erfordert die Lehre im digitalen Format für uns gut und gerne das Eineinhalbfache des Zeitaufwands, den man sonst im Klassenraum hat.

Das hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die Quellen- und Literaturrecherche unter den aktuellen Bedingungen erschwert ist und Studierende deshalb zusätzliche Unterstützung benötigen. Inzwischen haben grosse Plattformen wie JSTOR ihre Bezahlschranken teilweise fallen gelassen und es zirkulieren hilfreiche Sammlungen von online zugänglichen Quellenbeständen, wie diese Zusammenstellung von Kolleginnen und Kollegen aus Bern. In diesem Sinne ist die aktuelle Situation auch ein guter Anlass für die Erschliessung und Analyse digitaler Archivbestände. Wir möchten aber auch betonen, dass unsere Kurse für den analogen Modus konzipiert waren und auch so begonnen haben. Der digital turn kam unerwartet und geschah aus der Not heraus. Das nachträgliche Einbauen von Ansätzen und Methoden aus den digitalen Geisteswissenschaften – zum Beispiel das projektorientierte Erarbeiten von Podcasts oder anderen neuen Formen des historischen Erzählens – ist deshalb nicht ohne Weiteres mitten im Semester zu leisten. Trotzdem sind wir positiv überrascht, wie gut die Umstellung in den virtuellen Raum insgesamt funktioniert hat.

Grenzen, kreative Lösungen und Feedback-Kultur

Klar ist aber auch, dass eine rein digital basierte Lehre aus dem Homeoffice neue Herausforderungen mit sich bringt – und ihre Grenzen hat. Das hat einerseits ganz konkret mit den aktuellen Umständen zu tun. Die Schulen sind geschlossen, die Kinderbetreuung muss neu organisiert werden und die fehlende räumliche Trennung von Arbeit und Familie stellt die gewohnte Aufmerksamkeitsstruktur auf die Probe (und manchmal auf den Kopf). Es gibt aber auch technische Gründe. Wie es Silke Schwandt kürzlich sehr treffend formuliert hat: “Lehren und Lernen hat auch eine soziale Komponente, die im virtuellen Raum nur sehr schwer abgebildet und adressiert werden kann” (im Forum Digitales Lehren auf H-Soz-Kult.) Dem können wir nur beipflichten. Niemand von uns sieht die aktuelle Situation als Anlass dafür, den Präsenzunterricht künftig durch E-Learning-Formate zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, die aktuelle Situation so gut wie möglich zu meistern und pragmatische Lösungen zu finden. Dazu gehört auch, kreativ zu sein und “Mut zum Experimentieren” zu haben. Und vielleicht bietet sich das eine oder andere Experiment auch längerfristig als interessante Erweiterungsmöglichkeit der Lehre an. Fürs kollaborative Schreiben beispielsweise haben sich Videokonferenzen in Kleingruppen von zwei bis vier Studierenden als echter Gewinn herausgestellt.

Zum Schluss möchten wir noch diejenige Frage diskutieren, die mitunter am schwierigsten zu beantworten ist: wie gibt man zu Zeiten des digitalen Lehrbetriebs effektives Feedback? Auch hier ist die E-Mail ein probates Mittel, vor allem wenn es um Rückmeldungen zu bekannten Formaten wie dem Essay geht. In Videokonferenzen bietet sich mündliches Feedback an, sowohl im Plenum wie auch in separat angesetzten Besprechungen mit Studierenden. Und schliesslich haben wir auch gute Erfahrungen mit schriftlichen Anregungen in Online-Dokumenten gemacht, beispielsweise im Anschluss an Gruppen-diskussionen. Das wichtigste ist dabei aber nicht der Kommunikationskanal, sondern die Kommunikation an sich. Es empfiehlt sich nicht zuletzt, früh klar zu machen, wie und zu welchen Zeiten man erreichbar ist. Je klarer die Rahmenbedingungen formuliert sind, desto gelassener sind die Studierenden – und man selbst auch.

In diesem Sinne wünschen wir Euch und Ihnen einen erfolgreichen Start ins Sommersemester 2020. Und verlieren Sie trotz allem nie den Humor.

Das Team des Historischen Seminars der Universität Luzern, 1. Mai 2020. CC BY 4.0

 

1. Mai 2020