Konflikte und Kriege sind auch im 21. Jahrhundert allgegenwärtig. Doch ab wann wird aus einem Konflikt ein Krieg? Und wer bestimmt eigentlich, was ein Krieg ist? Der Philosoph Sebastian Schneider untersucht den Kriegsbegriff in interdisziplinärer Perspektive – und entwickelt dabei eine eigene Definition.

Clelia Feller: U.S. Army

Das Kriegs- und Konfliktgeschehen hat sich spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges stark gewandelt. Waren es früher vor allem Staaten, die sich in kriegerischen Konflikten gegenüberstanden, sind es heute vorwiegend substaatliche Gruppen wie somalische oder afghanische Warlords, ISIS oder Boko Haram, die aktiv in Kriege verwickelt sind. Der Wandel der beteiligten Konfliktparteien zieht gleichzeitig einen Wandel in der Benennung der Konflikte nach sich. Dies zeigte sich beispielweise am Einsatz der Deutschen Bundeswehr in Afghanistan und dem sogenannten «war on terror». Was als Konflikt begann, ist heute ein Krieg, an dem sich unterschiedlichste Akteure beteiligen. Warum wird in einigen Fällen aus einem Konflikt ein Krieg, in anderen Fällen nicht? Entscheidend für die Kategorisierung und Benennung sind neben den Kontexten auch die Akteure, welche die Zuschreibung des Kriegsbegriffs vornehmen. Sebastian Schneider hat in seiner Dissertation drei beteiligte Disziplinen näher untersucht: Philosophie, Politikwissenschaft und Völkerrecht. Hier stiess er auf eine Reihe von Kriterien, die zur Definition des Kriegsbegriffs verwendet werden, wie beispielsweise die Art der beteiligten Akteure oder die Intensität der Auseinandersetzungen. Eine kritische Diskussion der Kriterien bildete für ihn den Ausgangspunkt, einen neuen Definitionsvorschlag für den Kriegsbegriff zu entwickeln. Basis sind insgesamt sieben Elemente:

«Krieg ist demnach ein Konflikt, der von mindestens zwei Parteien durch die wechselseitige Anwendung von Gewalt geführt wird. Die Gewaltanwendung muss auf beiden Seiten eine kriegsqualifizierende Intensitätsschwelle erreichen. Darüber hinaus handelt es sich um einen Konflikt, der in einem rechtlich breiteren Rahmen ausgetragen wird, der die Ausmasse und Mittel der staatlichen Kriminalitätsbekämpfung übersteigt. Die Kriegsakteure können dabei jegliche Ziele verfolgen, es muss sich aber um Akteure handeln, die selbst keinem staatlichen oder staatsähnlichen Gewaltmonopol unterliegen.»

Sebastian Schneider versteht seine Definition explizit als Vorschlag, der als Ausgangspunkt für eine weitere kritische Beschäftigung mit diesem Thema dienen kann und darf. Seine Dissertation «'Krieg'? Philosophische Reflexionen über den Kriegsbegriff im 21. Jahrhundert» weist auch explizit darauf hin, dass der Gegenstand Krieg sich in einem kontinuierlichen Wandel befindet und immer wieder neu überdacht und diskutiert werden muss.     

Der Vorstand und die Geschäftsleitung der Graduate School gratulieren Sebastian Schneider ganz herzlich zur erfolgreich abgeschlossenen Promotion!

20. Juni 2016