Kris Decker hat für seine Doktorarbeit den Merkur-Preis erhalten. In seiner im Bereich der Science Studies verorteten Studie beschäftigt er sich mit den Arbeitsweisen und Denkstilen von Klimaforschenden.

(ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv)

Standardisierte Instrumentenmessungen von Wetter und Witterung, aus denen über längere Zeiträume hinweg das Klima ermittelt wird, beginnen um das Jahr 1850. Um Aussagen über die Zeit davor treffen zu können, müssen Klimatologinnen und Klimatologen auf Überreste in der Natur und schriftliche Materialen historischer Zeitzeugen zurückgreifen. Dr. des. Kris Decker analysiert in seiner Dissertation "Im Hinterland der Daten. Fragmente zur schriftbasierten Klimaforschung", wie Forscherinnen und Forscher anhand von Archivmaterialien zu Erkenntnissen über das Klima vergangener Jahrhunderte gelangen.

Schriftstücke als Datengrundlage

"Historische Aufzeichnungen würde man nicht sofort zu den Materialien zählen, die zur Rekonstruktion der Geschichte des Klimas verwendet werden", sagt der Wissenschaftsbeobachter. "Und doch gibt es in den Klimawissenschaften einen Bereich, in dem die Auswertung schriftgebundener Materialien zum Alltag gehört: die Historische Klimatologie." In der Historischen Klimatologie werden Daten zur Temperatur, zu Niederschlägen und klimatischen Extremereignissen, wie zum Beispiel Hochwasser oder Dürren, aus Dokumenten wie Wettertagebüchern, Ernteaufzeichnungen, Stadtchroniken oder Schiffslogbüchern hergeleitet. Kris Decker: "Wie gehen die Forscherinnen und Forscher vor, wenn sie dieses Material vor sich haben? In welche Debatten sind sie verstrickt? Wie sieht ihr Mikrokosmos aus?"

Diesen Fragen ging er mittels Interviews, Beobachtungen und Lektüren nach. Dabei war es ihm ein Anliegen, den Blick für Details zu schärfen, die in der öffentlichen Klimadebatte selten zur Sprache kommen würden: "Das Nachdenken über die Wissenschaften gewinnt an Tiefe, wenn man ihren Erkenntnissen nicht einfach hinterherläuft und auch nicht von oben herab über sie urteilt, sondern den Forschenden genau zuhört und sie zu den grundlegenden sowie den randständigen Aspekten ihrer täglichen Arbeit befragt." Deckers ethnografisch angelegte Erkundungen wurden durch eine Projektpartnerschaft mit dem Freiburger Klimaforscher Prof. Dr. Rüdiger Glaser und dessen Institut möglich.

Kris Deckers Dissertation wurde vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert. Dies im Rahmen des Projekts "Schreibtischstudien: Schriftgut als Forschungsmaterial in Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften", das von Prof. Dr. Christoph Hoffmann, Professor für Wissenschaftsforschung, geleitet wurde. Für seine von Prof. Dr. Christoph Hoffmann und Prof. Dr. Anke te Heesen (Humboldt Universität zu Berlin) betreute Arbeit erhielt Decker Ende 2019 zudem den Dissertationspreis der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und des Universitätsvereins der Universität Luzern (Laudatio), geteilt mit Dr. des. Sebastian W. Hoggenmüller.

Erster Preisträger

Die Ernst H. Klett Stiftung verlieh den Merkur-Preis zum ersten Mal. Benannt ist die Auszeichnung nach der von ihr getragenen Zeitschrift "Merkur", einer der ältesten Kulturzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Mit dem Preis werden die Arbeiten von Nachwuchsforschenden geehrt, "die ihren Gegenstand aus einer in produktiver Weise unkonventionellen Perspektive in den Blick nehmen", so die Jury. Sie würdigte Deckers Arbeit als "argumentativ präzise und sprachlich brillant". Über die Preis-Vergabe entschieden die Mitglieder und der Vorstand der Stiftung zusammen mit den Herausgebenden der Zeitschrift. Der Entscheid fiel im Herbst 2019; Kris Decker nahm den Preis am 28. Februar in Berlin entgegen.

Meldung der Zeitschrift "Merkur" zur Auszeichnung

17. März 2020