Technologische Einblicke in das menschliche Gehirn bleiben nicht ohne Folgen. Der Soziologe Johannes Bruder untersuchte, wie sich das auf unsere Konzeption des Organs auswirkt. Dabei stellte er fest: Der Einfluss verläuft nicht einseitig.

Nerve fibres in a healthy adult human brain (Flickr: Zeynep M. Saygin, McGovern Institute, MIT, Wellcome Images)

In kaum einem anderen Zweig der Medizin konnten Forschende dank neuer Technologien jüngst so viele Erkenntnisse zu einem Organ gewinnen wie in den Neurowissenschaften. Die Folge: Der Mythos Gehirn wird mehr und mehr entzaubert. Dank verschiedener Hirnbildgebungsverfahren wie der Elektroenzephalografie (EEG) und der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) erhalten wir immer neue Einblicke in Vorgänge und Funktionen des Gehirns mit seinen circa 86 Milliarden Nervenzellen. Doch was bedeuten diese Erkenntnisse für das vorherrschende Verständnis des menschlichen Gehirns?

Diese Frage hat der Soziologe Johannes Bruder in seiner Disseration «The Shape of Brains to Come. Assembling the Machinery of Imaging Neuroscience» untersucht. Er zeigt, dass ein wechselseitiger Zusammenhang besteht zwischen der technologischen Praxis in den Neurowissenschaften und der Art und Weise, wie wir unser Gehirn konzipieren. In der jüngeren Forschung zeigt sich beispielsweise, wie sich Netzwerkalgorithmen in der Datenanalyse und Annahmen über die flexible und situationsbedingte Organisation des Gehirns gegenseitig befruchten. Neben einer Analyse der historischen Entwicklung der Hirnbildgebung in den Neurowissenschaften und den jeweils korrespondieren Hirnkonzeptionen führte Johannes Bruder auch eine qualitativ-empirische Studie durch. Mit Hilfe von ethnografischen Beobachtungen und Experteninterviews analysierte er gegenwärtige Forschungsparadigmen und ihre Verbindung zu wissenschaftlichen Grossprojekten wie dem Human Brain Project. Mit seiner Arbeit möchte er die Lesenden für die spezifische technologische «Gemachtheit» (Engineering) vorherrschender Verständnisse des menschlichen Gehirns sensibilisieren.

Dass ihm dies mit aussergewöhnlicher Exzellenz gelungen ist, befand auch der Universitätsverein Luzern. Er verlieh Johannes Bruder für seine Arbeit im November 2015 den Disserationspreis und würdigte so seine ausgezeichnete Umsetzung eines anspruchsvollen Projektes. 

Die GSL gratuliert Johannes Bruder ganz herzlich zum Dissertationspreis und zum Abschluss der Promotion! 

 

23. November 2015