Lage

Vereinslokal und Moschee liegen zwischen Bahnlinie, Strassenüberführung und Wohnquartier.

Von Olten aus setzt sich der Regionalzug Richtung Solothurn in Bewegung. Rechts zieht das Industriegebiet Hammer, links ein Gebiet mit Kiesgruben am Reisenden vorbei. Wenige Minuten später hält der Zug in Wangen. Das Bahnhofsgebäude im Rücken, geht der Blick zunächst zum Jura, vor dem rechts die katholische Kirche und der Dorfkern liegen. Gegen links Wohnhäuser und -blöcke, durchsetzt mit Gärten. Noch weiter links sieht es nach Gewerbegebiet aus: parkierte Lastzüge, Güterwaggons der Bahn, die Strassenüberführung über die Bahngeleise. Rechts davor, am Rand des Wohngebiets ein kleiner Gebäudekomplex: ein Wohnhaus, hinter dem ein spitzes blaues Turmdächlein sichtbar ist. Beim Näherkommen zeigt sich, dass das Türmchen einen kurzen, achteckigen weissen Schaft mit goldenen Kanten und kleinem Rundbalkon hat und auf einem weissen Podest auf dem Anbau des Wohnhauses steht. Das Hütchen setzt sich, kaum sichtbar, fort in einer mattgoldenen Stange mit drei Kugeln und ganz zuoberst einem kleinen Halbmond. Am Anbau verkündet eine rote Tafel: «Olten Türk Kültür Ocaği − Türkischer Kulturverein Olten». 

Baugeschichte und Grund der Sichtbarmachung

Nach vierjährigem Rechtsstreit wurde das Minarett am 9. Januar 2009 errichtet. Im eckigen Sockel verbirgt sich der Liftschacht des ehemaligen Fabrikanbaus.
Eine andere Perspektive auf das Minarett, das hinter SBB und Gewerbe schnell verschwindet.

Wie viele andere «Kulturvereine» muslimischer Arbeitsmigranten in der Schweiz ist auch in diesem eine Moschee eingerichtet. Das Minarett, das darauf hinweist, brachte den Verein, noch bevor es überhaupt gebaut war, national ins Gespräch. «Der Verein ist 1978 gegründet worden», erzählt sein Sprecher Mustafa Karahan, in Olten, wie der Name sagt. 2002 kaufte der Verein das Grundstück der stillgelegten Lack- und Farbenfabrik in Wangen − der Schriftzug «Rechsteiner & Co.» ziert immer noch den Eingang des Wohnhauses −, um es für die vielfältigen Vereinsaktivitäten umzubauen: Gebetsräume für Frauen und für Männer im Sousterrain, Waschräume, ein Saal mit Spieltischen, mehrere Aufenthaltsräume mit Küchennischen, weitere Räume für Büros, Sitzungen und Schulungen, eine Wohnung für den Imam. Platz ist hier, anders als in Olten, genug vorhanden für die rund 70 angeschlossenen Familien, sogar ein Garten, wo im Sommer Picknicks stattfinden. 

«Es kommen nicht nur Türken», betont Karahan, «sondern auch Leute aus dem Balkan, Araber, auch Schweizer. Weil wir nicht nur eine Moschee sind, sondern auch ein Lokal haben und ein Verein sind, kommen auch andere Leute und nehmen an den diversen Aktivitäten teil.»

Warum aber wollte der Verein ein Minarett für seinen Gebetsraum? Karahan erläutert: «Jede Moschee hat normalerweise ein Minarett. Das Minarett ist wie ein Kirchturm. Ausserdem ist es ein Zeichen für alle muslimischen Ausländer hier: Wenn sie das Minarett sehen, wissen sie: Hier kann ich beten gehen.» Das Minarett wurde in der Türkei von der Firma Çelikerler in 70 Tagen vorgefertigt und am 9. Januar 2009 mit einem Kran auf das Podest gesetzt. Im Podest verbirgt sich... der Liftschacht der ehemaligen Farbenfabrik. 

Gesicht zum Gebäude

Mustafa Karahan, Sprecher des Türkische Kulturvereins in Wangen.

Mustafa Karahan lebt und arbeitet seit 1979 in der Schweiz. «In der Türkei habe ich die Lehrerausbildung gemacht. Hier bin ich Mitarbeiter in einer Fabrik.» Vom Vorstand ist er zum Mediensprecher des Vereins bestimmt worden − in der Zeit der Minarettdebatte hatte er entsprechend viel zu tun. Wichtiger ist ihm seine andere Aufgabe: «Seit langem organisiere ich im Verein die verschiedenen Kurse: Nachhilfestunden für Schulkinder, Computerkurse, Deutschkurse für Erwachsene, auch für die Frauen, Gesundheitskurse, Fahrausweiskurse. Mehr als 35 Frauen haben dank unserem Kurs schon den Fahrausweis bekommen. Wir bieten immer wieder neue Kurse an: Was die Leute halt wünschen. Zum Teil hat uns dabei auch schon die EKA unterstützt, die Eidgenössische Kommission für Ausländerfragen.» 

Nachbarschaft und Konflikte

Blick auf Wangen mit Minarett und Kirchturm, im Hintergrund die Berge des Jura.
Zum Vereinslokal (rechts) gehören Nebengebäude und ein Garten.
In der Eingangstür ist über dem Schriftzug das Logo des Kulturvereins zu sehen.
 

Das Minarett, das am 9. Januar 2009 schliesslich errichtet werden konnte, hatte zuvor vier Jahre lang den Verein, die lokalen und kantonalen Behörden, die Medien und sogar das Bundesgericht beschäftigt. Schon gegen die Umnutzung der ehemaligen Fabrik als Vereinslokal und Moschee gab es eine Einsprache aus der Nachbarschaft, die die Bau- und Planungskommission der Gemeinde jedoch abwies. Anders entschied dieselbe Kommission, als der Verein im Januar 2005 das Gesuch für ein sechs Meter hohes, nicht beschallbares, «symbolisches» Minarett einreichte. Der Verein erhob Einsprache beim Solothurner Bau- und Justizdepartement, dieses gab ihm recht. Damit war nur die erste von mehreren Runden überstanden, denn nach der Baupublikation im September 2005 gingen sieben Einsprachen ein, darunter diejenige einer lokalen Kirchgemeinde und eine Sammeleinsprache mit 381 Unterschriften. Die Baukommission gab den Einsprachen statt mit der Begründung, durch das Minarett werde das Gebäude zum Sakralbau, was wiederum in der Gewerbezone nicht zulässig sei; ausserdem fehlten Parkplätze und das geplante Minarett verletze einzelne Bauvorschriften und passe ästhetisch nicht in die Umgebung. Wiederum rief der Verein das kantonale Bau- und Justizdepartement an, das ihm erneut recht gab. In der Folge gelangten zwei private Einsprecher bis ans Bundesgericht, das am 4. Juli 2007 definitiv zugunsten des Vereins entschied. Doch es folgte noch eine Zusatzrunde, da die Wangener Baukommission im Herbst 2007 die für den Bau bewilligte Frist für ungenutzt verstrichen erklärte. Auch dieser Schritt wurde vom kantonalen Baudepartement korrigiert. 

Neben dem juristischen Gezerre hatte der Verein auch handfestere Anfeindungen zu ertragen: Zweimal wurden Fenster eingeschlagen, einmal auch eine Weinflasche hineingeworfen. Ein anderes Mal wurde Schweinefleisch an der Tür aufgehängt. Auf der anderen Seite erfuhr der Verein in den vier turbulenten Jahren auch etwas Unterstützung, wie Karahan berichtet: Viele Schweizer kamen zu den Tagen der offenen Tür, die der Verein organisierte. Und in der Berichterstattung der Zeitung seien auch Stimmen zum Zug gekommen, die nichts gegen das Minarett hatten. 

Nicht nur das Minarett gab zu reden, sondern auch das Symbol des Wolfes im Vereinslogo, wie es sich am Eingang zum Wohnhaus, auf einer der Fahnen vor dem Anbau oder auf der Homepage des Vereins findet. Auch im Innern des Kulturzentrums zeigen zahlreiche Symbole und Bilder, dass hier das Türkentum hochgehalten wird. In der Mythologie war es der Mutterwolf Asena, der den Türken in grauer Vorzeit den Weg aus einem Labyrinth von Bergtälern in leichter bewohnbare Gebiete wies. Asena wurde so bei vielen Turkvölkern zum bis heute vielfach verwendeten Herkunftssymbol. Gegner des Vereins und des Minaretts stellten jedoch eine Verbindung zwischen dem Symbol und der türkischen Organisation der «Grauen Wölfe» her, die ihren extremen Nationalismus vor allem in den Jahren vor 1980 auch mit terroristischen Mitteln verfocht. Karahan hält dazu entschieden fest: «Wir haben gar keine Beziehungen mit ihnen. Der graue Wolf kommt einfach von der Geschichte. Das gehört zur Kultur wie der Hahn als Symbol zu den Franzosen.» Der Inlandnachrichtendienst, der 2006 vage eine Verbindung des Vereins zu den «Grauen Wölfen» angedeutet hatte, hat seine Fehlinterpretation inzwischen korrigiert. 

Religiöse Tradition

Im Vereinslokal hängen Bilder und Symbole aus der türkischen Geschichte. Gemäss der Ergenekon-Legende zeigte ein Wolf den frühen Türken den WEg aus ihrem engen Bergtal in freundlichere Siedlungsgebiete.
Auf dem Minbar, der treppenartigen Kanzel, hält der Imam der Gemeinde freitags eine kurze Ansprache.

«Islam» bedeutet «Hingabe (an Gott)». Muslim ist derjenige, der sich Gott hingibt. Der Islam betont denn auch stark die Einheit, Einzigkeit und Allmacht Gottes. Er stellt sich in die jüdisch-christliche Offenbarungstradition mit Abraham als Urbild des Gläubigen und gilt so als eine der drei so genannten abrahamischen Religionen.

Entstanden ist der Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. auf der Arabischen Halbinsel. Der Mekkaner Mohammed (ca. 570−632 n. Chr.) erlebte seit etwa dem Jahr 610 bis zu seinem Tod Offenbarungen, die von seiner Anhängerschaft memoriert und in den Jahrzehnten nach seinem Tod als fester Textbestand im Koran (wörtlich: Lesung) gesammelt wurden. In der Sicht des Korans ist Mohammed nur einer, der letzte, in der Reihe der Gottesgesandten seit Adam, als Überbringer der letztgültigen Offenbarung ist er «das Siegel der Propheten». In seiner Heimatstadt Mekka erlebte Mohammed anfangs so starke Anfeindung, dass er mit seinen Anhängern nach Medina auswanderte, wo er als Vermittler zwischen verfeindeten Stämmen willkommen war und in der Folge ein religiös geprägtes Gemeinwesen aufbauen konnte. 

Nach Mohammeds Tod wurden die sorgsam gesammelten Berichte (Hadithe) über seine Handlungen und Aussprüche neben dem Koran zum zweiten Orientierungspunkt für die junge Gemeinschaft. Sie umschreiben das vorbildhafte Verhalten des Propheten, die Sunna. Nach ihr benennen sich die Sunniten, die rund 90 Prozent der Muslime ausmachen. Die übrigen sind grösstenteils Schiiten, die sich in den Jahrzehnten nach Mohammeds Tod wegen Fragen der Nachfolge in der Leitung der Gemeinde hinter Mohammeds Cousin und Schwiegersohn Ali sammelten und auch später untereinander weiter spalteten. Die fünf Grundpflichten des erwachsenen Muslims und der Muslimin sind die Schahada, das Glaubensbekenntnis («Es gibt keine Gottheit ausser Gott, und Mohammed ist der Gesandte Gottes»), weiter fünfmal täglich zu bestimmten Zeiten das Gebet (Salat) Richtung Mekka, die Almosensteuer (Zakat), das Fasten im Monat Ramadan zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang sowie die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch).

In der Schweiz leben rund 500'000 Muslime, unter ihnen rund 30'000 Schiiten. Etwas über die Hälfte der Muslime in der Schweiz stammen aus Ländern des ehemaligen Jugoslawien, knapp ein Fünftel aus der Türkei; mehr als ein Drittel der muslimischen Bevölkerung besitzt die Schweizer Staatsbürgerschaft. Zu erwähnen sind auch die schätzungsweise rund 50'000 Aleviten, meist türkischstämmige Anhänger einer religiösen Tradition mit schiitischen aber auch nicht-islamischen Elementen; sie sind eigenständig organisiert und betrachten sich selber oft nicht als Muslime.