Rein theoretisch kennen sich die Studierenden dank dem Seminar «Politik und Medien» mit dem Zusammenspiel von Massenmedien und Politik gut aus. Doch ein Besuch bei der Luzerner Zeitung schafft neue Perspektiven - weil gute Lehre durch Praxisbezug noch besser wird.

Eine Exkursion auf die Redaktion der Luzerner Zeitung zeigt, was Printmedien gegen Filterbubbles tun können. (Bild: Toa Heftiba via unsplash.com)

Klackernde Tastaturen, gedämpfte Stimmen und der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. An den Schreib- und Stehtischen arbeiten Journalistinnen und Grafiker konzentriert an ihren Computern, andere Mitarbeitende sind in Telefongespräche verwickelt oder tauschen sich in Kleingruppen aus. Überall liegen Zeitungen aus, werden als Referenzen in den Diskussionen hinzugezogen. Der langjährige Journalist Christoph Glaus führt uns durch die weitläufigen, offenen Redaktionsräume. Bevor wir einen seiner Kollegen mit unseren Fragen löchern werden, dürfen wir uns vor Ort ein Bild des Arbeitsumfelds und der Stimmung auf der Redaktion machen.

Der Besuch der Redaktion soll unserer Seminargruppe neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Massenmedien und Politik eröffnen. Seit Beginn des Semesters hat uns das Thema im Seminar «Politik und Medien» beschäftigt, welches Paul Buckermann am Soziologischen Seminar im Frühjahrssemester 2018 angeboten hat. Wir haben soziologische Klassiker wie Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann gelesen und uns via neue Studien mit ganz aktuellen Debatten um Filterblasen, Echo Chambers, Meme-Kulturen und einen twitternden Präsidenten auseinandergesetzt. Jetzt wollen wir uns ein Bild des Arbeitsalltags auf der Redaktion der Luzerner Zeitung machen.

Journalismus ist hier auch Schichtarbeit

Die Luzerner Zeitung hat vor kurzem ihren Fokus von der gedruckten Zeitung auf den Webauftritt verschoben. Im Onlineteam wird bis um 23 Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet, somit sind zum Zeitpunkt unseres Besuchs die einen Schreibtische noch unbesetzt, während an anderen bereits mehrere Stunden gearbeitet wurde.

Über den Köpfen hängen grosse Monitore, im Sekundentakt springen dort Zahlen umher. Sie zeigen in Echtzeit an, welche Artikel gerade auf www.luzernerzeitung.ch von wie vielen Personen gelesen werden. Wir sind um 10 Uhr auf der Redaktion, die Besucherfrequenz ist gerade eher schwach. Täglich nutzen rund 65’000 Leute das Onlineangebot. Doch Christoph Glaus relativiert: Die Printausgabe hat etwa 290’000 Leserinnen und Leser.

Anschliessend an die Führung stellt sich der Leiter des Ressorts Kanton, Alexander von Däniken, unseren Fragen. Im Mittelpunkt stehen dabei unsere theoretischen Erkenntnisse über Politik, Medien und deren Zusammenspiel aus einer soziologischen Perspektive.

Massenmedien, und damit die Journalistinnen und Journalisten, die hinter den Zeitungen stehen, haben durch die von ihnen geschriebenen und veröffentlichten Artikel einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung ihrer Leserschaft. Dessen sind sich die Schreibenden gemäss Von Däniken bewusst. Doch niemand bilde sich ein, ganze Abstimmungen durch mediale Themenwahl und –zuschnitt ändern zu können.

Als Forumszeitung gegen Filterblasen und Echokammern

Die Luzerner Zeitung positioniert sich als Forumszeitung. Ziel ist es also, möglichst alle Meinungen abzubilden und jede politische Partei gleich zu behandeln. Die Auswahl der Themen und Verteilung der Artikel wird über mehrere Ebenen kontrolliert, diskutiert und beschlossen. Um einen guten Themenmix im Blatt zu haben kann es so beispielsweise vorkommen, dass ein Artikel erst Tage später als ursprünglich geplant veröffentlicht wird.

Auch wenn Journalistinnen und Journalisten als «Gatekeeper» Themen filtern, scheint bei einer Forumszeitung die Bildung von sogenannten Filterblasen und Echokammern, wie sie beim Konsum von Medien via Social Media entstehen können, eher unwahrscheinlich. Durch die Gleichbehandlung der etablierten Parteien werde die Leserschaft immer wieder mit Ansichten konfrontiert, die nicht den eingeschliffenen Präferenzen entsprechen.

Wie aus einem Ereignis eine Nachricht wird

Im Seminar gingen wir der Frage nach, warum bestimmte Ereignisse aus einem potenziell unendlichen Angebot «der Realität» überhaupt zu einer Nachricht werden und andere nicht. Hierzu diskutierten wir zwei Erklärungsansätze: Einerseits würden bestimmte Ereignisse etwa durch räumliche Nähe oder Bekanntheit der Beteiligten einen gewissen «Nachrichtenwert» haben (und andere nicht). Andererseits können die Journalistinnen und Journalisten als «Gatekeeper» verstanden werden, die entsprechend ihrer persönlichen und professionellen Interessen an der Auswahl aus unendlichen Möglichkeiten beteiligt sind.

Auf dieses Thema bezogen erklärte uns Herr Von Däniken, dass oft über die Themen geschrieben wird, welche zum einen die Schreibenden selber besonders interessant finden und die zum anderen als für die Leserschaft interessant bewertet werden. Stärker falle hier die Einschätzung der Präferenzen des Publikums ins Gewicht, wobei die Journalistinnen und Journalisten durchaus auch als «Selektionsdienstleistende» beschrieben werden können.

Dank hoher Qualität in die Zukunft

Klassische Tageszeitungen sind unbestritten einem starken wirtschaftlichen Druck ausgesetzt, die Zahl der Abonnemente wie auch die Einnahmen aus dem Verkauf von Anzeigen gehen zurück. Auch die Luzerner Zeitung spürt diesen Druck. So lässt sich auch der gesteigerte Fokus auf die Onlineaktivitäten erklären. Trotz diesem Wechsel solle die Qualität selbstredend weiterhin hoch sein, betont der Ressortleiter, auf reisserische Titel und Themen soll verzichtet werden.

Die hohe Qualität der Beiträge in einer etablierten Tageszeitung sieht Von Däniken auch als Grund, wieso es diese Art von Journalismus auch in Zukunft geben wird. Durch Diskussionen um «Fake News», «Filter Bubbles» und die schnelle, unkontrollierte Informationsweitergabe über Soziale Netzwerke würden in Zukunft wieder mehr Menschen klassische Zeitungen lesen, ist der Journalist überzeugt. Denn sie würden darauf vertrauen, dass die veröffentlichten Informationen überprüft seien und weiteres Hintergrundwissen angeboten werde.

Politikerinnenfüsse für Medien kein Tabu

Politikerinnen und Politiker brauchen Medien, um sich der Wählerschaft präsentieren zu können. Im Seminar hatten wir diskutiert, welche Folgen das für politische Stile und Kulturen hat. Andererseits haben Massenmedien in einer modernen Demokratie eine gewisse Kontroll- und Spiegelfunktion.

Alexander von Däniken vertritt die Ansicht, dass die Medien in der Tat die vierte Gewalt im Staate sind und den Politiktreibenden auch mal auf den Füssen herumtrampeln müssten. Wenn ein Thema nachdrücklich von einzelnen politischen Akteurinnen oder Akteuren vorgeschlagen werde, interessieren sich die Journalistinnen quasi im Reflex auch dafür, wieso eine Berichterstattung im Interesse des entsprechenden Lagers ist. Und insbesondere dann auch dafür, was die politische Gegnerschaft dazu sagt. Gerade das Drängen einzelner fördere so, dass unterschiedliche Meinungen recherchiert und gegenübergestellt werden und damit unterschiedliche Ansichten veröffentlicht werden.

Einstieg in den Journalismus

Abschliessend gab es noch hilfreiche Tipps für den Einstieg in den Journalismus. Schliesslich können sich viele Studierende der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät eine berufliche Zukunft im Journalismus oder der Öffentlichkeitsarbeit vorstellen. Dabei führen verschiedene Wege ans Ziel.

Von Däniken regt an, sich einfach einmal bei einer kleineren Lokalzeitung zu melden, um sich als freie Mitarbeiterin oder Praktikant zu versuchen. Mit kleineren Texten könnten Erfahrungen gesammelt werden und es liesse sich ausprobieren, ob dieser Berufszweig tatsächlich von Interesse sei. Nach Abschluss des Studiums kann dann ein Volontariat eine weitere Option sein.

Auch wenn nicht schliesslich nicht alle im Journalismus landen, die während dem Studium auf einer Redaktion gearbeitet haben, können journalistische Erfahrungen hilfreich für andere Berufswege sein. Das Recherchieren, Bewerten und Niederschreiben von Informationen sind schliesslich in fast jedem Beruf begehrte Kompetenzen.

Dieser Text wurde durch Vincent Eringfeld, Valerian Gubler und Manuela Handermann verfasst, die drei Studierenden wurden dabei durch ihren Dozenten Paul Buckermann unterstützt.

Vincent Eringfeld (18) studiert im 2. Semester Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften. Zuvor arbeitete er als Aushilfe in der Stadtbibliothek Thun, in seiner Freizeit spielt er gerne Bridge.

Valerian Gubler (24) studiert im 2. Semester  Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften. Der Zuger hat vor dem Studium eine Kaufmännische Lehre bei der Siemens AG absolviert und ist nach dem Militär via Passerelle an die Unilu gekommen. Nebenbei arbeitet er als Pizzakurier.

Manuela Handermann (50) hat im Frühling 2018 Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften zu studieren angefangen. Zuvor war sie in der Pädagogik und im Tourismus tätig, neben ihrem Studium arbeitet die Mutter zweier Kinder als Guide – unter anderem für Luzern Tourismus und das Verkehrshaus.

14. Juni 2018