Diskussionsabend, 28.11.01, Luzern
"Der unbekannte Nachbar unter Verdacht..."
Vom Islam in der Schweiz zum
Schweizer Islam?
Urs Köppel
Einleitung
Die Präsenz von Muslimen auf dem Gebiet der heutigen Schweiz ist kein neues Phänomen. Einer meiner Professoren im Gymnasium, ein Walliser, hat uns immer wieder darauf hingewiesen, dass verschiedene Ortsbezeichnungen im Wallis auf eine längere Anwesenheit von „Sarazenen“ in diesem Teil der heutigen Schweiz hindeuten; so seien alle Ortsnamen, die mit der Silbe „Al-„ beginnen, Bezeichnungen arabischen Ursprungs, z.B. Alalinhorn, Aletschgletscher usw.; auch verschiedene Ortsnamen seien auf Besatzer und Besiedler arabischer Herkunft zurückzuführen. Als Studenten haben wir diese Ausführungen wohl eher als willkommene Abwechslung zum trockenen Mathematikunterricht angesehen, aber seine Ausführungen eher ins Land der Mythen verwiesen. Heute ist allerdings historisch unbestritten, dass das Wallis wirklich im 10. / 11. Jahrhundert unter der Herrschaft von arabischen Einwanderern stand.
Auch im Verlauf der letzten Jahrhunderte lebten wohl immer einzelne Muslime in unserem Land, insbesondere als Händler orientalischer Waren.
Immigration
Eine zunehmende Präsenz von Muslimen wird aber seit den 60er Jahren des 20 Jahrhunderts deutlich: Die Zeit der Hochkonjunktur und der damit verbundene Arbeitskräftemangel forderte Arbeitnehmer zunächst aus den südeuropäischen Ländern Italien und Spanien, bald aber auch aus der Türkei und aus Jugoslawien. Diese Immigration hat sich bis in die letzten Jahre fortgesetzt. Die Frage nach der Konfessions- oder Religionszugehörigkeit spielte dabei keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Gesucht wurden Arbeitskräfte, die allerdings auch ihren kulturellen und religiösen Hintergrund mit sich brachten, den kein Mensch einfach ablegen kann. Sie wollten vermehrt ihre Kultur und ihre Religion auch in jenem Land leben, das ihnen Arbeit und Verdienst versprach.
Auch die starke Zunahme der Zahl von Asylsuchenden seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts aus osteuropäischen, asiatischen und afrikanischen Ländern liess die Zahl der Muslime in unserem Land weiter ansteigen. Für viele von ihnen bedeutete die Sicherheit vor Verfolgung in unserem Land auch die Besinnung auf die eigene Herkunft und die Freiheit, den eigenen Glauben zu leben.
Statistik
Damit stellt sich die Frage nach der Zahl der in unserem Land lebenden Muslime. Eine fortlaufende Religionsstatistik wird in unserem Land nicht erhoben. Nur die alle zehn Jahre durchgeführt Volkszählung gibt genaue Auskunft über die Religionszugehörigkeit der schweizerischen Wohnbevölkerung. Allerdings erfolgt die Publikation der Religionsstatistik meist mit mehrjähriger Verzögerung, so dass die publizierten Zahlen kaum der zu diesem Zeitpunkt gültigen Religionszugehörigkeit entsprechen. So sind die Ergebnisse zur Religionszugehörigkeit aus der Volkszählung 2000 erst in 2 – 3 Jahren zu erwarten.
Während dieser Perioden ist nur eine Evaluation aufgrund der Herkunftsländer der in unserem Land lebenden Migranten möglich. Ungewiss bleibt zudem die Zahl der Schweizer, die sich zum Islam bekennen, weil sich einerseits Muslime einbürgern, andererseits Schweizer den Islam als ihre Religion annehmen. Diese Zahlen geben aber keinen Hinweis auf die Bindung an die Religion, so wenig dies für die Angehörigen anderer Religionen zutrifft.
Ein kurzer Rückblick, der bereits Hinweise auf die Entwicklung gibt, zeigt:
° Bei der Volkszählung 1970 bekannten sich 16'353 Personen, davon 456 Schweizer zum Islam.
° Die Volkszählung 1980 ergab bereits die Zahl von 56'625 Muslimen, davon 2'941 Schweizer.
° Nach der Volkszählung 1990 lebten 152'217 Muslime in unserem Land, davon 7'735 Schweizer.
Aufgrund der Herkunftsländer mit einem überwiegenden oder grösseren Anteil an muslimischer Bevölkerung lassen sich für Ende 2000 folgende Zahlen für die Niedergelassenen und die Jahresaufenthalter annäherungsweise anführen:
° Türkei: Total 79'476; davon sind etwa ein ansehnlicher Teil Aleviten und einige Tausend Christen vor allem der syrisch-orthodoxen Kirche, ca. 60'000 Muslime.
° Republik Jugoslawien: 190'731; ca. 90'000 Muslime, vor allem aus dem Kosovo, deren Bevölkerung zu 90% muslimisch ist.
° Übrige europäische Staaten (z.B. Albanien, Bulgarien, Rumänien usw.) ca. 3'000 Muslime.
° Arabische Staaten in Afrika (Algerien, Marokko, Tunesien, Ägypten usw.): 13'344, ca. 13'000 Muslime.
° Übrige afrikanische Staaten: ca. 10'000 Muslime.
° Arabische Staaten in Asien (Irak, Jordanien, Libanon usw.): 5'053, über 4'000 Muslime.
° Übrige asiatische Staaten: Ca. 30'000 Muslime
° Schweizer: Ca. 40'000 Muslime.
Damit gehören etwa 250'000 Personen der ständigen Wohnbevölkerung in der Schweiz (d.h. Schweizer, Niedergelassene, Jahresaufenthalter) Muslime; wobei aber nicht unterschieden wird, welcher Richtung oder Rechtsschule diese Muslime angehören.
Neben der ständigen Wohnbevölkerung lebt aber noch eine ansehnliche Zahl von Ausländerinnen und Ausländern in unserem Land, die nur vorübergehend, teilweise aber während Jahren anwesend sind:
° Unbestätigten Angaben zufolge sollen gegen 200'000 Kosovo-Albaner in der Schweiz leben, die meisten mit einer vorläufigen Aufenthaltsbewilligung oder laufendem Asylgesuch.
° Auch aus andern Staaten mit muslimischen Bevölkerungsteilen, insbesondere aus Osteuropa, Asien und Afrika, leben mehrere Tausend Personen vorübergehend in der Schweiz.
° Gemäss Schätzungen beträgt die Zahl der illegal Anwesenden (sog. „Sans Papiers“) zwischen 150'000 und 250'000 Personen, unter denen sich eine ansehnliche Zahl Kosovo-Albaner befinden.
Somit kann von einer Gesamtzahl von über 400'000 Muslimen ausgegangen werden. Diese Angaben sind mit Vorsicht anzugehen. Sie sollen nur verdeutlichen, dass sich der Trend der letzten 30 Jahre fortgesetzt hat und sich wahrscheinlich weiter fortsetzen wird.
Erwartungen der Muslime
Der Islam ist keine in sich geschlossene Religionsgemeinschaft. Ethnische, soziale und konfessionelle Zugehörigkeit sind bedeutsame Unterschiede. Wenn man bedenkt, dass es weltweit über 50 islamische Staaten mit unterschiedlichen politischen und sozialen Ausprägungen gibt, dann wird ersichtlich, wie weitgefächert der Islam sich in unserem Land präsentiert. Die überwiegende Mehrzahl gehört der sunnitischen Richtung an; eine Minderheit bilden die Schiiten; gering ist die Zahl der Sufis. Stärker vertreten sind die zum grössten Teil aus der Türkei stammenden Aleviten. Die Ahmadija-Bewegung, die aus der Gemeinschaft der Muslime ausgeschlossen wurde, hat sich insofern etabliert, als sie die erste Moschee in der Schweiz, in Zürich, baute, die – mangels anderer Möglichkeiten - teilweise auch von Muslimen anderer Richtung besucht wird.
Auch in der Schweiz sind die Muslime organisiert nach ethnischen, nationalen, politischen und sprachlichen Kriterien mit oft unterschiedlicher Zielsetzung. Vielerorts bestehen Vereine oder Stiftungen, welche den Bau von Moscheen oder religiösen Zentren zum Ziele haben oder die Beauftragung eines Imams oder Religionslehrers zu ermöglichen. An einzelnen Orten haben sich verschiedene muslimische Vereine zusammengeschlossen, um gemeinsam ihre Anliegen gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten, z.B. die Bereitstellung geeigneter und den Vorschriften des Islam entsprechender Bestattungsorte, oder die öffentlich-rechtliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft in verschiedenen Kantonen. Dachverbände muslimischer Vereine bezwecken einerseits die gegenseitige Unterstützung, andererseits aber auch das „Sprechen mit einer Stimme“ gegenüber der Öffentlichkeit. Hierbei stellt sich auch die Frage, ob der Islam in der Schweiz sich nicht längerfristig zu einem Schweizer Islam entwickelt. Die meisten Muslime sind sich bewusst, dass sie und ihre Nachkommen in der Schweiz bleiben werden und sich somit den hiesigen politischen und sozialen Anforderungen anpassen müssen. Das bedeutet auch, dass sie bereit sind, sich in der Geselslchaft zu integrieren unter Wahrung ihres eigenen Glaubens.
Damit sind schon einige Erwartungen angedeutet, welche die Muslime in unserem Land stellen:
° Moscheebau: Vor allem in Städten oder an Orten mit grösserer muslimischer Präsenz ist das Bedürfnis und der Wunsch
° Zulassung von ausgebildeten Imamen:
° Aufhebung des Schächtverbots und grössere Kontingente von kultisch rein geschlachteten Tieren:
° Respektierung des Islam bei der schulischen Erziehung der Kinder: Ko-Edukation, muslimische Feiertag:
° Islamischer Religionsunterricht an öffentlichen Schulen durch ausgebildete Lehrkräfte:
° Islamische Hochschule / Fakultät zur Ausbildung von Imamen und Religionslehrern: Vertraut mit den Verhältnissen in der Schweiz
° Respektierung der Gebetszeiten im Arbeitsprozess:
° Muslime im Spital:
° Muslime im Strafvollzug:
° Muslime im Alter:
° Objektive Berichterstattung durch die Medien in der Schweiz:
Anfragen der Einheimischen
Von Seiten der Christen werden Anfragen an die Muslime gestellt, die beantwortet werden müssen:
° Reziprozität: Das Verbot zum Bau christlicher Kirchen und sogar zur Feier christlicher Liturgien in Saudiarabien wird immer wieder kritisch hinterfragt. Deshalb wird gefordert, dass der Moscheebau oder die Einrichtung islamischer Zentren in der Schweiz nicht erlaubt werden sollen, solange die gleichen Rechte in arabischen Staaten fehlen. Hinweis auf die Bedeutung der heiligen Stätten im heutigen Saudiarabien
° Fehlende Integrationsbereitschaft der Muslime:
° Forderung zur Einführung der Scharia für die muslimischen Gemeinschaften in Europa:
° Muslime und christliche Minderheiten:
Die gemeinsame Zukunft
Die Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben von Christen und Muslimen in unserem Land sind im wesentlichen:
° Der gegenseitige Respekt und die Achtung der unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Beziehungen.
° Die Bereitschaft der christlichen Mehrheit, den muslimischen Minderheiten Hilfen zur Integration anzubieten, und die Bereitwilligkeit der Muslime, sich in die einheimische Gesellschaft einzugliedern.
° Die Akzeptanz der Rechtsstaatlichkeit und der schweizerischen Demokratie, die auf ursprünglich christlichen Grundsätzen beruht, durch die Muslime, und die Gewährung jener Rechte durch die Christen, den auch den Muslimen die religiöse Praxis in einem mehrheitlich christlichen Umfeld ermöglicht.
Es wird immer deutlicher, dass interkulturelle Begegnungen und vor allem der interreligiöse Dialog vonnöten sind, um die gegenseitigen Spannungen, die in den letzten Wochen deutlich angestiegen sind, abzubauen. In diesen Begegnungen sind Vorurteile zu revidieren, die Anfragen anzunehmen und aufzufangen und Formen des Zusammenlebens im Alltag zu fördern. Denn dem „Dialog im Alltag“, d.h. dem Zusammenleben im Quartier, am Arbeitsplatz, in der Schule usw. kommt eine immer grössere Bedeutung zu für eine Gesellschaft, die sich immer mehr aus Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit zusammensetzt.