Diskussionsabend, 28.11.01, Luzern
"Der unbekannte Nachbar unter Verdacht..."
Vielfalt Islamischer Welten:
gestern und heute
Samuel M.Behloul
Ein äusserst komplexes religiös-kulturelles und politisches Phänomen wie es der Islam ist, lässt sich im Rahmen eines 20-minütigen Referates kaum ausreichend behandeln. Aus diesem Grund werde ich mich in meinen Ausführungen vorrangig auf das konzentrieren, was die meisten von uns nach dem 11. September beschäftigt, verunsichert und nicht wenigen auch Angst macht.
Auch wenn die Literatur über den Islam in den letzten Jahren zu einer kaum noch überschaubaren Grösse angewachsen ist, bleibt der Islam für die meisten Menschen im Westen nach wie vor eine fremde, mysteriöse und insbesondere seit dem 11. September eine Angst einflössende Religion, eine Bedrohung globalen Ausmasses. Angesichts der Ungeheuerlichkeit der jüngsten Terroranschläge, und der Fernsehbilder von jubelnden radikal-islamischen Gruppen, wird die seit längerer Zeit schon existierende Angst vor dem angeblichen Angriff der geeinten islamischen Welt in Form eines Gihad gegen den Westen neu beschworen. Die “geeinte islamische Welt” und “der Gihad”! Auf diese zwei, gegenwärtig am intensivsten diskutierten und nicht selten – auf arabisch-islamischer wie auch westlicher Seite - missverstandenen Begriffe, möchte ich im folgenden nun kurz eingehen.
“Der” Islam!?
Es ist geradezu verblüffend, mit welcher Selbstverständlichkeit wir vom Islam reden. Wir reden von “der” islamischen Welt, von “der” islamischen Kultur, von “dem” islamischen Terrorismus usw. Was uns dabei am meisten beunruhigt – und darin besteht unser eigentlicher Irrtum in Bezug auf unsere Wahrnehmung der islamischen Welt – ist unsere Vorstellung vom Islam als einem monolitischen, in sich geschlossenen und einheitlichen religiös-kulturellen und politischen Block. Dieser Vorstellung steht aber die Wirklichkeit einer heterogenen, vielschichtigen, vielfarbigen und nicht selten in sich zerstrittenen islamischen Welt gegenüber. Dass diese Vielfalt des Islam keineswegs ein modernes Phänomen ist, sondern von Anfang an zum wesentlichen Merkmal der islamischen Welt gehörte, soll im folgenden kurzen Überblick über die wesentlichen Grundzüge dieser Religion und ihrer Entstehungsgeschichte skizziert werden.
Der islamische Glaube so wie er sich von
seinem Ursprung her versteht
In seinem Selbstverständnis begreift sich der Islam als eine universale, natürliche Religion, die allen Menschen eingepflanzt ist, gleich welcher Rasse, Hautfarbe, Sprache und Religion sie angehören. Dieser Universalanspruch des Islam kommt bereits im arabischen Wort I s l a m zum Ausdruck. Das Wort Islam meint weder eine bestimmte Kultur, noch ein bestimmtes Volk, noch eine bestimmte Person – Islam meint schlichtweg “den absoluten Gehorsam”, “die absolute Hingabe” an den einen Schöpfer und Gott, der alle Menschen und ihre Lebensgrundlagen geschaffen hat. M u s l i m-Sein bedeutet dementsprechend jenen Akt des abs. Gehorsams bzw. der abs. Hingabe an den einen Gott zu vollziehen, den bereits die Propheten vor Muhammad vollzogen haben. Nach der Lehre des Korans war Abraham derjenige der als erster diesen Akt der Anbetung eines einzigen Gottes vollzogen hat. In der letzten Konsequenz bedeutet dies, dass weder der Prophet Muhammad noch die Araber die ersten Muslime waren, sondern bereits Abraham, Moses, und Jesus. Im Koran ist klar davon die Rede, dass Muhammad mit seiner Offenbarung nichts Neues brachte und keine neue Religion stiftete, sondern nur das bestätigte und zum endgültigen Abschluss führte, was bereits vor ihm durch die Torah und das Evangelium anderen Völkern über ihre jeweiligen Propheten offenbart wurde. Diesbezüglich lesen wir an zwei Stellen im Koran folgendes: “Er hat die Schrift mit der Wahrheit auf dich herabgesandt als Bestätigung dessen, was (an Offenbarungsschriften) vor ihr da war. Er hat auch die Tora und das Evangelium herabgesandt (schon) früher, als Rechtleitung für die Menschen” (3, 3-4).
“Und wir liessen hinter ihnen (gemeint sind die altl. Propheten) Jesus, den Sohn der Maria, folgen, dass er bestätige, was von der Thora vor ihm da war. Und wir gaben ihm das Evangelium, das Rechtleitung und Licht enthält, damit er bestätige, was von der Thora vor ihm da war...” (5, 46).
Den Wesenskern des islamischen Glaubens bildet der sog. tauhid, der Glaube an den einen einzigen Gott, der bis in die alltäglichsten Kleinigkeiten für den Menschen sorgt. In Anbetracht der Tatsache einer totalen, sich alltäglich vollziehenden Abhängigkeit von seinem Schöpfer, ist der gläubige Muslim diesem seinen Schöpfergott täglich zum Gehorsam verpflichtet. Wie tut er das konkret? Der islamische Glaube beruht auf den sog. “fünf Pfeilern” oder fünf Grundpflichten: 1. Das Glaubensbekenntnis, 2. Das rituelle Pflichtgebet, 3. Das Fasten im Monat Ramadan, 4. Die Pflichtabgabe (keine freiwilligen Almosen), 5. Die Pilgerfahrt nach Mekka.
Auf diesen 5 Pfeilern oder Säulen beruht das Haus des Islam. Diese 5 Säulen könnte man auch als eine Art Aussenhaut bezeichnen, die das gesamte Gerüst zusammenhält, eine Art Aussenfassade, die das Haus nach Aussen hin als ein stabiles und einheitliches Gebilde erscheinen lässt. Nun hinter diesen Säulen, d.h. im Hause selbst, ist es sehr lebendig. Das Haus wird von einer sehr bunten Gesellschaft bewohnt. Schon ein flüchtiger Blick auf den gewaltigen Ausdehnungsraum des Islam (vom Gibraltar im Westen bis nach Philippinen im Südosten) wird uns dies schnell verdeutlichen.
Einen türkischen Kebab-Verkäufer in Berlin-Kreuzberg, einen marokkanischen Gemüsehändler auf dem Markt von Fes, einen Talibankämpfer aus Kandahar und einen indonesischen Bankangestellten von Kuala Lumpur verbindet zweifelsohne der tägliche Akt der Hingabe an Gott im rituellen Pflichtgebet und selbstverständlich die restlichen Grundpflichten. Aber kann man schon aufgrund dieser Tatsache darauf schliessen, dass die vorher vier genannten und mit ihnen über eine Milliarde Muslime ein und dieselbe Denk- und Lebensweise besitzen, ein und dieselben Gebräuche haben, ein und dieselben Interessen verfolgen?
Vielfalt islamischer Welt(en)
Zum wesentlichen Merkmal der islamischen Geschichte, und zwar von ihrer frühesten Phase an bis in die Gegenwart hinein, gehört Zweierlei; ein ständiges und nicht selten äusserst fruchtbares Ringen um eine einheitliche, allgemeinverbindliche Interpretation der Inhalte des Korans sowie ein Ringen um die politische Einheit. Es mag zunächst erstaunlich klingen, aber rein historisch gesehen, wird man sagen müssen, dass der islamische Prophet Muhammad selbst für dieses, zunächst politische Ringen vorgesorgt hat, indem er nämlich keinerlei Richtlinien für seine Nachfolge hinterlassen hat. Dies führte wenige Jahre nach seinem Tod zu einem regelrechten Bürgerkrieg, bei dem Muslime gegen Muslime kämpften. Auf die äusserst komplexen Phasen dieser Auseinandersetzung können wir hier natürlich nicht eingehen. Wichtig zu bedenken ist, dass dieser Erste Bürgerkrieg, der 661 mit der administrativen Einigung des islamischen Reiches beendet werden konnte, die heute noch andauernde Spaltung der Muslime in Sunniten und Schiiten bewirkte.
Zum zweiten grossen Problem wurde, wie bereits erwähnt, eine einheitliche und allgemeinverbindliche Interpretation dessen, was man im Koran als fertig formulierte Botschaft fand. Das hatte mit zwei Faktoren zu tun. Erstens, mit dem äusserst ambivalenten Inhalt des Korans; mit der Tatsache nämlich, dass der Koran über ein und denselben Sachverhalt unterschiedliche, ja sogar sich widersprechende Aussagen macht; und zweitens, mit der Tatsache, dass der Koran auf viele Fragen, die sich für die immer grösser werdende islamische Gemeinde fast täglich neu stellten, keinerlei Antworten gab. Diese zwei Faktoren führten dazu, dass sich die islamischen Gelehrten nach der schriftlichen Fixierung des Korans bemühen mussten, die zwei- oder sogar mehrdeutigen Stellen des Korans zu interpretieren. Den islamischen Theologen, um hier nur einige Beispiele zu erwähnen, war nämlich schnell aufgefallen, dass der Koran einerseits von einem allmächtigen Gott spricht, der nach eigenem Ratschluss jede einzelne Tat des Menschen, gute und böse, im Voraus bestimmt, auf der anderen Seite aber dazu ermahnt, dass jeder Mensch für jede Seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Oder, dass der Koran einerseits für die vom Glauben Abgefallenen die Todesstrafe verlangt, andererseits aber klar und deutlich sagt, in der Religion gäbe es keinen Zwang. Oder, dass im Koran einerseits zur Tötung von Juden und Christen aufgefordert wird, andererseits aber Juden, Christen und Muslimen empfohlen wird: “Wetteifert nach den Guten Dingen! Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren. Und dann wird er euch Kunde geben über das, worüber ihr (im Diesseits) uneins waret”. (5,48)
Es liegt nun auf der Hand, dass die Interpretationen dieser schwierigen Stellen nicht nur zu den von einander abweichenden Meinungen unter den Korangelehrten, sondern auch zu den verschieden theologischen Lehren und Schulen innerhalb des Islam führen mussten. Hinzukam noch ein dritter und vielleicht der wichtigste Faktor: die atemberaubende muslimische Expansion im siebten und beginnenden achten Jahrhundert. Zur Veranschaulichung sei hier bloss erwähnt, dass zwischen 638 und 712, in westlicher Reichtung, ein Gebiet zwischen Jerusalem und Toledo in Zetralspanien erobert wird und in östlicher Richtung, praktisch der gesamte persische Raum. Aus der bis vor kurzem noch überschaubaren Gemeinde der arabischen Muslime wurde plötzlich ein Gebiet gewaltigen Aussmasses. Ein Gebiet, das nicht nur unterschiedlichste Kulturen, Weltanschauungen und Denkweisen in sich barg, sondern den arabischen Eroberern in wissenschaftlich-kultureller und administrativ-politischer Hinsicht absolut überlegen war. Die noch junge islamische Gemeinde war plötzlich mit einer Situation konfrontiert, die weder durch irgendwelche Vorschriften im Koran noch durch die Gesamtheit der Überlieferungen des Propheten, die sog. Sunna abgedeckt war. In dieser glanzvollen Expansionsphase zeichnen sich Muslime nun durch eine bemerkenswerte Aufnahmebereitschaft und Toleranz aus. So werden beispielsweise am Kalifenhof von Damaskus zahlreiche christliche Schreiber, Notare und Übersetzer angestellt, um mit ihren administrativ-organisatorischen Kenntnissen an der Errichtung einer neuen Gesellschaftsstruktur mitzuwirken. Ebenso werden später syrische Christen am Kalifenhof von Bagdad angestellt als Übersetzer aristotelischer Werke aus dem Griechischen und Syrischen ins Arabische. Diese Offenheit der Muslime für neue Ideen, für neue Institutionen machte den Islam nicht nur stark und anziehend; sie führte notwendigerweise auch zu der Entstehung einer lebendigen religiös-kulturellen und politischen Vielfalt innerhalb des Islam.
Es ist also eine historische Tatsache, dass bereits in der Frühgeschichte des Islam verschiedene islamische Welten entstehen, die sich zwar alle auf dieselben Quellen stützen, d.h. auf den Koran und die Tradition des Propheten, die sog. sunna, diese aber unterschiedlich interpretieren und sich die Rechtmässigkeit ihrer Interpretationen gegenseitig streitig machen.
Wenn nun heutzutage solche Menschen wie Usama bin Ladin und seine Gesinnungsgenossen von der “Wiederherstellung” einer ideologisch geeinten islamischen Welt träumen, in der alle Muslime so denken werden wie sie, dann träumen sie im wahrsten Sinne des Wortes, denn solch eine islam.Welt hat es nie gegeben und wird es auch nie geben.
Gihad
Die
“Islame” der Gegewart = Die “Gihade” der Gegenwart
Ich komme nun zum zweiten, im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen besonders intensiv diskutieren Begriff, dem Gihad nämlich.
So wenig wir also von dem Islam reden können, so wenig können wir auch von dem Gihad reden. M.a.W., unter den Muslimen herrscht eine Meinungsvielfalt über den Gihad, was gleich an einezelnen ausgewählten Beispielen gezeigt werden soll.
Zur allg. Orientierung sei aber zuvor erwähnt, dass das Wort Gihad nicht mit Heiliger Krieg zu übersetzen ist, was oft getan wird, sondern mit “Bemühung”, “Anstrengung” um eine gute Suche. Die islamische Tradition unterscheidet zwischen dem sog. kleinen und dem sog. grossen Gihad. Der grosse Gihad meint eine private Anstrengung des einzelnen Muslims gegen allerlei persönliche Leidenschaften wie Habgier, Egoismus usw. Kurzum: ein tägliches Sich-Abmühen, guter Mensch zu sein. Der kleine Gihad hingegen meint kriegerische Auseinandersetzung aber, wie es im islamischen Recht vorgeschrieben ist, nur in äusserster Not, wenn etwa die Gemeinschaft der Muslime bedroht oder an der Ausübung religiöser Pflichten gehindert wird.
Interpretationsvielfalt bezüglich des Gihad
Dass unter den Muslimen
in bezug auf die Auslegung des Gihad-Gedankenseine
äusserste Interpretationsvielfalt herrscht, soll
anhand einiger Beispiele illustriert werden.
Als die Engländer Indien besetzten, wurde unter den
Islamgelehrten Indiens heftig darüber debattiert, ob man zu einem Gihad gegen die Fremdherrscher aufrufen solle. Die Entscheidung fiel gegen
einen Aufruf aus, weil die Briten die Religionsausübung nicht behinderten. Die
Muslime durften ja weiter zur Moschee gehen, im Ramadan fasten und nach Mekka
pilgern. Als später aber englische Kolonialbehörde christliche Missionare ins
Land brachte, um unter der muslimischen Bevölkerung zu missionieren, kam es zum
regelrechten Aufstand der muslimischen Bevölkerung.
Dass man als Muslim einen Gihad sogar zur Verteidigung von
Andersgläubigen, etwa Christen, führen kann, wenn diese nämlich in ihrer
Religionsausübung bedroht werden, zeigt uns das folgende Beispiel aus dem
spanischen Bürgerkrieg: Zu der schlagkräftigsten Söldnertruppe des
Putschistengenerals Franco gehörte die sog. “Afrika-Armee”, die sich aus den
marokkanischen Berbern rekrutierte. Die Koran-Gelehrten erklärten den frommen
Männern, es sei verdienstvoll in diesen Kampf zu ziehen, denn es gehe um die
Verteidigung der Gläubigen gegen die ungläubigen Kommunisten. Insgesamt 10 000
Berber meldeten sich daraufhin freiwillig für den Kampf und sorgten für einen
regelrechten Blitzkrieg zugunsten von General Franco.
Als Saddam Husein, um hier
ein Beispiel aus neuerer Vergangenheit anzuführen, im Golfkrieg zum Gihad, oder wie er es damals sagte, “zur Mutter aller Schlachten” gegen die
USA und ihre Verbündete aufrief, stand dieser Aufruf im totalen Widerspruch zum
islamischen Recht. In der Anti-Saddam Alianz befanden sich damals nämlich einige islamische Staaten
(Syrien, Ägypten, Jordanien usw.); ein Gihad gegen
Moslems ist aber nach dem islamischen Recht verboten.
Und zum Schluss ein aktuelles Beispiel: Zu
Beginn der amerikanischen Luftangriffe auf Afghanistan rief der Taliban-Führer Mulah Omar zum Gihadauf. Eine der höchsten religiösen Autoritäten des
sunnitischen Islam, Muhammad Tantawi, kommentierte
diesen Aufruf so: " Sollte sich herausstellen, dass Usama
bin Ladin für die
Terroranschläge verantwortlich sei und sich die Taliban
trotzdem weigerten, ihn auszuliefern, dürfte Afghanistan dafür von Washington
bestraft werden." Seinem Kommentar fügte Tantawi
noch ein arabisches Sprichwort zu: "Wer einen Wolf aufzieht, wird am Ende
von dem Wolf gefressen werden."
Abschliessen möchte ich dieses Referat mit zwei Bemerkungen.
Dieser kurze Überblick über die alten und die neuen “Welten” des Islam hat uns, so hoffe ich, Zweierlei gezeigt:
Einen bevorstehenden Gihad der vereinten islamischen
Kräfte gegen die westliche “Art zu leben” haben wir nicht zu befürchten; nicht
nur aufgrund der faktischen militärisch-wirschaftlichen
Unterlegenheit der islam-arab. Staaten gegenüber dem
Westen, sondern, und vor allem, weil die überwiegende Mehrheit der Muslime
solch ein Abenteuer nie mittragen würde.
Und zweitens: Der islamische Fundamentalismus, von
dem, wie zu Beginn gesagt, mit grösster
Selbstverständlichkeit gesprochen und geschrieben wird, ist, wenn auch stark
islamisch gefärbtes, so dennoch ein modernes Phänomen und in 1. Linie ein
Ausdruck der Schwäche und nicht etwa der Stärke der islamischen Welt. Und
vergessen wir eines nicht: Bei aller Ungeheuerlichkeit des 11. September,
bleiben nach wie vor die Muslime selbst die eigentlichen Opfer
fundamentalistischer Gewalttaten.