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Leitbild der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern

Dieses Leitbild versucht die wissenschaftliche Identität der Geisteswissenschaftlichen Fakultät angesichts der Heterogenität ihrer Fächer zu beschreiben.

In der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern sind die Fächer Allgemeine und Schweizer Geschichte, Philosophie, Judaistik, Religionswissenschaft und Soziologie
vertreten. Angegliedert sind der Fakultät das Institut für jü-
disch-christliche Forschung (IJCF) und das Institut für Kommunikation und Kultur (IKK). In der auf Wachstum angelegten Fakultät wird mittelfristig ein Ausbau der vorhandenen und eine Ergänzung durch weitere Fächer angestrebt. Anders als die Theologische Fakultät und die Rechtswissenschaftliche Fakultät, deren Namen auch die Thematik benennt, über die ihre Fächer integriert werden, bedarf die Vereinigung derart heterogener Fächer stets einer erneuten Legitimation, die durch den traditionellen Titel «Geisteswissenschaften» nicht ohne weiteres gegeben ist. In Luzern vertretene Disziplinen betreiben in je unterschiedlicher Gewichtung historische Perspektivierung, Sinnreflexion und Gesellschaftsanalyse. Das Fächerensemble präsentiert sich als ein Modell, in dem interdisziplinäre Vernetzung nicht allein durch fachübergreifende Koordination von Forschungsvorhaben gewährleistet ist, sondern zugleich durch strukturelle Analogien in der methodischen Ausrichtung der einzelnen Fächer. Diesem Anspruch kommt die hier gelungene Kooperation zwischen den in der Fakultät vertretenen geisteswissenschaftlichen Kernfächern und die Überschaubarkeit der Studierenden- und Fächerzahl entgegen. Grundsätzlich organisiert die Geisteswissenschaftliche Fakultät ihre Fächer über drei Schwerpunkte:
  • Historische Perspektivierung
  • Kulturwissenschaftliche Konzeption
  • Gesellschaftsanalytische und -kritische Zielsetzung

1. Die Einheit der Geisteswissenschaftlichen Fakultät

Nicht nur die historischen Wissenschaften im engeren Sinn,
sondern sämtliche Disziplinen der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät sind in mehrfacher Weise auf historische Forschung
angewiesen: auf die Geschichte ihres Gegenstandes, auf die
Geschichte ihres eigenen Faches und auf die Geschichte der
elementaren Kategorien und Begriffe, in denen die Binnenverständigung der Fachrepräsentanten allenthalben stattfindet.
Geisteswissenschaften gehen von dem Grundsatz aus, dass
aus der Geschichte, aus der Geschichtsschreibung und aus
dem historischen Wandel der wissenschaftlichen Methodologien in allen hier vertretenen Fächern zu lernen ist. Wer historisch forscht, hat sich der Diskontinuität historischer Prozesse und der Geschichtlichkeit der menschlichen Einflussnahme auf das jeweilige Zeitgeschehen zu stellen.

Der Begriff der «Kultur» hat in den vergangenen Jahren weitgehend die Funktion einer integrierenden Orientierung der human- oder geisteswissenschaftlichen Forschung übernommen. Der Verständigungsprozess über die Bedeutung dieser Vokabel und damit über divergierende wissenschaftliche und alltagsweltliche Konzeptionen von «Kultur» ist keineswegs abgeschlossen, es zeichnen sich aber vermittlungsfähige Elementarüberzeugungen ab, die auf die Kulturphilosophie der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Diese beziehen sich insbesondere auf das Anliegen, die Geisteswissenschaften als berufene Instanzen der Kulturkritik zu verstehen und sie auf die Erziehung zur Autonomie der individuellen Person zu verpflichten. Der Begriff «Kultur» tritt gegenwärtig das gemeinsame Erbe der «Humaniora» an. Kultur ist die Welt, deren Existenz und Geltung sich der produktiven Tätigkeit des Menschen verdankt und die es ohne ihn in der Natur nicht gäbe. Kultur ist Index des Gebrauchs oder Missbrauchs, den der Mensch von seiner Freiheit macht. Kultur kann zur Bereicherung, sie kann aber auch zur Gegnerin der Natur, gerade auch derjenigen des Menschen werden. Das Ensemble von Traditionen, Gewohnheiten, Wertorientierungen, Lebensordnungen und Kunstwerken, die - religiös oder säkular - die menschlichen Lebensentwürfe dynamisieren, machen den Gegenstand und zugleich das diskursive Medium der in den Geisteswissenschaften versammelten Disziplinen aus. Der objektivierende Zugang zu Traditionen, Wertorientierungen oder Lebensordnungen geschieht nicht als Selbstzweck, er dient ihrer kritischen Aneignung und Vertiefung im Interesse an einer rationalen Verständigung über kulturelle Normen. In diesem Sinne sind die Geisteswissenschaften reflexiv gewordene Kultur, in diesem Sinne sind sie Kulturwissenschaften und verantwortlich für die im Begriff «Kultur» zusammengefassten Handlungsorientierungen.

Zwischen den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Kultur besteht ein Wechselverhältnis. Die Kultur formt die Gesellschaft, und die Gesellschaft prägt die Kultur. Werturteile, die sich als Erbe kultureller Überlieferungen unter anderem in der politischen Verfassung oder dem religiösen Grundmuster einer Gesellschaft niederschlagen, können Kohärenz stiften, sie können aber auch als Formen der Intoleranz wirksam werden - bis hin zur gewaltsamen Ausgrenzung.
Die Sozialwissenschaften haben in Zusammenarbeit mit den
anderen in der Geisteswissenschaftlichen Fakultät vertretenen Fächern diese Interdependenz von Kultur und Gesellschaft zu analysieren. Sie müssen auf die Gefahren hinweisen, den Spielraum der Kultur auf die Geltung des sozial und politisch jeweils Zulässigen zu beschränken. Im Verbund mit den anderen in der Geisteswissenschaftlichen Fakultät vertretenen Kulturwissenschaften konzentrieren sich die Sozialwissenschaften anhand aktueller Untersuchungen etwa von interkulturellen Konflikten, von Migrationsprozessen, Kommunikationsformen und Medien auf die Problematik solcher Entwicklungen.

2. Forschung, Lehre und Studium

2.1.
Forschung und Lehre bilden die gleichrangigen Schwerpunkte
der wissenschaftlichen Arbeit der Geisteswissenschaftlichen
Fakultät; die Koordination dieser beiden Schwerpunkte führt
von der Forschung zur Lehre. Die Lehre gilt als kritische Gegenprobe auf die Forschungsresultate. Die Geisteswissenschaftliche Fakultät achtet besonders darauf, die Lehrqualität durch ausreichende Forschungsfreiheit zu garantieren. Die in der Geisteswissenschaftlichen Fakultät engagierten Lehrkräfte bemühen sich insbesondere um den Aufbau und die Erhaltung partizipationsorientierter Lehrformen. Im Gegensatz zu den Massenuniversitäten kann die Universität Luzern das Prinzip der individuellen Studierendenbetreuung dauerhaft verfolgen.

2.2.
Die Geisteswissenschaftliche Fakultät legt besonderen Wert auf die Autonomie der Grundlagenforschung und achtet auf forschungsnahe Ausbildung. Sie sucht und fördert die internationale Kooperation mit anderen in- und ausländischen Forschungszentren bzw. universitären Instituten, deren wissenschaftliche Schwerpunkte, Forschungsmethoden und Arbeitsziele sich mit denjenigen der Universität Luzern überschneiden bzw. sie ergänzen. Diesem Interesse dient auch die mit Vorrang betriebene Einführung und Umsetzung des Bologna-Modells sowie des European Credit Transfer System (ECTS). Ziel ist, ein qualitativ hoch stehendes und für die Erweiterung um zusätzliche Fächer flexibles Modell zu etablieren, das dem interdisziplinären Selbstverständnis der Geisteswissenschaftlichen Fakultät in Forschung und Lehre Rechnung trägt.

2.3.
Die Geisteswissenschaftliche Fakultät ist um ständige Aufgeschlossenheit für die Organisation fakultätsübergreifender Projekte bemüht, die die anderen an der Universität vertretenen Fakultäten so weit als möglich mit einbeziehen. Die bereits bestehenden vielfältigen Kontakte zu Forschungseinrichtungen in aller Welt werden sukzessive ausgebaut. Gerade auf diesem Feld ist die verantwortliche Mitarbeit aller Lehrenden und Studierenden bei der Organisation von gelingenden Kooperationen und in den administrativen Arbeitsverläufen besonders geboten.

3. Leitsätze

3.1.
Als eine Fakultät, die eine Reihe von Kernfächern des geisteswissenschaftlichen Spektrums unter den unter 2) aufgeführten Gesichtspunkten versammelt, fühlt sich die Geisteswissenschaftliche Fakultät insbesondere dem Anliegen verpflichtet, die Universität als eine interdisziplinäre Forschungsstätte fortzuentwickeln und integrierte Studiengänge zu initiieren.

3.2.
Lehrende und Lernende wissen sich gemeinsam durch die klassische Idee der «Humaniora» verbunden, der zufolge eine qualifizierte Ausbildung nur im Kontext eines an der Förderung und Erhaltung einer humanen Kultur orientierten Bildungskonzepts möglich ist. Dabei lassen sie sich leiten von der Überzeugung, dass Bildung primär durch kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte erfolgt. Die Mitglieder der Geisteswissenschaftlichen Fakultät legen besonders Wert auf die Vermittlung kommunikativer Kompetenz und auf engagierten Einsatz für die inneruniversitäre Zusammenarbeit.

3.3.
Die Mitglieder der Geisteswissenschaftlichen Fakultät sind bemüht, die zur Entfaltung von wissenschaftlicher Kreativität und Innovation erforderlichen Arbeitsstrukturen zu schaffen. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Errichtung und Pflege angegliederter interdisziplinärer Forschungs- und Lehreinrichtungen (Nachdiplom-Studiengänge). Die Geisteswissenschaftliche Fakultät orientiert sich dabei am internationalen Standard in Forschung und Lehre. Die Geisteswissenschaftliche Fakultät unterstützt ebenso nachdrücklich die federführende Mitwirkung der Universität am Campus Luzern. Im Blick auf das Veranstaltungs- und
Lehrangebot des Campus sieht die Geisteswissenschaftliche
Fakultät ihre Rolle darin, einen forschungs- und wissenschaftsorientierten Beitrag zum Ausbau und zur Profilierung des Bildungsstandorts Luzern zu leisten.